Essentia & Vernis - Das Gleichgewicht von Reynea

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Summary

Am westlichen Rand der Welt herrscht ein zerbrechliches Gleichgewicht.Essentia, die strömende Kraft der Schöpfung, hält Länder und Leben zusammen. Vernis, die unsichtbare Macht des Verfalls, wartet im Verborgenen, um alles zu verschlingen.Finley, Gehilfe eines mürrischen Schmieds im abgelegenen Dorf Rabenhain, ahnt nichts von diesem uralten Kampf – bis zwei Fremde auftauchen, die seinen Meister suchen. Ihre Fragen wecken ein Geheimnis, das besser verborgen geblieben wäre.Als die Schatten von Vernis näher rücken, muss Finley sich entscheiden: fliehen oder seinen Platz in einer Geschichte finden, die größer ist als alles, was er je gekannt hat.

Genre
Fantasy
Author
Jatho
Status
Ongoing
Chapters
3
Rating
n/a
Age Rating
13+

1. Die Welt von Reynea

Es gibt hell und dunkel, schwarz und weiß, Gut und Böse. Sicher wusstest du das, und dir sind viele solcher Polaritäten bekannt. Doch in Reynea, einem Reich am westlichen Ende der Welt unserer Geschichte, gibt es auch Essentia und Vernis. Essentia ist die strömende Kraft der Schöpfung, die das Land formt, Leben spendet und die Realität stabilisiert. Sie fließt durch Leylinien, durch das Blut der Magier und durch uralte Artefakte, die seit Jahrtausenden existieren. Wer die Kräfte der Essentari lenken kann, ist in der Lage, Elemente zu beherrschen, Wunden zu heilen oder gar den Lauf der Sterne zu beeinflussen. Doch wo Essentia erschafft, wartet Vernis im Verborgenen. Vernis ist das, was alles zu seinem Ende führt – die Kraft des Zerfalls, der Vergänglichkeit und des Vergessens. Wenn eine Stadt verlassen wird, wenn Erinnerungen verblassen oder wenn Magie zu stark genutzt wird, dann beginnt Vernis sein leises Werk. Magier, die sich Vernis zuwenden, sind gefürchtet – nicht, weil sie zerstören, sondern weil sie das Bestehende auflösen, bis nichts mehr bleibt. In Reynea herrscht ein empfindliches Gleichgewicht zwischen Essentia und Vernis. Die Weisen der Akademie von Eldoria bewahren die alten Lehren über die Harmonie dieser Kräfte. Doch es gibt Flüsterer in den Schatten, die sagen, dass das Gleichgewicht gestört sei. An den Rändern des Reiches entstehen Orte, an denen Essentia versiegt und Vernis um sich greift. Ruinen tauchen auf, deren Geschichte niemand mehr kennt, und Städte, die einst lebendig waren, werden still und leer. Und inmitten dieser Veränderung beginnt unsere Geschichte – in einem Dorf namens Rabenhain, in dem ein Junge, nichts ahnend vom Verfall im Nordosten des Reiches, sein Dasein als Gehilfe eines Hofbesitzers fristete.“Finley! Wo steckst du schon wieder? Die Hufnietzange – und zwar sofort!” rief Aedric, während er ohne sichtbare Mühe den Huf des Tenebra anhob. “Ich will hier nicht den ganzen Tag warten!” Tenebri waren keine gewöhnlichen Reittiere. Sie waren größer als Pferde, doch von einer schlanken, muskulösen Statur, die an Raubtiere erinnerte. Ihre Hufe waren gespalten und mit kleinen, gekrümmten Krallen versehen, die ihnen auf felsigem und unwegsamem Gelände unvergleichlichen Halt gaben. Ihr Fell war kurz und in erdigen Tönen gehalten, doch unter bestimmten Lichtverhältnissen schienen feine Schuppen darunter zu schimmern. Ihre großen, tiefschwarzen oder bernsteinfarbenen Augen hatten etwas Unheimliches an sich – als könnten sie mehr sehen, als das bloße Auge erfassen konnte. Die Tenebri galten als scheue und schwer zu zähmende Geschöpfe, doch wer es vermochte, ihr Vertrauen zu gewinnen, fand in ihnen einen treuen Begleiter. Ihre Ausdauer war legendär, und es hieß, sie hätten eine nahezu übernatürliche Wahrnehmung. Alte Geschichten erzählten von Essentari, die mit Tenebri reisten, da diese Wesen spüren konnten, wo die Kraft der Schöpfung floss – und wo Vernis begann, die Realität zu verschlingen. In den letzten Jahrhunderten waren sie jedoch selten geworden. In vielen Dörfern hielt man sie für ein Zeichen des Schicksals. Wer einen Tenebra ritt, sollte entweder Großes vollbringen – oder in dunklen Legenden enden. Aedrics Tenebra war ein altes Tier. Sein Fell hatte die dunkle Farbe verwitterter Erde, und um seine Augen zeigten sich feine Narben. Wie sein Reiter war er ein Relikt vergangener Zeiten, ein Überbleibsel einer Ära, in der die Kräfte von Essentia und Vernis noch offen miteinander rangen. Der alte Mann hatte Finley erzählt, er habe den Tenebra von einem Essentari bekommen, nachdem er diesem geholfen hatte, seinen Mantel wiederzufinden – den er in der Schenke unten am Dorfrand vergessen hatte. “Völliger Blödsinn”, dachte Finley bei sich und schüttelte den Kopf, während er schnellen Schrittes zu Aedric eilte. Finley trat zögerlich einen Schritt vor und hielt Aedric die Hufnietzange hin. “Äh… Meister?” Seine Stimme klang vorsichtig. “Ich bin mit den Aufgaben fertig. Also… ich dachte, vielleicht könnte ich—” Aedric winkte ungeduldig ab. “Die neuen Hufe für Zerdrik. Los, mach schon! Ich hab nicht ewig Zeit.” Er hob nicht einmal den Blick von seiner Arbeit. Finley zuckte zusammen, überrascht von der plötzlichen und fordernden Stimme des Alten, die wie ein Peitschenhieb durch die Schmiedehalle schnitt. Hastig setzte er sich in Bewegung und lief sofort los. Aedric brummte, während er weiterarbeitete. “Ach, und wenn du dich beeilst, kannst du noch zum Sternenlichtfest. Vielleicht findest du ja jemanden, der sich für dein dummes Grinsen interessiert.” Er schnaubte amüsiert. Finley strahlte. “Danke, Meister! Danke!” Das ganze Jahr über hatte Finley gespart, um sich auf dem Fest etwas Gutes zu gönnen. Apfelkuchen? Zuckerwatte? Oder doch ein ganzes, saftiges Brathähnchen? Der Gedanke ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Den ganzen Weg den steilen Berg hinunter, Richtung Dorfplatz, grübelte Finley darüber, was er sich kaufen sollte. Mit seinen wohlverdienten Essent-Splittern in der Tasche, die er von Meister Aedric bekam – alle zwei Wochen einen für die Arbeit am Hof – stiefelte er gut gelaunt über den Dorfplatz. Er war verzaubert von den Leckereien und Attraktionen. Der Duft von gebratenem Fleisch, süßem Gebäck und exotischen Gewürzen erfüllte die Luft. Händler priesen ihre Waren an, Kinder lachten, Musik erklang aus allen Ecken. Essent war die Währung von Reynea, hergestellt aus einem besonderen Metall namens Echostahl, das mit Hilfe von Essentia in Münzform gebracht wurde. Es gab Splitter-Essent – die geringste Währung, Kristall-Essent und Kern-Essent – die seltenste und wertvollste Form. Finley hatte sich für das Brathähnchen entschieden. Es duftete so köstlich, als er an der Grillbude stand! Zwei Splitter-Essent hatte es gekostet – eine stolze Summe, die Finley nicht alle Tage ausgeben konnte. Er suchte sich einen Platz an einem der vielen aufgestellten Tische inmitten des Dorfplatzes, nahe der Bühne, um das Treiben darauf gut beobachten zu können, und begann zu essen. Finley schlang förmlich das Fleisch von den Knochen – er hatte seit Jahren nichts mehr so Gutes gegessen. Während er dort saß und aß, bemerkte er zwei Männer in langen, dunklen Mänteln, die die Dorfbewohner ansprachen und offensichtlich etwas oder jemanden zu suchen schienen.



“Entschuldigen Sie, haben Sie einen alten Mann gesehen? Ungefähr meine Größe, vielleicht sechzig Jahre alt?” fragte einer der Männer in die Runde der Dorfbewohner. “Er hat meistens ein Tenebra bei sich.” fügte der andere hinzu. In diesem Moment wusste Finley genau, wen die Männer suchten. “Aedric...“, murmelte Finley und kniff nachdenklich die Augen zusammen. “Du kennst den alten Mann, nicht wahr, Junge?” unterbrach eine tiefe Stimme seine Gedanken. “Wann hast du ihn zuletzt gesehen? Kannst du uns zu ihm bringen? Es ist sehr wichtig.” Finley fuhr erschrocken herum. Einer der Männer stand direkt hinter ihm. “Wie... Wie sind Sie so schnell hierher gekommen? Eben standen Sie doch noch dort!” stammelte Finley. Finley schluckte. Sein Herz schlug schneller, als er in die reglosen Augen des Mannes vor sich blickte. Wie konnte er sich so schnell bewegen? Gerade eben hatte er noch mit den Dorfbewohnern gesprochen, und jetzt stand er direkt hinter ihm, als wäre er aus dem Nichts aufgetaucht. „Also, Junge?“ Die Stimme des Mannes war ruhig, fast freundlich. „Du kennst den alten Mann. Wo ist er?“ Finley musste schnell denken. Aedric durfte nicht in Schwierigkeiten geraten. „Aedric?“ Er tat überrascht, als wüsste er nicht genau, von wem die Rede war. „Ich… habe ihn heute Morgen gesehen. Er hat sich mit einem Händler unterhalten, der Richtung Osten gezogen ist.“ Der Mann vor ihm verengte die Augen leicht. Hat er mir das abgekauft? „Richtung Osten, sagst du?“ Der andere Fremde, der bislang geschwiegen hatte, trat näher. Sein Mantel bewegte sich kaum, obwohl eine Brise über den Platz zog. „Was für ein Händler?“ Finleys Gedanken rasten. Verdammt, warum musste er das erwähnen? „Ein… äh… Stoffhändler!“ Er nickte übertrieben, als wolle er sich selbst überzeugen. „Er hatte seltene Stoffe aus Eldoria dabei. Aedric hat sich besonders für ein tiefblaues Tuch interessiert. Ich glaube, er wollte was für den Winter kaufen.“ Ein kurzes Schweigen folgte. Zu viel Detail? Zu wenig? Der erste Mann beugte sich leicht vor, sein Blick sanft, aber prüfend. „Weißt du, ich glaube nicht, dass du uns die Wahrheit sagst.“ Finley zuckte zusammen. Mist. „Entspann dich.“ Der zweite Mann hob abwehrend eine Hand. „Wir suchen Aedric nicht, um ihm zu schaden. Wir wollen mit ihm sprechen, weiter nichts.“ „J-Ja, klar. Natürlich.“ Finley lachte nervös und machte einen kleinen Schritt zurück. Nicht hastig, nicht rennen. Der erste Mann seufzte leise. Er weiß es bereits. Unbemerkt hatte er während des Gesprächs seine Essentia genutzt. Kein auffälliges Leuchten, keine Geste, die es verraten hätte – nur ein sanftes, inneres Lauschen. Und was er dabei in Finley spürte, war nicht Gelassenheit oder Ehrlichkeit, sondern ein aufgeregtes, rastloses Herz. Angst. Misstrauen. Die Unsicherheit einer schlecht erzählten Lüge. Doch sie konnten ihn nicht zwingen, ihnen zu vertrauen. „Du bist nervös“, stellte der zweite Mann fest, und seine Stimme klang fast bedauernd. „Aber wir bedeuten keine Gefahr. Das schwöre ich dir.“ Finley hörte die Worte, aber sein Kopf war bereits woanders. Er musste weg. Jetzt. „Verstehe. Schön, dass wir drüber geredet haben! Aber… ich hab noch Dinge zu erledigen.“ Er machte einen weiteren Schritt zurück. Langsam, nicht verdächtig. „Ich wünsche euch viel Erfolg bei eurer Suche.“ Die beiden Männer wechselten einen kurzen Blick. Sie ließen ihn gehen. „Natürlich“, sagte der erste Mann ruhig. „Geh nur.“ Finley nickte, drehte sich langsam um undmischte sich unter die Menge. Nicht umdrehen. Einfach gehen. Sein Herz hämmerte in seiner Brust, als er sich in die wuselnden Dorfbewohner schob. Er musste verschwinden – schnell. Hinter ihm standen die beiden Fremden noch immer dort. Sie sahen ihm nach. „Er weiß etwas“, sagte der eine schließlich leise. Der andere nickte. „Und er wird es uns nicht freiwillig erzählen.“ Finley erreichte alsbald die andere Seite des Dorfplatzes. Er stemmte sich mit den Händen an eine Hauswand und ließ den Kopf hängen. So viele Gedanken, so viele Fragen in seinem Kopf. „Wer waren diese Männer? Was wollen sie von Meister Aedric? Hätte ich ihnen glauben können? Oder waren sie in Wahrheit gefährlich? Was zum Vernis’ Verderbten hat Meister Aedric getan?“

Er musste nachdenken. Nein, er musste handeln. Nicht wie sonst, wo er sich in einer Ecke verkrümelte und abwartete, bis alles vorbei war. Heute ging es nicht nur um ihn, sondern auch um Meister Aedric – den holzköpfigen, aber auch irgendwie… väterlichen Mann, den Finley trotz dessen Tadel mochte.Er versuchte, die zittrigen Finger an der rauen Mauer zu beruhigen. Die Kälte der Mauer war scharf, aber der Druck half beim Nachdenken. „Okay“, flüsterte er, „denke nach Finley?“ Erstmal nicht in die Nähe der Werkstatt zurück. Auch nicht nach Hause, wo sie als nächstes suchen würden. Und ganz sicher nicht zu den Ställen, wo der Tenebra stand. Dann fiel ihm etwas ein. Aedric hatte ihn vor langer Zeit auf einen alten Schuppen hinter der alten Essent-Schmiede aufmerksam gemacht,vielleicht konnte er sich dort für eine Weile verstecken zumindest solange bis die zwei Männer aufgeben würden nach Aedric oder ihm zu suchen.

Er duckte sich in den Schatten einer Seitengasse, wartete, bis eine Gruppe Jugendlicher mit Feuerwerkskörpern vorbei war, und schlich dann am Rand der Menge entlang zum nördlichen Dorfausgang. Die Gassen hier kannte er seit seiner Kindheit, mochte sie sogar, wenn sie zu dieser Stunde leer und grau dalagen wie kleine Kanäle, in denen nur der Wind kroch. Zweimal musste er stehenbleiben, weil er glaubte, Schritte oder Stimmen zu hören, aber es waren bloß streunende Hunde oder ein Nachttier. Das alte Essent-Schmiedehaus lag hinter der letzten Häuserreihe, halb in ein Geröllfeld gestürzt, dessen Bruchkanten im Dämmer bläulich glühten. Der Schuppen bestand nur noch aus morschem Holz. Finley schob die Tür zur Seite – sie kreischte erbärmlich – und trat zögernd ins innere der Scheune. Es gab nicht viel in dem Raum in dem er sich jetzt befand außer etwas altes feuchtes Stroh und rostiges Werkzeug auf einer in die Jahre gekommenen Werkbank. Finley suchte sich einen platz auf dem Boden direkt neben der Werkbank der nicht komplett durchnässt war und wartete.