Kapitel 1 - Die letzte Nacht
Das Dorf am Meer war klein, unscheinbar und doch voller Leben. Zwischen schmalen Gassen, knarrenden Holztüren und den Rufen der Händler lebte ein Mädchen, das allen vertraut war und doch nie ganz zu ihnen gehörte.
Elisa war sie genannt worden – ein einfacher Name für ein einfaches Leben. Sie half ihrer Mutter beim Kochen, beim Putzen und beim Hüten der Tiere. Ihrem Vater, der wie viele Männer im Dorf als Fischer arbeitete, stand sie zur Seite, wenn die Netze geflickt, die Wagen beladen oder die Pferde eingespannt werden mussten. Niemand konnte ihr Fleiß und ihre Bescheidenheit übersehen.
Die ersten Strahlen der Sonne tasteten sich an diesem Morgen durch das kleine Fenster der Hütte. Elisa richtete sich mühsam auf, rieb sich die Augen und stöhnte leise. Sie hatte keine Lust aufzustehen – doch der Tag wartete nicht auf sie. Mit einem Seufzer streifte sie das Nachthemd ab und schlüpfte in ihr schlichtes Kleid, ein graues Leinenstück, das längst die Farbe des Bodens angenommen hatte und bis zu den Knöcheln reichte. Darüber band sie eine Schürze, deren Stoff so sehr vom Arbeiten gezeichnet war wie ihre Hände. Ihr schwarzes Haar, schwer und glänzend, flocht sie sorgfältig zu einem schlichten Zopf.
Bevor sie die Kammer verließ, zog sie noch hastig die Decke glatt. Dann trat sie in die Stube, wo ihre Mutter bereits am Herd stand. Gemeinsam rührten sie den Haferbrei, der jeden Morgen das Frühstück der Familie bildete. Als Elisa die Schale auf den Tisch stellte, verrutschte sie ihr beinahe, und ein Spritzer Brei landete auf der Holzplatte. Ihre Mutter schmunzelte. „Noch nicht ganz wach, hm?“ Elisa lachte leise, wischte den Fleck fort und setzte sich.
Die Stunden vergingen im Rhythmus des Dorflebens. Elisa fegte den Hof, fütterte die Tiere im Stall und half ihrem Vater beim Flicken der Körbe. Sie tat es schweigend, auch wenn ihre Gedanken oft abdrifteten. Manchmal ertappte sie sich dabei, dass sie das Meer anstarrte, als würde es ihr etwas zuflüstern. Dann schüttelte sie den Kopf und arbeitete weiter, als sei nichts gewesen.
Am Nachmittag bat sie ihre Mutter um Erlaubnis, sich noch am Marktbrunnen mit ihren Freundinnen zu treffen. Zunächst zögerte die Mutter – es gehörte sich nicht, dass ein junges Mädchen am Abend allein draußen umherlief. Doch schließlich ließ sie Milde walten. „Aber nicht zu spät“, mahnte sie, und Elisa versprach es.
Bevor sie ging, schöpfte sie Wasser, wusch den Staub des Tages von Gesicht und Händen, strich ihr Haar glatt und flocht es neu. Dann lief sie hinaus in den kühlen Abend.
Am Brunnen warteten Tiana und Marina bereits. Zwischen ihnen stand ein Korb mit Äpfeln und Birnen. Sie begrüßten Elisa herzlich, setzten sich gemeinsam auf den Rand des Brunnens und begannen zu plaudern.
Tiana war achtzehn und längst verlobt. Bald sollte sie einen Herzog heiraten, den ihr Vater belieferte. Mit stolzem Glanz in den Augen erzählte sie von der bevorstehenden Hochzeit, während sie eine Locke ihres goldblonden Haares um den Finger drehte. Marina hingegen schwärmte von einem jungen Mann aus dem Nachbardorf, der eine Herde Pferde besaß. Sie sprach mit solcher Inbrunst von ihm, dass selbst die Frucht in ihrer Hand zu vergessen schien.
Nur Elisa schwieg, wenn das Gespräch auf Männer und Hochzeiten kam. Sie dachte nicht daran. Ihre Sorge galt einzig den Eltern, die Tag für Tag mühsam arbeiteten. Alles, was sie wollte, war, ihnen eines Tages das Leben leichter zu machen.
„Und du, Elisa?“ fragte Marina an diesem Abend mit einem Grinsen. „Morgen bist du achtzehn. Willst du uns immer noch erzählen, dass du keine Gedanken an Männer verschwendest?“
Tiana stieß sie kichernd in die Seite. „Du musst doch wenigstens einen im Auge haben. Irgendwen!“
Elisa lächelte, sanft, aber bestimmt. „Nein“, sagte sie leise. „Es gibt Wichtigeres.“
Die beiden verdrehten die Augen. Für sie war klar: Armut war etwas, dem man entkommen musste. Tiana mit ihrem Herzog, Marina mit ihrem Pferdezüchter – sie beide hatten ihre Träume längst gefunden. Elisa jedoch blieb ihnen fremd.
Und doch war es nicht nur ihre Haltung, die sie unterschied. Ihre Freundinnen mochten sie, ja – aber zwischen ihnen lag immer ein Schatten. Wenn sie gemeinsam durchs Dorf gingen und Männer ihnen begegneten, hielten Tiana und Marina Elisa gern im Hintergrund. Denn neben ihr, so empfanden sie es, verblasste jede andere Schönheit.
Elisa wusste das. Sie verstand den stillen Neid, und aus Liebe zu ihnen sprach sie es nie aus. Stattdessen lachte sie mit, ließ die Stunden verstreichen und war froh, einfach am Brunnen zu sitzen, Obst zu teilen und die Stimmen des Dorfes zu hören.
Als schließlich die Lichter in den Häusern nach und nach erloschen, wussten sie, dass es Zeit war. Marina küsste Elisa auf die Stirn, und Tiana sagte neckend: „Ab morgen bist du eine Frau – vielleicht ändert das deine Sicht aufs Leben.“ Dann ließen sie sie zurück.
Elisa ging nach Hause, die Gedanken verstreut. Für einen Augenblick fragte sie sich, ob sie vielleicht wirklich falsch lag – ob ihre Freundinnen recht hatten. Doch der Gedanke verflog schnell, und sie dachte wieder an Vater und Mutter.
Zu Hause fand sie beide am Tisch, den Vater frisch vom Hafen zurück. Sein Fang war gut gewesen, und der Verkauf hatte genug eingebracht, um ein Stück Huhn für den Abend zu kaufen – ein seltener Luxus. Gemeinsam aßen sie, sprachen und lachten.
Nach dem Mahl nahm Elisa die kleine Öllampe und trat noch einmal hinaus, um nach den Pferden zu sehen. Der Hof lag still, das Rauschen des nahen Meeres mischte sich mit dem Zirpen der Grillen. Doch je näher sie dem Stall kam, desto unruhiger wurden die Tiere. Die Pferde stampften mit den Hufen, schnaubten heftig, als dränge ein unsichtbarer Schatten in ihre Nähe. Elisa blieb stehen, die Lampe hoch erhoben, und zögerte. Sekunden dehnten sich zu Minuten, während die Unruhe anschwoll – und plötzlich ebenso unvermittelt wieder abebbte.
Vorsichtig öffnete sie die Stalltür, trat ein und sah sich um. Alles war still. Die Pferde standen ruhig, kauten friedlich an ihrem Heu, als sei nichts gewesen. Elisa strich einem von ihnen über die Mähne, murmelte ein beruhigendes Wort und verließ den Stall.
Als sie die Tür hinter sich schloss und den Weg zurück zum Haus einschlug, flackerte die Flamme der Öllampe heftig, ohne Rhythmus, als würde eine unsichtbare Hand mit ihr spielen. Elisa hielt den Atem an, die Finger krampften um den Griff – da entglitt ihr die Lampe. Sie fiel klirrend zu Boden, und im selben Moment erlosch das Licht.
Finsternis umgab sie. Nur das ferne Brausen des Meeres war noch zu hören. Ein Schauder kroch ihr den Rücken hinauf.
Hastig trat sie zurück ins Haus, zog das Nachthemd über und legte sich nieder. Der Schlaf kam schnell – doch er war nicht wie sonst. Ein Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus, fremd und beunruhigend. Sie redete es sich als Müdigkeit ein.
Dann fiel sie tiefer – tiefer als je zuvor.
Sie stand im Nichts. Schwarze Leere dehnte sich um sie, lautlos und erdrückend, als hätte die Welt aufgehört zu existieren. Barfuß, in ein schlichtes weißes Kleid gehüllt, fühlte sie die Kälte dieser Leere in jede Faser ihres Körpers kriechen. Angst schnürte ihr die Kehle zu.
„Hallo?“ Ihre Stimme verhallte, als hätte sie nie existiert. Sie rief ein zweites Mal, lauter, dringlicher, doch die Dunkelheit verschluckte jedes Wort.
Dann geschah es. Ein warmer Hauch strich über ihren Rücken, und hinter ihr brach ein Licht hervor – grell, fast blendend, durchzogen von rötlichen Funken, die wie glühende Asche in der Luft schwebten. Zögernd wandte sie sich um. Alles um sie verschwand. Es gab nur noch das Licht.
Ein Drang, unaufhaltsam, zog sie nach vorn. Schritt für Schritt folgte sie dem Glühen, doch je näher sie kam, desto weiter wich es zurück – fern und nah zugleich, als wollte es sie prüfen und zugleich ihre Furcht lindern.
Da erhob sich eine Stimme. Tief. Gewaltig. So mächtig, dass sie bis in ihre Knochen drang:
„Du musst erwachen. Es ist Zeit, deinem Schicksal zu folgen. Wach auf. Finde deinen Weg.“
In diesem Augenblick zersprang der Boden unter ihr. Die Finsternis riss sie hinab – und mit einem Schlag öffnete sie die Augen.
Ihre Augen leuchteten nicht mehr blau, sondern tiefrot, als wären sie von Feuer durchdrungen. Ihr Haar hob sich vom Kissen, schwebte in der Luft, bewegt von einer unsichtbaren Kraft. Für einen Herzschlag war sie nicht mehr das einfache Mädchen Elisa – sondern etwas Fremdes, Gewaltiges, das sie selbst nicht verstand.