Abschiedsbrief der Traurigen Agnes
Triggerwarnung: Suizid
Der folgende Text enthält Darstellungen von Suizid und Gewalt.
Wenn du selbst in einer Krise bist oder Gedanken an Suizid hast, wende dich bitte an eine Vertrauensperson oder an eine der folgenden Hilfsstellen:
In Deutschland:
Telefonseelsorge unter 0800-1110111 oder 0800-1110222 (kostenlos, rund um die Uhr).
Nummer gegen Kummer (für Kinder & Jugendliche): 116 111 (Mo–Sa, anonym & kostenlos).
International: findahelpline.com, um Hilfe in deinem Land zu finden.
Du bist nicht allein.
Mein Freund, meine Freundin.
Ich heiße Agnes Kiehler. Heute nennen sie mich nur noch Novizin Agnes. Unsere Nachnamen haben sie uns genommen – aber ich schreibe ihn auf, damit er nicht verloren geht.
Geboren wurde ich im Frühling, im Jahr 13 ante apocalypsin. Nein – so war es wirklich: am 12. Mai 2012.
Jetzt ist Jahr 3 p.A. 2027. Ich bin 15 Jahre alt, müsste vor Kurzem Geburtstag gehabt haben. Und bei Gott, ich schreibe meine Geschichte auf die Innenseite meines Nachthemdes, mit Tinte, Staub und Spucke.
Ich wuchs auf in der Hure von Babylon. Nein – Berlin. Ich hatte einen kleinen Bruder, Marcus. Ich ging zur Schule, hatte viele Freundinnen und Freunde. Kam mit meinem ersten Freund zusammen – wenige Tage, bevor das Feuer vom Himmel fiel. Jakob, eine Klasse über mir. Meine Eltern liebten mich, auch wenn ich nicht einfach war und es oft Streit gab. Ich vermisse sie.
Wir flohen nach Neu-Jerusalem. Man sagte, Gott wohnt in dieser Stadt. Und tatsächlich: Strom, Wasser, Essen. Ein Paradies in einer sterbenden Welt.
Vor ein paar Monaten holten sie mich von zu Hause ab. Marcus auch. Meine Eltern schrien, schlugen. Es half nichts. Marcus, zehn Jahre, kam wohl in ein Heim. Ich war fünfzehn. Sie brachten mich an die Sancta Lex. Ich bekam eine hellblaue Novizenrobe. Koinobion 121.
Dort traf ich Noemi, Seth – und Jakob. Schicksal? Er war mein Zellenbruder. Nein – mein Freund. Meine erste Liebe. Meine letzte Liebe.
Der erste freundliche Blick, seit ich meine Eltern verlor.
Heimliche Berührungen. Ein verbotener Kuss im Dunkeln. Bis zu jener Nacht.
Die Betten sind eng. Jakob kam zu mir. Wir lagen Arm in Arm, als plötzlich das Licht anging. Schwester Amosa stürmte herein, mit drei anderen. Sie rissen Jakob aus meiner Umarmung, schleiften ihn weg. Später kamen sie, um mich zu holen.
Sie brachten mich zur Tür mit dem weinenden Auge und der roten Hand. „Wenn dich dein Auge ärgert, reiß es dir aus. Wenn dich deine Hand verführt, schlage sie ab.“
Sie schlugen mich. Wollten die Erinnerungen aus mir rausprügeln. Sie ausbrennen mit Eisen. Sie zerbrechen mit Knüppeln.
Aber der Körper ist stark. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte. Minuten? Stunden? Als ich wieder zu mir kam, lag ich in meiner Zelle. Jakob war verschwunden. Die Erinnerungen blieben. Sie konnten sie mir nicht nehmen.
Wenn du das liest, dann habe ich zum letzten Mal aus freiem Willen gehandelt. Mit dem Strick meiner Robe.
Aber ich weiß – auch wenn ich dich nicht kenne, nie sehen werde, nie deine Haut spüren, nie in deinen Augen versinken darf – dass ich dich nie vergesse.
Wenn sie dich holen, halte ich dich.
Wenn sie deine Hände und Füße in Ketten legen, streichle ich dich.
Wenn sie dir wehtun, schreie ich mit dir.
Wenn du weinst, weine ich in dir.
Wenn du Schmerzen hast, küsse ich deine Wunden.
Wenn sie dich gebrochen zurücklassen, liebe ich dich.
Ja. Ich liebe dich.
Ich bin Agnes Kiehler. Geboren am 12. Mai 2012. Gestorben im Sommer des Jahres 3 p.A.
Erinnere dich an Jakob. Vergiss mich nicht!
Deine Agnes
Editorial:
Der „Brief“ von Agnes wurde nach ihrem Tod zufällig entdeckt – von einem Novizen, der mit Mülltrennung beauftragt war. Er versteckte ihn, schrieb, was noch leserlich war, ab.
Seitdem wurde er oft kopiert, gekürzt, ergänzt. Fragmente wanderten durch die Koinobione, heimlich weitergegeben, im Flüsterton vorgelesen.
So entstand eine Legende, die beiden Seiten dient:
Den Suchenden ist Agnes ein Trost – eine, die ihr Schicksal teilt, die mitschreit, wenn sie schreien, die mit ihnen weint, wenn sie weinen.
Den Autoritäten ist sie eine Warnung – das mahnende Beispiel einer, die gefallen ist, weil sie sich von Reinheit und Gehorsam entfernt hat.
Was mit Agnes wirklich geschehen ist, lässt sich heute kaum trennen von dem, was später hinzugefügt oder verschwiegen wurde. Manche behaupten, sie sei von Jakob schwanger gewesen. Andere sagen, ihre letzten Worte seien durch die Mauern gedrungen. Sicher ist nur, ihr Name blieb: Die traurige Agnes.
Und mit ihm die Erinnerung.








