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Midnight Rhapsody

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Summary

Mira flieht. Vor ihrem Leben, vor den Erwartungen, an sich selbst und der anderen. Doch dann betritt ein Fremder ihr Zugabteil. Ein Fremder, dessen Chaos ihr geordnetes Weltbild auf den Kopf stellt. Während die Landschaft am Fenster vorbeizieht, entspinnt sich ein Spiel aus Worten und Herausforderungen zwischen ihnen. Doch der Morgen naht unaufhaltsam und Miras Reiseziel rückt näher, mit der alles entscheidenden Frage: Wird Mira endlich ihr Glück finden?

Genre
Romance
Author
Amelia
Status
Complete
Chapters
1
Rating
5.0 (1 review)
Age Rating
13+

Midnight Rhapsody

Mira starrte auf die Fahrkarte in ihrer rechten Hand und fragte sich zum zwanzigsten Mal, ob das hier die dümmste Idee ihres Lebens war.

Das Abteil des Nachtzugs nach Zagreb füllte sich zunehmend mit jeder weiteren Station, die sie verließen. Die Fahrkarte, welche nun als Lesezeichen fungierte, online gekauft, direkt nachdem ihr Chef zum wiederholten Mal diese Woche eine dringende E-Mail um 22:30 Uhr geschickt hatte, nur um zu erfahren, wo sich die ausgedruckten Formulare befanden, die seit 2 Jahren digital ausgefüllt und versandt wurden – als wäre sie seine persönliche Sekretärin.

In der linken Hand eine Ausgabe ihres Lieblingsbuches, welches aussah, als hätte es bereits mehrere Weltreisen hinter sich und normalerweise ein Garant, die Umgebung binnen weniger Minuten vollkommen auszublenden. Sie hatte gerade den letzten Satz zum fünften Mal gelesen, als feste Schritte, die neben ihr zum Stehen kamen, ihre Aufmerksamkeit auf sich zogen.

"Entschuldigung, ist das Abteil 23?"

Die Stimme ließ sie aufblicken, warm und leicht rau, mit einem leichten Akzent, den sie nicht einordnen konnte. 3-Tage-Bart. Dunkelblonde Haare, einen Tick zu lang und auf eine charmante Art zerzaust. Er hatte seinen Rucksack, der mehr Patches trug, als ein Teenager-Laptop Aufkleber, über die Schulter geschwungen und wartete darauf, dass Mira sich aus ihrer Starre löste.

"Äh, ja. Moment …" Sie warf einen Blick auf ihre Fahrkarte. "Abteil 23. Plätze 60 – 64."

"62." Er lächelte verschmitzt und begann, seinen Rucksack in die obere Gepäckablage zu wuchten. Dabei rutschte ihm das T-Shirt hoch und enthüllte einen dünnen Streifen Haut am Rücken.

"Sitznachbarn für die nächsten acht Stunden also." Wandte er sich ihr wieder zu.

Mira nickte knapp und senkte den Blick zurück auf ihr Buch, um an der Stelle fortzufahren, wo sie vor der Unterbrechung gelesen hatte – sie hatte Persuasion mindestens elfmal gelesen, aber das war genau der Punkt. Austen war angenehm zu lesen und berührte emotionale Seiten, die ihr zuvor nicht bewusst waren. Es war beruhigend. Sicher.

Sie fand die Stelle wieder, wo Anne über ihre Jugend nachdachte, aber die Worte verschwammen ihr vor den Augen davon. Sie spürte, wie er sie beobachtete. Mira wandte sich demonstrativ ihrem Buch zu und hoffte, dass die universelle Sprache von ich lese und möchte nicht gestört werden verstanden wurde.

Das Gefühl des beobachtet werdens verflüchtigte sich, und ihr Sitznachbar machte es sich ihr gegenüber gemütlich. Aus dem Augenwinkel war nun sie es, die beobachtete, wie er einen kleinen Block, ein paar gebündelte, eng beschriebene Blätter und einen roten Stift auf dem Tisch zwischen ihnen ablegte und begann, Notizen zu an den Rändern zu schreiben.

Der Zug fuhr gemächlich durch die Nacht, begleitet vom typischen Rattern der Räder. Die zugestiegenen Fahrgäste waren zur Ruhe gekommen und unterhielten sich leise miteinander. Mira spürte, wie ihre Gedanken wieder in Annes Welt gezogen wurden, als ihr Sitznachbar sich räusperte.

"Entschuldigen Sie", sagte er leise, "aber ich komme nicht umhin zu bemerken … es ist eine Ihrer Lieblingsausgaben, oder?"

Mira blickte kurz von ihr Buch auf und sah erst ihn und dann den Einband an. Dieser war in der Tat etwas abgegriffen, der Rücken leicht rissig vom jahrelangen Umblättern der Seiten.

"Es hat schon bessere Tage gesehen", gab sie zu.

"Das sind die besten Bücher." Er lehnte sich zurück, und sie bemerkte eine kleine Narbe an seiner rechten Hand, die gedankenverloren mit dem Stift spielte. "Die, die einen überallhin begleiten, meine ich."

Sie nickte und wartete darauf, dass er weitersprechen würde.

"Darf ich fragen; haben Sie eine Lieblingsstelle? Ich wette, Sie haben mindestens drei Seiten, die Sie auswendig kennen."

"Was lässt sie zu dieser Annahme gelangen?"

"Sie haben das Buch schon vier Mal an verschiedenen Stellen aufgeschlagen, ohne die Seitenzahlen prüfen zu müssen." Jetzt sah er sie direkt an. Seine Augen waren grün mit grauen Sprenkeln. "Und weil Sie dabei diesen Ausdruck haben, als würden Sie nicht nur lesen, sondern das Geschriebene mitfühlen."

Mira taxierte ihn für ein paar Sekunden, unschlüssig, ob sie ihm antworten oder sich wortlos ihrer Lektüre widmen sollte.

"Also? Welche Stelle ist es? Annes Spaziergang in Bath? Das Wiedersehen in Lyme? Oder sind Sie eine von den romantischen Seelen, die bei Wentworths Brief dahinschmelzen?", nahm er ihr die Entscheidung ab.

Mira blinzelte überrascht. "Sie kennen Persuasion?"

"Ein bisschen." Das schiefe Lächeln war zurück.

"Das ist …" Sie zögerte. Es fühlte sich seltsam intim an, ihre Lieblingsstelle aus dem Buch mit einem Fremden zu teilen. "Das ist eine sehr persönliche Frage."

"Die besten Fragen sind persönlich. Außerdem, was ist das Schlimmste, was passieren kann? Ich urteile über Ihren literarischen Geschmack? Auf dem Weg nach Kroatien, wo sich unsere Wege nach dem Ausstieg trennen?"

"Wenn Sie es so formulieren …"

"Hm." Er lehnte sich erwartungsvoll vor.

Sie seufzte und gab nach. "Wentworths Brief an Anne. Am Ende, wo er seine ganze Seele offen darlegt, weil er nicht länger schweigen will."

"Ah." Sein Ausdruck wurde nachdenklicher. "Die ultimative letzte Chance. Interessante Wahl."

"Interessant gut oder interessant … vorhersehbar?"

"Interessant aufschlussreich", sagte er, einen Moment innehalten. "Verstehen Sie mich nicht falsch, aber meiner Meinung nach ist Austens Art den Spannungsbogen auszuarbeiten etwas … überbewertet."

Mira ließ das Buch entsetzt sinken. "Und was kommt als Nächstes – Wasser ist nur mittelmäßig?"

Sein Lachen klang rau und Fältchen bildeten sich an den Augenwinkeln. „Austen ist nett. Elegant. Aber ehrlich – ihre Gesellschaftskritik ist wie Porzellan: hübsch, aber zerspringt beim ersten Aufprall. Burney, eine Autorin aus der gleichen Zeit, war ganz anders. Sie hat die sozialen Missstände direkt angeprangert. Keine subtile Ironie, keine höflichen Bälle – nur rohe Realität.“

"Und genau das ist der Punkt." Mira genoss den spitzfindigen Austausch mit ihm.

"Dann klären Sie mich auf." Er stand auf und kramte eine große Thermoskanne aus dem Rucksack, aus der oberen Gepäckablage, hervor. Als er wieder saß, schraubte er wie beiläufig die Thermosflasche auf, während er ihr seine Aufmerksamkeit schenkte. "Wollen Sie auch einen Kaffee?"

"Sehr gerne." dankend nahm Mira das Angebot an. Der Kaffee war stark und bitter. Sie nahm einen Schluck und spürte, wie das Koffein ihre Gedanken schärfte.

"Überzeugen Sie mich, dass Anne Elliot mehr ist, als eine unscheinbare Persönlichkeit, die sich von anderen das Leben vorschreiben lässt." Griff ihr Sitznachbar das Gespräch wieder auf.

"Ms. Elliot", sagte Mira, und ihre Stimme nahm den Ton an, den sie normalerweise in Therapiesitzungen verwendete – geduldig, aber bestimmt, "durchlebt eine komplexe Charakterentwicklung. Sie lernt, auf ihre eigene Stimme zu hören. Ihre eigenen Entscheidungen zu treffen."

"Aber nur, weil Wentworth wieder auftaucht."

"Da bin ich anderer Ansicht." Mira pausierte. Trank noch einen Schluck. "Sie hätte sich auch ohne ihn verändert. Im Roman zeigt sich schon recht früh, dass sie bereits anfängt, sich von ihrer Familie zu distanzieren."

"Wirklich?" Er lehnte sich interessiert vor. "Welche Szene?"

Mira blätterte zielsicher durch das Buch, fand die Stelle. "Hier." Sie drehte das Buch um und zeigte auf die besagte Stelle. "Kellynch Hall wird verkauft, und Anne ist die Einzige, die praktisch denkt. Während ihr Vater und ihre Schwester sich über den gesellschaftlichen Status sorgen, übernimmt sie die Verantwortung."

"Hm." Er las die Passage, die sie ihm zeigte. Seine Augen bewegten sich schnell über die Zeilen. "Das ist … tatsächlich ein guter Punkt."

Kurz innehaltend fuhr sie fort. "Und ich vertrete die Meinung, das Austen sehr wohl provoziert, aber auf ihre Weise, wenn man bedenkt zu welcher Zeit sie ihre Bücher veröffentlichte. Frauen mussten oft unter männlichen Pseudonymen schreiben, damit ihre Bücher überhaupt Beachtung fanden. Persuasion ist ein Meisterwerk. Wie gesagt, es geht um das Ergreifen einer Chance, um das Überwinden von falscher anerzogener Zurückhaltung und fremdbestimmten Einflüssen, um wahre Liebe, die Zeit und widrige Umstände übersteht."

Sie saßen da und grinsten sich über den Tisch hinweg an. Die Spannung hatte sich verändert – von Konfrontation zu etwas anderem. Etwas Leichterem.

"Sie haben gewonnen", sagte er. "Austen ist … in Ordnung."

"Das ist …" Mira hielt inne. "Sie sind unmöglich."

"Ich bevorzuge zum Nachdenken anregend." Er zwinkerte ihr zu.

Mira betrachtete ihn einen Moment. Es war seltsam. Normalerweise hätte sie das Gespräch längst beendet und sich hinter ihr Buch vergraben. Aber irgendetwas an seiner Art, wie er sprach, wie er sie ansah, als würde ihn ihre Antwort tatsächlich interessieren und er sie absichtlich provozieren.

"Okay", sagte ihr Sitznachbar plötzlich. "Ich habe einen Vorschlag."

"Das klingt gefährlich."

"Nicht gefährlich. Nur ... unkonventionell." Er verschränkte die Finger auf dem Tisch.

"Wir verbringen die nächsten sechs Stunden gemeinsam. Wir könnten schweigen und so tun, als wären wir nicht da. Oder ..."

"Oder?"

"Oder wir führen ein Gespräch ohne Kontext. Wir reden nicht über das echte Leben. Kein was machen Sie beruflich oder woher kommen Sie, was ist ihr Lieblingseis. Wir existieren einfach. In diesem Moment. In diesem Zug. Als wären wir Charaktere in einer Geschichte."

"Und was würde das bringen?"

"Wann hatten Sie das letzte Mal ein Gespräch dieser Art? Ohne das Gewicht Ihrer gesamten Lebensgeschichte, die auf Ihren Schultern sitzt wie ein neurotischer Papagei?"

Mira lachte, obwohl sie sich redliche Mühe gab, es zu unterdrücken. "Ein neurotischer Papagei?"

"Jeder hat einen oder zumindest eine innere Stimme – ich persönlich bevorzuge es, mir einen Papageien vorzustellen. Meiner sagt mir ständig, dass ich mein Potenzial verschwende. Ihrer hat wahrscheinlich etwas über Verantwortung und Fünfjahrespläne zu sagen."

Er hatte erschreckend recht. "Und Sie denken, das würde helfen?"

"Ich denke, es wäre interessant. Wann haben Sie das letzte Mal etwas getan, nur weil es interessant sein könnte?"

Mira betrachtete ihn. Es war verrückt. Ungewöhnlich. Genau das Gegenteil von allem, was sie sich vorgenommen hatte.

"Okay", sagte sie. "Abgemacht. Aber ich behalte meine Einstellung gegenüber Austen."

"Das ist fair. Aber ich behalte mir das Recht vor, meine Kritik an der ihr fortzusetzen."

⋆⁺₊⋆ ☾⋆⁺₊⋆

Eine Stunde später wusste Mira, dass ihr Gegenüber einmal in einem türkischen Gefängnis, wegen eines Missverständnisses, übernachtet hatte, aber nicht, wie er hieß oder was er beruflich machte.

"... und dann stellte sich heraus, dass die Ziege dem Bürgermeister gehörte. Daher auch die Narbe." Erzählte er gerade und deutete auf die rechte Hand.

Seine Augen leuchteten auf, wenn er Geschichten erzählte. "Haben Sie schon mal versucht, auf Türkisch zu erklären, dass Sie nur ein Foto machen wollten?"

"Ich bin noch nie in der Türkei gewesen."

"Sie sollten mal hinfahren. Istanbul ist ..." Er pausierte, suchte nach Worten. "Es ist, die einzige Stadt weltweit, die auf zwei Kontinenten liegt. Alles ist eindrucksvoll und sonderbar, aber auf gute Art."

"Sie reisen viel."

"Zu viel, würden manche sagen. Und Sie? Mögen Sie es, zu reisen?"

Mira zögerte. "Ich plane normalerweise alles im Voraus. Reservierungen, Routen, Notfallpläne für die Notfallpläne."

"Das klingt ..." Er verzog das Gesicht. "Stressig."

"Sicher. Es ist sicher."

"Sicher ist überbewertet."

"Sagt der Mann, der in türkischen Gefängnissen übernachtet."

"Das war ein Einzelfall!" Er protestierte lachend. "Normalerweise schlafe ich in sehr respektablen Hostels."

"Normalerweise?"

"Okay, manchmal auch in weniger respektablen. Und einmal in einem Bus in Peru. Und auf einer Bank in Prag, aber das war wegen des Karnevals."

Mira schüttelte den Kopf. "Sie sind verrückt."

"Oder lebendig." Er wurde ernst. "Wann haben Sie das letzte Mal etwas Spontanes gemacht?"

Die Frage traf sie unvermittelt. Sie dachte an ihren Terminkalender, ihre Routinen, die Art, wie sie jeden Tag plante.

"Diese Reise", sagte sie schließlich. "Diese Fahrt nach Zagreb ist das Spontanste, was ich seit Jahren getan habe."

"Und? Wie fühlt es sich an?"

"Beängstigend." Sie überlegte. "Aber auch ... befreiend."

"Sehen Sie?" Er lächelte. "Manchmal ist ein bisschen Chaos gut für die Seele."

"Meine Seele braucht Struktur."

"Ihre Seele braucht, was Sie ihr geben. Und wenn Sie ihr immer nur Struktur geben ..."

"Was dann?"

"Dann verkümmert der Teil von Ihnen, der träumen kann."

Mira starrte ihn an. "Das ist sehr ..." Sie suchte nach Worten. "Philosophisch."

"Entschuldigung." Er lachte verlegen. "Manchmal rede ich zu viel. Berufskrankheit."

"Ein Thema, über das wir nicht reden."

"Richtig."

Aber sie hatte etwas in seinem Ton wahrgenommen. Eine Vertrautheit mit Worten, mit Ideen so spielen zu können, als wäre er gewöhnt, komplexe Gedanken zu formulieren.

Der Zug schaukelte leicht, und Mira spürte, wie sich ihre Schultern entspannten. Zum ersten Mal seit Wochen dachte sie nicht an ihre Arbeit.

"Erzählen Sie mir eine Geschichte", sagte sie impulsiv.

"Was für eine Geschichte?"

"Eine weitere von Ihren Reisen." Je länger sie ihm zuhörte, umso weniger konnte sie sich vorstellen, dass sich ihre gemeinsame Fahrt bald dem Ende neigte.

Er überlegte, drehte dabei die Tasse zwischen seinen Händen. "Okay. Aber danach sind Sie dran."

"Deal."

Er lehnte sich zurück und begann von einem Bahnhof in Mumbai zu erzählen, von verpassten Zügen und einem älteren Mann, der ihm beigebracht hatte, Chai zu kochen. Seine Stimme wurde weicher, als er von den Gewürzen erzählte, von dem Dampf, der in der Morgensonne aufstieg, von der Art, wie Fremde zu Freunden wurden über einer geteilten Tasse Chai.

Mira hörte zu und beobachtete, wie sich seine Hände bewegten, wenn er sprach. Wie seine Augen einen entrückten Ausdruck bekamen, als sähe er die Orte vor sich.

"Jetzt Sie", sagte er, als er fertig war.

"Ich bin nicht gut im Geschichten-Erzählen."

"Jeder kann Geschichten erzählen. Sie müssen nur anfangen."

Also erzählte sie von Sonntagnachmittagen in einer winzigen Küche, von dem Duft nach Plätzchen und alten Büchern, von heißer Schokolade an Gewittertagen. Erzählte, das sie Persuasion zum ersten Mal mit dreizehn gelesen hatte, heimlich unter der Bettdecke mit einer Taschenlampe.

Als sie fertig war, war es still im Abteil.

"Das war schön", sagte er leise.

"Es war nur eine kleine Geschichte."

"Die schönsten Geschichten sind jene, die von Herzen kommen."

⋆⁺₊⋆ ☾⋆⁺₊⋆

In Ljubljana hatten sie einen kurzen Stopp eingelegt und rollten jetzt durch die slowenische Landschaft. Die meisten Passagiere schliefen hörbar, aber Mira war hellwach.

Ihr Gegenüber holte zwei Sandwich aus seinem Rucksack.

"Hier", sagte er und reichte ein Sandwich zu ihr hinüber. "Prosciutto und Käse. Von einem kleinen Laden in Wien."

"Sie kommen aus Wien?"

"Na, keine persönlichen Fragen, so war der Deal. Aber ich beantworte Ihre Frage dennoch: mehr oder weniger eine Durchreise." Er biss in sein Sandwich. "Es ist eine sehr schöne Stadt. Aber zu ... geordnet für meinen Geschmack."

"Was ist falsch an Ordnung?"

"Nichts. Aber manchmal erstickt sie die Überraschungen."

Mira probierte das Sandwich. Der Prosciutto war salzig, der Käse cremig. "Das ist gut."

"Kleine Läden haben oft das beste Essen. Man muss nur bereit sein, sie zu finden."

"Oder man reserviert in einem Restaurant mit guten Bewertungen."

"Bewertungen sind subjektiv. Vielleicht hasst der Kritiker scharfes Essen, aber Sie lieben es. Dann verpassen Sie das perfekte Restaurant, weil Sie seiner Meinung vertraut haben statt Ihrer eigenen."

Mira überlegte. "Das ist ein guter Punkt."

"Ich habe ab und zu gute Punkte."

"Ich würde gerne etwas Bestimmtes von Ihnen wissen", sagte Mira nach einer Weile.

"Nur zu."

"Warum reisen Sie wirklich? Nicht die philosophische Antwort. Die ehrliche."

Er war lange still. Solange, dass Mira dachte, er würde nicht antworten.

"Ich glaube", antwortete er schließlich, "ich versuche dem Gefühl davonzulaufen, dass ich für nichts gut genug bin."

Die Ehrlichkeit in seiner Stimme überraschte sie. "Das kenne ich."

"Wirklich?"

"Ständig. Das Gefühl, dass alle anderen irgendein Handbuch fürs Leben bekommen haben, das man selbst nie erhalten hat."

"Genau." Er sah sie an, und sie erkannte etwas in seinen Augen: Erleichterung. Als wäre er froh, verstanden zu werden. "Als würden alle anderen den Geheimcode kennen."

"Und deshalb reisen Sie?"

"Bewegung ist einfacher als Stillstand, denn Stillstand bedeutet Tod. Wenn man sich bewegt, kann man sich immer einreden, dass man irgendwohin Bedeutsames geht. Auch wenn das nicht stimmt."

Mira nickte. Sie verstand, was er meinte, wenn Bewegung sich wie Fortschritt anfühlen konnte, auch wenn man eigentlich nur im Kreis lief.

"Und Sie", fragte er. "Wovor laufen Sie weg?"

"Wer sagt, dass ich vor etwas weglaufe?"

"Mitternachtszug nach Irgendwo, schon vergessen? Verräterisches Zeichen."

Sie lachte. "Vielleicht laufe ich nicht weg. Vielleicht laufe ich zu etwas hin. Wie Sie gerade sagten, Bewegung ist besser als Stillstand."

"Und was wäre das?"

"Das weiß ich noch nicht."

"Ich verstehe."

Die eingetretene Stille, die sie umgab, war beruhigend, während beide eine Weile ihren Gedanken nachhingen.

Mira betrachtete sein Profil im schwachen Licht des Abteils – die Art, wie er nachdenklich auf seiner Unterlippe kaute, wie seine Finger unruhig auf dem Tisch trommelten.

"Kann ich Ihnen etwas sagen?", fragte sie.

"Klar."

"Sie reden über Bewegung und Reisen, als wäre es die Lösung für alles. Aber manchmal ... manchmal ist das Problem nicht der Ort, an dem man sich befindet. Manchmal nimmt man die Probleme mit, egal wohin man geht."

Er sah sie lange an. In seinen Augen erkannte sie etwas: Anerkennung. Und vielleicht auch ein Hauch von Schmerz.

"Das ist sehr ..." Er räusperte sich. "Das ist sehr aufschlussreich."

"Entschuldigung. Ich wollte nicht ..."

"Nein, Sie haben recht." Er lächelte traurig. "Ich dachte nur, dass ich cleverer bin in meiner Art der Problemvermeidung."

"Wir sind alle Experten darin, uns selbst zu belügen."

"Das ist deprimierend."

"Oder ehrlich."

"Manchmal ist Ehrlichkeit überbewertet."

"Sagt der Mann, der mir gerade erzählt hat, warum er wirklich reist."

Er lachte, aber es klang nicht ganz so fröhlich, wie zuvor. "Touché."

⋆⁺₊⋆ ☾⋆⁺₊⋆

Die Sonne begann gerade aufzugehen, als der Zug die kroatische Grenze überquerte. Mira hatte zwischenzeitlich ein wenig gedöst, den Kopf gegen die Fensterscheibe gelehnt, und war aufgewacht, um festzustellen, dass ihr Sitznachbar eine der dünnen Decken über sie gelegt hatte, die Reisenden zur Verfügung gestellt wurde.

"Guten Morgen", sagte er mit seiner leicht rauen Stimme, als er bemerkte, dass sie wach war.

"Wie lange habe ich geschlafen?"

"Etwa eine Stunde. Sie reden übrigens im Schlaf."

"Wirklich? Was habe ich gesagt?"

"Etwas über Revolution und Weltherrschaft. Sehr beunruhigend."

Sie warf ihm einen gespielt empörten Blick zu. "Sie lügen."

"Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir werden es nie herausfinden."

Die kroatische Landschaft zog vorbei – sanfte Hügel, die in der Morgensonne golden leuchteten, kleine Dörfer mit roten Dächern, die aussahen wie aus einem Bilderbuch.

"Es ist schön hier", sagte Mira.

"Kroatien hat diese Wirkung auf Menschen. Es hat etwas mit dem Licht zu tun, denke ich. Lässt alles aussehen wie eine Postkarte."

"Das klingt, als waren sie schon mal hier."

"Ein oder zweimal." Er pausierte.

"Da fällt mir eine amüsante Geschichte dazu ein ..."

"Oh nein, nicht noch eine Ihrer Geschichten." Mira seufzte gespielt theatralisch, dabei musste sie sich eingestehen, sie genoss es, seinen Erzählungen zu folgen.

"Diese ist anders. Diese ist ... persönlicher Natur."

"Okay, ich höre."

"Also ... Vor zwei Jahren war ich das letzte Mal hier und ich traf diesen alten Mann. Er saß jeden Tag vor demselben Café, trank seinen Kaffee, fütterte die Tauben. Eines Tages setzte ich mich zu ihm, und er sagte zu mir: 'Junger Mann, Sie haben die Augen von jemandem, der immer woanders sein möchte.' Und ich dachte, wow, dieser Typ durchschaut mich innerhalb von Sekunden."

"Und?"

"Und dann sagt er: 'Aber wissen Sie was? Manchmal ist das Beste, was einem passieren kann, herauszufinden, dass woanders genau da ist, wo man gerade ist.' Er zeigte auf das Meer, auf die Menschen um uns herum, auf mich. 'Manchmal geht es bei der Reise nicht um das Ziel, sondern um die Reise selbst.'"

"Das ist ..." Mira dachte nach. "Das ist ziemlich weise."

"Ich habe ihn gefragt, woher er das weiß. Und er lachte und sagte: 'Weil ich fünfzig Jahre lang weggelaufen bin, bevor ich gelernt habe stillzustehen und den Moment zu spüren, und zu akzeptieren, wie er ist.'"

"Und? Hat es Sie zum Bleiben gebracht?"

Er lachte, aber es klang nicht ganz so fröhlich, wie beabsichtigt. "Nein. Ich bin am nächsten Tag abgereist."

"Natürlich sind Sie das."

"Aber seine Worte ... die sind hängen geblieben. Wie ein Song, den man nicht aus dem Kopf bekommt."

Mira betrachtete ihn. "Vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt, um stehenzubleiben und zuzuhören."

"Vielleicht. Oder vielleicht bin ich einfach wirklich gut darin, alles zu vermasseln, was mich glücklich machen könnte."

Die Offenheit in seiner Stimme überraschte sie wieder. Sie hatte das Gefühl, als würde er ihr den echten Menschen hinter all den Geschichten und Philosophien zeigen.

"Wissen Sie, was ich denke" sagte sie.

"Was?"

"Ich denke, Sie erzählen all diese Geschichten über andere Orte und andere Menschen, weil es einfacher ist, als über sich selbst zu reden."

"Autsch. Volltreffer."

"Und ich denke, Sie reisen so viel, weil Sie Angst davor haben, nicht interessant genug zu sein, wenn Sie mit anderen Menschen stillstehen."

Er war einen Moment lang still. "Und was macht Sie zu so einer Expertin für menschliches Verhalten?"

"Keine persönlichen Informationen, schon vergessen?"

"Richtig. Die Sache, über die wir nicht reden."

Er lächelte, aber es war weiterhin ein trauriges Lächeln. "Sie haben wahrscheinlich recht, wissen Sie – mit der Reisesache."

"Ich liege oft richtig. Das ist mein Problem."

"Recht zu haben ist ein Problem?"

"Wenn es bedeutet, dass man immer die Fassade durchschaut, die Menschen aufbauen. Wenn es bedeutet, dass man nie einfach ... im Moment stehen bleiben kann, ohne alles zu analysieren."

"Klingt einsam."

"Manchmal ist es das."

Sie saßen da, ruhig und betrachteten einander, aber es war eine andere Art von Ruhe. Nicht unangenehm, sondern... abwartend. Als würden beide darauf warten, dass der andere den nächsten Schritt ging.

"Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, einfach zu verschwinden", sagte Mira und überraschte sich selbst mit den Worten.

"Wie meinen Sie das?"

"Einfach ... nicht mehr da zu sein. Alle Verpflichtungen, alle Erwartungen hinter sich zu lassen. Irgendwo neu anzufangen."

"Klingt verlockend."

"Aber unmöglich. Man kann nicht einfach sein Leben aufgeben."

"Warum nicht?"

"Weil ..." Sie suchte nach Gründen. "Weil Menschen von einem abhängig sind. Weil man Verantwortung hat."

"Oder weil man Angst hat."

Die Worte trafen sie härter als erwartet. "Angst wovor?"

"Vor der Freiheit. Davor, herauszufinden, wer man wirklich ist, wenn alle äußeren Definitionen wegfallen."

Mira starrte vor sich hin. "Das ist sehr ... direkt."

"Entschuldigung. Manchmal rede ich, bevor ich denke."

"Nein, es ist ... Sie haben wahrscheinlich recht." Sie sahen sich über den Tisch hinweg an.

"Das ist ein ziemlich tiefgründiges Gespräch für zwei Menschen, die sich nicht mal beim Namen kennen", sagte er, um das plötzliche Schweigen zu durchbrechen.

"Vielleicht ist das der Grund, warum es funktioniert."

"Wie meinen Sie das?"

"Ohne die ganze Lebensgeschichte, die an einem hängt, kann man ehrlicher sein. Man muss nicht die Person spielen, die andere von einem erwarten."

Er nickte langsam. "Das ist sehr klug."

"Ich habe meine Momente." Sie zuckte mit den Schultern.

Er lachte, und die Spannung löste sich etwas. "Das haben Sie definitiv."

Mira spürte eine seltsame Intimität in dem Moment. Sie saß hier mit einem völlig Fremden und führte eines der ehrlichsten Gespräche ihres Lebens.

"Was wird passieren, wenn wir in Zagreb ankommen?"

"Wir steigen aus und gehen unserer Wege."

"Das war nicht das, was ich hören wollte."

"Was wollten Sie hören?"

Sie wusste es nicht. Oder wollte es sich nicht eingestehen. "Ich weiß nicht."

"Manchmal ist es besser, schöne Momente schön sein zu lassen, anstatt zu versuchen, sie zu etwas anderem zu machen."

Mira lehnte sich zurück, das war nicht das, was sie hören wollte.

⋆⁺₊⋆ ☾⋆⁺₊

Das Knacken der Lautsprecher riss sie aus den Gedanken, als eine blecherne Stimme erklang: "Sehr geehrte Fahrgäste, wir erreichen in wenigen Minuten Zagreb. Bitte achten Sie beim Verlassen des Zuges auf Ihre persönlichen Gegenstände. Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung rechts. Wir bedanken uns für Ihre Reise mit dem NightExpress und wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt."

Die Durchsage ließ Miras Magen sich zusammenziehen. Sie war noch nicht bereit. Die gemeinsame Zeit war zu schnell vergangen.

Ihr Gegenüber begann, seine Sachen zusammenzupacken. Seine Bewegungen waren langsamer als sonst, als würde auch er zögern.

Der Zug begann langsamer zu werden, und Mira konnte die anderen Gleise des Bahnhofs sehen.

Der Zug hielt mit einem finalen Ruck. Um sie herum begannen andere Passagiere aufzustehen, ihre Sachen zu sammeln und zum Ausgang zu drängen.

Sie standen auf. Eng beieinander und dennoch war der Raum zwischen ihnen zu groß, zu endgültig.

"Warten Sie", sagte Mira impulsiv.

"Ja?"

"Ihren Namen. Ich möchte Ihren Namen wissen."

Er lächelte – das erste vollkommen ehrliche Lächeln, das sie von ihm gesehen hatte. "Regeln sind da, um gebrochen zu werden, nicht wahr?"

"Richtig."

"Antoine. Antoine Montclair. Professor für Komparatistik an der Universität Wien. Spezialisiert auf ..." Er pausierte und grinste verschwörerisch. "Regency-Literatur."

Mira starrte ihn an. "Du bist ... Du unterrichtest Literatur?" sagte Mira und bemerkte erst im Nachhinein, dass sie ihn geduzt hatte.

"Schuldig im Sinne der Anklage. Und Du bist eindeutig irgendeine Art von Therapeutin oder Psychologin, Deiner unheimlichen Fähigkeit nach zu urteilen, den Bullshit der Leute zu durchschauen." Ohne zu zögern, griff Antoine ihre Anrede auf.

"Psychologin, richtig. Mira Eichenthal." Die streckte die Hand aus.

"Schön, Dich offiziell kennenzulernen, Mira."

Mira zuckte unmerklich zusammen. Warm und fest fühlte es sich an, als Antoine ihre Hand ohne zu zögern ergriff. Mit leichtem Druck, der Sicherheit vermittelte, ohne schmerzhaft zu sein.

"Du hast die ganze Nacht so getan, als würdest Du Jane Austen nicht ausstehen können, und dabei unterrichtest Du über sie?"

"Ich habe nie gesagt, dass ich sie nicht leiden kann. Ich sagte, sie sei überbewertet. Da ist ein großer Unterschied." Seine Augen funkelten schelmisch. "Außerdem macht es Spaß gelegentlich Advocatus Diaboli zu spielen – es ergeben sich interessierte Gespräche."

"Du bist unmöglich."

"Das hast Du bereits erwähnt."

Sie stiegen aus dem Zug, und Mira spürte die warme kroatische Morgenluft auf ihrer Haut. Der Bahnhof war bereits lebendig mit Reisenden befüllt, die ankamen oder abfuhren.

"Also", sagte Antoine und schulterte seinen Rucksack. "Wie sieht Dein Plan aus?"

"Ich ..." Mira lachte nervös. "Ehrlich gesagt, habe ich keinen Plan. Ich dachte, ich würde einfach sehen, was passiert."

"Sieh an, wie Du Ungewissheit umarmst. Ich bin stolz."

Sie lachte. "Übertreib es nicht."

Ein Moment der Stille. Menschen strömten zielstrebig an ihnen vorbei. Nur sie standen da, darauf wartend, was als Nächstes passieren sollte.

"Ich sollte gehen", sagte Mira schließlich.

"Ja. Ich auch."

Aber keiner von ihnen bewegte sich.

"Antoine?"

"Ja?"

"Diese Geschichte, die Du erzählt hast, von dem alten Mann an der Küste. Denkst Du, er hatte recht?"

Antoine betrachtete sie einen langen Moment. "Frag mich in ein paar Stunden noch mal."

"Warum in ein paar Stunden?"

"Weil ich gerade dabei bin herauszufinden, ob woanders vielleicht genau hier ist." Er lächelte, und diesmal war es warm, ohne jede Ironie. "Mit Dir."

Miras Herz machte einen kleinen Sprung. "Antoine ..."

"Mira", sagte er und seine Stimme wurde weicher, "würdest Du mir die Ehre erweisen und mit mir frühstücken gehen? In einem echten Café, wo wir echte Namen haben und über persönliche Dinge reden werden?"

"Auch über Jane Austen?"

"Besonders über Jane Austen. Du könntest mir noch eine Menge beibringen."

"Und Du könntest aufhören zu behaupten, sie sei überbewertet?"

"Ich könnte meine Position ... überdenken."

Mira lachte, und es fühlte sich an wie das erste echte Lachen seit Monaten. "Okay, Antoine. Zeig mir, wo es den besten Kaffee in Zagreb gibt."

"Mit Vergnügen, Mira."

Er bot ihr seinen Arm an, und zum ersten Mal seit langem hatte Mira das Gefühl, dass sie genau dort war, wo sie hingehörte.▪️

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Good Writing

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Great Character

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Strong Dialog

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Ich find's richtig gut; auch in der Kürze. Obwohl eine Fortsetzung nicht schaden würde.👌

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Ruthless Lord

tekiakianakove: I like reading this novel. I think the writer has a very creative mind. The plot is very interesting and readers gets hooked easily. It makes one wanna read the whole story line. Suspense plot, romance and thriller, are very well created.

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