[Ger] Pitch Black – Echoes Of Bleakmore by ⧉ ᴀᴜᴛʜᴏʀ ɴᴄʜᴀɪɴᴇ 🗝 at Inkitt
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[GER] Pitch Black – Echoes of Bleakmore

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Summary

KORA erwacht geschunden in einem schäbigen Motelzimmer – ohne Erinnerung an die letzte Nacht. Ihre Kleidung zerrissen, ihr Körper gezeichnet. Mit jedem Neumond verliert sie sich in einem rätselhaften Blackout: ein fremder Ort, ein unbekannter Mann – und keine Kontrolle. Doch diesmal ist etwas anders. Ein Funkeln. Ein vertrautes Gesicht. Ein Amulett, das sich lebendig anfühlt. Zum ersten Mal beginnen die Bruchstücke ihrer verlorenen Nächte, ein Bild zu formen. Und während die Erinnerung langsam zurückkehrt, öffnen sich Türen zu etwas, das jenseits des Verstandes liegt – uralt, mächtig und unaufhaltsam. Je näher Kora der Wahrheit kommt, desto mehr verschwimmt die Grenze zwischen ihr selbst und dem, was in der Dunkelheit erwacht ist. Die Spur führt zurück nach Bleakmore, dem Ort, den sie vergessen wollte. Dem sie entkam. Nun droht er, sie zu verschlingen. Denn manche Antworten sind schwärzer als das Vergessen.

Status
Ongoing
Chapters
54
Rating
5.0 4 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1 ◾ Nichts Neues

Kora drückte auf das kleine, rote Symbol. Telefonat beendet. Sie steckte das Smartphone in ihre Hosentasche, als wäre es ein fremder Gegenstand. Trotzdem ein Verbündeter. Nein, eher ein Söldner.

Sie hatte keine Unterhose an, aber das war nichts Neues für sie.

Ein kurzer Blick in den Spiegel versicherte ihr, dass sie weitestgehend unverletzt war. Zumindest sah sie nicht aus, als benötigte sie ein Krankenhaus.

Aber eine Apotheke.

Dringend.

Sie begutachtete ihren Zustand in der blitzblank polierten, reflektierenden Oberfläche, die ihr das Abbild einer zerstörten Seele zeigte, die ihr Leben kaum begonnen hatte.

Braune, verschwitzte Locken verdeckten blutunterlaufene, hellblaue Augen, die zu tief in den Höhlen lagen. Schatten in ihrem unterkühlten Blick, die kein Licht der Welt erhellen konnte.

Ein herzförmiges, ausdrucksloses Gesicht mit Blutergüssen am Kinn, die sich den Hals hinab bis zu ihren Brüsten erstreckten.

Auch das — nichts Neues.

Das graue Hemd — gestern noch heil — war nun zerrissen. Wahrscheinlich von dem Drecksack da draußen.

Ihre Hose — intakt, aber beschmiert. Die zweifelhafte Substanz daran war bereits eingetrocknet und bröselte beim Berühren leicht an den Rändern ab. Weißlich, widerwärtig und mutmaßlich auch von dem Kerl. Normalerweise warteten sie wenigstens ab, bis die Kleidung kein Hindernis mehr darstellte.

Barfuß kroch ihr die Kälte in die Fußsohlen, doch das bemerkte sie kaum. Stattdessen suchte sie in ihren Augen nach einer Erklärung, warum das ausgerechnet ihr immer wieder geschah.

Sie war doch nicht verrückt. Oder doch? Vielleicht hatten sie alle recht gehabt.

Zu jung, um dermaßen zersplittert zu sein.

Einundzwanzig Jahre. Und keine Erinnerung an die letzte Nacht.

Das spielte jetzt keine Rolle mehr. Sie musste hier raus. Womöglich lag Wer-auch-immer noch im Nebenzimmer und schnarchte seinen postcoitalen Rausch aus.

Es war seit drei Jahren immer dasselbe.

Der Neumond kam und mit ihm der Blackout. Aber nicht nur eine Nacht lang. Oh, nein. Immer drei. Drei verfluchte, scheiß Nächte, in denen sie nicht wusste, wo sie landen würde oder mit wem.

Zitternd fanden ihre Finger die Klinke. Um keinen Laut zu verursachen, der ihren sicherlich absolut fremden Begleiter wecken würde, öffnete sie die Badezimmertür geräuschlos und praktisch in Zeitlupe.

Mit angehaltenem Atem schlich sie auf Zehenspitzen in den angrenzenden Raum. Ihre Jacke lag neben den Socken am Fußende des Bettes. Direkt daneben - ihre Boots. Sie bückte sich langsam, ihre Knie knackten leise. Der Bewegungsablauf war automatisiert, routiniert — wie ein Albtraum, den man schon zu oft geträumt hat. Ohne zu zögern, schlüpfte sie in die Stiefel und griff nach ihren Socken und der Jacke. In der linken Tasche — wie immer — ein Fünfziger. Bargeld. Blutig an einer Ecke.

War sie diejenige, die ihn eingesteckt hatte?

Oder war das... Bezahlung?

Ein Würgereiz stieg in ihr auf, doch sie schluckte es runter wie eine bittere Medizin. Keine Zeit. Kein Ort für Reue.

Wie sie es vermutet hatte, lag ein grobschlächtiger, muskelbepackter Kerl bäuchlings in dem knappen Doppelbett des billigen Stundenmotels. Er schnarchte leise. Das schmierige Licht der Nachttischlampe beleuchtete seinen Hinterkopf. Es stank nach Sex und nach etwas Animalischem. Das war er — der Typ. Ein Geruch, den Kora nicht ganz zuordnen konnte. Nicht unangenehm, nur zu intensiv.

Er würde nicht nach ihr suchen, warum auch. Sie hatte sich beim Zweiten abgewöhnt, sich zu verabschieden, und ihrer Erfahrung nach, war das auch eher unerwünscht. Sozialkontakt auf das Notwendigste beschränkt. Eigentlich sogar erzwungen. Doch daran sollte sie jetzt nicht denken. Abscheu stieg in ihrer Kehle auf. Sie schluckte hart und fröstelte.

Das Fenster stand einen Spalt breit offen und ließ eine warme Brise herein, die Koras Haut nicht erwärmen konnte. Sie war sich nicht einmal im Klaren, ob das je wieder der Fall sein würde.

Nicht seit Bleakmore.

Sie schüttelte die unwillkommene Erinnerung ab und biss die Zähne fest aufeinander.

Ein letzter Blick auf ihn musste sein. Etwas an ihm war ihr seltsam vertraut. Bloß ein Wunsch?

Kora warf sich die Jacke über und ließ den Reißverschluss offen. Die Hose spannte beim Gehen an den Knien, wo das eingetrocknete Zeug sich bei jedem Schritt ablöste. Auf dem Weg zur Tür warf sie einen letzten Blick auf das zerwühlte Bett. Ein dunkler Fleck auf dem Laken. Nicht viel — aber frisch.

Sie legte ihre Hand auf die Klinke.

Und blieb stehen.

Etwas stimmte nicht.

Nicht draußen. Nicht im Zimmer. In ihr.

Ein heißes Prickeln breitete sich in ihrem Nacken aus, wie der zarte Stachel eines Insekts, das sich langsam in ihre Haut bohrte. Ihre Hand ruhte noch immer auf der Klinke, doch sie konnte sich nicht durchringen, die Tür zu öffnen.

Es war nicht Angst.

Es war... eine Ahnung.

Sie drehte sich halb um, warf einen schnellen Blick über die Schulter. Der Mann lag unverändert da, schwer atmend, sein Rücken hob und senkte sich gleichmäßig, als hätte er in all dem nichts als tiefen, trägen Frieden gefunden.

Und dann sah sie es.

Ein kleines Funkeln neben dem Bett auf seinem Nachttisch.

Ihr Herz klopfte immer wilder und lauter in ihrer Brust. Das Blut rauschte wie ein tosender Fluss durch ihre Adern, sodass sie nichts anderes hören konnte.

Sie sollte wirklich gehen.

Los doch.

Raus.

Doch ihr Körper weigerte sich.

Wieder fiel ihr Blick auf das sanfte Blinken, das wie ein Lockruf in ihren Verstand eindrang.

Es zog sie an. Wie von einer höheren Macht gelenkt, näherte sie sich wieder dem Bett und setzte sehr behutsam einen Schritt nach dem anderen. Seitlich schob sie sich zwischen dem Tatort der letzten Nacht und dem voyeuristischen Fenster hindurch.

Ein unscheinbares Schmuckstück in der Tasche der zerknitterten Jeans des Fremden hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt. Halb hing sie über der Lampe und dimmte so das Licht im Raum.

Kora traute sich kaum zu atmen.

Alles in ihr brüllte, sie sollte sich schleunigst verziehen. Doch es war nicht ihre Entscheidung, als ihre Finger nach dem kleinen Anhänger fischten. Eine feine, weißgoldene Kette kam zum Vorschein. Und an dem wertvollen Schmuck hing ein schlichtes Oval aus Metall.

Keine Verzierungen. Keine Gravur.

Glatt. Lauernd.

Als hätte die Kostbarkeit nur auf sie gewartet, stopfte sie das warme Amulett in ihre Tasche.

Müsste es sich nicht kühl anfühlen?

In dieser Sekunde wurde ihr bewusst, dass ihr Herz gleichmäßig schlug, nicht mehr aus dem Takt — sondern als hätte es einen Gleichklang mit der Welt gefunden.

Etwas veränderte sich.

Rastete ein. Innerlich. Als fand eine Scherbe an seinen ursprünglichen Platz zurück. Aber der Kleber fehlte.

Hellwach, aber kein bisschen nervös besah sie sich noch einmal den Kerl, der eingewickelt in den Bettlaken vor ihr lag. Eines seiner Beine hatte sich darin verheddert. Seine Hüfte wurde ebenfalls von den Stoffen fest umschlungen.

Das nun fast zahm wirkende Licht umspielte seine Konturen und streichelte seinen nackten Oberkörper. Das männlich markante Gesicht lag ihr zugewandt und wurde durch das schummrige Licht trotzdem nur unzureichend enthüllt. Eine scharfe Kieferpartie führte hinauf bis zu seinem Ohr, das von braunem Haar halb überdeckt war. Kurz geschnitten, aber lang genug, um darin die Finger zu vergraben.

Ein Bild flackerte auf. Seidig weich. Ihre Finger in seinem Schopf verkrallt.

Wieder war da dieses Gefühl des Erkennens.

Wieder sperrte sich etwas in ihr.

Es war egal.

Raus hier.

Sie schob das Gefühl der Verbundenheit darauf, dass sie miteinander geschlafen hatten. Innerlich ohrfeigte sie sich für ihren Leichtsinn, ihn solange anzustarren. Und Zeit verplempert zu haben.

Nichts war anders als sonst.

Alles war so abstoßend wie immer, auch wenn der Kerl diesmal besser aussah. Ein wenig zu makellos. Vielleicht war Schönheit sein einziger Bonus, aber Kora würde nicht bleiben, um das herauszufinden.

Entschlossen, aber vorsichtig stieg sie über die Kleidung des Mannes hinweg. Unter seiner Jacke auf dem Boden lag sein Portemonnaie. Das Leder glänzte, als würde es sie bitten, einen Blick hinein zu werfen. Kora widerstand dem rührseligen Impuls und verließ das Zimmer.

Besser, sie hatte keine Ahnung, wem sie sich angeboten hatte.

Kein Name. Nur ein weiterer Alptraum. Nicht Realität. Zumindest konnte sie sich das ab morgen einreden. Wenn die letzten Spuren abgewaschen waren und sein Bild verblasste.

Als sie das leise Klacken des Türschlosses vernahm, gestattete sie sich durchzuatmen. Ein klägliches Seufzen zitterte ihr über die Lippen. Sie lehnte sich kurz an die Wand und inhalierte die lauwarme Nachtluft.

Zwei Stunden.

Wo sollte sie in der Zwischenzeit bleiben? Vielleicht gab es in der Nähe ein 24-Stunden-Diner. Irgendein Ort, an dem man warten konnte, bis die Nacht und das Grauen nachließ. Leere Gesichter. Unauffällig in der Masse verschwinden.

Das Geräusch ihrer Stiefel ging in dem Verkehrslärm der nahen Bundesstraße unter. Und sie wollte auch keine Aufmerksamkeit, am liebsten nie wieder. Aus den Augenwinkeln nahm sie das rote Leuchten einer Reklame wahr. Eine Apotheke. Gott sei Dank.

Sofort lenkte sie ihre Schritte dorthin.

Die Klingel über der Tür schellte, woraufhin ein schwarzer Afro-Look hinter der Theke erschien. Der Mann im mittleren Alter setzte ein höfliches Lächeln auf, doch es gefror unmittelbar, nachdem er sie erfasste, in Sekundenschnelle ihren Zustand beurteilte und absolut zutreffend einschätzte.

“Hey”, fing er an. Offensichtlich wusste er nicht, wie und ob er überhaupt fragen sollte.

Kora brummte abweisend, senkte den Kopf und marschierte zielstrebig auf den Gang mit den Desinfektionsmitteln zu. Auf dem Weg zur Kasse schnappte sie sich ein neutrales Deo-Spray und mied Augenkontakt zu dem besorgten, peinlich verschüchterten Mann.

“Ich brauch’ die Pille danach”, murmelte sie. In ihrer Tasche befand sich der Fünfziger, mit dem sie bezahlen wollte, aber erst, wenn alles in Reichweite lag. Ihr Blick glitt zu dem zerfledderten Hemd hinunter, das sie rasch zusammenknotete. Auf die Art sah es weniger erbärmlich aus... hoffte sie.

Kommentarlos legte er das Medikament vor sie hin, ergänzte es um ein paar Kopfschmerztabletten und ein Vitaminpulver, das man in Wasser einrühren konnte. Als Kora ihm den befleckten Schein präsentierte, sagte er kein Wort, schluckte aber schwer. Mit zwei Fingern hob er das Geld auf und gab Kora etwas zu viel wieder raus.

Kora ließ es liegen, nahm nur, was ihr zustand. Auf sein Mitleid konnte sie verzichten. Nicht einmal das Glöckchen über der Tür wagte einen Kommentar.

Draußen wirbelte eine leere Plastiktüte im Schein einer Laterne vorüber.

Zwei scheiß Stunden.



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1. Kapitel 1 ◾ Nichts Neues
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Good Writing

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Compelling Plot

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Great Character

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Strong Dialog

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author

Und wieder ein starker Anfang. Der Selbstekel ist absolut glaubwürdig, und die Szene in der Apotheke beinahe zu real. Man will sich nicht vorstellen, wie oft solche Begegnungen tatsächlich vorkommen.

5 months
1
author

Sehr spannend, sehr gut geschrieben und mit vielen, vielen Fragezeichen, die mit jedem Satz mehr werden... Genau mein Geschmack 😎💚✨

2 months
2
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Schon nach den ersten Absätzen war klar, dass hier etwas gewaltig schiefläuft ... und gleichzeitig wirkt Koras Zustand erschreckend routiniert. Genau diese Routine macht den Einstieg für mich so stark. Sie wacht verletzt in einem Motelzimmer auf, trägt keine Unterwäsche, ihre Kleidung ist zerrissen und neben ihr liegt ein fremder Mann. Kleidung suchen, Stiefel anziehen, Geld prüfen, raus hier. Für Kora ist das inzwischen ein bekannter Ablauf. Der Kapiteltitel trifft diese schreckliche Gewöhnung deshalb richtig gut.
Kora funktioniert für mich sofort. Sie ist innerlich längst zersplittert und organisiert trotzdem noch ihr Überleben. Sie prüft ihre Verletzungen, sammelt ihre Sachen ein und sucht bereits nach dem nächsten halbwegs sicheren Ort. Diese Mischung aus Erschöpfung und Funktionieren fühlt sich sehr glaubwürdig an.
Beim blutigen Fünfziger war ich endgültig drin. An diesem kleinen Detail hängt sofort ein ganzer Abgrund. Hat sie ihn genommen? Wurde sie bezahlt? Wessen Blut ist das? Kora weiß es selbst nicht. Genau deshalb bleibt der Schein hängen.
Auch das Muster der Blackouts macht neugierig. Drei Nächte bei jedem Neumond, seit drei Jahren ... das ist lange genug, um aus dem Grauen eine Routine zu machen. Gleichzeitig bleibt jedes Erwachen ein neuer Kontrollverlust, weil Kora nie weiß, wo sie landet, wer neben ihr liegt und was während dieser Zeit geschehen ist.
Das Amulett ist für mich der Punkt, an dem das Kapitel endgültig aufmacht.
Bis dahin folgt alles dem bekannten Ablauf. Dann sieht Kora dieses Funkeln, ihr Körper verweigert plötzlich die Flucht und nach der Berührung verändert sich etwas in ihr. Ihr Herz beruhigt sich, die Welt scheint kurz einzurasten und der Mann wirkt auf einmal vertraut. Dieser Wechsel ist richtig schön körperlich erzählt.
Das Bild mit der Scherbe, die an ihren alten Platz zurückkehrt, mochte ich sehr. Besonders der Nachsatz, dass der Kleber fehlt. Da steckt das ganze Erinnerungsmotiv drin ... Ein Teil passt plötzlich wieder, hält aber noch lange nicht.
Auch der Mann bleibt angenehm schwer einzuordnen. Aus Koras Sicht ist er zunächst der mutmaßliche Drecksack der vergangenen Nacht. Dann tauchen diese kleinen Gegenzeichen auf. Sein Geruch kommt ihr vertraut vor, das Amulett beruhigt sie und schließlich blitzt die Erinnerung an ihre Finger in seinem Haar auf.
Gerade dieses Bild finde ich stark. Es ist sinnlich, vertraut und trotzdem beunruhigend, weil Kora den Zusammenhang nicht kennt. Man fragt sich sofort, ob er wirklich ein Fremder ist, ob sie ihn während der Blackouts schon öfter getroffen hat und welche Rolle beide in diesen Nächten spielen.
Die Apotheke am Ende gefällt mir ebenfalls. Sie holt die Geschichte kurz aus dem übernatürlichen Rätsel zurück in eine sehr menschliche Situation. Der Apotheker erkennt Koras Zustand sofort und versucht etwas unbeholfen zu helfen. Kora nimmt die Medikamente, lässt sein zusätzliches Wechselgeld aber liegen. Das passt zu ihr: Mit einer konkreten Lösung kann sie umgehen, Mitleid will sie keines.
Und das schweigende Glöckchen war herrlich ... selbst die Ladeneinrichtung weiß offenbar, wann sie besser die Klappe hält ^^
Am Anfang war ich kurz unsicher, mit wem Kora telefoniert hat und worauf sich die zwei Stunden beziehen. Das Kapitel startet mit dem beendeten Telefonat, später überlegt sie, wo sie in der Zwischenzeit bleiben soll, und der letzte Satz greift diese Zeitspanne erneut auf.
Dadurch fühlt sie sich wichtig an, aber mir fehlte noch der Bezug. Wartet sie auf einen Bus, eine Abholung, den Sonnenaufgang oder jemanden, der sie nach Hause bringt? Ein kleiner Hinweis dürfte schon reichen. Dann bekommt das Telefonat direkt eine Funktion und der letzte Satz schlägt stärker ein, weil man versteht, was diese zwei Stunden für Kora bedeuten.
Nach „Trotzdem ein Verbündeter. Nein, eher ein ...“ scheint außerdem noch etwas zu fehlen. Dort bricht der Gedanke ab, und ich war kurz unsicher, ob das bewusst gesetzt ist oder ob ein Satzteil verloren gegangen ist.
Die räumliche Orientierung funktioniert im Motel grundsätzlich gut. Badezimmer, Bett, Kleidung am Fußende und Tür hatte ich klar vor Augen. Rund um das Amulett musste ich die Kamera kurz neu sortieren.
Erst funkelt etwas auf dem Nachttisch. Danach steckt das Amulett in der Hosentasche des Mannes. Gleichzeitig hängt Kora halb über der Lampe und schiebt sich zwischen Bett und Fenster hindurch. Ich konnte mir die Szene zusammensetzen, aber gerade in diesem spannenden Moment sollte die Bewegung ganz mühelos im Kopf entstehen.
Vielleicht könntest du noch deutlicher platzieren, wo die Jeans liegt. Auf dem Nachttisch, halb auf dem Bett oder über einen Stuhl geworfen? Danach reicht eine klare Bewegung von Kora, und der Fokus bleibt vollständig auf dem Anhänger.
Im eigenen Kopf kennt man den Raum längst und weiß automatisch, wo jedes Möbelstück steht. Als Leser läuft man dort zum ersten Mal herum und tritt gelegentlich gegen den Nachttisch ^^
Der Weg zum Amulett könnte für mein Gefühl außerdem etwas kompakter werden. Kora steht bereits an der Tür, spürt die Ahnung, schaut zurück, will gehen, bleibt stehen, sieht das Funkeln und nähert sich schließlich.
Die Wiederholung macht ihren Widerstand sehr deutlich. Ein schnellerer Ablauf könnte den Sog sogar noch unheimlicher wirken lassen: Ahnung. Stillstand. Funkeln. Und plötzlich handelt ihre Hand schon, während ihr Kopf noch zur Flucht drängt.
Bei dem Satz, dass es ihre Entscheidung nicht mehr ist, bin ich neugierig, welche Richtung du langfristig planst. Damit bekommt das Amulett bereits eine sehr aktive Macht. Gleichzeitig reizt mich die Grauzone sehr: Greift etwas Fremdes nach Kora, oder erkennt ein verdrängter Teil von ihr etwas, das ihr bewusster Verstand noch ablehnt?
Ihre Finger könnten bereits handeln, während Kora selbst die Grenze zwischen Zwang, Erinnerung und eigener Sehnsucht kaum erkennt. Da steckt für mich richtig viel Spannung drin.
Bei den großen Bildern würde ich ein wenig ausdünnen. Koras fehlende Unterwäsche, die Blutergüsse, das zerrissene Hemd und der blutige Geldschein erzählen bereits enorm viel. Dazu kommen die zerstörte Seele, die Schatten in ihrem Blick und ihr zersplitterter Zustand.
„Zu jung, um dermaßen zersplittert zu sein“ finde ich besonders stark. Der Satz könnte fast allein stehen und durch die körperlichen Details davor getragen werden. So bekommt er mehr Raum und trifft noch härter.
Ähnlich ist es nach der Berührung des Amuletts. Der ruhigere Herzschlag und Koras plötzliche Klarheit zeigen bereits sehr deutlich, dass etwas in ihr einrastet. Deiner Bildsprache kannst du an solchen Stellen ruhig vertrauen.
Nach dem Erinnerungsfragment verliert die Flucht für einen Moment etwas Spannung, weil Kora den Mann ausführlich betrachtet. Seine Attraktivität und seine spätere Bedeutung sollen hier natürlich spürbar werden. Die Erinnerung an ihre Finger in seinem Haar erledigt davon schon unglaublich viel.
Vielleicht lässt sich die Beschreibung noch enger an dieses Fragment binden. Dann bleibt die erotische Vertrautheit erhalten, während im Hintergrund weiterhin die Gefahr steht, dass er jeden Moment aufwachen könnte.
Ein Gedanke hängt für mich noch über dem ganzen Kapitel: Koras Blackouts lesen sich zunächst wie wiederholte sexualisierte Gewalt. Vielleicht zeigt sich später, dass sie den Mann kennt, während dieser Nächte ein anderer Teil von ihr handelt oder eine übernatürliche Identität die Kontrolle übernimmt. Ihre Angst und die drei Jahre voller Erinnerungslücken bleiben trotzdem real.
Genau deshalb bin ich gespannt, wie du Begehren, Zwang und Verantwortung später auseinanderziehst. Koras gegenwärtige Wahrnehmung besitzt bereits großes Gewicht. Eine spätere Enthüllung kann sie erweitern und neue Zusammenhänge sichtbar machen. Die Wunde, die diese Nächte hinterlassen haben, sollte dabei weiter spürbar bleiben.
Bleakmore wird nur kurz erwähnt, aber der Name reicht schon, um Gewicht zu erzeugen. Kora verbindet diesen Ort offenbar mit dem Moment, seit dem sie innerlich kalt geworden ist. Das wirkt wie ein gezielt gesetzter Schatten aus ihrer Vergangenheit. Diese Zurückhaltung würde ich beibehalten und später Stück für Stück zeigen, was dort passiert ist.
Beim Klappentext würde ich irgendwann noch einmal gesondert schauen. Das Kapitel selbst besitzt mit dem warmen Amulett, den drei Nächten, dem blutigen Fünfziger und dem unbekannten Mann bereits sehr eigene Bilder. Genau diese Motive könnten dort später noch stärker in den Vordergrund rücken.
Insgesamt hat mir das Kapitel wirklich gut gefallen. Kora trägt den Einstieg, ihre Routine erzeugt sofort Mitgefühl und das Amulett setzt an der richtigen Stelle den ersten großen Riss.
Mein Hauptaugenmerk bei der Revision läge auf dem Telefonat, der Bedeutung der zwei Stunden und der räumlichen Klarheit rund um das Bett. Danach würde ich den Weg zum Amulett etwas straffen und schauen, wo deine konkreten Bilder Koras Zustand bereits vollständig transportieren.
Ansonsten bin ich ehrlich gesagt ziemlich angefixt. Ich möchte wissen, wer dieser Mann ist, warum das Amulett auf Kora reagiert und was während dieser drei Nächte wirklich mit ihr geschieht ... und Bleakmore klingt jetzt schon nach einem Ort, an dem vermutlich niemand freiwillig Urlaub machen sollte ^^

2 months
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