Kapitel 1: Die Last des Schwertes
Der Wind trug das Echo seiner Schritte über die moosbewachsenen Steine, ein einsames Geräusch in der Stille des Waldes. Caspian spürte das vertraute, kalte Gewicht am Rücken, nicht nur das Gewicht der Klinge, sondern auch die Last, die sie mit sich brachte. Es war das Schwert seiner Vorfahren, und er war der Letzte in ihrer Linie. Es trug den Namen "Lichtbringer", doch sein Schimmer war längst erloschen.
Seit er denken konnte, hatte er die Warnungen seines Vaters gehört: „Hüte es gut, mein Sohn, denn seine Macht ist unberechenbar.“ Worte, die er jetzt, im Schatten uralter Bäume, nur allzu gut verstand. Die Klinge sang in seiner Hand, eine Melodie aus Kälte und Dunkelheit, wann immer er sie zog. Er spürte, wie ihre kalte Energie in seine Adern floss und seine Gedanken trübte.
Er erreichte die Lichtung, wo die Sonnenstrahlen sanft durch das Blätterdach brachen. Dort stand sie. Nicht erwartet, nicht gesucht, und doch unverkennbar. Liana. Sie kniete neben einem verletzten Hirsch, ihre Hände schwebten über seiner Wunde. Ein sanftes, goldenes Licht strömte aus ihren Fingerspitzen und umhüllte das Tier. Ihre Gestalt war wie aus einem Märchen: langes, fließendes Haar, das in der Sonne glänzte, und Augen, die die Farbe des Waldes hatten. Sie schien die Ruhe selbst.
Caspian stand regungslos im Schatten der Bäume, er konnte sich nicht von dem Anblick lösen. In dem Moment, als Lianas Blick zu ihm wanderte, spürte er einen Schock, der durch ihn fuhr. Es war, als hätte sie nicht nur ihn gesehen, sondern auch die Dunkelheit, die seine Klinge umgab. Ihre Augen weiteten sich leicht, aber nicht aus Angst, sondern aus tiefer, unerklärlicher Erkenntnis.
Sie brach den Blickkontakt ab und blickte auf das geheilte Tier. Als der Hirsch aufstand und davongaloppierte, erhob sich Liana und sah ihn wieder an. „Du solltest vorsichtig sein“, sagte sie mit einer Stimme so klar wie Quellwasser. „Was du trägst, ist nicht nur eine Waffe. Es ist ein Gefängnis.“
Er schluckte hart. Niemand hatte je so über die Klinge gesprochen. Er zog das Schwert ein Stück aus der Scheide. Das leise Kratzen des Stahls auf Leder war das einzige Geräusch, das ihre Begegnung begleitete. "Ich weiß, was es ist", sagte er, seine Stimme rauer, als er beabsichtigte. "Und ich weiß, wie man es benutzt."
Liana schüttelte den Kopf. "Das glaube ich nicht", erwiderte sie sanft. "Denn es benutzt dich." Sie trat einen Schritt näher, und trotz der Gefahr, die von ihm ausging, war keine Spur von Furcht in ihren Augen. "Es braucht dich nicht, um zu verletzen. Es braucht dich, um zu leben."
In diesem Moment wusste Caspian, dass diese Begegnung sein Leben verändern würde. Er hatte einen Weg gefunden, der ihn von seiner Last befreien konnte. Er musste nur bereit sein, ihm zu folgen.