Curtains of rumors Manche Wunden bluten nicht, sie töten

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Summary

Daniel, ein 17-jähriger Kanadier, findet das Leben in Winnipeg zu langweilig. Perfekt also, dass die Freunde seiner Familie ihm in England, genauer gesagt in Brimwick, Obhut für ein Auslandsjahr gewähren. So beschließt er, sein letztes Schuljahr in Großbritannien zu absolvieren. Dort erwarten ihn neue Leute und eine Fülle an neuen Erfahrungen. Doch schon nach kurzer Zeit bemerkt er, dass die Schüler keinesfalls so offen sind, wie sie vorgeben zu sein. Freundliche Worte scheinen oft nur an der Oberfläche zu existieren. Sein Aufenthalt wird anders als erwartet, weil die Schüler der Cambridge Living School nicht so sind, wie sie scheinen. Das wird ihm klar, als er Gerüchte über ein bestimmtes Mädchen hört. Lily Ambers gilt als der „Freak" der Schule - mit ihr Kontakt zu haben, sollte man besser vermeiden. Doch als Daniel etwas bestimmtes findet erkennt er, dass all die Gerüchte falsch sind. Lily ist kein Freak, sondern gebrochen. Sie ist kein schlechter Mensch, sondern eine ängstliche Seele. Trotz des Wissens, was andere über ihn denken werden, hilft er ihr und zeigt ihr, dass das Gute in der Welt noch existiert. Doch die Zeit läuft. Daniels Aufenthalt in England ist begrenzt - mit jedem Tag verkürzt er sich, während seine Gefühle für Lily wachsen. Doch je näher er ihr kommt, desto deutlicher wird, dass Lily in einem Strudel aus Angst und Schmerz gefangen ist. Kann Daniel ihr wirklich helfen - oder ist sie längst zu tief in ihren eigenen Schatten verloren? Ist es ein vergeblicher Versuch, jemandem das Leben zu zeigen? Hat es einen Sinn - oder ist es am Ende hoffnungslos?

Status
Complete
Chapters
16
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 Auf wiedersehen Kanada

Heute ist ein besonderer Tag, ein Tag, der mein Leben für mindestens ein Jahr komplett umstellen wird. Die Schule in Cambridge hat endlich zugestimmt. Mein letztes Schuljahr werde ich in Großbritannien verbringen. Ich freue mich jetzt schon darauf, die Leute kennenzulernen, aber vor allem die wunderschöne Landschaft Englands. Ich liebe das Reisen. Ich bin regelmäßig in den Ferien mit meinen Eltern in verschiedene Länder gereist: Schweden, Frankreich, Italien und noch ein paar mehr. Meine letzte Tasche ist gepackt. Auf zum Flughafen. Von meinem Kumpel Mike habe ich mich bereits verabschiedet. Der Abschied von meiner Familie wird sehr wehtun, aber nicht von Dauer sein. Gemeinsam mit meinen Eltern fahren wir zum Flughafen von Winnipeg. Meine Mum fängt schon an zu weinen. Dort angekommen, nimmt sie mich auch sofort in den Arm. 

„Pass auf dich auf, ja? Mach keine Dummheiten!“, sagt sie schluchzend. Ich verdrehe leicht die Augen, bin aber keinesfalls genervt. Ich bin froh, dass sich meine Eltern so um mich sorgen. „Klar, natürlich, Mum. Ich rufe auch regelmäßig an.” Dad hält meine Schulter fest. „Ich bin stolz auf dich, mein Sohn. Ich bin mir sicher, dass die Zeit sehr ereignisreich wird. Und egal was passiert, lass dich nicht unterkriegen.” „Mach ich, Dad! Versprochen”, antworte ich lächelnd. „Das ist mein Sohn!”

Winkend steigen sie wieder ins Auto und fahren nach Hause. Ich stehe alleine da, inmitten der Menschen. Doch die Freude wächst mit jedem Meter, den ich gehe. Ich schaue mich um und sehe auf der Anzeigetafel meinen Flug. Vollgepackt laufe ich im Eilschritt nach vorn. Ich gebe mein Gepäck ab und warte auf das Boarding. Währenddessen schaue ich auf mein Handy.

„Viel Spaß in England! Ich halte so lange die Stellung hier!“, schreibt mir mein bester Freund Mike. Ihn werde ich echt vermissen. Vor allem, da ich das letzte Jahr nun nicht mit ihm verbringen kann. Das war uns aber klar, da dieser Traum ja selbstverständlich nicht aus dem Nichts entsprang. Das Vorhaben habe ich schon seit drei Jahren. Wir wussten das, deshalb haben wir das letzte Jahr extrem genossen. Die Erlebnisse vergesse ich nie. Während ich in Erinnerungen schwelge, ruft jemand auch schon das Boarding aus. Spätestens jetzt gibt es kein Zurück mehr. Langsam setze ich mich auf meinen Platz, der direkt am Fenster ist. Mein Lieblingsplatz. Circa sechs Stunden Flug stehen mir bevor. Gut, dass ich das gewohnt bin. Ich lehne mich zurück in meinen Sitz und entspanne etwas. Ich bin extra lange wach geblieben, damit ich jetzt etwas schlafen kann. Diesen Trick habe ich mir schon früh angeeignet.

„Guten Tag, liebe Fahrgäste, hier spricht Ihr Kapitän. Wir fliegen in ungefähr zehn Minuten los. Das Wetter ist entspannt, daher wird es wenig bis gar keine Turbulenzen geben. Wir haben sechs Stunden Flug vor uns, doch keine Sorge, die Crew ist bereit, Sie die ganze Zeit zu versorgen. Für Entertainment ist ebenfalls bei Ihnen an Ihrem Platz gesorgt. Sie haben eine Vielzahl an Filmen, die Sie schauen können, und eine Vielzahl an Musik, die Sie hören können. Bitte verzichten Sie auf Ihr Handy und schalten Sie es in den Flugmodus. Wir bitten um Ihr Verständnis. Hören Sie sich bitte nun die Sicherheitseinweisung an. Ansonsten war’s das von meiner Seite. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Flug.”

Die Sicherheitseinweisung kann ich schon fast mitsprechen, deshalb schenke ich dem nur beschränkt Beachtung. Das Flugzeug hebt ab. Ich schließe meine Augen und versuche, ein wenig zu schlafen.

Langsam wache ich wieder auf und bemerke, dass der Großteil des Fluges bereits vorbei ist. Ich schaue aus dem Fenster und sehe die Wolken und Landschaften. Alles sieht von hier immer super winzig aus. Die Leute sind so still, dass man nur das Brummen der Maschine hört und ab und an die Stewardess. Mit jeder Minute kann ich es noch weniger aushalten. In wenigen Stunden sehe ich endlich England – und das für ein Jahr. Unterkommen werde ich bei Freunden meiner Eltern. Ich kenne sie, weil wir davor viel telefoniert haben. Das kleine Dorf Brimwick wird mein neues Zuhause. Es liegt direkt neben Cambridge. Wahrscheinlich werde ich mit dem Bus zur Schule fahren.

Weitere zwei Stunden vergehen, und plötzlich ertönt die Durchsage:

„Sehr geehrte Passagiere, wir gehen soeben in den Sinkflug über. Bitte bleiben Sie auf Ihren Plätzen, bis die Maschine stehen bleibt.Wir danken Ihnen, dass Sie mit uns geflogen sind. Wir wünschen Ihnen einen schönen Resttag und willkommen in England.”

Mein Stichwort. Endlich! Das Flugzeug kommt zum Stehen, und ich laufe nach draußen. Die warme Frischluft Englands kommt mir entgegen. Sehe nur ich das so, oder fühlt sich die Luft hier anders an als in Kanada? Ich hole mein Gepäck und schaue mich am Flughafen um. Die Freunde meiner Eltern sollten hier auf mich warten. Ich kann sie kaum übersehen. Da stehen sie bereits – mit großer Freude winken sie und wollen anscheinend den ganzen Flughafen wissen lassen, dass ich hier bin.

„Ah, Daniel! Da bist du ja endlich! Wie war der Flug? Warte, ich nehme dir etwas von deinem Gepäck ab”, sagt Emily freudig. Ihr Ehemann Paul lächelt mich an. „Der Flug war sehr entspannt. Ging schneller als erwartet.” „Das ist super. Steig ein, wir fahren zu deinem neuen Zuhause”, sagt Paul und öffnet dabei die Tür. Wir fahren durch die Straßen Englands. Alles fühlt sich so neu an, so interessant. Am liebsten würde ich sofort alles erkunden.

Nach kurzer Zeit erblicke ich es auch schon: Brimwick. Mein neues Zuhause. Das idyllische Dorf, umringt von Wald, wo ich mich tatsächlich wundere, dass ich hier Netz habe. Die Häuser sind alt, der Dorfplatz ist leer. Ich frage mich, wie viele Leute hier leben. Wir halten an einem Haus an. Es unterscheidet sich nicht groß von den anderen Häusern. „Komm ruhig herein!“, sagt Emily und schließt die Tür auf. Das Innere des Hauses spiegelt das Äußere direkt wider. Alt, aber mit Stil. „Ich zeig dir dein Zimmer. Wir haben unser Gästezimmer extra für dich umgestaltet”, sagt Paul. Das wäre doch nicht nötig gewesen, doch gespannt bin ich auf jeden Fall. Wir laufen die Treppe hoch und betreten die Tür direkt rechts. „Da ist es. Wie findest du es?“, fragt er, während ich meinen Augen kaum trauen kann.Ein Zimmer mit blauer Wandfarbe, einem unglaublich gemütlichen Bett, Postern von Tennisspielern und einem großen Schreibtisch. Ich fühle mich jetzt schon ultra wohl hier.

„Es ist der Hammer! Das wäre doch nicht nötig gewesen.”

Paul schüttelt den Kopf. „Ach Quatsch! Du bleibst schließlich ein Jahr hier. Da brauchst du auch eine richtige Wohlfühloase. Eine Männerhöhle, wenn du verstehst.”

Ich lache lauthals. Paul ist mir schon seit dem ersten Gespräch sympathisch. Und jetzt wird er mir noch sympathischer. Ich lege meine Tasche ab und schmeiße mich ins Bett. Ich lege mich zur Seite und erblicke sofort die unglaublich schöne Aussicht auf das Dorf und den Himmel. Es ist jetzt schon viel cooler, als ich erwartet habe. „Du musst doch Hunger haben! Im Flugzeug gibt’s nie was Vernünftiges”, ruft es aus der Küche.

Emily scheint etwas gekocht zu haben. Ich stehe auf und bewege mich nach unten zur Küche. Eine kleine Kochecke, und daneben steht der Esstisch. „Danke dir!“, sage ich und setze mich hin.

Emily stellt das Essen auf den Tisch. Der Geruch von gebratenem Fleisch kommt mir entgegen. Ich bedanke mich und fange an zu essen. Es stimmt, das Essen im Flugzeug ist wirklich miserabel. Da ist so etwas schon um Längen besser. „Morgen geht’s dann los! Dein erster Schultag hier.” Ich lege das Besteck ab. “Ja, ich freue mich schon. Wie komme ich da hin?”“Hier fährt jeden Morgen und Mittag ein Bus zur Schule. Du solltest so um 7:20 Uhr an der Bushaltestelle sein.”Das ist gut zu wissen. Normalerweise ist es eher selten, dass ein Bus regelmäßig an einem Dorf wie diesem hält. Mit einem vollen Magen stehe ich auf und betrete mein Zimmer. Ein bisschen Ruhe brauche auch ich ab und zu, obwohl ich das absolute Gegenteil von introvertiert bin. Ich rufe erst mal zu Hause an. Hier ist es jetzt 16:30 Uhr. Das heißt, bei Mom und Dad sollte es jetzt ungefähr um 10 sein. Der Anrufton ertönt, und nicht lange dauert es, bis sie annehmen.“Hi Daniel! Bist du gut angekommen?” fragt mein Vater.“Ja, bin ich. Emily und Paul sind super nett. Morgen ist mein erster Schultag.”“Freut uns, dass dein Flug gut war. Ich bin mir sicher, du wirst ein schönes Jahr haben. Bei Emily und Paul lebt es sich gut.” antwortet mein Vater lachend.“Wie geht’s Mum?” frage ich, da ich noch nichts von ihr gehört habe.“Die ist arbeiten. Vielleicht ruft sie dich an, wenn es bei uns Nachmittag ist.”Oh stimmt, das habe ich ja komplett vergessen. Die Zeitverschiebung ist echt eine Gewöhnungssache.“Ach so, alles klar. Ich leg jetzt erst mal auf. Morgen kann ich euch bestimmt viel vom Schultag erzählen.”“Ich bin jetzt schon gespannt, was du erzählen wirst, Daniel. Dann viel Spaß noch.” sagt er und legt auf.

Stille bricht über mein Zimmer hinein. Gerade beginnt die Realisation. Nun bin ich hier, ein paar tausend Kilometer entfernt von Winnipeg. Vor nicht mal einem Tag schlief ich noch in meinem Bett, und jetzt bin ich hier. Irgendwie bedrückend, doch die Vorfreude auf das, was kommt, ist größer. Aus diesem riesigen Fenster zu schauen, ist richtig entspannt. Am Eingang des Waldes läuft ein Reh umher. Im Dorfinneren läuft jemand mit einem Korb herum. Im Gegensatz zu Winnipeg ist alles hier so ruhig. Das ist ein echter Unterschied. Normalerweise bin ich gewöhnt, dass man mindestens konstante Autogeräusche hört, doch hier: nichts. Nichts außer die Vögel und ab und zu zwei Leute, die auf der Straße reden. Ich sag es zwar gefühlt immer wieder, aber das ist wahrscheinlich das Beste, was mir je passiert ist. Ich habe mich noch nie so auf einen Schultag gefreut.

Mal im Dorf rumzulaufen, ist bestimmt keine schlechte Idee. Ich gehe nach unten und ziehe meine Schuhe an.“Gehst du laufen?” fragt Emily.“Ja! Will mir ein bisschen das Dorf anschauen.” antworte ich.“Alles klar, viel Spaß!”

Ich laufe ein bisschen umher. Der Himmel ist klar, und die Vögel zwitschern zusammen ein Orchester. Laufen und einfach nachdenken habe ich auch in Winnipeg regelmäßig gemacht. Es ist eine gute Methode, um die Gedanken zu sortieren. Plötzlich grüßt mich ein Junge, der in meinem Alter zu sein scheint.“Hey! Was geht? Hab dich noch nie hier gesehen.” ruft der Junge.Er hat eine dünne Statur und sieht etwas asiatisch aus. Er trägt einen schwarzen Mittelscheitel.“Hi, ich bin Daniel. Ich mach ein Auslandsjahr hier.”Die Augen des Jungen weiten sich interessiert.“Echt? Cool! Ich bin Luis. Gehst du dann auch in die Schule?”Ich nicke. “Ja, in die Schule in Cambridge.”Seine Augen weiten sich noch mehr. Sieht fast so aus, als würden sie ihm gleich herausfallen.“Meinst du die Cambridge Living School? Da bin ich auch!”Was ein krasser Zufall, dass ich einen Schüler von dort direkt am ersten Tag treffe.“Ich kann dir morgen alles zeigen, wenn du willst, und dich meinen Freunden vorstellen.”Zu solch einem Angebot sage ich natürlich nicht nein.

“Klar, treffen wir uns am Schultor, ja?”Luis nickt freudig. “Dann bis morgen, ich muss leider schon weiter. Hab’s etwas eilig.”Ich verabschiede mich von ihm und laufe noch ein bisschen durch das Dorf. Ich habe schon definitiv meinen Lieblingsort gefunden. Ein Fluss, der in den Wald fließt, und darüber steht ein Pavillon. Ich bin mir sicher, dass ich mich dort sehr oft hinsetzen werde.

Beim etwas genaueren Hinschauen fällt mir auf, dass da schon jemand sitzt. Ein Mädchen mit dunklen Haaren, einem markanten Gesicht mit hohen Wangenknochen und einem sanften Ausdruck, in einen grauen Mantel gehüllt, sitzt dort alleine in Gedanken vertieft, während sie irgendwas in ein Buch hineinschreibt. Ist sie so vertieft in Gedanken, dass sie so melancholisch schaut? Oder warum guckt sie so deprimiert? Sie hebt ihren Kopf und sieht mich. Ihr Gesicht wird plötzlich hektisch. Sie packt alles zusammen und geht. Hat sie das wegen mir gemacht? Wenn ja: Warum?

Ohne dem weiter Beachtung zu schenken, laufe ich weiter umher und nehme mir fest vor, mich auch mal in diesen Pavillon zu setzen. Stunden vergehen, und langsam beginnt die Sonne unterzugehen. Ich mache mich auf den Weg nach Hause. Nach kurzer Zeit komme ich auch dort an. Ein Dorf ist, was das angeht, sehr praktisch. Man muss nicht ständig auf den Bus warten, da man zu Fuß alles erreichen kann.

“Hi Daniel!” ruft Emily aus dem Wohnzimmer.“Hi! Ich ruh mich etwas aus, ja?”“Mach das!” ruft sie zurück.

Während ich in meinem Zimmer sitze, springt mir wieder dieses Mädchen in den Kopf. Warum ist sie gegangen? Sie kennt mich ja gar nicht. Ob sie wohl auch zur Cambridge Living School geht?

Die Sonne geht immer weiter unter. Ich denke, ich sollte mich langsam schlafen legen. Schließlich beginnt morgen mein erster Schultag. Ein bisschen schaue ich noch auf meinem Handy. Doch wirklich darauf konzentrieren kann ich mich nicht. Das Mädchen lässt mir irgendwie keine Ruhe. Ich hoffe, das bleibt nicht so.

Langsam beginnen meine Augen schwer zu werden, und allmählich falle ich in den Schlaf.