Kapitel 1 - Die Rückkehr
Das Telefon klingelte mitten in der Nacht, als Jamie aus einem Traum gerissen wurde und hochschreckte. Die Decke klebte an ihr wie eine zweite Haut und ihr Herz raste. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie begriff, wo sie war – in ihrem Apartment in Boston, allein, wie fast immer. Sie nahm den Hörer ab. Die Stimme am anderen Ende sprach nüchtern und sachlich, ohne jedes Mitgefühl.
„Miss Walker? Wir müssen Ihnen leider mitteilen… Ihre Mutter ist gestern Nacht verstorben. Es war ein Herzinfarkt.“
Stille. Sie hörte nur das Surren in der Leitung, das Rauschen in ihren Ohren wurde allmählich lauter. Jamie fand keine Worte, nur einen Laut zwischen Einatmen und Schlucken. Sie hatte ihre Mutter seit über fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen. Und doch schnitt die Nachricht tief, sie kam so unerwartet, dass sie sich schwindelig fühlte.
„Es gibt außerdem ein Testament“, fügte die Stimme hinzu. „Sie sind die alleinige Erbin. Es gibt ein Haus und ein Grundstück in Vermont, Rookwood Lake Road. Sie bekommen noch Post.“
Hastig notierte Jamie die Adresse, die Buchstaben wirkten fremd, fremder noch als der Gedanke an ein Erbe. Rookwood Lake Road. Sie starrte die Zeile an, aber da war nichts, kein Bild, kein Echo. Und doch regte sich etwas – ein kaum spürbares Ziehen, das sie aber sofort wieder verdrängte.
Zwei Tage später stand sie in ihrem Schlafzimmer zwischen halb gepackten Koffern. Die Entscheidung war ihr nicht leicht gefallen. Ein Teil von ihr wollte einfach nicht zu dem Haus fahren. Doch irgendetwas zwang sie, es zu tun. Vielleicht war es Pflichtgefühl. Oder vielleicht Neugier. Vielleicht aber auch der vage Wunsch, zu verstehen, wer ihre Mutter wirklich gewesen war.
Jamie war 32 und Lektorin in einem kleinen Verlag. Eigentlich hätte sie ihr Leben im Griff haben sollen, und doch fühlte sie sich seit Jahren, als würde sie nur auf der Stelle treten. Ihre Beziehungen zerbrachen, bevor sie richtig begannen, und Freundschaften lösten sich im Sande auf. In den Nächten starrte sie oft lange an die Decke, als warte sie darauf, dass irgendetwas passierte – etwas, das sie endlich aus dieser Lähmung befreite.
Das Erbe ihrer Mutter kam ihr wie eine Zumutung vor. Aber auch wie eine Chance. Vielleicht war es endlich an der Zeit, sich den Dingen zu stellen, die sie so lange verdrängt hatte. Mit einem Ruck schloss sie ihren Koffer. Eingepackt hatte sie Kleidung, Unterlagen, ihren Laptop – und eine kleine Holzschachtel, die sie nie öffnete. Ein Relikt aus ihrer Kindheit, über das sie ungern nachdachte. Warum sie es überhaupt noch hatte, geschweige denn wieso sie es einpackte, wusste sie selbst nicht.
Der Nebel hing schwer über den Landstraßen von Vermont. Er kroch zwischen die Äste und hüllte die Welt in ein fahles, graues Licht. Er ließ die Konturen verschwimmen, als sei die Landschaft nur eine verschwommene Erinnerung. Er schmiegte sich an die Windschutzscheibe, des roten Jeeps, der sich über das brüchige Asphaltband kämpfte, verschluckte die Straße und alles, was dahinter lag. Die Reifen warfen Kies zur Seite, während der Motor unruhig brummte. Es war bereits später Nachmittag und Jamie hatte das Gefühl, seit Stunden durch die gleiche Szenerie zu fahren: Bäume, Asphalt, Nebel. Mit jedem Kilometer wurde die Stille dichter. Keine Musik, nur das monotone Rauschen des Radios war zu hören, das keine klare Frequenz mehr fand. Einmal, nur für ein paar Sekunden, schälte sich eine Stimme aus dem Knistern – weiblich, brüchig und kaum verständlich –, dann wieder nur Leere. Sie drehte den Knopf zurück und stellte das Gerät aus. Die Stille war zwar drückender, aber auch ehrlicher. Im Rückspiegel sah sie ihr eigenes Gesicht: zu blass für die Jahreszeit, die dunklen Schatten unter den grünen Augen ließen sie älter wirken, als sie war. Sie rieb sich über die Wange, als könnte sie die Müdigkeit abstreifen – und wandte den Blick wieder einmal auf das offene Handschuhfach. Dort lag der Brief des Notars, der bereits gestern in der Post war. Mehrmals hatte sie ihn herausgezogen, aufgerissen und wieder zusammengefaltet, bis die Kanten sich wie Sandpapier anfühlten. „Nachlass von Eleanor Faber.“ Dieser Name löste in Jamie mehr Schatten als Erinnerungen aus. Zu Lebzeiten hatte ihre Mutter kaum über ihre Vergangenheit gesprochen. Neben dem Brief lag ein kleiner, messingfarbener Schlüssel, unscheinbar, beinahe altmodisch. Jamie hatte ihn zusammen mit den Unterlagen aus dem Umschlag genommen, doch bisher nicht einmal gewagt, ihn länger anzusehen. Er wirkte, als gehöre er nicht in ihre Zeit, sondern zu jemand anderem. Sie starrte erneut auf die Adresse, die unter ihrem Namen stand: Rookwood Lake Road. Dieser Name sagte ihr einfach nichts. Doch während sie die Zeilen fixierte, war da für einen winzigen Augenblick erneut ein seltsames Ziehen in ihrem Bauch, als hätte sich etwas Altes geregt, der Schatten einer Erinnerung. Erneut schob sie den Gedanken weg, fast wütend, und knallte das Handschuhfach zu. Der Schlüssel klirrte leise, als wolle er ihr widersprechen. Natürlich kam ihr der Name nicht bekannt vor. Es war bloß irgendeine Straße in irgendeinem Kaff in Vermont. Mehr nicht. Sie war in einem grauen Apartment in Burlington großgeworden – davon war sie überzeugt, weil ihre Mutter es ihr immer wieder gesagt hatte, zwischen endlosem Schweigen und gelegentlichen Ausbrüchen. Sie meinte immer: „Wir haben nur uns beide.“ Keine Familie und kein Zuhause außerhalb dieser Wände. Und doch hatte es dieses Haus gegeben. All die Jahre. Und sie hatte es Jamie vermacht. War es ein Geschenk? Oder eine Strafe?
Die Straße wandte sich um eine Kurve und endlich, nach all den monotonen und erdrückenden Stunden auf der Landstraße, tauchte das Dorf auf. Ein paar Holzhäuser, deren Fassaden grau vor Feuchtigkeit waren, ein einzelner Kirchturm, ein Supermarkt, der eher an einen Geräteschuppen erinnerte und eine Tankstelle, die wahrscheinlich der Treffpunkt der ganzen Gegend war. Jamie hielt an, weil sie eine Flasche Wasser brauchte – und vielleicht, insgeheim, weil sie hoffte, jemand würde ihr einen freundlichen Blick schenken. Doch die Leute starrten sie nur an. Ein alter Mann stand vor der Zapfsäule, eine Zigarette verglühte zwischen seinen Fingern, ohne dass er an ihr zog. Eine Frau, die gerade mit ihrem Kind die Straße überquerte, zog es hastig an sich, als Jamie ausstieg. Zwei Männer auf der Bank vor der Kirche hörten mitten im Gespräch auf und verfolgten sie mit ihren Augen, bis sie im Laden verschwand. Glocken läuteten, als sie die Tür öffnete und eintrat. Drinnen roch es nach Mottenpulver und kaltem Kaffee. Der Ladenbesitzer, ein dünner Mann mit eingefallenen Wangen und schütteren Haaren, stand hinter dem Tresen. Er musterte sie von Kopf bis Fuß, fast als hätte er gewusst, dass sie kommen würde.
„Entschuldigen Sie“, begann Jamie, ihre Stimme war viel zu ruhig für das, was sie fühlte.
„Können Sie mir sagen, wie ich zur Rookwood Lake Road komme?“
Es war, als hätte sie ein verbotenes Wort ausgesprochen. Der Mann blinzelte nicht, doch schaute er für einen Sekundenbruchteil zur Tür, als fürchtete er, jemand hätte ihre Frage gehört. Er senkte den Blick und schob eine Packung Zündhölzer über den Tresen, so alt, dass die Schachtel an den Kanten aufgeplatzt war. Sie lagen dort wie ein Angebot, das sie nicht verstand. Sie griff nach ihr und schob sie mit einem leichten Unbehagen in ihre Tasche.
„Das Spiegelhaus“, sagt er, mehr zu sich selbst als zu ihr.„Da fährt keiner mehr hin“. Seine Stimme kratzte, als sei sie jahrelang ungenutzt geblieben. Mehr sagte er nicht.
„Warum nicht?“ fragte Jamie, das Unbehagen in ihrer Stimme war nun nicht mehr zu überspielen.Keine Antwort. Er wandte sich ab, und Jamie wusste, dass das Gespräch damit beendet war. Sie drehte sich um und verließ ernüchtert den Laden. Niemand sprach sie an, aber sie wusste, dass ihr die Blicke folgten, bis sie im Jeep verschwand. Sie fuhr davon, keinem genauen Weg folgend, doch ihr Gefühl gab ihr zu verstehen, dass sie in die richtige Richtung fuhr. Der Weg führte immer tiefer in den Wald. Der Asphalt wich erst Schotter, dann Erde. Zweige peitschten gegen die Scheiben und Steine sprangen unter den Reifen hervor. Das Licht fiel nur noch spärlich durch das dichte Blätterdach, das sich wie ein Gewölbe über die Straße legte. Nebel lag über dem Boden und waberte zwischen den Stämmen wie träge, lebendige Schatten. Ihr Handy verlor das Signal. Mit jeder Kurve wuchs die Einsamkeit, bis Jamie das Gefühl hatte, die Welt endgültig hinter sich gelassen zu haben. Und dann tauchte es auf. Das Haus. Es stand auf einer kleinen Anhöhe und ragte aus dem Wald wie ein Fremdkörper, zu groß und zu fremd, als hätte es jemand an diesen Ort gesetzt und dann vergessen. Es hatte eine viktorianische Fassade, die Schindeln waren dunkel vom Regen und die Fenster blind wie erloschene Augen. Die Veranda hing schief, das Holz war morsch, vom Wetter zerfressen und mit Efeu und Dornen überwuchert, als hätte der Wald es langsam verschlucken wollen.Jamie stieg aus. Ihre Stiefel knarrten im Kies, dann sank der Boden weich unter ihren Sohlen ein. Sofort umfing sie eine Stille, die nicht natürlich war. Kein Vogel, kein Rascheln. Nur das Atmen des Waldes – oder war es ihr eigenes, das so laut in ihren Ohren hallte?
Sie tastete im Umschlag nach dem Schlüssel. Er lag schwer in ihrer Hand und fühlte sich fremd an.Sie schritt die Stufen hinauf. Ein Schritt auf die Veranda und die Bretter gaben unter ihrem Gewicht nach, als hätten sie die Berührung vergessen.Jamie schob den Schlüssel ins Schloss. Er hakte. Sie drehte ihn, drückte und fluchte leise. Und dann, mit einem metallischen Knacken, gab die Tür nach. Ein Luftzug wehte ihr entgegen, kalt und modrig, als hätte das Haus jahrzehntelang auf diesen Moment gewartet. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte Jamie das Gefühl, als würde jemand drinnen den Atem anhalten.
Und irgendetwas sagte ihr: Das Haus war nicht leer.