Der Feind im Büro
CLARA
Es gibt drei Sorten Menschen im Büro:
Die, die mit Kalenderfarben leben.
Die, die mit Kaffeeflecken sterben.
Und es gibt Ben.
Ich bin Nummer eins und zwei in Personalunion. Mein Kalender war so präzise farblich optimiert, dass man damit problemlos Flugzeuge landen konnte. Montags 08:15 war Orange (wichtig, aber erträglich), Donnerstags 16:00 rot-schwarz gestreift (lebensgefährlich, meist Mandant X mit zu viel Krawatte und zu wenig Ahnung). Und Kaffeeflecken? Für mich waren die das Äquivalent eines Herzinfarkts. Ein Fleck auf meiner weißen Bluse fühlte sich an, als hätte jemand eine Glosse über meine Unfähigkeit in der FAZ veröffentlicht.
Und dann war da Ben.
Eine eigene dritte Kategorie. Ein Mensch, der Katastrophe nicht erlebte, sondern lebte. Hoodie als Haut, Chips als Religion, Tastaturanschläge so brutal, dass man meinen konnte, er wolle die Buchstaben einzeln in Rente prügeln. Und dieses Lachen. Dieses unheilvolle, halb-verschluckte Kichern, als würde er mit IT-Fehlern Pingpong spielen und immer gewinnen. Das Erschreckende war: Es funktionierte
Ich erinnere mich noch an den Montag, an dem er beschloss, mein Leben offiziell in eine Comedyserie zu verwandeln. Ich kam gerade aus einer Besprechung mit einem Mandanten, der ernsthaft gefragt hatte, ob er „das Strafgesetzbuch auch nur kapitelweise kaufen“ könne, und wollte eigentlich nur einen Kaffee holen, als ich ihn sah.
Ben saß da wie die menschgewordene IT-Hotline. Blondhaar in alle Himmelsrichtungen, als hätte er gegen drei Uhr früh mit einem Router diskutiert – und gewonnen. Dieser Sieg musste schmerzhaft gewesen sein, denn seine Haare wirkten wie ein Schlachtfeld: der linke Wuschelkamm auf Angriff, der rechte in strategischem Rückzug. Der Hoodie trug ein trotziges Grau, das aussah, als hätte es jede Einladung zur Waschmaschine mit einem müden „nein“ abgelehnt. Und seine Unterarme? Die flüsterten mir zu: Dieser Mann stemmt Server, wenn ihm langweilig ist.
Er saß im Großraumbüro wie ein König in seinem Reich. Nur dass sein Thron ein quietschender Bürostuhl war, der bei jeder seiner Bewegungen den Soundtrack einer Titanic-Tür spielte. Vor ihm: drei Monitore, die wie eine kleine NASA-Zentrale flimmerten. Neben ihm thronte eine offene Chipstüte, als wäre sie sein offizieller Co-Worker. Der Mann hatte den Mund voller Chips, die Wangen aufgebläht wie ein Hamster auf Probezeit, und trotzdem schaffte er es, weiterzutippen, als hinge das Schicksal der Kanzlei davon ab, dass er im Takt knusperte.
Mit der linken Hand drosch er auf die Tastatur, mit der rechten fischte er blind neuen Nachschub aus der Tüte, ohne einmal hinzusehen. Jeder Griff war zielsicher. Kein Blick, kein Zögern – eine einstudierte Choreografie, die mich fast an ein Orchester erinnerte: klack-klack-klack, crunch, klack-klack, crunch.
Ab und zu rutschte ein Chip ab, segelte wie in Zeitlupe Richtung Boden und landete mit einem dumpfen „plopp“ auf dem Teppich, wo er liegen blieb, weil Ben eindeutig ein „Die Schwerkraft regelt das“-Typ war. Er kaute, grinste, tippte, und das Schlimmste daran: Er sah zufrieden aus. Ein Krümel sprang vom Zeigefinger auf die Leertaste, hüpfte wie ein Freudscher Versprecher und blieb genau auf „Enter“ kleben. Er pusterte einmal, der Krümel flog – perfektes Timing mit dem nächsten Return. Und mittendrin saß er, bar jeder Scham, bar jeder Etikette, bar jeder Ahnung, dass Menschen mit Augen existierten.
Ich trat in den Raum, blieb vor seinem Schreibtisch stehen, als wäre ich die Oberaufsicht der Ordnungspolizei, die hier gleich ein Strafmandat verhängen würde.
„Herr Lutz.“ Meine Stimme klang so kühl, dass man darin hätte Eiswürfel klirren hören können.
Er hob endlich den Blick. Diese Augen – blau wie ein frisch hochgefahrener Startbildschirm, der einen passiv-aggressiv daran erinnert: Bitte warten Sie, während Ihr Leben geladen wird.
„Frau Stein.“ Seine Mundwinkel zuckten. „Wie war’s so in Paragrafistan? War das Wochenende rechtskräftig?“
Ich ballte die Finger fester um meinen Aktenordner, stellte mir für zwei Sekunden vor, wie befriedigend es wäre, ihn damit einfach vom Tisch zu fegen – entschied mich dann für Worte. „Nur eine kleine Frage.“ Ich sprach so süßlich, dass selbst Zucker krank geworden wäre. „Warum spuckt der Etagen-Drucker seit sieben Uhr früh Herzchen?“
„Oh.“ Er nickte fachmännisch, als sei das die banalste Diagnose der Welt. „Dann ist die Valentins-Software durchgerutscht.“
„Wir haben August.“
„Liebe kennt keinen Kalender.“
Ich zog eine Braue hoch. Er lehnte sich zurück, und der Hoodie spannte sich über seinen Oberkörper, als wolle er mich ärgern. Ich hasste es, dass der Nerd muskulös war. Das war nicht fair. Die Evolution sollte Regeln haben. Chips + Energy Drinks + nächtelange LAN-Partys = Bierbauch, nicht Bizeps. Aber nein – bei Ben Lutz war das streng genommen eine persönliche Beleidigung.
Er grinste, als wüsste er genau, was ich dachte.
„Außerdem,“ fügte er hinzu und deutete vage in Richtung Drucker, „vielleicht versucht er Ihnen etwas zu sagen. Mehr… Herz im Schriftsatz. Weniger… Frost in der Fußnote.“
„„Herr Lutz,“ begann ich, meine Stimme so eisig, dass man darin Fisch hätte einfrieren können. „Wissen Sie, was passiert ist, als ich heute Morgen meinen Rechner starten wollte?“
Er kaute seelenruhig. Crunch. Crunch. „Hm? Viren? Trojaner? Weltuntergang?“
„Nein.“ Ich stemmte die Hände in die Hüften. „Hühner. Auf meinem Bildschirm. Flatternde, kreischende Hühner.“
Seine Augen blitzten. „Ah! Sie haben’s gesehen! Moorhuhn! Klassiker. Hab ich extra für Sie installiert.“
„Extra… für mich.“ Ich wiederholte es langsam, damit mein Gehirn Zeit hatte, die pure Frechheit abzuspeichern. „Ich musste erst ein halbes Dutzend Federvieh abknallen, bevor ich in meine eigenen Akten kam!“
Er nickte ernsthaft, als sei das die bestmögliche Erklärung. „Login-Schutz. Gamification. Motivation. Und Stressabbau. Alles in einem.“
Ich blinzelte ihn an. „Stressabbau?“
„Na klar.“ Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Sie dürfen Ihren ganzen Wochenendfrust einfach rausballern. Puff, puff, weg mit den Hühnern. Danach sind Sie viel entspannter.“
Ich verschränkte die Arme. „Entspannter? Ich bin Juristin, Herr Lutz, keine… keine virtuelle Geflügeljägerin!“
Er grinste. „Na, wenn man’s genau nimmt: Juristin, Schützin – Sie jagen halt normalerweise nur Paragrafen. Heute mal Hühner. Abwechslung muss sein.“
Ich atmete tief durch, sah ihn an, sah die Chipskrümel auf seiner Tastatur, sah dieses Grinsen, das mir auf die Nerven tanzte. „Sie erwarten ernsthaft, dass ich mich jeden Morgen in eine Moorhuhn-Schießbude begebe, um an meine Schriftsätze zu kommen?“
„Nicht jeden Morgen.“ Er hob die Hand, tat unschuldig. „Nur solange, bis Sie Level zwei erreichen. Dann kriegen Sie Bonushühner.“
„Bonushühner.“ Ich wiederholte es tonlos, weil meine Wortwahl gerade zwischen Morddrohung und juristischem Gutachten schwankte.
„Genau. Und hey – Respekt übrigens.“ Er grinste noch breiter. „72 Punkte beim ersten Versuch. Gar nicht schlecht, Frau Stein. Naturtalent.“
Ich schnappte nach Luft. „Sie haben MITGEZÄHLT?“
„Klar. Ich tracke das. Nennt sich Mitarbeiter Performance-Analyse.“
„Performance—?!“ Ich trat einen Schritt näher, mein Blick schärfer als jedes Skalpell. „Ich schreibe Klageschriften, Herr Lutz. Keine Highscores.“
„Noch nicht.“ Er zwinkerte. „Aber warten Sie mal ab, bis Sie den Bossgegner freischalten.“
Ich schwöre, in diesem Moment war ich nur eine Sekunde davon entfernt, ihm die Chipstüte ins Gesicht zu klatschen und zu sagen: Game Over.
Ich wollte majestätisch abziehen, ihn mit Chipbröseln und seinem Hoodie im Staub seiner eigenen IT-Höhle zurücklassen.
Das Universum aber hatte andere Pläne.
Natürlich.
Mein linker Schuh verhakte sich in einem Netzwerkkabel – weil selbstverständlich nur hier im Umkreis von Herrn Lutz Kabel frei durch den Raum mäanderten wie stolperlustige Schlangen. Mein rechter Absatz dagegen witterte Fluchtmöglichkeiten und entschied sich für einen beherzten Vorwärtssprint. Ergebnis: ein Schritt, der aussah wie Tango auf Schmierseife.
Ich ruderte mit den Armen, als versuchte ich, unsichtbare Flugzeuge einzuweisen. Aktenmappe segelte davon, meine Würde flatterte hinterher. Und dann – BUMM – knallte ich nicht auf den Boden, sondern direkt gegen ihn.
Diese Unterarme.
Serverheber-Unterarme. Ich hing an ihm wie ein falsch abgelieferter Lieferschein, Nase an Hoodie. Und da war er – der Geruch. Waschmittel, ein Hauch Metall, dazu diese Wärme. Keine romantische Wärme, oh nein. Eher die Sorte, bei der mein Gehirn „Feindkontakt!“ schreit, mein Körper aber „Hm, interessant.“
„Alles in Ordnung?“ Seine Stimme war tief, ruhig – das Geräusch, das entsteht, wenn ein Mann genau weiß, dass er Sie gerade aus einer Slapstick-Katastrophe gefischt hat.
„Ich…“ Ich suchte nach Worten. „…bin nur über Ihr Kabel gestolpert.“
„Netzwerke verbinden Menschen.“ gurrte er vergnügt ,sein Mundwinkel zog hoch. Dieses Grinsen. Gott, dieses Grinsen.
Ich starrte ihn an. „Das war kein Verbindungsaufbau. .“ schnappte ich zurück Ich spürte, wie meine Wangen heiß wurden. Also drückte ich mich von ihm weg, so würdevoll, wie eine Frau mit zerzausten Haaren, knallrotem Gesicht und High Heels in Kabeln eben konnte. Meine Bluse war übersät mit Chipbröseln, mein Stolz lag irgendwo zwischen Tastatur und Moorhuhn.
Er griff seelenruhig nach meiner Aktenmappe, die in einem Haufen Chips gelandet war, schüttelte sie ab und reichte sie mir. „Na bitte. Alles gesichert. Back-up funktioniert.“
Bevor ich entscheiden konnte, ob ich ihm erst die Chipstüte oder gleich den ganzen Monitor aus dem Fenster werfen wollte, ging die Glastür hinter mir auf, und unser Chef trat herein – ein Dreiteiler in Menschengestalt. Dr. Hoffmann. Seine Haare so akkurat, als hätte er persönlich die DIN-Norm für Scheitel erfunden.
„Stein. Lutz. Büro.“
Ich stand sofort auf, Rücken gerade, Miene neutral, als müsste ich gleich vor dem Verfassungsgericht auftreten. Neben mir lümmelte Ben auf, schnipste die Chipstüte zu und schlenderte hinterher, als ginge es um ein Speed-Dating mit der Langeweile.
Wir nahmen Platz. Ich aufrecht, er im Schaukelstuhl-Modus. Hoffmann knallte einen Ordner auf den Tisch. Das Geräusch hatte etwas von „kein Einspruch“.
„Kurzfassung: RaderTech AG. Whistleblower. Verdacht auf Compliance-Leck. Medienrisiko. Wir sind die Feuerwehr. Sie beide sind der Schlauch.“
Ich nickte ernst, machte mir bereits eine Liste im Kopf. Neben mir hörte Ben auf zu kauen und sah so aus, als hätte er gerade ein Level in seinem Lieblingsspiel freigeschaltet.
„Stein, Sie übernehmen Legal. Vorstand, Verträge, Kommunikation. Lutz, Sie übernehmen IT, Logs, Zugriffsrechte, Schatten-IT, alles, was piept. In zwei Stunden eine Liste, in vier Stunden erste Ergebnisse. Ab sofort gemeinsames Projektbüro. Keine Faxen.“
Mein Kopf ruckte hoch. „Projektbüro? Gemeinsam?“ Meine Stimme klang nicht laut, sondern so trocken wie ein Schriftsatz über Parkplatzordnungen.
„Korrekt.“
„Das ist unüblich.“
„Und?“
„Ich halte es für kontraproduktiv.“
„Notiert,“ sagte Ben sofort und tat so, als schreibe er auf ein unsichtbares Whiteboard. „‚Juristin findet Zusammenarbeit mit sexy IT-Genie kontraproduktiv‘. Bestsellerpotenzial.“
Ich zog langsam eine Braue hoch. „Herr Lutz, Sie sind alles, nur kein Genie.“
„Sehen Sie?“, grinste er, „genau das sagen alle, kurz bevor ich ihr WLAN rette.“
Ich presste die Lippen zusammen, gerade genug, um Hoffmann meinen Widerstand zu signalisieren, ohne ausfallend zu werden. „Ich weigere mich, mit Herrn Lutz ein Büro zu teilen. Ich schätze Ordnung. Er… Chips.“
„Ich nehme die Chips gerne mit ins Projekt,“ warf Ben ein. „Teamgeist und so.“
„Das ist Sabotage am Arbeitsplatz.“
„Sabotage?“ Er grinste schief. „Ich nenne das Snack-driven Development.“
Hoffmann sah von einem zum anderen, dann klappte er den Ordner zu wie einen Sargdeckel. „Schluss jetzt. Elf Uhr, RaderTech. Beide. Und ja – Projektbüro bleibt. Ende.“
Stille. Mein Inneres: ein juristisch korrektes Donnerwetter. Mein Äußeres: die Contenance selbst.
Ben dagegen strahlte. Er stand auf, streckte sich und raunte im Vorbeigehen: „Keine Sorge, Frau Stein. Ich bring’ auch Servietten für die Chips mit.“
Ich nahm mir fest vor, diesen Mann innerhalb von sieben Tagen entweder professionell zu ertragen oder juristisch zu entsorgen.