In Fire with Valerio Band 2

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Summary

Sie hat überlebt. Doch der Preis dafür ist hoch. Schwer gezeichnet kehrt Livia in Valerios Reich zurück – mit nichts als der Hoffnung, dass ihre Liebe stärker ist als die Schatten der Vergangenheit. Doch Valerio, von Schmerz und Rache verzehrt, stößt sie von sich. Sein Erzfeind hat Spuren hinterlassen, die er nicht vergessen kann. Als Livia den Mut fasst, Distanz zu suchen, ahnt sie nicht, wie sehr sich ihr Leben verändern wird. Denn bei ihrer Rückkehr ist Valerio verschwunden – spurlos, wie vom Erdboden verschluckt. Zwischen Geheimnissen, Machtspielen und einer Leidenschaft, die noch immer wie Feuer in ihr brennt, muss Livia entscheiden, wie weit sie bereit ist zu gehen … und ob ihre Liebe zu Valerio stark genug ist, die Dunkelheit zu überstehen.

Status
Complete
Chapters
52
Rating
5.0 6 reviews
Age Rating
18+

Regen

**Valerio**

Auf Sizilien gibt es im September im Durchschnitt drei bis vier Regentage. Und ausgerechnet heute beschloss dieser verfluchte Wettergott, es wie aus Eimern schütten zu lassen.

Wobei ich selbst zugeben musste, dass es zu diesem Tag passte.

Heute war der schlimmste Tag meines Lebens.

Livs Beerdigung.

Der Tag, an dem das, was von meiner Liebsten übrig war, für immer in der Erde versenkt wurde. Obwohl das in diesem Fall gar nicht zutraf. Natürlich ließ ich sie in der Familiengruft der Moretti bestatten. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass ich mich am liebsten neben ihren Sarg legen und nicht mehr aufstehen möchte.

Eine Woche war dieser schreckliche Unfall nun her. Ich hatte mich zwischenzeitlich mit allem und jedem angelegt, damit der Leichnam freigegeben wurde – trotz Obduktion und was die Staatsanwaltschaft noch alles anordnen wollte. Weil ich es nicht mehr aushielt, dieses Warten. Ich musste für mich einen Abschluss finden, ich musste es sehen, wie sie beerdigt wurde. Denn ein Teil von mir, so irrational und verrückt, wollte es immer noch nicht glauben, dass es sie nicht mehr gab.

Nie wieder würde sie mich mit ihrer renitenten, großmäuligen Klappe provozieren. Mich nie mehr bekämpfen und wie ein geübter Wrestler flachlegen. Gar nicht zu reden von dem alle Sinne betörenden Sex, den wir geteilt hatten. Und dann all diese Gefühle, bei denen ich mir so schwergetan hatte, sie mir erst einzugestehen, und sie dann auch noch in Worte zu fassen.

Alles vergeblich …

In meiner Brust existierte kein Herz mehr. Nur noch ein verkohlter, steinerner Klumpen. Das war alles, was noch übrig blieb, nachdem man mir Livia genommen hatte. Auch das stand mittlerweile fest. Es war kein Unfall. Es war Mord.

An der Stelle, an der der Wagen durch die Leitplanke gebrochen war, gab es keinerlei Bremsspuren. Selbst wenn ein Reifen geplatzt wäre, hätte es die geben müssen. Seither quälte mich die Frage, was passiert war. Hatte Collin – der den Wagen fuhr – beschlossen, sie beide umzubringen? War es Absicht? Ein Versehen? Hatte sie sich gewehrt und ihm ins Lenkrad gegriffen, sodass es zu dem Absturz kam? oder hatte er sie beide eiskalt ausgelöscht, weil er sie für sich wollte und sie sich verweigerte?

Ich wollte Antworten auf diese Fragen, und ich würde nicht ruhen, bis ich sie hatte.

Mit einem bebenden Durchatmen konzentrierte ich mich wieder auf das Hier und Jetzt. Das andere konnte warten, jetzt galt es erst einmal, diesen schlimmen Tag zu überstehen.

Die Worte des Pfarrers wehten an meinen Ohren vorbei, ich nahm sie gar nicht auf. War gehüllt in das Plätschern des Regens, der auf die schwarzen Regenschirme der Leute um mich herum prasselte. Ich selbst stand nicht unter einem Schirm, ich setzte mich den Wassermassen aus, als wäre es eine Strafe, die ich abzuleisten hätte.

Und ich würde Buße tun. Tag für Tag, für den Rest meines Lebens. Weil die Schuld, die auf mir lastete, größer war, als ich sie tragen konnte. Ich war es, der Livia aus dem Haus getrieben hatte, so dass sie sich in mein Versteck zurückziehen wollte. In diese kleine Zuflucht im Wald von Nebrodie, von der niemand etwas wusste. Ich hatte sie in der Nacht zuvor bestraft, und wieder einmal war sie vor mir wegegelaufen.

Ihrem Entführer in die Hände. Und jetzt war sie tot. Verbrannt in dem SUV, den Collin, mein Bodyguard, mir entwendet hatte.

Der Regen lief mir über das Gesicht, meine Haare klebten mir auf der Haut und auf dem Rücken. Längst war ich bis ins Mark durchnässt, doch ich spürte es kaum. Blind starrte ich vor mich hin, rang mühsam um jeden Atemzug, der mich weiter am Leben erhalten sollte.

Immer noch erzählte dieser dämliche Priester etwas von der Ewigkeit im Himmel und der Gnade Gottes. Von einem Leben nach dem Tod. Drauf geschissen. Ich wollte Livia nicht im Paradies, nicht bei den Engeln – ich wollte sie hier, an meiner Seite, in meinem Bett. Vor allen Dingen in meinem Leben.

Alles in mir schrie nach Rache. Nach Vergeltung.

Jetzt war es keine Recherche mehr, keine Suche nach dem Verräter im Hintergrund. Den Konspiranten, die mich vernichten wollten. Jetzt war es eine persönliche Vendetta. Meine Gegner – wer auch immer sie sein mochten – hatten mich dort erwischt, wo es wirklich wehtat. Sie hatten mir die Liebe meines Lebens geraubt.

Ein Knurren kam aus meiner Kehle. Tief aus der Brust. Gebrochen. Zersplittert.

Wie ein Schrei, den ich mir nicht gestatten wollte.

Beruhigend legten sich Hände auf meine Schultern. Tröstende Gesten sollten sie sein, aufmunternd. Einfach nur zeigen, wir sind da. Für dich, in deiner schwärzesten Stunde.

Doch es änderte nichts. Der Schmerz blieb. Ebenso die Trostlosigkeit und all die Wut und der Hass.

Sie waren alle gekommen. Freunde. Meine Männer. Mit ihren Frauen. Auch Fabia, meine Assistentin, stand hinter mir, um mir heute beizustehen.

Die kleine Truppe, die im Halbkreis vor dem Eingang in unsere Gruft stand, fiel hier auf dem Santa Maria de Gesù gar nicht weiter auf. Sie verlor sich regelrecht zwischen den ockerfarbenen, verwitterten Gruften des Friedhofes, die wie kleine Palazzi aussahen. Des ältesten in Palermo, von dem man sagte, er sei den Reichen und Adligen vorbehalten, und tatsächlich lagen hier etliche bedeutende Persönlichkeiten bestattet. Auch viele Mafia-Größten.

Irgendwann würde auch ich hier liegen, dann endlich wieder an der Seite von Livia. Eine Ahnung sagte mir, das könnte schneller gehen, als manche dachten. Keiner meiner Männer, auch meine Freunde ahnten nicht, was ich plante.

Am Tag, als Livia starb, hatte ich einen Schwur geleistet.

Sizilien würde brennen. Blut würde fließen. Mein Rachefeldzug würde alle vernichten, die an ihrem Tod schuld hatten, und ich würde niemanden verschonen. Schon jetzt hatte ich Mühe, die Dunkelheit und das Monster in mir zu zügeln, aber wäre es erst einmal entfesselt, käme es wie die Apokalypse über sie.

Wind kam auf. Er peitschte mir den Regen nun direkt ins Gesicht. Meine Sicht verschwamm noch mehr, ich blinzelte. Dankbar, so sah niemand die Tränen. Ich musste sie nicht mehr zurückhalten ich konnte sie einfach laufen lassen. Ich konnte sie mir endlich gestatten.

Murmeln um mich herum, sie sprachen mit dem Pfarrer ein Gebet. Meine Lippen blieben stumm. Die Zeit zu beten war lange für mich vorbei, und jetzt hatte ich noch weniger einen Grund für Frömmigkeit und Glauben, als je zuvor in meinem Leben.

Amen sagten sie. Ich schloss die Augen. Da saß ein Würgen in meiner Kehle, wie ich es noch nie gespürt hatte. Ich hielt es krampfhaft zurück.

Die Zeremonie näherte sich dem Ende. Der Sarg war schon in der Gruft, nun wurde noch ein abschließender Segen gesprochen, dann wurde der Eingang verschlossen. Bis zum nächsten Mal.

Es gab nur noch mich. Nicht die die Kinder, über die Livia und ich fabuliert hatten, als sie mir den Antrag gemacht hatte. Keinen Kronprinzen, auch keine kleine Principessa.

Nur mich. Und wenn ich mit meiner Rache durch war, wäre ich derjenige, der bei der nächsten Beerdigung dort drinnen bestattet wurde.

Mein Leben hatte keinen Sinn mehr. Ich existierte nur noch für die Rache. Und danach? Da kam dann das Ende. Für mich. Für die Moretti.

Amen, grollte es nun spöttisch in meinen Gedanken. Ich schluckte hart und öffnete meine Augen wieder, blinzelte in den Regen.

Es kam Bewegung in meine Begleiter. Blicke trafen mich. Fragend. Auffordernd. Besorgt.

Auch die ignorierte ich, bis Carlo, der Don von Catania und einer meiner besten Freunde, an mich herantrat. „Kommst du mit? Wir wollen uns zusammensetzen. Ein wenig reden. Der Toten gedenken.“

Von der anderen Seite trat Cinzia an mich heran, die Frau meines Freundes Paolo. Tränen in den Augen. „Das ist so schlimm“, schluchzte sie mitfühlend. „Ich habe Livia nur einmal gesehen, auf der Gala in Rom. Aber ich mochte sie sofort. Ich dachte, wir könnten Freundinnen werden, wenn wir uns näher kennenlernen …“

So ging es ewig und drei Tage weiter.

Alessio, mein Consigliere und seine Frau Grazia.

Paolo. Rosario. Letizia. Antonella. Fabia. Nico und Micio, und all meine anderen Wachen und Leibwächter.

Ich hielt es nicht mehr aus. Es erdrückte mich.

Wortlos wandte ich mich ab, ließ sie einfach stehen. Beinahe im Laufschritt hetzte ich durch den Regen, zurück zu meinem Wagen. Dem Maserati, wegen dem es zwischen Liv und mir zum Streit gekommen war. Ich warf mich hinter dem Lenkrad in den Schalensitz, und noch bevor mir jemand folgen konnte, floh ich regelrecht vom Friedhof.

Der Motor röhrte auf, als ich die 550 PS des Grantourismo über die Straße jagte. Rücksichtslos raste ich durch Palermo, wie gefangen in dem Tunnel aus Schmerz und Verzweiflung, der mich beherrschte. Als ich aus der Stadt raus war, gab ich noch mehr Gas. So schnell es ging, preschte ich zu meinem Castello zurück.

Das imposante, herrschaftliche Gebäude war in die Felsen des Capo Zafferano gebaut, teilweise in die Felsen geschlagen – wie das Verlies, das mein Ziel war. Denn dort warteten sie auf mich. Zwei Informanten von Leo Canzone. Livias ehemaligen Ausbilder bei CIA, der Mann, der sie Undercover zu mir geschickt hatte. Mein Freund aus Kindertagen, jetzt einer meiner größten Feinde.

Ich war mir sicher, dass er derjenige war, der Liv auf dem Gewissen hatte.

Die beiden waren die ersten, die ich mir geschnappt hatte, um sie auszuquetschen. Keine CIA-Leute, aber solche, die sich für Leo umhörten und Informationen an ihn verkauften. Ich würde schnell aus ihnen rauskriegen, was sie ihm über mich und Livia verraten hatten.

Doch das war erst der Anfang. Eine Einstimmung auf das, was noch folgen würde, um ihren Tod zu rächen. Und wenn es beendet war, wäre niemand mehr übrig. Auch ich nicht. Aber so sollte es sein. So war es gut. So wollte ich es.

Ich würde Livia folgen und neben ihr in der Gruft liegen. Und vielleicht fanden wir im Jenseits das Glück, das uns hier in diesem Leben nicht vergönnt war …