[GER] Pitch Black – Echoes of Bleakmore

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Summary

KORA erwacht geschunden in einem schäbigen Motelzimmer – ohne Erinnerung an die letzte Nacht. Ihre Kleidung zerrissen, ihr Körper gezeichnet. Mit jedem Neumond verliert sie sich in einem rätselhaften Blackout: ein fremder Ort, ein unbekannter Mann – und keine Kontrolle. Doch diesmal ist etwas anders. Ein Funkeln. Ein vertrautes Gesicht. Ein Amulett, das sich lebendig anfühlt. Zum ersten Mal beginnen die Bruchstücke ihrer verlorenen Nächte, ein Bild zu formen. Und während die Erinnerung langsam zurückkehrt, öffnen sich Türen zu etwas, das jenseits des Verstandes liegt – uralt, mächtig und unaufhaltsam. Je näher Kora der Wahrheit kommt, desto mehr verschwimmt die Grenze zwischen ihr selbst und dem, was in der Dunkelheit erwacht ist. Die Spur führt zurück nach Bleakmore, dem Ort, den sie vergessen wollte. Dem sie entkam. Nun droht er, sie zu verschlingen. Denn manche Antworten sind schwärzer als das Vergessen.

Status
Ongoing
Chapters
32
Rating
5.0 4 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1 ◾ Nichts Neues

Kora drückte auf das kleine, rote Symbol. Telefonat beendet. Sie steckte das Smartphone in ihre Hosentasche, als wäre es ein fremder Gegenstand. Trotzdem ein Verbündeter. Nein, eher ein Söldner.

Sie hatte keine Unterhose an, aber das war nichts Neues für sie.

Ein kurzer Blick in den Spiegel versicherte ihr, dass sie weitestgehend unverletzt war. Zumindest sah sie nicht aus, als benötigte sie ein Krankenhaus.

Aber eine Apotheke.

Dringend.

Sie begutachtete ihren Zustand in der blitzblank polierten, reflektierenden Oberfläche, die ihr das Abbild einer zerstörten Seele zeigte, die ihr Leben kaum begonnen hatte.

Braune, verschwitzte Locken verdeckten blutunterlaufene, hellblaue Augen, die zu tief in den Höhlen lagen. Schatten in ihrem unterkühlten Blick, die kein Licht der Welt erhellen konnte.

Ein herzförmiges, ausdrucksloses Gesicht mit Blutergüssen am Kinn, die sich den Hals hinab bis zu ihren Brüsten erstreckten.

Auch das — nichts Neues.

Das graue Hemd — gestern noch heil — war nun zerrissen. Wahrscheinlich von dem Drecksack da draußen.

Ihre Hose — intakt, aber beschmiert. Die zweifelhafte Substanz daran war bereits eingetrocknet und bröselte beim Berühren leicht an den Rändern ab. Weißlich, widerwärtig und mutmaßlich auch von dem Kerl. Normalerweise warteten sie wenigstens ab, bis die Kleidung kein Hindernis mehr darstellte.

Barfuß kroch ihr die Kälte in die Fußsohlen, doch das bemerkte sie kaum. Stattdessen suchte sie in ihren Augen nach einer Erklärung, warum das ausgerechnet ihr immer wieder geschah.

Sie war doch nicht verrückt. Oder doch? Vielleicht hatten sie alle recht gehabt.

Zu jung, um dermaßen zersplittert zu sein.

Einundzwanzig Jahre. Und keine Erinnerung an die letzte Nacht.

Das spielte jetzt keine Rolle mehr. Sie musste hier raus. Womöglich lag Wer-auch-immer noch im Nebenzimmer und schnarchte seinen postcoitalen Rausch aus.

Es war seit drei Jahren immer dasselbe.

Der Neumond kam und mit ihm der Blackout. Aber nicht nur eine Nacht lang. Oh, nein. Immer drei. Drei verfluchte, scheiß Nächte, in denen sie nicht wusste, wo sie landen würde oder mit wem.

Zitternd fanden ihre Finger die Klinke. Um keinen Laut zu verursachen, der ihren sicherlich absolut fremden Begleiter wecken würde, öffnete sie die Badezimmertür geräuschlos und praktisch in Zeitlupe.

Mit angehaltenem Atem schlich sie auf Zehenspitzen in den angrenzenden Raum. Ihre Jacke lag neben den Socken am Fußende des Bettes. Direkt daneben - ihre Boots. Sie bückte sich langsam, ihre Knie knackten leise. Der Bewegungsablauf war automatisiert, routiniert — wie ein Albtraum, den man schon zu oft geträumt hat. Ohne zu zögern, schlüpfte sie in die Stiefel und griff nach ihren Socken und der Jacke. In der linken Tasche — wie immer — ein Fünfziger. Bargeld. Blutig an einer Ecke.

War sie diejenige, die ihn eingesteckt hatte?

Oder war das... Bezahlung?

Ein Würgereiz stieg in ihr auf, doch sie schluckte es runter wie eine bittere Medizin. Keine Zeit. Kein Ort für Reue.

Wie sie es vermutet hatte, lag ein grobschlächtiger, muskelbepackter Kerl bäuchlings in dem knappen Doppelbett des billigen Stundenmotels. Er schnarchte leise. Das schmierige Licht der Nachttischlampe beleuchtete seinen Hinterkopf. Es stank nach Sex und nach etwas Animalischem. Das war er — der Typ. Ein Geruch, den Kora nicht ganz zuordnen konnte. Nicht unangenehm, nur zu intensiv.

Er würde nicht nach ihr suchen, warum auch. Sie hatte sich beim Zweiten abgewöhnt, sich zu verabschieden, und ihrer Erfahrung nach, war das auch eher unerwünscht. Sozialkontakt auf das Notwendigste beschränkt. Eigentlich sogar erzwungen. Doch daran sollte sie jetzt nicht denken. Abscheu stieg in ihrer Kehle auf. Sie schluckte hart und fröstelte.

Das Fenster stand einen Spalt breit offen und ließ eine warme Brise herein, die Koras Haut nicht erwärmen konnte. Sie war sich nicht einmal im Klaren, ob das je wieder der Fall sein würde.

Nicht seit Bleakmore.

Sie schüttelte die unwillkommene Erinnerung ab und biss die Zähne fest aufeinander.

Ein letzter Blick auf ihn musste sein. Etwas an ihm war ihr seltsam vertraut. Bloß ein Wunsch?

Kora warf sich die Jacke über und ließ den Reißverschluss offen. Die Hose spannte beim Gehen an den Knien, wo das eingetrocknete Zeug sich bei jedem Schritt ablöste. Auf dem Weg zur Tür warf sie einen letzten Blick auf das zerwühlte Bett. Ein dunkler Fleck auf dem Laken. Nicht viel — aber frisch.

Sie legte ihre Hand auf die Klinke.

Und blieb stehen.

Etwas stimmte nicht.

Nicht draußen. Nicht im Zimmer. In ihr.

Ein heißes Prickeln breitete sich in ihrem Nacken aus, wie der zarte Stachel eines Insekts, das sich langsam in ihre Haut bohrte. Ihre Hand ruhte noch immer auf der Klinke, doch sie konnte sich nicht durchringen, die Tür zu öffnen.

Es war nicht Angst.

Es war... eine Ahnung.

Sie drehte sich halb um, warf einen schnellen Blick über die Schulter. Der Mann lag unverändert da, schwer atmend, sein Rücken hob und senkte sich gleichmäßig, als hätte er in all dem nichts als tiefen, trägen Frieden gefunden.

Und dann sah sie es.

Ein kleines Funkeln neben dem Bett auf seinem Nachttisch.

Ihr Herz klopfte immer wilder und lauter in ihrer Brust. Das Blut rauschte wie ein tosender Fluss durch ihre Adern, sodass sie nichts anderes hören konnte.

Sie sollte wirklich gehen.

Los doch.

Raus.

Doch ihr Körper weigerte sich.

Wieder fiel ihr Blick auf das sanfte Blinken, das wie ein Lockruf in ihren Verstand eindrang.

Es zog sie an. Wie von einer höheren Macht gelenkt, näherte sie sich wieder dem Bett und setzte sehr behutsam einen Schritt nach dem anderen. Seitlich schob sie sich zwischen dem Tatort der letzten Nacht und dem voyeuristischen Fenster hindurch.

Ein unscheinbares Schmuckstück in der Tasche der zerknitterten Jeans des Fremden hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt. Halb hing sie über der Lampe und dimmte so das Licht im Raum.

Kora traute sich kaum zu atmen.

Alles in ihr brüllte, sie sollte sich schleunigst verziehen. Doch es war nicht ihre Entscheidung, als ihre Finger nach dem kleinen Anhänger fischten. Eine feine, weißgoldene Kette kam zum Vorschein. Und an dem wertvollen Schmuck hing ein schlichtes Oval aus Metall.

Keine Verzierungen. Keine Gravur.

Glatt. Lauernd.

Als hätte die Kostbarkeit nur auf sie gewartet, stopfte sie das warme Amulett in ihre Tasche.

Müsste es sich nicht kühl anfühlen?

In dieser Sekunde wurde ihr bewusst, dass ihr Herz gleichmäßig schlug, nicht mehr aus dem Takt — sondern als hätte es einen Gleichklang mit der Welt gefunden.

Etwas veränderte sich.

Rastete ein. Innerlich. Als fand eine Scherbe an seinen ursprünglichen Platz zurück. Aber der Kleber fehlte.

Hellwach, aber kein bisschen nervös besah sie sich noch einmal den Kerl, der eingewickelt in den Bettlaken vor ihr lag. Eines seiner Beine hatte sich darin verheddert. Seine Hüfte wurde ebenfalls von den Stoffen fest umschlungen.

Das nun fast zahm wirkende Licht umspielte seine Konturen und streichelte seinen nackten Oberkörper. Das männlich markante Gesicht lag ihr zugewandt und wurde durch das schummrige Licht trotzdem nur unzureichend enthüllt. Eine scharfe Kieferpartie führte hinauf bis zu seinem Ohr, das von braunem Haar halb überdeckt war. Kurz geschnitten, aber lang genug, um darin die Finger zu vergraben.

Ein Bild flackerte auf. Seidig weich. Ihre Finger in seinem Schopf verkrallt.

Wieder war da dieses Gefühl des Erkennens.

Wieder sperrte sich etwas in ihr.

Es war egal.

Raus hier.

Sie schob das Gefühl der Verbundenheit darauf, dass sie miteinander geschlafen hatten. Innerlich ohrfeigte sie sich für ihren Leichtsinn, ihn solange anzustarren. Und Zeit verplempert zu haben.

Nichts war anders als sonst.

Alles war so abstoßend wie immer, auch wenn der Kerl diesmal besser aussah. Ein wenig zu makellos. Vielleicht war Schönheit sein einziger Bonus, aber Kora würde nicht bleiben, um das herauszufinden.

Entschlossen, aber vorsichtig stieg sie über die Kleidung des Mannes hinweg. Unter seiner Jacke auf dem Boden lag sein Portemonnaie. Das Leder glänzte, als würde es sie bitten, einen Blick hinein zu werfen. Kora widerstand dem rührseligen Impuls und verließ das Zimmer.

Besser, sie hatte keine Ahnung, wem sie sich angeboten hatte.

Kein Name. Nur ein weiterer Alptraum. Nicht Realität. Zumindest konnte sie sich das ab morgen einreden. Wenn die letzten Spuren abgewaschen waren und sein Bild verblasste.

Als sie das leise Klacken des Türschlosses vernahm, gestattete sie sich durchzuatmen. Ein klägliches Seufzen zitterte ihr über die Lippen. Sie lehnte sich kurz an die Wand und inhalierte die lauwarme Nachtluft.

Zwei Stunden.

Wo sollte sie in der Zwischenzeit bleiben? Vielleicht gab es in der Nähe ein 24-Stunden-Diner. Irgendein Ort, an dem man warten konnte, bis die Nacht und das Grauen nachließ. Leere Gesichter. Unauffällig in der Masse verschwinden.

Das Geräusch ihrer Stiefel ging in dem Verkehrslärm der nahen Bundesstraße unter. Und sie wollte auch keine Aufmerksamkeit, am liebsten nie wieder. Aus den Augenwinkeln nahm sie das rote Leuchten einer Reklame wahr. Eine Apotheke. Gott sei Dank.

Sofort lenkte sie ihre Schritte dorthin.

Die Klingel über der Tür schellte, woraufhin ein schwarzer Afro-Look hinter der Theke erschien. Der Mann im mittleren Alter setzte ein höfliches Lächeln auf, doch es gefror unmittelbar, nachdem er sie erfasste, in Sekundenschnelle ihren Zustand beurteilte und absolut zutreffend einschätzte.

“Hey”, fing er an. Offensichtlich wusste er nicht, wie und ob er überhaupt fragen sollte.

Kora brummte abweisend, senkte den Kopf und marschierte zielstrebig auf den Gang mit den Desinfektionsmitteln zu. Auf dem Weg zur Kasse schnappte sie sich ein neutrales Deo-Spray und mied Augenkontakt zu dem besorgten, peinlich verschüchterten Mann.

“Ich brauch’ die Pille danach”, murmelte sie. In ihrer Tasche befand sich der Fünfziger, mit dem sie bezahlen wollte, aber erst, wenn alles in Reichweite lag. Ihr Blick glitt zu dem zerfledderten Hemd hinunter, das sie rasch zusammenknotete. Auf die Art sah es weniger erbärmlich aus... hoffte sie.

Kommentarlos legte er das Medikament vor sie hin, ergänzte es um ein paar Kopfschmerztabletten und ein Vitaminpulver, das man in Wasser einrühren konnte. Als Kora ihm den befleckten Schein präsentierte, sagte er kein Wort, schluckte aber schwer. Mit zwei Fingern hob er das Geld auf und gab Kora etwas zu viel wieder raus.

Kora ließ es liegen, nahm nur, was ihr zustand. Auf sein Mitleid konnte sie verzichten. Nicht einmal das Glöckchen über der Tür wagte einen Kommentar.

Draußen wirbelte eine leere Plastiktüte im Schein einer Laterne vorüber.

Zwei scheiß Stunden.



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