Jenseits Des Flusses by Aleksander Prętnicki at Inkitt
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Jenseits des Flusses

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Summary

Es gibt Geschichten, die nicht einfach gelesen, sondern erlebt werden. Jenseits des Flusses ist eine davon. Ein Werk, das den Leser mitnimmt in eine Welt, in der Stille oft lauter ist als Worte und in der selbst das kleinste Lächeln ein Akt des Widerstands sein kann. Zwischen zerstörten Städten und flüsternden Flüssen entfaltet sich eine Erzählung, die ebenso zart wie unerbittlich ist. Hier treffen sich Menschen, deren Leben unterschiedlicher nicht sein könnten – und doch verbindet sie ein unsichtbarer Faden aus Verlust, Mut und der leisen Hoffnung, dass aus den Trümmern etwas Neues wachsen kann. Die Sprache ist kraftvoll, atmosphärisch und eindringlich. Sie malt Bilder, die noch lange nach dem Lesen im Gedächtnis bleiben – nicht, weil sie laut sind, sondern weil sie unter die Haut gehen. Jenseits des Flusses ist kein bloßer Roman, sondern ein Spiegel, der uns zwingt, hinzusehen. Auf das, was wir oft verdrängen. Auf das, was uns menschlich macht – und auf das, was uns diese Menschlichkeit nehmen will. Wer bereit ist, sich von einer Geschichte tragen zu lassen, die zugleich weh tut und wärmt, wird in diesem Buch nicht nur Worte finden, sondern eine Erfahrung.

Status
Complete
Chapters
9
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel I. Dort, Wo Niemand Spricht

Der frühe Morgen traf Olena am Küchenfenster. Der Frost biss in die Wangen selbst durch das Glas, und der Himmel hatte die Farbe von Blei, die sich seit Tagen nicht verändert hatte. Sie stand reglos da, die Hand um den Henkel einer Teetasse geschlossen, deren Inhalt längst erkaltet war.

Ihre Finger waren kalt, aber unter ihrem Pullover glühte ihre Haut, als wollte sie sich selbst an ihre Lebendigkeit erinnern.

Ihr Blick war leer, auf einen unsichtbaren Punkt hinter der Wand aus Fichten im Hof gerichtet. Sie spürte, dass etwas zu Ende ging. Obwohl die Welt um sie herum noch immer gleich aussah — der Schnee knirschte unter den Schuhen, Kinder liefen mit Schlitten umher, und ältere Frauen kehrten mit Taschen vom Markt zurück — lag etwas Unheilvolles in der Luft. Seit Wochen sprach man über Krieg, aber noch gestern hatte die Nachbarin behauptet, Putin wolle nur drohen, es sei nur Politik.

Am frühen Morgen hatte sie das Klingeln des Telefons geweckt. Dmytro hatte es wortlos angenommen, im Halbschlaf. Sie sah ihn an, wie er sich auf den Bettrand setzte, sich die Hand in den Nacken legte und lange schwieg. Dann sah er sie an. In seinen Augen war weder Wut noch Angst. Es war etwas Schlimmeres — Leere und Resignation.

– Ich muss gehen – sagte er nur. – Ich wurde eingezogen.

Olenas Lippen bebten. Sie schmeckte Salz auf ihrer Zunge, obwohl sie noch keine Träne geweint hatte.

Noch bevor sie etwas sagen konnte, packte er schon seine Sachen. Die alte Uniform aus der Reservezeit, Militärstiefel, eine Armbinde mit der Flagge. Er packte alles in zehn Minuten. Ihre Tochter, die kleine Katja, schlief noch, an ihren Plüschbären gekuschelt. Olena saß auf dem Bettrand, die Finger krallten sich in die Decke. Unter ihren Nägeln sammelte sich der Stoff wie ein letzter Halt, während ihre Brust sich hob und senkte, so schnell, dass sie das eigene Herz in den Schläfen pochen fühlte.“

Sie weinte nicht. Noch nicht.

Der Abschied war kurz. Dmytro küsste sie auf die Stirn, dann sah er seine schlafende Tochter an.

– Pass auf sie auf – flüsterte er. – Und hab keine Angst. Es wird nicht lange dauern.

Er verschwand durch die Tür. Und dann kam die Stille.

Noch am selben Tag flogen die ersten Kampfjets über Butscha. Sie bombardierten nicht – noch nicht – aber ihr Dröhnen durchschnitt die Luft wie ein Messer die Kehle. Einen Tag später bebten die Fenster. In Hostomel, nur wenige Kilometer entfernt, tobten Kämpfe um den Flughafen. Man sagte, die Russen wollten direkt bei Kyjiw landen. Dass etwas begann, das niemand erwartet hatte, obwohl es jeder geahnt hatte. Olena saß da im Keller mit den Nachbarn, Katja an sich gedrückt. Sie spürte das warme Haar ihrer Tochter an ihrem Hals, den Duft von Schlaf und Kindheit, der sie für Sekunden glauben ließ, die Welt draußen sei nicht real. Das Mädchen weinte leise und hielt sich mit kleinen Fingern am Hals ihres Teddybären fest.

Die nächsten Tage flossen ineinander. Luftalarm. Stromausfälle. Wassermangel. Schlangen für Brot, Benzin, Informationen. Es war unklar, wem man glauben konnte. Die Telefone funktionierten immer schlechter, das Internet brach zusammen, doch die Nachrichten über das, was in Irpin und Borodjanka geschah, verbreiteten sich schneller als jedes Signal. Vergewaltigte Frauen. Kinder, die in Autos erschossen wurden, während sie zu fliehen versuchten. Russen drangen in Häuser ein. Sie plünderten, exekutierten. Olena sah mit eigenen Augen, wie russische Soldaten das Haus der Nachbarn durchsuchten. Ihre Brust spannte sich, als hätte jemand eine Hand um ihre Rippen gelegt. Sie roch ihren eigenen Schweiß, gemischt mit dem dumpfen Geruch von Angst. Dann sah sie nur noch Blut im Schnee. Die Nachbarin, die alte Frau Halyna, saß am Zaun und weinte so leise, dass Olena sich beugen musste, um sie zu hören.

– Sie haben ihm den Sohn erschossen… vor seinen Kindern… – wiederholte sie immer wieder, als könne sie selbst nicht glauben, was sie sagte.

Eines Tages klopften sie auch an ihre Tür. Olena öffnete nicht. Sie drückte Katja in der dunkelsten Ecke des Kellers an sich. Das Mädchen fragte nicht mehr, was los war. Sie hatte aufgehört, Fragen zu stellen. Ihre Augen waren weit aufgerissen, und sie zitterte wie ein Blatt. Oben waren Schritte zu hören, das Knarren von Türen, etwas fiel um. Dann wieder Stille. Lang und dicht wie Rauch. Als sie endlich hinaustraten, war das Haus geplündert. Geld, Laptop, Essen – alles war verschwunden. An die Wand hatte jemand in kyrillischer Schrift geschrieben: „Ihr werdet hier verrecken.“

Olena gingen die Kräfte aus. Ihre Hüften waren schmaler geworden, ihre Brüste fühlten sich wund an, als sauge der Hunger auch ihre Wärme aus.

Sie hatte abgenommen. Sie fütterte nur Katja, selbst aß sie nicht. Sie schliefen angezogen, immer bereit zur Flucht. Die Tasche mit Dokumenten, Medikamenten und dem einzigen Andenken an Dmytro – seinem Foto aus Zeiten, als er noch lachte – lag immer an der Tür. Sie versuchte, ihrem Mann eine Nachricht zu schicken. „Wir sind. Wir leben. Komm zurück.“ Aber das Telefon blieb stumm.

Auf den Straßen lagen immer mehr Menschen. Zuerst deckte man sie noch mit Jacken zu. Dann hielt niemand mehr an. Man ging einfach vorbei, als gäbe es sie nicht. Der Krieg macht aus Menschen Schatten, und der Tod wird zur Kulisse des Alltags. Katja sprach nicht mehr. Sie malte nur. Schwarze Häuser, roter Himmel. Kinder mit gesichtslosen Köpfen.

Olena hatte Angst. Nicht um sich. Um sie. Um Katja. Um das, was dieser Krieg ihr nicht nur an Kindheit, sondern an Seele rauben könnte. Jeden Tag betete sie leise. Manchmal legte sie eine Hand auf ihren Bauch, als suche sie dort ein zweites Herz, das sie tragen könnte, wenn ihres versagte. Dass sie überleben. Dass sie keiner Militärkolonne begegnen. Dass man sie nicht bemerkt. Dass sie keine weitere Leiche sehen müsse.

Eines Nachts leuchtete der Himmel. In der Ferne brannten Häuser. Aus Kyjiw war der Lärm von Explosionen zu hören. Butscha war immer mehr abgeschnitten. Straßen vermint, Brücken gesprengt. Frauen mit Kindern versuchten, durch die Wälder zu entkommen. Manchen gelang es. Andere verschwanden spurlos.

Olena wusste, wenn sie jetzt nicht fliehen, bekommen sie vielleicht keine zweite Chance mehr. Aber jede Entscheidung konnte die letzte sein. Sie wartete weiter. Vielleicht kommt Dmytro zurück. Vielleicht holt er sie. Manchmal stellte sie sich vor, wie seine Hände noch einmal ihre Schultern berühren, wie er ihr Haar aus dem Gesicht streicht — diese Berührung war alles, was ihr blieb. Vielleicht endet das alles.

Aber der Krieg endete nicht.

Und niemand kam zurück.


Die Tür flog mit einem Krachen auf. Ein Luftzug strich über Olenas bloßen Hals, als würde die Nacht selbst ihre Haut kosten wollen.

Die Winterdämmerung zerriss das Geschrei und das Klirren von Metall. Butscha war zu dieser Zeit keine Stadt mehr – es war eine dunkle, tote Leere, durch die sich russische Kolonnen wälzten, und auf jeder Straße ging der Tod ohne Maske spazieren.

Olena schaffte es nur noch, Katja mit ihrem Körper zu bedecken. Sie spürte Katjas warmen Atem an ihrer Brust, einen letzten Beweis, dass Leben noch in ihr glühte. Die Soldaten stürmten herein – schmutzig, betrunken, mit Gesichtern, verzerrt zu raubtierhaften Grimassen. Einer brüllte etwas auf Russisch, ein anderer packte Olena an der Schulter und riss brutal an ihr. Katja quietschte und versuchte, sich an Olenas Rock festzuhalten, doch schon im nächsten Moment wurden beide hinausgezerrt.

Der Schnee war rot. Auf der Schwelle lag der Nachbar Serhij – sein Kopf war gespalten wie eine Melone. Olena wollte schreien, aber ihr Hals war wie von Eis zugeschnürt. Ihre Lippen waren trocken und rissig, aber in ihrem Mund schmeckte sie Eisen – ihr eigenes Blut, wo sie sich auf die Zunge gebissen hatte.

Entlang der Straße zog sich eine Kolonne von Menschen – Frauen, Kinder, Alte. Mit Kolben gestoßen, gezogen, geschlagen. Alle wurden an einen Ort getrieben – auf einen kleinen Platz unweit der Grundschule. Dort lagen bereits Leichen. Der Schnee sog das Blut auf, verfärbte sich bräunlich. An einem Baum hing ein Mann. Jemand hatte ihn gekannt, hatte einst mit ihm Kaffee getrunken, aber jetzt gab es keine Namen mehr – nur noch Tote und diejenigen, die noch atmeten.

Olena hielt Katja fest an sich gedrückt. Ihre Finger gruben sich in die Schultern ihrer Tochter, als wollte sie sie in sich hineinziehen, zurück in den Schoß, wo keine Kugeln hinkommen. Sie gingen schweigend, betäubt, gelähmt vor Angst. Auf dem Weg passierten sie ein zerstörtes Auto, in dem noch eine Frau mit aufgeschlitztem Bauch saß – sie hielt ein Kind im Arm, als wollte sie es noch immer beschützen. Auf dem Bürgersteig lag ein Hund, angeschossen in die Flanke, wimmernd, sich vor Schmerzen windend. Ein Russe trat an ihn heran und erschoss ihn mit dem Gewehr. Lachen. Ein Kommentar. Ein Spucken.

Der Platz war voll. Einige Dutzend Menschen, vielleicht mehr. Olena konnte nicht zählen. Ihr Puls pochte in den Ohren, in den Zähnen, in den Fingerspitzen. Ihre Schenkel bebten, ihr Unterleib krampfte, als wollte der Körper fliehen, auch wenn die Beine stillhielten. In der Luft lag der Geruch von Tod, Schießpulver und Benzin. Sie hatten sie zusammengetrieben wie Vieh. Einige flehten, andere schwiegen und starrten auf den Boden. Einer der Russen zerrte einen Jungen aus der Menge und stellte ihn an eine Wand. Jemand schrie auf. Schuss. Der Körper sackte zusammen wie ein Sack Kartoffeln. Katja konnte den Blick nicht mehr abwenden. Sie schrie. Olena drückte ihr den Kopf an die Brust.

Dann fielen weitere Schüsse. Einer, ein zweiter, ein vierter. Die Menschen begannen zu schreien. Chaos brach aus. Jemand versuchte zu fliehen, wurde aber erschossen. Eine Frau mit Zopf fiel neben Olena. Ein Kind mit zertrümmertem Schädel. Die Russen lachten, schossen wahllos, wie auf Enten im Teich.

In dieser Hölle gab es keine Regeln.

Olena fiel mit Katja zu Boden, zog sie unter tote Körper. Eine der getöteten Frauen stürzte auf sie herab, schwer und leblos. Olena stieß sie nicht fort. Im Gegenteil – sie zog sie näher heran, um sich und Katja zu bedecken. Katja zitterte, sagte aber nichts. Sie hatte gelernt, nicht zu sprechen.

Sie lagen dort unbeweglich, horchten. Olenas Stirn war feucht von Blut und Schweiß, und jeder Atemzug roch nach Metall und Erde. Der Gestank von Blut, Tod, Urin und verbranntem Fleisch nahm ihnen die Luft. Über ihnen hörten sie Stimmen, Lachen, obszöne Witze.

Eine Kugel traf den Boden nur einen Fingerbreit von ihren Gesichtern entfernt. Schlamm und Blut spritzten auf Olenas Stirn. Sie schloss die Augen. Katja hörte auf zu atmen – oder es schien nur so. Sie lagen unter den Toten wie tot. Sie warteten.

Nach einer Stunde kam die Stille. Dann nochmals eine Explosion – irgendwo weiter entfernt. Und wieder Stille. Der Frost biss in die Finger, aber Olena bewegte sich nicht. Erst nach langer Zeit, als sich der Platz geleert hatte, hörte sie nur noch das Wimmern eines Hundes – desselben, den sie für tot gehalten hatte.

Da richtete sie sich auf. Leise. Mit langsamen Bewegungen. Die Körper glitten schwer von ihr. Katja war starr, aber lebendig. Olena roch das Haar ihrer Tochter, spürte es auf ihren Lippen, weich wie damals, als Katja noch ein Baby war. Ihre Augen waren offen, ihr Blick so erwachsen, dass Olena fast zusammenbrach. Es gab kein Weinen. Kein Schreien. Nur Stille.

Sie flohen in der Nacht. Der Frost biss in Olenas bloße Knöchel, ihr Atem hing wie feuchte Schleier zwischen den Bäumen. Über Umwege, durch Gärten, Gräben, Wälder. Sie mieden die Straßen. In der Ferne waren immer noch Schüsse und Explosionen zu hören. Butscha war vom Todesring eingeschlossen, aber Olena wusste, sie musste hinaus.

Auf einem der Wege stießen sie auf eine Kolonne ausgebrannter Fahrzeuge – zivile Autos, in denen Menschen versucht hatten zu fliehen. Die Körper lagen daneben, manche mit auf dem Rücken gefesselten Händen. Auf einer Heckscheibe klebte ein Zettel mit der Aufschrift „Kinder“. Olena fühlte, wie ihre Brust brannte, als wollte sie Milch geben, doch es kam nur Schmerz. Ohne Bedeutung. Sie töteten alle gleichermaßen.

Sie gingen mehrere Tage, lebten vom Schnee, aßen Brotkrumen, die zuvor in der Manteltasche versteckt worden waren. Als sie die ukrainischen Stellungen erreichten, konnten die Soldaten kaum glauben, dass sie überlebt hatten. Einer kniete sich zu Katja und fragte:

– Wie heißt du?

Das Mädchen schwieg. Antwortete nicht.

Olena stand daneben, mit Tränen, die über ihre bläulichen Wangen liefen.

Die Kälte hatte ihre Lippen taub gemacht, doch ihre Tränen schmeckten salzig und warm – ein letzter Beweis, dass sie noch fühlen konnte.

– Sie spricht nicht mehr – flüsterte sie. – Dort, woher wir kommen... dort spricht niemand mehr.

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