Kapitel 1: Das Dorf im Schatten der Legenden
Mein Dorf war ein Ort der Wärme. Das sagte man mir. Die Holzhäuser klammerten sich an den Hang, und der Rauch aus den Schornsteinen war wie eine Decke, die uns vor der eisigen Kälte des Nordens schützte. Doch ich, acht Jahre alt und unverbesserlich neugierig, spürte die Wärme nur am Tag. Denn wenn die Sonne unterging und die ersten Schatten wie kalte Finger über das Land strichen, wurde mein Dorf zu einem Käfig. Ein goldener, ja. Aber dennoch ein Käfig.
Jede Nacht erzählten die Erwachsenen am prasselnden Feuer Geschichten, die mir die Luft zum Atmen nahmen. Sie sprachen von den Wäldern, die wie ein dunkles Tuch unser Dorf umschlangen. Von den Seelenfressern, die im Dunkel lauern und von einem großen, furchtbaren Wolf, dessen Name wie ein Flüstern durch die kalte Luft wehte: Fenrir. Sie warnten mich, nie die unsichtbare Grenze zu überschreiten, die das Dorf von der Wildnis trennte.
Doch mich faszinierte nicht die Gefahr, sondern die Dunkelheit selbst. Ich saß auf dem kalten Stein vor unserem Haus, während die anderen Kinder in ihre warmen Betten flüchteten. Ich starrte in die Tiefen des Waldes, der mehr versprach als Angst und Leere. Ich wusste, dass die Geschichten nicht die ganze Wahrheit erzählten. Ich spürte, dass hinter den Schatten mehr steckte als Bestien. Dort musste ein Geheimnis lauern, das auf mich wartete. Ich würde es eines Tages lüften. Ich wusste es einfach.
Ich wusste noch nicht, dass genau dieser Gedanke mein Schicksal besiegeln würde.