Prolog
Es war 2:58 Uhr, als Mia zum ersten Mal allein in ein Taxi stieg.
Nicht, weil sie noch nie eins genommen hatte – aber nie so. Nie nachts. Nie nach dieser Art von Abend. Nie allein. Der Clubgeruch hing noch in ihren Haaren, ein kleines bisschen Alkohol zu viel in ihr. Ihre Freundin war auf der Tanzfläche geblieben, bei irgendeinem Typen mit zu vielen Versprechungen in den Augen. Mia dagegen hatte sich für ein Tinder-Match entschieden, das irgendwo am Stadtrand auf sie wartete. Einer, der klang wie Risiko oder Fehler. Oder beides.
Als das Taxi ankam, erkannte sie es sofort. Sie musste nicht suchen. Keine Beschreibung. Kein Zweifel.
Er hatte sie angerufen, als sie noch nicht am vereinbarten Platz stand. Die Nummer hatte er von der Zentrale bekommen. Seine Stimme klang tiefer, als sie erwartet hatte. Ruhig. Wach.
Sie öffnete die Beifahrertür und stieg ein. Setzte sich neben ihn, nicht nach hinten. Irgendetwas in ihr wollte ihn sehen, spüren, prüfen. Er drehte nur kurz den Kopf zu ihr – und da waren sie: tiefblaue Augen, klar und dunkel zugleich. So ein Blau, das fast etwas Kühles hatte, aber nicht distanziert wirkte.
Während sie losfuhren, lief auf seinem Handy ein Film. Sie rückte näher, ein bisschen zu nah für einen Fremden. „Was guckst du da?“, fragte sie, Er antwortete, nannte einen Titel, den sie nicht kannte. „Sieht gut aus“, sagte sie und rückte noch ein Stück näher, als müsse sie es besser sehen. Er lächelte kaum merklich. „Was geht denn um die Uhrzeit noch in dem Viertel?“, fragte er irgendwann. „Tinder-Date“, sagte Mia knapp. „Mutig.“
Sie schwieg. Dachte an den Mann, der sie erwarten würde und gleichzeitig an diesen Fahrer mit den blauen Augen, der da neben ihr saß, wie eine ruhige Entscheidung, die noch nicht getroffen war. Für einen Moment – einen einzigen Moment – hatte sie den Impuls, es auszusprechen: „Willst du mit mir knutschen?“ Aber sie ließ es. Der Gedanke kam, schmolz wieder weg, und als sie ankamen, stieg sie aus, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Zwei Tage später schrieb sie ihm trotzdem. Einfach so. ohne zu wissen, ob er es überhaupt lesen würde: „Ich war kurz davor, dich zu fragen, ob du Lust hast, mit mir zu knutschen. Nur damit du’s weißt.“ Die Antwort kam schneller, als sie erwartet hatte.
Und ab da war nichts mehr wie vorher.