Kapitel 01: Zwischen den Zeilen
Der Radiergummi in Lenas Hand war bis auf einen winzigen Stummel abgenutzt. Wieder löschte sie eine Linie ihres Kolosseums aus – der Schatten am Bogen stimmte nicht. Während um sie herum Handys unter den Tischen leuchteten und Zettelchen wanderten, kritzelte sie die Ruinen Roms in die Ränder ihres Geschichtshefts.
„Die Triumvirate markierten das Ende der römischen Republik, wie wir sie kannten.” Herr Jansens Stimme schnitt durch das träge Gemurmel der sechsten Stunde. Ein paar Köpfe hoben sich lustlos.
Lena hörte auf zu zeichnen. Crassus, Pompeius, Caesar – sie kannte ihre Namen wie die ihrer eigenen Familie. In ihren Träumen wandelte sie durch das Forum Romanum, hörte den Lärm der Händler, roch Weihrauch und Pferdeschweiß. Real war dagegen dieser Klassenraum mit seinen fleckigen Tischen und der surrenden Neonröhre.
„Fünfzig Jahre später war Augustus der unumschränkte Herrscher des größten Reiches der Antike.” Herr Jansen pausierte, sein Blick wanderte über die Klasse. „Was glaubt ihr, wie sich das angefühlt hat? Für einen Menschen, plötzlich über die halbe bekannte Welt zu herrschen?”
Schweigen. Jemand tippte auf seinem Handy.
„Überfordernd”, sagte Lena, bevor sie sich bremsen konnte. Alle drehten sich zu ihr um. Ihr Gesicht wurde warm. „Also... stellt euch vor, ihr müsst Entscheidungen treffen, die Millionen von Menschen betreffen. Menschen, die ihr nie seht, in Ländern, die ihr nie besucht habt.”
Ein Junge in der hinteren Reihe grinste. „Ach so, wie ein Instagram-Influencer.”
Gelächter brandete auf. Lena rutschte tiefer in ihren Stuhl.
Herr Jansen wartete, bis es wieder still war. „Interessanter Vergleich, Tim. Aber Augustus hatte keine Likes und Follower. Er hatte Legionen und Provinzen. Wer weiß, was das bedeutet?”
Die Stunde endete mit dem schrillen Klingeln. Während ihre Mitschüler zur Tür drängten, packte Lena langsam ihre Sachen. Ihr Heft blieb aufgeschlagen – das halbfertige Kolosseum starrte sie an.
„Lena?”
Sie blickte auf. Herr Jansen stand vor ihrem Tisch, die Arme verschränkt.
„Das war eine durchdachte Antwort vorhin.”
Sie zuckte mit den Schultern. „Die anderen denken, ich bin seltsam.”
„Die anderen sehen nur Jahreszahlen und Namen. Du siehst Menschen.” Er setzte sich auf die Tischkante. „Warst du schon mal in Rom?”
„Nein. Aber...” Sie zögerte. Es klang verrückt, wenn sie es aussprach. „Manchmal träume ich davon. Ich laufe durch die Straßen, wie sie vor zweitausend Jahren waren. Als ob ich mich erinnere, obwohl ich nie da war.”
Herr Jansen nickte nachdenklich. „Vielleicht ist das Geschichte. Nicht nur Fakten lernen, sondern sich hineinversetzen. Fühlen, wie es gewesen sein muss.”
Das Handy in Lenas Tasche summte. Ihre Mutter.
„Du musst los”, sagte Herr Jansen. „Aber denk über die Klassenfahrt nach. Zwei Wochen Rom sind anders, wenn man es mit eigenen Augen sieht.”
Auf dem Schulhof nahm Lena den Anruf an.
„Schatz, ich hab die Papiere für diese Italien-Reise bekommen.” Ihre Mutters Stimme klang angespannt. „Das ist viel Geld. Und so weit weg... zwei Wochen sind so lang.”
„Mama, bitte.” Lena blieb vor dem schwarzen Brett stehen. Ein bunter Flyer verkündete: Klassenfahrt Rom - Zwei Wochen auf den Spuren der Antike. „Es ist Geschichte. Echte Geschichte.”
„Du kannst das auch in Büchern lernen.”
„Das ist nicht dasselbe.” Lena berührte das Foto des Pantheons auf dem Flyer. „Es ist wie... wie der Unterschied zwischen einem Foto von Oma und Oma selbst. Das eine ist nur ein Bild.”
Clara seufzte. „Du bist sechzehn. Du solltest dich für andere Dinge interessieren. Jungs, Musik, normale Sachen.”
Normal. Lena hasste dieses Wort. Als ob ihre Träume von antiken Säulen und verfallenen Tempeln etwas Krankes wären.
„Ich überlege es mir”, log sie.
Nach dem Gespräch blieb sie vor dem Brett stehen. Um sie herum sammelten sich ihre Klassenkameraden.
„Rom! Party-Zeit!“, rief jemand.
„Hoffentlich gibt es guten WLAN in dem Hotel.”
„Zwei Wochen Italien – ich pack nur Kleider für die Clubs ein.”
Lena wandte sich ab. Sie verstand ihre Klassenkameraden nicht, genau wie sie sie nicht verstanden. Für sie war Rom Instagram-Material. Für Lena war es ein Tor in eine andere Zeit.
„Du kommst doch mit, oder?” Sarah, ihre Sitznachbarin, stieß sie an. „Wird bestimmt lustig.”
„Lustig.” Lena nickte mechanisch. Aber lustig war nicht das richtige Wort für das, was sie suchte. Sie suchte etwas anderes. Etwas, das sie nicht benennen konnte, aber in ihren Träumen spürte.
Sie wollte nach Hause gehen, als sie Herr Jansens Stimme hörte.
„Die Ewige Stadt”, sagte er zu Frau Weber, der Deutschlehrerin, die auch mitkommen würde. „Wenn du einmal dort warst, lässt sie dich nie wieder los. Als ob die Steine selbst Geschichten erzählen.”
„Du warst schon oft dort?“, fragte Frau Weber.
„Sechsmal. Aber zwei Wochen sind perfekt – da können wir wirklich in die Geschichte eintauchen, nicht nur die Oberfläche ankratzen.”
Lena blieb stehen. Plötzlich wusste sie, dass sie fahren würde. Egal was ihre Mutter sagte. Egal wie ihre Klassenkameraden sie ansahen.
Rom wartete auf sie. Sie spürte es in ihren Knochen.
Zwei Wochen später stand Lena vor ihrem geöffneten Kleiderschrank und starrte auf das Chaos aus Klamotten, das sie auf ihr Bett geworfen hatte. Der rote Koffer, den ihre Mutter aus dem Keller geholt hatte, gähnte sie leer an. In drei Tagen würde sie im Flugzeug nach Rom sitzen.
„Lena, was machst du denn da?” Clara ihre Mutter erschien in der Tür, eine Tasse Kaffee in der Hand. Ihr Blick wanderte über die Kleiderberge. „Das sieht aus, als würdest du für ein Jahr wegfahren.”
„Es sind zwei Wochen, Mama. Ich weiß nicht, was ich mitnehmen soll.” Lena hielt ein schwarzes Kleid hoch, dann eine Jeans. „Was zieht man in Rom an? Zum Kolosseum? Ins Restaurant?”
Ihre Mutter setzte sich auf den Rand des Betts und räumte ein paar T-Shirts zur Seite. „Bequeme Schuhe. Das ist das Wichtigste. Du wirst viel laufen.”
„Mama...” Lena zögerte. „Du warst noch nie in Rom, oder?”
„Nein. Dein Vater und ich, wir sind nie weit gereist.” ihre Mutter berührte den Koffer, ihre Finger glitten über den abgenutzten Stoff. „Das war mein Koffer, als ich mit deinem Vater zusammengezogen bin. Mehr als bis nach Hamburg ist er nie gekommen.”
Lena sah ihre Mutter an. Sie wirkte plötzlich kleiner, verletzlicher. „Bereust du das?”
„Was?”
„Dass ihr nie weit weg wart. Dass ihr nie... Abenteuer hattet.”
Ihre Mutter lächelte, aber es erreichte ihre Augen nicht. „Man kann nicht alles haben im Leben, Schatz. Ihr beiden wart unser Abenteuer.”
„Ihr beiden?” Lena runzelte die Stirn.
„Dein Bruder und du.” Ihre Mutter stand schnell auf. „Pack warme Sachen ein. April in Italien kann kühl sein.”
Sie verließ das Zimmer, bevor Lena nachfragen konnte. Ihr Bruder? Sie hatte nie einen Bruder gehabt. Oder doch? Manchmal, in den verschwommenen Erinnerungen ihrer frühen Kindheit, glaubte sie sich an eine andere Stimme zu erinnern, an ein Lachen, das nicht ihr eigenes war.
Ihr Handy summte. Eine Nachricht von Mia, ihrer besten Freundin.
Kommst du heute noch vorbei? Hab Neuigkeiten!
Lena schob die Verwirrung beiseite. Mia war das perfekte Gegenmittel gegen ihre grüblerischen Gedanken.
Eine Stunde später saß sie in Mias Zimmer, das aussah wie der Showroom eines Modegeschäfts. Mia hatte jeden Trend der letzten fünf Jahre gesammelt und sorgfältig in ihren begehbaren Kleiderschrank einsortiert.
„Rom!” Mia sprang auf ihrem Bett auf und ab wie ein kleines Kind. „Du fliegst wirklich nach Rom! Zwei ganze Wochen! Ich bin so neidisch.”
„Du könntest mitkommen”, sagte Lena. „Es ist eine Klassenfahrt, nicht meine private Reise.”
„Mit euren Geschichtsnörds? Nein danke.” Mia warf sich dramatisch aufs Bett. „Ich will nach Rom, um zu shoppen, nicht um alte Steine anzugucken.”
„Es sind nicht nur alte Steine, Mia. Es ist—”
„Geschichte, ich weiß.” Mia verdrehte die Augen. „Du und deine alten Römer. Manchmal denke ich, du wärst lieber damals geboren.”
Lena schwieg. Manchmal dachte sie das auch.
„Aber das ist nicht das Einzige, warum ich so aufgeregt bin”, fuhr Mia fort. „Stell dir vor – Herr Jansen wird dabei sein. Zwei Wochen, Rom, romantische Atmosphäre...”
„Was soll das heißen?”
Mia grinste verschmitzt. „Komm schon, Lena. Tu nicht so, als wärst du blind. Der Typ ist heiß. Für einen Lehrer.”
Lenas Wangen wurden warm. „Er ist unser Lehrer, Mia.”
„Nicht mehr lange. In zwei Monaten haben wir Abi. Dann ist er nur noch ein gutaussehender Mann, der zufällig mal unser Lehrer war.”
„Das ist völlig absurd.” Lena stand auf und ging zum Fenster. „Außerdem ist er viel zu alt für mich.”
„Wie alt ist er denn? Dreißig? Zweiunddreißig? Das sind nur vierzehn Jahre Unterschied.”
„Sechzehn”, korrigierte Lena automatisch, dann biss sie sich auf die Zunge.
„Aha!” Mia sprang auf. „Du hast es also schon ausgerechnet. Interessant.”
„Habe ich nicht.”
„Lena Marie Hoffmann, ich kenne dich seit der fünften Klasse. Du wirst rot, wenn du lügst.” Mia stellte sich vor sie. „Du stehst auf ihn.”
„Tue ich nicht.”
„Doch, tust du. Und weißt du was? Das ist völlig okay. Er ist intelligent, leidenschaftlich, sieht gut aus... Ich kann verstehen, warum du auf ihn stehst.”
Lena starrte aus dem Fenster. Unten spielten Kinder auf der Straße Fußball. So einfach war das Leben als Kind gewesen. Schwarz und weiß, richtig und falsch.
„Selbst wenn”, sagte sie leise, „es wäre völlig aussichtslos.”
„Warum?”
„Weil ich sechzehn bin und er mein Lehrer. Weil es falsch wäre. Weil er mich wahrscheinlich für ein dummes Kind hält.”
„Du bist nicht dumm. Und du bist auch kein Kind mehr.” Mia legte eine Hand auf ihre Schulter. „Lena, du bist anders als der Rest von uns. Reifer. Nachdenklicher. Vielleicht sieht er das auch.”
„Das ist Wunschdenken.”
„Oder Hoffnung.” Mia lächelte. „Und Rom ist die perfekte Stadt für Hoffnungen.”
An dem Abend, als Lena nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in der Küche beim Abwaschen. Clara schrubbte einen Teller, als wollte sie ein Loch hineinreiben.
„Mama? Alles okay?”
Clara zuckte zusammen. „Ja, natürlich. Wie war’s bei Mia?”
„Gut.” Lena zögerte. „Mama, vorhin hast du was von einem Bruder gesagt.”
Claras Hände erstarrten. Der Teller rutschte ihr aus den Fingern und klirrte ins Spülbecken.
„Habe ich das?”
„Ja. Du hast gesagt, wir beide wären euer Abenteuer gewesen. Ihr beiden.”
Clara drehte sich nicht um. „Ich habe mich versprochen.”
„Mama.”
„Lena, bitte.”
„Hatte ich einen Bruder?”
Die Stille zog sich so lange hin, dass Lena schon dachte, ihre Mutter würde gar nicht antworten. Dann drehte Clara sich um. Ihre Augen waren rot.
„Hattest. Vergangenheit.”
Lenas Herz setzte einen Schlag aus. „Was ist passiert?”
„Er war zwei Jahre älter als du. Felix.” Clara setzte sich schwer auf einen Küchenstuhl. „Er ist gestorben, als du vier warst.”
„Woran?”
„Leukämie. Wir haben zwei Jahre lang gekämpft, aber...” Clara wischte sich über die Augen. „Du warst zu klein, um es zu verstehen. Du hast nach ihm gefragt, monatelang. Wir haben dir gesagt, er sei auf eine lange Reise gegangen.”
Lena sank auf den Stuhl gegenüber. Plötzlich ergaben die Puzzlestücke ihrer Kindheit einen Sinn. Das zweite Bett in ihrem Zimmer, das eines Tages verschwunden war. Die Fotos auf dem Kaminsims, die weniger geworden waren. Die Art, wie ihre Eltern manchmal verstummten, wenn sie unbeschwert lachte.
„Warum habt ihr es mir nie erzählt?”
„Was hätte es gebracht?” Claras Stimme war brüchig. „Du warst glücklich. Warum sollten wir dir diese Last aufbürden?”
„Weil es meine Geschichte ist. Weil er mein Bruder war.”
„Er war dein Ein und Alles”, flüsterte Clara. „Du hast ihn angehimmelt. Bist ihm überall hin nachgelaufen. Und als er krank wurde...” Sie schluchzte auf. „Du hast nicht verstanden, warum er nicht mehr mit dir spielen wollte. Warum er so dünn wurde, warum seine Haare ausfielen.”
Lena griff nach ihrer Mutters Hand. „Es tut mir leid.”
„Mir auch. Jeden Tag.” Clara drückte ihre Hand. „Vielleicht ist das der Grund, warum ich Angst habe, dich nach Rom fahren zu lassen. Ich habe schon ein Kind verloren. Ich könnte es nicht ertragen, dich auch zu verlieren.”
„Du verlierst mich nicht, Mama. Es sind nur zwei Wochen.”
„Ich weiß. Aber trotzdem.” Clara lächelte durch ihre Tränen. „Du bist alles, was mir geblieben ist.”
In dieser Nacht lag Lena lange wach und starrte an die Decke. Felix. Sie hatte einen Bruder gehabt. Langsam kamen Erinnerungsfetzen zurück – ein Junge mit dunklen Locken, der ihr vorlas. Eine Stimme, die ihr Geschichten über Ritter und Prinzessinnen erzählte. Warme Arme, die sie trösteten, wenn sie Alpträume hatte.
War das der Grund für ihre Faszination für Geschichte? Weil Felix ihr die ersten Geschichten erzählt hatte?
Am nächsten Morgen war ihre Mutter bereits zur Arbeit gefahren, als Lena aufwachte. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel:
Schatz, der Koffer ist gepackt. Hab dir das Wichtigste eingepackt. Vergiss nicht, deine Medikamente mitzunehmen. Und ruf mich jeden Tag an. Ich liebe dich. Mama
Lena ging in ihr Zimmer. Der rote Koffer war ordentlich gepackt und zugezippt. Neugierig öffnete sie ihn. Ihre Mutter hatte praktische Sachen eingepackt – Jeans, bequeme Pullover, ihre neue Windjacke. Ganz unten lag etwas, das sie nicht erwartet hatte.
Ein kleines, abgegriffenes Buch. “Römische Sagen für Kinder”. Auf der ersten Seite stand in kindlicher Schrift: “Für Lena, von Felix. Auf dass deine Träume dich in ferne Länder führen.”
Sie drückte das Buch an ihre Brust und spürte, wie ihr die Tränen kamen. Felix hatte ihr die ersten Geschichten über Rom erzählt. Er war der Grund, warum sie die Antike liebte.
Ihr Handy klingelte. Mia.
„Na, bereit für dein großes Abenteuer?”
„Mehr als bereit”, sagte Lena und wischte sich die Tränen ab. „Ich glaube, das wird eine Reise, die alles verändert.”
Sie konnte nicht ahnen, wie recht sie behalten sollte.
Am Morgen der Abfahrt herrschte Chaos am Hamburger Flughafen. Vierzig Schüler, sechs Koffer pro Person und drei gestresste Lehrer – das Rezept für ein Desaster. Lena stand etwas abseits von der Gruppe und beobachtete das Treiben.
Herr Jansen wirkte entspannt, obwohl um ihn herum das organisierte Chaos tobte. Er trug Jeans und ein dunkelblaues Polohemd, und ohne den formellen Schulkontext sah er jünger aus. Zugänglicher.
Frau Weber, die Deutschlehrerin, schimpfte gerade mit ein paar Jungen, die ihre Koffer nicht richtig gepackt hatten. Sie war um die vierzig, praktisch und direkt – das komplette Gegenteil zu Herrn Jansens ruhiger Art.
„Hast du Angst vorm Fliegen?” Sarah gesellte sich zu ihr.
„Nein.” Lena sah zu, wie Herr Jansen einem Schüler half, dessen Koffer zu schwer war. „Eher aufgeregt.”
„Du siehst aus, als würdest du zur eigenen Hinrichtung gehen.”
Lena lächelte schief. „So fühle ich mich auch ein bisschen.”
„Wegen Rom oder wegen der Gesellschaft?”
„Beidem.”
Das Boarding begann. Lena hatte einen Gangplatz in der Mitte des Flugzeugs ergattert. Zwei Reihen vor ihr saß Herr Jansen und las in einem Buch. Sie konnte den Titel erkennen: “Rom – Die Biographie einer Weltstadt”.
„Natürlich liest er auch im Flugzeug noch über Rom”, murmelte Tim, der neben ihr saß.
„Findest du das seltsam?”
„Findest du es nicht seltsam? Der Typ lebt, atmet und träumt Geschichte.”
Lena dachte an ihr eigenes Exemplar von “Römische Sagen”, das in ihrem Handgepäck lag. „Vielleicht ist das seine Art zu reisen. Sich schon vorher in das Land hineinzuversetzen.”
Tim zuckte mit den Schultern und setzte seine Kopfhörer auf. Lena lehnte sich zurück und schloss die Augen. In wenigen Stunden würde sie in der Stadt ihrer Träume sein.
Der Anflug auf Rom war atemberaubend. Die ewige Stadt breitete sich unter ihnen aus wie ein riesiges Museum unter freiem Himmel. Lena drückte ihr Gesicht an die kleine Fenster und suchte nach bekannten Umrissen – dem Kolosseum, dem Petersdom, den Ruinen des Forum Romanum.
„Beeindruckend, nicht wahr?”
Sie drehte sich um. Herr Jansen stand im Gang und blickte über ihre Schulter hinaus.
„Es ist...” Sie suchte nach Worten. „Es ist, als würde ich nach Hause kommen.”
Er sah sie überrascht an. „Das ist eine interessante Art, es zu beschreiben.”
„Klingt das verrückt?”
„Nein.” Seine Stimme war warm. „Es klingt nach jemandem, der versteht, was Geschichte wirklich bedeutet.”
Das Flugzeug setzte zur Landung an, und Herr Jansen ging zurück zu seinem Platz. Aber Lena spürte noch lange seinen Blick auf sich.
Rom umfing sie wie eine warme Umarmung. Die Luft roch nach Abgasen und Pinienbäumen, nach Geschichte und Leben. Der Bus vom Flughafen schlängelte sich durch die chaotischen Straßen, vorbei an antiken Säulen, die zwischen modernen Gebäuden hervorragten, als wären sie vergessen worden.
„Unser Hotel liegt in der Nähe des Pantheons”, erklärte Herr Jansen über das Mikrofon. „Wir checken ein, ruhen uns eine Stunde aus, und dann machen wir unseren ersten Rundgang. Denkt daran – wir haben zwei volle Wochen hier. Wir werden alles sehen.”
Lena hörte nur halb zu. Sie war hypnotisiert von der Stadt, die an ihr vorbeizog. Jeder Stein schien eine Geschichte zu erzählen. Jede Ecke versprach ein Abenteuer.
Das Hotel war ein charmantes kleines Haus mit hohen Decken und Marmorbädern. Lena teilte sich ein Zimmer mit Sarah und zwei anderen Mädchen. Während die anderen ihre Koffer auspacken und über die Pläne für den Abend sprachen, stellte sich Lena ans Fenster.
Von hier aus konnte sie die Kuppel des Pantheons sehen. Das Gebäude, das seit fast zweitausend Jahren unverändert dort stand. Hadrian hatte es erbaut, der Kaiser-Philosoph. Ein Mann, der die Welt bereist und Städte gegründet hatte.
„Kommst du mit zum Abendessen?“, fragte Sarah.
„Gleich”, antwortete Lena, ohne sich umzudrehen.
Sie hörte, wie die anderen das Zimmer verließen. Die Stille tat gut. Zum ersten Mal seit Stunden konnte sie richtig atmen.
Ein Klopfen an der Tür.
„Sarah, ich komme ja schon!“, rief sie und öffnete.
Es war nicht Sarah. Herr Jansen stand vor ihrer Tür, die Hände in den Taschen.
„Entschuldigung”, sagte er. „Ich wollte nur sichergehen, dass alles in Ordnung ist. Du warst beim Abendessen nicht dabei.”
„Ich... ich wollte nur einen Moment für mich.”
„Verstehe ich.” Er zögerte. „Rom kann überwältigend sein beim ersten Mal.”
„Sie waren schon mal hier?”
„Mehrmals. Aber jedes Mal ist es anders. Jedes Mal entdecke ich etwas Neues.”
Sie standen schweigend da, getrennt durch die Türschwelle, aber verbunden durch ihre gemeinsame Leidenschaft.
„Möchten Sie reinkommen?“, fragte sie impulsiv.
Er schüttelte den Kopf. „Das wäre nicht angemessen.”
Natürlich. Er war ihr Lehrer. Sie war seine Schülerin. Da gab es Grenzen.
„Aber”, fügte er hinzu, „wenn Sie möchten, können wir morgen früh zusammen zum Pantheon gehen. Bevor die anderen wach sind. Es ist um die Zeit noch ruhig.”
Lenas Herz machte einen Sprung. „Das würde ich gerne.”
„Sieben Uhr in der Lobby?”
„Sieben Uhr.”
Er lächelte und ging. Lena schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Zimmer eine zweite Tür hatte – eine Verbindungstür zu dem Zimmer nebenan. Neugierig ging sie hin und lauschte. Auf der anderen Seite hörte sie Herrn Jansen telefonieren.
„Ja, wir sind gut angekommen... Nein, die Schüler sind müde, aber begeistert... Zwei Wochen sind perfekt, um wirklich in die Geschichte einzutauchen...”
Seine Stimme war gedämpft, aber warm. Lena spürte ihr Herz rasen und wusste, dass es nicht nur an der aufregenden Stadt lag.
Rom begann bereits, alles zu verändern.
Lena lag lange wach in dieser ersten Nacht. Das fremde Bett, die ungewohnten Geräusche der Stadt, die durch die Fenster drangen, und vor allem die Aufregung über den morgigen Tag hielten sie vom Schlaf ab. Neben ihr schnarchte Sarah leise, und von der anderen Seite des Zimmers kam das gleichmäßige Atmen ihrer beiden anderen Zimmergenossinnen.
Aber was sie wirklich beschäftigte, war das Wissen, dass nur eine dünne Wand sie von Herrn Jansen trennte. Mehrmals glaubte sie, Schritte zu hören, das Knarren von Dielen. War er auch wach? Dachte er an morgen früh, an ihren geplanten Gang zum Pantheon?
Um halb sechs gab sie auf. Leise stand sie auf, zog sich an und schlich aus dem Zimmer. Der Hotelflur war in warmes, gedämpftes Licht getaucht. Sie ging zur Lobby hinunter, wo sie einen der wenigen Sessel in der Nähe des Fensters fand. Rom erwachte langsam. Erste Arbeiter fuhren auf Motorrollern vorbei, ein alter Mann öffnete einen kleinen Café gegenüber dem Hotel.
„Du bist früh dran.”
Sie fuhr zusammen. Herr Jansen stand hinter ihr, bereits angezogen, eine kleine Kamera um den Hals.
„Ich konnte nicht schlafen”, gestand sie.
„Das erste Mal in Rom?” Er setzte sich in den Sessel neben sie. „Das geht vielen so. Die Stadt hat etwas Magisches.”
„Waren Sie auch wach?”
Er lächelte. „Ich bin um fünf aufgestanden. Alte Gewohnheit. Ich nutze die frühen Morgenstunden gern, um eine Stadt zu erkunden, bevor der Touristenrummel beginnt.”
Sie saßen schweigend da und beobachteten, wie Rom zum Leben erwachte. Lena spürte eine eigenartige Vertrautheit zwischen ihnen, als wären sie alte Freunde statt Lehrer und Schülerin.
„Sollen wir?“, fragte er schließlich.
Das Pantheon lag nur wenige Gehminuten entfernt. Die Straßen waren noch fast leer, nur vereinzelte Jogger und Hundebesitzer waren unterwegs. Die Morgensonne tauchte die alten Steine in goldenes Licht.
„Da ist es”, sagte Herr Jansen, als sie um eine Ecke bogen.
Lena blieb stehen. Vor ihr erhob sich das Pantheon, majestätisch und zeitlos. Die gewaltigen Säulen, die kreisrunde Rotunde mit ihrer berühmten Kuppel – es war genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte, und doch völlig anders.
Es ist...” Sie suchte nach Worten.
„Überwältigend?”
„Vertraut”, sagte sie überrascht. „Als hätte ich es schon einmal gesehen. Nicht auf Fotos. In echt.”
Herr Jansen sah sie nachdenklich an. „Manchmal haben Menschen eine besondere Verbindung zu bestimmten Orten. Als würden sie dorthin gehören.”
Sie gingen näher heran. Das Pantheon öffnete erst um halb neun, aber schon jetzt war es beeindruckend, die massive Fassade zu betrachten.
„Hadrian hat es erbaut”, sagte Lena leise. „Allen Göttern geweiht.”
„Du kennst die Geschichte.”
„Mein Bruder hat sie mir erzählt.” Die Worte rutschten ihr heraus, bevor sie nachdenken konnte.
„Dein Bruder?”
Lena zögerte. Sie hatte noch niemandem von Felix erzählt, außer ihrer Mutter. Aber hier, in der Morgenstille vor diesem uralten Tempel, schienen die normalen Regeln nicht zu gelten.
„Er ist gestorben, als ich vier war. Felix. Er liebte Geschichte genauso wie... wie Sie. Er hat mir Geschichten über Rom erzählt.”
Herr Jansens Gesicht wurde weich. „Es tut mir leid. Das wusste ich nicht.”
„Meine Eltern reden nicht darüber.” Sie berührte die warmen Steine des Pantheons. „Manchmal denke ich, er ist der Grund, warum ich mich so für die Antike interessiere. Als würde ein Teil von ihm in mir weiterleben.”
Sie standen schweigend vor dem alten Tempel. Um sie herum wurde die Stadt langsam lebendiger, aber es schien, als existierten sie in einer eigenen kleinen Blase aus Geschichte und geteilter Stille.
„Wollen Sie wissen, was das Besondere am Pantheon ist?“, fragte Herr Jansen schließlich.
Lena nickte.
„Es ist das einzige antike Gebäude in Rom, das praktisch unverändert erhalten ist. Wenn wir gleich hineingehen, stehen wir in demselben Raum, in dem vor zweitausend Jahren römische Bürger ihren Göttern geopfert haben. Derselbe Raum, dieselben Wände, dieselbe Kuppel.”
„Das ist unglaublich.”
„Und weißt du, was noch unglaublicher ist?” Seine Stimme wurde leiser, intimer. „Die Kuppel ist immer noch die größte unbewehrte Betonkuppel der Welt. Zweitausend Jahre alt, und moderne Ingenieure rätseln immer noch, wie die Römer das geschafft haben.”
Lena sah zu ihm auf. In dem warmen Morgenlicht sah er jünger aus, zugänglicher. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung, und sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Sie lieben das wirklich”, sagte sie.
„Was?”
„Geschichte. Rom. Das alles.”
„Ja.” Er lächelte. „Manche Leute denken, das macht mich zu einem Sonderling.”
„Mich auch.”
Sie sahen sich an, und für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Dann hörten sie Stimmen und Schritte. Die ersten Touristen kamen.
„Wir sollten zurück”, sagte Herr Jansen. „Die anderen werden bald zum Frühstück aufwachen.”
Auf dem Rückweg zum Hotel sprachen sie über alles und nichts – über die Architektur der Gebäude, an denen sie vorbeikamen, über das Leben im antiken Rom, über ihre Lieblingsbücher. Lena vergaß völlig, dass er ihr Lehrer war. Er war einfach ein Mensch, der ihre Leidenschaft teilte.
„Danke”, sagte sie, als sie das Hotel erreichten.
„Wofür?”
„Dass Sie mir das gezeigt haben. So früh. So... ruhig.”
„Danke, dass du mitgekommen bist.” Seine Stimme war warm. „Es ist schön, Rom mit jemandem zu teilen, der es wirklich sieht.”
Im Hotel herrschte bereits reges Treiben. Frau Weber organisierte das Frühstück, während die ersten Schüler verschlafen in die Lobby kamen.
„Da seid ihr ja”, rief Frau Weber. „Herr Jansen, können Sie mal kurz... Ach, Lena, warst du schon draußen?”
„Wir waren beim Pantheon”, sagte Lena.
„So früh?” Frau Weber runzelte die Stirn.
„Die frühen Morgenstunden sind die besten, um Rom kennenzulernen”, erklärte Herr Jansen. „Bevor es zu touristisch wird.”
Sarah kam die Treppe herunter, die Haare zerzaust. „Lena? Wo warst du? Ich habe dich gesucht.”
„Entschuldigung. Ich konnte nicht schlafen.”
„Du hättest mich wecken können. Dann wären wir zusammen gegangen.”
Lena sah zu Herr Jansen hinüber, der gerade mit Frau Weber über den Tagesplan sprach. „Es war nur ein kurzer Spaziergang.”
Beim Frühstück saß sie mit den anderen Mädchen aus ihrem Zimmer zusammen, aber ihre Gedanken wanderten immer wieder zu dem Morgenspaziergang. Zu der Art, wie Herr Jansen über Geschichte sprach, als wäre sie lebendig. Zu dem Moment, als er sie so angesehen hatte, als würde er wirklich sehen, wer sie war.
„Lena, träumst du?“, fragte Sarah.
„Was?”
„Ich habe gefragt, ob du Lust hast, heute Abend mit ein paar von uns auszugehen. Tim hat gehört, dass es hier tolle Bars gibt.”
„Ich weiß nicht.” Lena stocherte in ihrem Müsli herum. „Wir sind doch hier, um Rom kennenzulernen.”
„Genau. Das römische Nachtleben gehört dazu.”
„Das ist nicht das Rom, das mich interessiert.”
Sarah seufzte. „Du bist hoffnungslos, Lena. Manchmal denke ich, du lebst in der Vergangenheit.”
Vielleicht stimmte das sogar. Aber war das so schlimm?
Nach dem Frühstück versammelten sich alle in der Lobby für die erste offizielle Stadtführung.
„Heute beginnen wir mit dem Forum Romanum”, verkündete Herr Jansen. „Dem Herz des antiken Roms. Von dort aus werden wir zum Kolosseum gehen und den Tag mit einem Besuch der Caracalla-Thermen beenden.”
Ein paar Schüler stöhnten. Es war ein ehrgeiziges Programm.
„Denkt daran”, fügte Frau Weber hinzu, „wir haben zwei Wochen hier. Wir müssen nicht alles an einem Tag schaffen.”
„Aber das Forum ist der perfekte Einstieg”, sagte Herr Jansen. „Dort begann alles.”
Die Fahrt zum Forum war chaotisch. Vierzig Teenager in zwei Bussen durch Roms Verkehr zu navigieren grenzte an ein Wunder. Aber als sie schließlich ausstiegen und vor den Ruinen des einstigen Zentrums der Welt standen, verstummte das Geplapper.
„Stellt euch vor”, begann Herr Jansen, „hier, wo wir jetzt stehen, gingen einst Caesar, Cicero, Augustus spazieren. Hier wurden Gesetze gemacht, die die halbe Welt regierten. Hier fanden Triumphzüge statt, bei denen besiegte Feinde in Ketten vorgeführt wurden.”
Lena schloss die Augen und versuchte, es sich vorzustellen. Das Gewimmel der Menschenmassen, die Rufe der Händler, das Klappern von Pferdehufen auf Stein.
„Lena?”
Sie öffnete die Augen. Herr Jansen stand vor ihr.
„Was siehst du?”
Die anderen Schüler drehten sich zu ihr um. Sie spürte, wie ihr Gesicht rot wurde.
„Ich... ich stelle mir vor, wie es gewesen sein muss. Mit all den Menschen. Dem Lärm. Dem Leben.”
„Genau.” Seine Augen leuchteten. „Geschichte ist nicht nur Fakten und Daten. Geschichte sind Menschen. Ihre Träume, ihre Ängste, ihre Hoffnungen.”
Sie verbrachten drei Stunden im Forum. Herr Jansen führte sie zu jedem wichtigen Gebäude, erzählte Geschichten, die die alten Steine zum Leben erweckten. Lena hing an seinen Lippen. Die anderen Schüler wirkten nach der ersten Stunde gelangweilt, aber sie konnte nicht genug bekommen.
„Das war der Tempel der Vesta”, erklärte er vor den Überresten eines runden Gebäudes. „Dort brannte das ewige Feuer Roms. Die Vestalinnen hüteten es. Wenn es erlosch, bedeutete das Unglück für das ganze Reich.”
„Waren das Nonnen?“, fragte ein Mädchen.
„Priesterinnen. Sie schworen dreißig Jahre lang der Keuschheit und durften nicht heiraten. Dafür genossen sie Privilegien, die andere Frauen nicht hatten. Sie konnten Geschäfte machen, Testament verfassen, vor Gericht auftreten.”
„Klingt wie ein schlechter Deal”, murmelte Tim.
Lena dachte anders darüber. Dreißig Jahre der Unabhängigkeit, der geistigen Freiheit. Vielleicht war das gar nicht so schlecht.
Als sie am Nachmittag im Kolosseum standen, war die Sonne bereits heiß und gnadenlos. Viele der Schüler wirkten müde und schlecht gelaunt. Aber Lena war wie elektrisiert.
„Hier starben Menschen zur Unterhaltung der Massen”, sagte Herr Jansen. Seine Stimme war ernst geworden. „Das dürfen wir nicht romantisieren. Das Kolosseum ist auch ein Mahnmal für die Grausamkeit, zu der Menschen fähig sind.”
Lena stellte sich vor die Arena. Fünfzigtausend Menschen, die nach Blut schrien. Gladiatoren, die um ihr Leben kämpften. Wilde Tiere, die aus Käfigen gelassen wurden. Es war faszinierend und abstoßend zugleich.
„Lena, komm schon”, rief Sarah. „Wir machen ein Gruppenfoto.”
Aber Lena blieb stehen. Sie wollte noch einen Moment hier verweilen, die Geschichte in sich aufnehmen.
„Du kannst später noch mal wiederkommen”, sagte Herr Jansen leise neben ihr.
„Wirklich?”
„Wir haben zwei Wochen. Und manche Orte muss man allein erleben, um sie wirklich zu verstehen.”
Sie sah ihn an. „Verstehen Sie das?”
„Ich verstehe mehr, als du denkst.”
Es lag etwas in seiner Stimme, das ihr Herz schneller schlagen ließ. Etwas, das über das normale Lehrer-Schüler-Verhältnis hinausging.
Am Abend waren alle erschöpft. Die meisten Schüler zogen sich in ihre Zimmer zurück oder versammelten sich in der Hotelbar. Lena saß auf ihrem Bett und schrieb in ihr Tagebuch.
Erster Tag in Rom. Es ist noch schöner, als ich es mir vorgestellt habe. Und seltsamer. Ich fühle mich, als wäre ich schon einmal hier gewesen. Als gehörte ich hierher.
Herr Jansen hat mich heute früh zum Pantheon mitgenommen. Es war... besonders. Er sieht mich anders als die anderen Lehrer. Als würde er verstehen, was in mir vorgeht. Ist das normal? Ist es in Ordnung, dass ich...
Sie hielt inne. Dass sie was? Dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte? Dass sie sich wünschte, er wäre kein Lehrer, sie keine Schülerin?
Ein Klopfen an der Verbindungstür ließ sie aufschrecken. Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
„Lena?” Herr Jansens Stimme war gedämpft.
Sie ging zur Tür, zögerte einen Moment, dann öffnete sie.
Er stand im Türrahmen seines Zimmers, hatte sich umgezogen. Statt der formellen Kleidung trug er jetzt Jeans und ein einfaches weißes T-Shirt.
„Entschuldige die Störung”, sagte er. „Ich wollte nur fragen, ob alles in Ordnung ist. Du wirktest heute nachdenklich.”
„Alles ist in Ordnung.” Ihre Stimme klang seltsam heiser.
„Darf ich reinkommen? Nur für einen Moment.”
Sie nickte und trat zur Seite. Er kam herein, blieb aber respektvoll in der Nähe der Tür stehen.
„Wo sind deine Zimmergenossinnen?”
„Unten in der Bar. Sie wollten die römischen Jungs kennenlernen.”
Er lächelte. „Und du nicht?”
„Nein. Das ist nicht mein... das interessiert mich nicht.”
„Was interessiert dich denn?”
Sie sah ihn an. „Sie wissen es doch.”
Die Stille zwischen ihnen wurde dichter, geladener. Lena spürte, wie etwas in der Luft knisterte, etwas Gefährliches und Aufregendes.
„Lena”, sagte er leise. „Du bist eine bemerkenswerte junge Frau.”
„Ich bin sechzehn.”
„Ich weiß.” Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Glaub mir, ich weiß es.”
Sie standen sich gegenüber, und Lena spürte, wie die Welt um sie herum verschwamm. Es gab nur noch ihn, seine dunklen Augen, die Art, wie er sie ansah.
„Das hier ist...” Er schüttelte den Kopf. „Das darf nicht passieren.”
„Was?”
„Das weißt du genau.”
Stimmen im Flur ließen sie beide zusammenzucken. Herr Jansen trat schnell zurück.
„Ich sollte gehen”, sagte er.
„Warten Sie.”
„Nein, Lena. Das ist nicht richtig.” Er war schon fast an der Verbindungstür. „Wir sehen uns morgen.”
Die Tür schloss sich leise hinter ihm. Lena blieb stehen und starrte auf das weiße Holz. Ihr Herz raste, ihre Wangen brannten.
Was war gerade passiert? Und warum wünschte sie sich, dass er nicht gegangen wäre?
Draußen auf den Straßen Roms tobte das Leben weiter. Aber in ihrem Hotelzimmer war die Welt plötzlich sehr still geworden.
Die zweite Nacht in Rom war noch schlafraubender als die erste.