CHRONO PULSE (Leseprobe)

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Summary

„ChronoPulse“ ist eine queere Science-Fiction-Zeitreisegeschichte, die Humor, Gefühl und gesellschaftliche Themen kunstvoll vereint. Die Geschichte folgt Liam, einem Museumsangestellten aus Leeds, der unerwartet zum Zeitagenten wird – begleitet von NOAH, einem künstlich-intelligenten Hologramm in Form eines äußerst attraktiven Mannes. Jede Mission führt Liam in eine andere Epoche, wo er historische Queer-Momente aufspürt und korrigiert, bevor sie durch Manipulation oder Unterdrückung für immer aus dem Gedächtnis der Geschichte verschwinden.

Genre
Lgbtq
Author
thsworld
Status
Complete
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
13+

Prolog

Liam Winter war ein Mann mit Prinzipien. Eines davon lautete: Niemals Dinge anfassen, die surren, bevor man Kaffee hatte. Es war ein einfaches Prinzip. Ein logisches. Und eines, das er an diesem Dienstagmorgen missachtete.

Der Morgen war grau – eine Mischung aus Restregen, frühaufstehender Hektik und dem dezenten Duft von Backwaren, der aus den Läden in die nassen Straßen kroch. Liam stand vor dem kleinen Bäcker an der Ecke, seine Kapuze leicht feucht vom Niesel, balancierte mit einer Hand den heißen Pappbecher und zog mit der anderen die Apfeltasche aus der Papiertüte. „Frühstück für Champions“, sagte er mehr zu sich selbst als zur freundlichen Verkäuferin, die ihn dennoch mit einem müden Lächeln verabschiedete.

Liam biss hinein. Es war wie sein letzter Versuch, ein Date zu haben – zu viel, zu schnell, zu anstrengend.

Er schlenderte durch die fast leere Straße in Richtung Stadtmuseum. Seine Schuhe klackten auf dem Pflaster, ein gleichmäßiger Takt, der mit dem Rhythmus seiner Gedanken kaum mithalten konnte. Zwei Jahre war es jetzt her, dass er das letzte Mal jemanden an seiner Seite gehabt hatte. Zwei Jahre, in denen er sich redlich bemüht hatte, wieder jemanden kennenzulernen.

Grindr war eine Katastrophe, GayRomeo ein schlechter Witz und die Bar-Szene – nun ja, das war nie seine Welt gewesen. Menschenmassen? Nein, danke. Smalltalk? Eher ein Krampf. Und selbst wenn es mal zu einem Treffen kam – spätestens nach seinem dritten sarkastischen Kommentar über die „Sehnsucht der Männer nach Aufmerksamkeit“ war die Stimmung oft frostiger als ein Museumsflur im Winter.

Er war eben nicht der Typ, der sich anbiederte oder verstellte. Oder wusste, wie man charmant auf unsicher lächelnde Männer zuging, die gerade das erste Mal „nur einen Kaffee“ trinken wollten.

Im Museum war es besser – dort kannte man ihn. Dort respektierte man ihn für das, was er war: ein exzellenter Kurator, scharf im Verstand, präzise in der Arbeit, mit einem beinahe unheimlichen Gespür für historische Details. Die Kollegen nickten ihm auf dem Gang zu, man bat ihn um fachlichen Rat, man ließ ihn die Presseführungen machen. Allerdings fragte ihn niemand, ob er abends mal mit ins Kino gehen oder ein Bier trinken wolle.

Nicht, dass er das gewollt hätte. Wahrscheinlich. Vielleicht.

Er nippte am Kaffee. Sein Blick wanderte über das Pflaster vor ihm, die schimmernde Nässe reflektierte das diffuse Licht der Straßenlaternen, die noch nicht ganz abgeschaltet waren. Bald würde er durch die Glastür des Museums gehen, die vertraute Kühle des Eingangsbereiches spüren, seinen Mantel aufhängen und wie immer den Computer hochfahren, den Kaffee abstellen und die Apfeltasche auf einer Serviette drapieren.

Anschließend würde wieder alles seinen geregelten Gang gehen – bis jemand kam und alles durcheinanderbrachte.

Aber das wusste Liam noch nicht.

Noch war er einfach nur ein Mann mit Apfeltasche, Sarkasmus – und einer leisen Sehnsucht, dass irgendjemand ihn trotz alldem nicht gehen ließ.

Mit seinen siebenundzwanzig Jahren war Liam nicht gerade der Typ, der auffallen wollte – aber er tat es trotzdem. Schlank, fast zerbrechlich wirkend, mit sandfarbenem, stets leicht verwuscheltem Haar und hellblauen Augen, die einen gleichzeitig durchbohrend und schüchtern waren. Sein Stil lag irgendwo zwischen „Indie-pop“ und „Vintage-Buchladen-Besitzer“, und er bewegte sich mit einer unaufgeregten Eleganz, die man nicht trainieren konnte. Menschen hielten oft kurz inne, wenn sie ihm begegneten, ohne genau zu wissen, warum.

Seit fast sieben Jahren arbeitete Liam im Stadtmuseum von Leeds. Als Museumspädagoge mit Fokus auf queerer Geschichte hatte er sich eine Art Nischenkönigreich geschaffen – einen Mikrokosmos zwischen Archivresten, handgeschriebenen Briefen und endlosen Fußnoten. Sein Büro war klein und vollgestopft mit Literatur über Subkulturen, Drag in der Weimarer Republik und queere Cowboys. Zudem gab es ein kleines Poster von Freddie Mercury mit der Aufschrift „History is made by those who dare“.

Liam liebte seinen Job. Meistens. Heute war nicht so ein Tag. Heute war Inventur, Teammeeting, und die Kaffeemaschine war kaputt. Deswegen flüchtete er dorthin, wo ihn niemand suchte: das Kellerarchiv. Der Ort roch nach Moder, Leder und verlorenen Jahrhunderten. Perfekt. Liam schob einige staubige Kisten beiseite und fand eine, die ihm neu vorkam. „Privatbesitz – ungeprüft“ stand darauf. Er zögerte, aber Neugier war sein zweiter Vorname. Und so öffnete er die Kiste.

Ein Medaillon. Rund, aus silberfarbenem Metall, an einer langen, schweren Kette. Mit Gravuren, die ungewöhnlich fein waren und wie eine Schrift wirkten, aber er kannte die Sprache nicht. Das Medaillon vibrierte leicht in seiner Hand. „Oha“, sagte er leise. „Du siehst aus, als wärst du entweder ein kosmisches Artefakt oder der Schlüssel zur Mitarbeiterküche.”

Ohne weiter nachzudenken, hängte er sich das Medaillon um. Es lag kühl an seiner Brust. Und dann passierte es. Wärme durchflutete ihn. Seine Sicht flirrte. Geräusche verzerrten sich, wie in Wasser. Das Medaillon und die Kette selbst drückten sich fest an seinen Körper. Überall war Licht.

„Verbindung erfolgreich. Primärkontakt hergestellt. Willkommen, Liam Winter. Ich bin NOAH – Neural-Organized Assistant for History.“

Liam riss die Augen auf. Vor ihm – nein, in der Luft! – schwebte ein Hologramm. Ein Mann. Ein übernatürlich gut aussehender Mann. Seine Erscheinung war nahezu überirdisch: etwa zwei Meter groß, mit breiten Schultern, geradem Rücken und der ruhigen Körperhaltung eines Raumschiffkapitäns. Sein Gesicht war markant und symmetrisch, hatte einen kantigen Kiefer sowie helle, ausdrucksstarke Augen und zudem Lippen, die aussahen, als wären sie für bedeutungsschwere Sätze programmiert worden.

Er trug einen hautengen Ganzkörperanzug in Weiß und Hellblau. Das Material schimmerte leicht, reagierte auf Licht und Bewegung wie flüssige Seide und spannte sich über seine muskulöse, perfekt proportionierte Statur. Man konnte jede Muskelpartie erkennen, ohne dass es vulgär wirkte – es war vielmehr, als ob sein Körper so konstruiert worden war, um etwas Ideales zu verkörpern. Auffällig war nur, dass es an der für Liam so interessanten Stelle aussah wie bei Barbies Freund Ken. Liam war etwas enttäuscht. Er starrte den Mann an. „Wow“, sagte er schließlich. „Ich bin entweder tot, high oder im besten Trailer meines Lebens.“

NOAH sah ihn unverwandt an. „Du wurdest ausgewählt, Liam Winter.“

„Ah, cool. Für was? Das intergalaktische Mr.-Universum-Casting?”

„Du bist jetzt verbunden mit der temporalen Zugriffseinheit. Deine Aufgabe ist es, durch gezielte Eingriffe in vergangene Realitäten queere Narrative zu schützen, zu erhalten oder überhaupt erst möglich zu machen.“

Liam lachte laut. „Entschuldigung, was? Ich hab einen Master in Sozialgeschichte – und keine Ausbildung zum Zeitreise-Homofeindlichkeit-Buster.“

„Deine Qualifikationen sind ausreichend. Das Medaillon reagiert nur auf ausgewählte Bewusstseinsstrukturen. Du bist geeignet.“

Liam versuchte, die Kette abzunehmen. „Okay, witzig. Reicht jetzt. Raus mit dem Ding.“ Die Kette hielt – fester als vorher.

„Die Verbindung ist irreversibel, solange die Missionen nicht abgeschlossen sind.“

„Was für Missionen?! Ich wollte heute eigentlich nur Kaffee trinken und dem Kollegen aus der Mittelalterabteilung aus dem Weg gehen.”

„Missionen zum Schutz queerer Geschichte.“

Liam trat einen Schritt zurück. „Kann ich mit deinem Vorgesetzten sprechen?“

„Ich bin die höchste verfügbare Instanz.“

„Toll. Das ist wie IT-Support mit Gottes-Komplex.“

NOAH schwebte näher. Sein Blick blieb ruhig. Seine Stimme war ebenfalls ruhig, aber eindringlich – als würde sie direkt ins limbische System sprechen. Nichts an ihm wirkte menschlich, und doch konnte sich Liam nicht dagegen wehren, ihn anzustarren.

„Deine erste Aufgabe beginnt in Kürze.“

„Nein. Ich gehe jetzt nach Hause. Ich nehme ein Bad. Ich schreibe meinem Therapeuten. Vielleicht heule ich ein bisschen.“

„Abreiseprotokoll wird in dreizehn Sekunden aktiviert.“

„Ich hasse dich jetzt schon.“

„Gefühlsreaktionen werden protokolliert.“

„Ich meinte das metaphorisch.“

„Auch das.“

Ein Lichtblitz umhüllte Liam. Der Raum verschwand.

„Verdammt!“, rief er, kurz bevor er – wie er bald feststellen würde – in diesem Lichtblitz verschwand.

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* = Lektoriert von Gunnar Schade