Eine unerfreuliche Störung
Finn
„Solltest du nicht in der Küche stehen?“Anni zog ihren rechten Mundwinkel nach oben. Ein halbes Lächeln strahlte mir entgegen. Es hätte witzig ausgesehen, wenn ich nicht die Angespanntheit dahinter bemerkt hätte. Die Zerissenheit. Gleichzeitig fand ich es süß, dass sie hier bei mir sass, während wir darauf warteten, dass mir der erste Gang serviert wurde.
„Ist das eine Frage?“ Ich schüttelte langsam den Kopf. Es gehörte einfach unserem allwöchentlichen Treffen dazu, das ich sie foppte. Nur sollten ebendiese Foppereien endlich mal kreativer werden. Anni war als Küchenchefin nämlich äußerst kreativ, wie ich jede Woche aufs Neue entdecken konnte.
Ich erinnerte mich gerne zurück, wie sich unsere verschiedenen Leben an einem Punkt angefangen haben zu kreuzen. Wie ich als kaum erwachsener Mann mit Krücken versuchte mein Nachtessen nach Hause zu balancieren. Aber genau einen Schritt weit kam und es auf den Pflastern der Altstadt verteilt hatte.
Wie sie dann aus dem Foodtruck gehechtet kam um meine Sauerei aufzuputzen um mir ein neues Abendessen spendiert und nach Hause getragen hatte. Wie sie zwei Jahre später in die Agentur gekommen war, in der ich als Bankangestellter arbeitete, und um einen Kredit fragte. Sie ihn jedoch nicht bekam und ich als Privatinvestor bei ihr einstieg. Zuerst ein Foodtruck, der nur ihr gehörte, dann ein Take-away, dann ein Brand, dann eine Arbeitstelle bei einem Profikoch, dann ein eigenes Restaurant. Und jetzt sassen wir beide jeden Freitag da und schauen uns in die Augen, während wir darauf warteten, dass das Essen serviert wurde, das Anni gerade selber in der Küche zubereitet hatte, für das ich dann den Vorkoster spielen durfte. Nach meiner Absegnung würde es dann nächste Woche auf der Karte landen.
Aber nur für eine Woche, dann würde ich freitags wieder hier sitzen und ein neues Mahl probieren, das eine Woche drauf dutzendfach gegessen wurde. Ich konnte es mir kaum vorstellen, jede Woche neuen Ideen zu haben.
Die Kreativität, die Energie, die dahinter steckte, die ging mir ab. Aber ich war auch kein Koch. Ich musste nur den Markt im Auge behalten, zur rechten Zeit in die Rechte Sache investieren und stinkreich werden.
„Ich bin nur so hibelig, weil ich wissen will, wie du meine neuste Kreation findest.“ Sie hopste auf ihrem Stuhl auf und ab.
„Da sollte doch langsam eine gewisse Gewöhnung eintreten. Wir machen das ja nicht zum ersten Mal.“ Ich versuchte mich an einem Lächeln, ob es so rüber kam, wusste ich nicht. „Du bist mein Vorkoster, und dein Ausdruck, dein Gesicht macht nunmal, das ich jedes Mal nervös werde.“
„Tut mir Leid.“
„Du kannst ja nichts dafür. Du bist halt einfach so. Für mich halt nur ein gewisser Nervenkitzel dabei. Was ja auch nicht schlecht sein muss.“
„Wie oft habe ich ein Essen von dir verschmäht?“
Sie verdrehte ihre Augen, dann blickte sie mich direkt an und konnte ein lautes Lachen nicht verkneifen. Sobald sie sich wieder erholt hatte, antwortete sie mir: „Einmal.“
„Das stimmt nicht“, entgegnete ich sofort und überzeugt. Doch sie winkte ab. „Ist nur schon ein Weilchen her.“ Und da schaltete es mir, hatte ich doch selber erst vor Augenblicken daran gedacht.
„Der Foodtruck“, antwortete ich.
„Der Foodtruck“, bestätigte sie mir.
„Das war aber ein eher spezieller Fall. Ich habe dein Essen ja nicht verschmäht, die Schwerkraft war nur geschickter als ich gewesen. Und schlussendlich habe ich dein Essen immer noch kosten dürfen.“
Sie wollte schon zum Weitersprechen anheben, da kam endlich mein Essen. Es sah, wie sollte ich sagen, deutlich reduziert aus. Lauter Vierecke und Dreiecke und Kreise in verschiedenen Farben. Es war gewöhnungsbedürftig, sein Essen so losgelöst von seinen ursprünglichen Formen zu sehen.
Rea, die mir mein Essen vor mir auf den Tisch gestellt hatte, blieb stehen. Was sie normalerweise nicht tat. Was Anni dazu veranlasste, aufzublicken.
„Ich störe nur ungern“, sagte Rea verhalten.
Annis Miene verfinsterte sich sofort. Der Freitagabend mit mir war ihr heilig. Sie hatte ihre Angestellten darauf eingeschworen eine halbe Stunde nicht zu stören, es sei denn um mir das Essen hinzustellen und dann wieder zu gehen. Wenn Rea, die Restaurationsleiterin und oberste Chefin des Servicebetriebs es wagte, zu stören, dann brannte das Restaurant. Da sie mir gerade in aller Seelenruhe das Essen auf den Tisch gestellt und nicht aufgefordert hatte, aufzustehen und das Lokal zu verlassen, musste es etwas Schlimmeres sein. Nur konnte ich mir nicht vorstellen, was schlimmer sein sollte, als ein weiterer Brand.
„Ein Gast möchte die Chefköchin sprechen.“ So wie ich Rea in der Zeit hatte kennen lernen dürfen, war sie durchaus fähig, solche Anliegen abzuwenden, damit Anni in Ruhe kochen konnte. Wer also die Chefköchin verlangte, und Rea dieser Bitte nachkam, dann hatte ein Restaurantkritiker gerade ein Haar in der Suppe gefunden. Oder Tom Hardy hatte gerade den gesamten Speiseraum leeren lassen. Oder?
Mir viel nichts mehr ein, weil wie gesagt, ich war unkreativ. Ich wusste nur, das die Kacke für Anni am Dampfen war und ich hoffte, das sie das geregelt bekam. „Was ist?“ Ihr Ton war nicht gerade sachlich. Was ich nur zu gut nachvollziehen konnte.
„Ich glaube, ihm schmeckt das bestellte Fleisch nicht“, antwortete Rea knapp. Sie sah sichtlich bedrängt aus.
„Du weisst was ich von Gästen halte, die mich verlangen.“ Rea nickte. „Der Gast hat ein Kamerateam dabei.“ Anni wurde schlagartig bleich und sprang auf. Wie ein Känguru, das sich aus der Waagrechten hoch katapultierte. „Wo ist er, zeig ihn mir.“
Ihre beiden Gesichter veränderten ihren Ausdruck. Sie sahen entschlossen aus, ja schon fast kalt und preschten an mir vorbei aus dem Séparée hinaus in den großen Gastraum. Ich konnte nur ahnen, wie sie sich gerade fühlten. Ein Mensch mit einer Kamera und sei es nur eine Handykamera, konnte Existenzen vernichten. Und Anni war nach dem vergangenen Brand nicht auch noch ein Shitstorm zu wünschen. Ich ich versuchte, mich von der Stimmung, die gerade noch geherrscht hatte, nicht herunterziehen zu lassen, und machte mich über das kunstvolle, verwirrende Essen her. Es sollte schließlich nicht kalt werden, oder warm? Der erste Bissen, den ich herunterschluckte, steigerte nur meine Verwirrung.
Ich spürte gerade beide Temperaturen in meinem Mundraum und Speiseröhre. Wie hatte das Anni bloß hingekriegt. Ich nahm einen weiteren Bissen. Ja, dieser war fest und flüssig zugleich. Ich versuchte, mich mehr auf die Geschmäcker zu konzentrieren als auf die Texturen und die Haptik. War der orange Kreis eine Karotte? Oder doch rote Beete? Mein Gehirn schwirrte. War Anni unter die Hexen gegangen? Ich glaubte ja nicht an so einen Quatsch, aber bei diesem Gericht, verdammt, sie hatte sich wieder übertroffen. Ich ass mit Genuss und viel Spaß weiter. Denn dieses Essen war nicht nur für den Geschmackssinn. Mein Gehirn und meine Gedanken zogen weitere Kreise und versuchten weiter herauszufinden, welche bunte geometrische Form, welches Essen war, als sich plötzlich eine Stimme aus dem Stimmengewirr löste und gar unangenehm an meinem Ohr war. Ich legte das Besteck beiseite, um mich auf die Stimme zu konzentrieren.
„Wissen sie überhaupt, wer ich bin!“ Anni und Rea hörte ich, jedoch verstand ich die Worte nicht. Musste ich auch gar nicht. In gewohnter Manier versuchten die beiden sicherlich denjenigen zu beschwichtigen und mit einem Drink aufs Haus zu bestechen. Die Stimme indes, deren sechs Worte ich nur zu gut erkennen und verstehen konnte, löste in meinem Gehirn keine vergnügliche Rätselei, sondern Schmerzen aus.
Erinnerungen an Zeiten, die ich mit viel Therapie und mit noch mehr Wodka in eine dunkle Ecke meiner selbst verschoben und mit fröhlichen Erinnerungen über überschrieben hatte. Doch jetzt waren all die guten Erinnerungen, die Fröhlichkeit, der ganze Weg, den ich von dieser Stimme weggemacht hatte, zu meinem heutigen selbst hin, einfach weg. Verschwunden unter einer Kakophonie der Vergangenheit.