Kapitel 1
Die Lichter sprangen wie an jedem Morgen zur sechsten Stunde an. Kein langsamer Sonnenaufgang, keine Wärme, nur das grelle Aufblitzen der Neonstreifen in der Decke. Der Schlafsaal der Unterkunft tauchte in steriles Weiß. Wie auf Kommando richteten sich die Jugendlichen in ihren Betten auf. Ein Dutzend Reihen, jede exakt gleich: Metallrahmen, graue Decken, identische Kopfkissen. Betten wurden gleichzeitig glattgestrichen, Hände bewegten sich synchron. Kein Lachen. Kein Murmeln. Nur das Scharren von Stoff auf Metall. Nira blinzelte gegen das Licht, während ihr Herz noch träge schlug. Sie rieb sich die Augen, die von dem grellen Licht gereizt waren. Sie stand auf, richtete ihre makellose grau Uniform und stellte sich neben ihr Bett. Sie fuhr mit der Hand über ihre Decke, langsam, fast zögerlich – nicht so schnell und mechanisch wie die anderen. Ihre Finger verharrten auf dem Stoff, als müsste sie sich vergewissern, dass er echt war.
Am Ende des Saales standen die Aufseher: Androide Gestalten, hochgewachsen, mit glatten Gesichtern, die keinerlei Ausdruck kannten. Ihre Augen leuchteten blassblau, während sie jede Bewegung der Jugendlichen registrierten. Fehler gab es selten, aber wenn, wurde er sofort korrigiert, nicht durch Strafe, sondern durch diese kalten, stummen Blicke, die schwerer wogen als Worte. Die Jungen und Mädchen wussten, was das bedeutete: iRene sah alles.
iRene, die künstliche Intelligenz, die von den Menschen erschaffen wurde, um die Menschheit wieder in Ordnung zu bringen. Nach dem dritten Weltkrieg geriet die Welt außer Kontrolle. Zerstörung und Armut beherrschten einen großen Teil der Welt. So erschufen die Weltmächte eine künstliche Intelligenz, die das Chaos und die Menschen wieder in Harmonie bringen sollte. Der Plan verlief anfangs gut. Androiden wurden erschaffen, um die Städte neu aufzubauen, das Leben für die Menschen wieder ertragbar zu machen. Die KI entwickelte sich stetig und lerne immer weiter dazu, bis sie sich eines Tages verselbstständigte und jegliche Kontrolle übernahm. Den Menschen wurden jeglichr Emotionen genommen, waren ausgewechselt, wie die Maschinen selbst.
Die Androiden in den Unterkünften waren bis ins kleinste Detail programmiert und sorgten dafür, dass alles seine Ordnung hatte. Jeder Schritt, jede Bewegung, sogar jedes Blinzeln war streng getaktet – wie eine perfekt abgestimmte Choreografie, die niemals aus dem Takt geriet. Ihre Gesichter wirkten makellos glatt, fast schon unheimlich symmetrisch, und ihre Augen schimmerten in einem kalten, künstlichen Licht, das jede Regung in den Räumen erfasste. Wie Wachen standen sie an jeder Tür, starr und unnachgiebig, doch stets bereit, den geringsten Regelverstoß zu registrieren. Manche von ihnen patrouillierten durch die Gänge, ihre metallenen Schritte hallten in gleichmäßigem Rhythmus von den Wänden wider. Jeder Jugendliche wusste, dass er unter ständiger Beobachtung stand, nicht nur von den Augen der Androiden, sondern auch von den Sensoren in ihren Körpern, die jede noch so kleine Abweichung im Verhalten erfassten.
Nira war in einer Unterkunft für Kinder aufgewachsen wie alle anderen hier. Nach der Geburt wurden sie in die Unterkünfte gebracht und wuchsen dort bis ins Jungendalter auf. Die Mutter-Druiden waren für das Wohl der Neugeborenen und Kinder zuständig. Es wurde nur das nötigste durchgeführt, um das Überleben der Kinder sicher zu stellen. Die Kinder blieben dort bis sie mit dreizehn Jahren in die Jungendunterkünfte übergingen. Keines der Kinder hatte seine Eltern gekannt, geschweige denn gesehen. Es hieß, Bindungen machten schwach, Liebe brachte Unruhe, und Unruhe zerstörte Harmonie. Also gab es nur dies: Kinder ohne Vergangenheit, aufgezogen von Androiden, programmiert für Ordnung.
Der Tagesablauf war bis in die letzte Minute vorgeschrieben, ohne Spielraum, ohne Überraschungen. Am Morgen gab es stets dieselbe Mahlzeit: eine geschmacklose Portion synthetischen Breis, grau und formbar wie Kitt, die nur dazu diente, den Körper funktionsfähig zu halten. Danach folgte der Unterricht. Geschichte der alten Welt, Mathematik, Technik. Fächer, die nüchtern und mechanisch vermittelt wurden, als wäre Wissen nichts weiter als ein weiterer Code, der in die Köpfe geschrieben werden musste. Am Nachmittag standen die Pflichtstunden in Harmonie und Verhalten an. Dort wurden nicht nur Regeln wiederholt, sondern tief eingebrannt, fast wie ein unausweichliches Programm, das sich Schicht für Schicht in das Denken der Jugendlichen legte. Jede Abweichung, jeder Zweifel wurde sofort bemerkt, korrigiert, neutralisiert. Am Abend blieb ein kurzes Zeitfenster, das offiziell als Freizeit bezeichnet wurde. Doch meist bestand es aus stillem Sitzen in den Gemeinschaftsräumen, wo niemand wagte, zu laut zu sprechen, oder aus dem wiederholten Lernen des Stoffes, der ohnehin schon den ganzen Tag über allgegenwärtig gewesen war. Schließlich gingen sie zurück zu ihren Schlafräumen bis die Lichter erloschen und mit ihnen jedes Gefühl von Eigenheit. Es war nicht grausam. Nicht brutal. Nur … unendlich leer.
Nira hatte früh bemerkt, dass sie manchmal langsamer war als die anderen. Dass ihre Augen an den Fenstern hängen blieben, auch wenn sie nur die spiegelnden Fassaden der Türme sah. Dass sie zu lange über Fragen nachdachte, die man ihr im Unterricht stellte, statt einfach die Antwort zu wiederholen, die auf den Bildschirmen erschien. „Schneller, Nira“, sagte einer der Androiden, als sie ihre Decke heute Morgen glättete. Seine Stimme war gleichmäßig, ohne Vorwurf, ohne Wärme. „Routine ist Ordnung.“ Worte, die sie immer wieder hörte. „Ja“, antwortete sie leise und ihre Hände gehorchten. Sie strich ihre Decke glatt und bereitete sich mental auf den bevorstehenden Tag vor. So verlief jeder Tag in der Unterkunft. Aufstehen, essen, lernen, schlafen. Ein Leben ohne Fragen, ohne Abweichungen, ohne Familie. Alles war gleich und genau so sollte es sein.
Doch diesmal spürte Nira, dass etwas anders war. Die Aufseher sprachen leiser, ihre Bewegungen wirkten bedachter. Selbst die Mahlzeiten verliefen mit noch mehr Strenge als sonst. In den Gängen lag eine gespannte Stille, als hielte die ganze Unterkunft den Atem an. Denn heute war der Tag, an dem all das endete. Heute würden sie die Unterkunft verlassen, die Betten, die sie seit ihrer Kindheit kannten, die makellosen Gänge, die sie nie verlassen hatten. Es war kein gewöhnlicher Tag, heute war Entscheidungstag.
Mit achtzehn endete die Zeit in den Unterkünften. Doch es war kein Aufbruch in ein freies Leben, im Gegenteil. Von diesem Tag an entschied iRene über alles: Beruf, Partner, Quartier. Mit einem einzigen Beschluss wurden die Jugendlichen zu vollwertigen Einheiten der Gesellschaft erklärt, eingefügt in das präzise Geflecht der Ordnung.
Die Kontrolle hörte nicht auf, sie veränderte nur ihre Form. Selbst das Erwachsenenleben gehörte nicht den Menschen selbst, sondern blieb ein Besitz iRenes. Nach dem Entscheidungstag begann für Nira ein unerbittlicher Countdown: Zwei Jahre, bis sie sich mit dem zugewiesenen Partner fortpflanzen musste. Ein Schritt, den das System als unerlässlich betrachtete. Nicht aus Zuneigung oder dem Wunsch nach Familie, sondern allein, um die Einheit am Leben zu erhalten. Für jede Frau galt dieselbe Vorschrift: zwei Kinder. Kein weiteres, kein weniger. Sobald das zweite Kind geboren war, griff das System endgültig ein. Die Frauen wurden unfruchtbar gemacht. Ein medizinischer Eingriff, kalt und routiniert, wie das Schließen einer Akte. Es war der letzte Schnitt, der jede Möglichkeit eigener Entscheidung nahm. So war das Fortbestehen der Ordnung gesichert und jede Spur von Individualität ausgelöscht.
Am Nachmittag sammelte man sie in den Korridoren. Die Jugendlichen standen in ordentlichen Reihen, graue Uniformen frisch und glatt, die Augen nach vorne gerichtet. Niemand sprach. Niemand stellte Fragen. Die Androiden führten sie hinaus auf die Straßen. Türme aus Glas und Metall ragten über ihnen auf, spiegelten das Licht in kalten Strahlen. Drohnen summten über den Straßen, begleiteten den Zug wie stumme Wächter. Alles bewegte sich in absoluter Ordnung. Nira ging im Gleichschritt. Doch ihr Blick huschte immer wieder zur Seite, zu den Gebäuden, zu den Fenstern, hinter denen die Stadt atmete. Steril, glatt, perfekt. Sie versuchte, das Zittern ihrer Hände zu verbergen. Und da war es. Ein riesiges Gebäude. Die Hallen der Zuweisung ragten wie ein Tempel über der Stadt auf. Weißer Stein, makellose Stufen, eine Halle so hoch, dass die Stimmen darin wie in einem Dom widerhallten. Drinnen warteten Hunderte. Jugendliche aus den verschiedenen Unterkünften in Reihen, Androiden an den Wänden um sie herum postiert. Und inmitten dessen: ein Hologramm, aus Licht und Nebel geformt. Die Gestalt einer Frau, makellos, zeitlos. iRene. Ihre Stimme erfüllte den Raum, sanft und doch unerschütterlich, getragen von einer Ruhe, die keinen Widerspruch duldete.
„Heute beginnt euer Weg in Harmonie. Ihr seid Glieder einer Gemeinschaft. Jeder erfüllt seine Aufgabe. Jeder dient dem Frieden. Eure Leben sind wertvoll, weil sie nicht euch gehören, sondern allen.“
Einen Augenblick ließ sie ihre Worte im Raum verhallen, als wollte sie prüfen, ob auch der letzte Gedanke sich fügte. Dann fuhr sie fort:
„Individualität ist ein Geschenk, das wir euch nehmen, um euch etwas Größeres zu geben: Beständigkeit. Sicherheit. Frieden. In euch lebt nicht das Ich, sondern das Wir. Jeder Gedanke, jede Tat, jeder Atemzug dient dem Erhalt unserer Einheit. Darin liegt euer Sinn. Darin liegt euer Glück.“
Die Stimme wurde wärmer, fast mütterlich:
„Ihr werdet arbeiten, wo ihr gebraucht werdet. Lieben, wen ich euch an die Seite stelle. Kinder in die Welt tragen, die unser Fortbestehen sichern. Und wenn ihr eure Aufgabe erfüllt habt, wird man sich eurer erinnern, nicht als Einzelne, sondern als Teil des Ganzen.“
Dann senkte sich ihre Stimme, sanft wie ein Versprechen, und zugleich endgültig wie ein Urteil:
„Euer Weg ist vorgezeichnet. Folgt ihm ohne Zweifel, und ihr werdet Harmonie finden. Weicht ab und ihr verliert euch selbst.“
Das Hologramm flackerte einen Atemzug lang, doch die makellose Gestalt blieb, unbewegt, unnahbar. Die Halle tauchte wieder in diese drückende Stille. Die Blicke waren fest auf dem Hologramm, keiner rührte sich, fast wie in einer Trance bis iRene die Stille brach und anfing die Namen jedes Mädchens und jedes Jungen aufzurufen. Einer nach dem anderen trat vor, erhielt Beruf und Partner, verneigte sich und kehrte zurück. Alles geschah ruhig, ohne Jubel, ohne Emotion.
„Nira Evale.“
Die Stimme hallte durch die Halle. Nira trat vor, ihre Knie wirkten plötzlich schwer, doch ihre Füße bewegten sich, wie sie es sollten.
„Bestimmung: Versorgerin. Partner: Dorian Hale.“
Aus der Reihe trat ein junger Mann hervor. Dorian war groß, kräftig, mit ordentlichem Haar und Augen, die so glatt wirkten, dass sie kein Gefühl verrieten. Beim letzten Entscheidungstag wurde ihm nur eine Bestimmung zugeteilt. Bei den Jungen war dies üblich, die sie für die Mädchen des nächsten Entscheidungstages bestimmt waren. Er nickte ihr zu, korrekt, ohne Zögern. Nira erwiderte den Gruß. Dorian war ihr noch unbekannt, da sie in unterschiedlichen Unterkünften aufwuchsen. Doch sie hatte keine Möglichkeit ihn näher zu betrachten.
„Von nun an seid ihr eine Einheit“, sprach iRene. „Ihr werdet zusammenleben. Zusammenarbeiten. Vertrauen ist Pflicht.“
Die Halle schwieg. Kein Applaus erhob sich, keine Träne rollte über ein Gesicht. Alles verlief genau so, wie es vorgesehen war. Glatt, kontrolliert, emotionslos. Das Schweigen selbst wirkte wie ein Teil des Protokolls, als wäre selbst der kleinste Laut ein Verstoß gegen die Ordnung.
Nira trat zurück in die Reihe der Bestimmten und stellte sich ordentlich neben Dorian. Ihre Haltung war aufrecht, ihre Miene reglos, so wie es verlangt wurde. Doch tief in ihrer Brust, verborgen unter der glatten Maske der Ruhe, regte sich etwas anderes. Ein Herzschlag, der zu unregelmäßig schlug. Ein Zittern, das sich nicht ersticken ließ. Es war ein Gedanke, gefährlich und unerwünscht, kaum mehr als ein Flüstern in ihrem Inneren. Was, wenn diese Harmonie nicht für sie bestimmt war? Was, wenn all dies, die Ordnung, die Gleichheit, das Schweigen, nichts weiter als eine Fassade war? Für einen Moment fühlte es sich an, als hätte sie einen Schritt aus der Reihe getan, auch wenn ihr Körper still und unbeweglich blieb.