Verrottete Eleganz
Es brauchte nicht mehr, als diese eine Fingerbewegung um ihr das einzige zu rauben, was ihr an dem Abend etwas Genugtuung geschenkt hätte. Den Triumph über Hana. Ein schwacher Sieg, gewonnen in einem Spiel, bei dem man nur verlieren konnte.
Eine der Kellnerinnen nickte und machte sich auf den Weg.
Lyras Körper bewegte sich weiter. Die Hüften kreisten, der Po war noch immer gegen die Stäbe gedrückt. Doch ihre Bewegungen hatten nichts Dynamisches mehr, eher gleichten sie einem austrudelnden Pendel.
Schließlich lehnte sie sich gegen die Stäbe und sackte daran leicht zusammen, den Blick zum Boden gerichtet. Ihr silbernes Haar fiel nach vorne und verdeckte ihr Gesicht, als wolle es sie vor den beißenden Blicken schützen. Eigentlich wäre der Anblick erbärmlich, aber sie ließ es so aussehen wie das elegante Ende ihrer Show.
Ihr eigenes Spielchen war verloren. Und es gab niemanden außer sich selbst, den sie dafür beschuldigen könnte. Doch als sie bereits glaubte, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, drang sich ein schrilles Pfeifen aus der Menge.
Ein anderer Typ, jünger, aber nicht weniger schmierig, rief nach einer Kellnerin und zeigte direkt auf Lyra. Er leckte sich bereits die Finger, untermalt wurde diese schamlose Geste von einem teuflischen Grinsen, als würde er sich schon jetzt ausmalen, was er mit ihr anstellen würde. Scheinbar hatte er doch Gefallen an ihr gefunden. Oder daran, wie sie gefallen war?
Für einen Moment stand die Zeit still, als sich die Blicke der beiden Mädchen in den Käfigen trafen. Ein angestrengtes, aber verschmitztes Grinsen formte sich zögerlich auf Hanas Lippen.
Dumme Schlampe…, fauchte es in Lyra, aber das Lächeln blieb.
Mit einer stilvollen Handbewegung warf sie den Vorhang aus Haaren beiseite, richtete sich auf und drehte sich von Hana weg, als hätte sie nie verloren. Diesen Moment würde sie ihr nicht gönnen.
Anschließend trafen zwei Kellnerinnen fast gleichzeitig bei ihnen ein. Beide waren genauso wie Hana und Lyra im Hasenkostüm.
Hanas Kellnerin musste einige Male an der Käfigtür rütteln, ehe sie aufging. Ihr schwarzes Haar war zu einem Zopf gebunden und schwang bei jedem Versuch mit.
“Gott, dieser Käfig macht mich fertig!”, fluchte sie.
“Ist halt wirklich alles Schrott hier. Vor ein paar Monaten gingen die Dinger noch von innen auf”, pflichtete Hana bei, als sie aus dem Käfig stieg. “Danke, Yuyu.”
“Tja, aber Rudi will ja kein Geld ausgeben”, merkte das Mädchen, Yuzuki, mit einem schrägen Lächeln an.
“Der Typ wartet in Zimmer drei auf dich”, fügte sie hinzu und ging los. Dabei machte sie eine Handbewegung, dass Hana ihr folgen sollte.
Hana warf einen flüchtigen Blick zu Lyra.
Die muskulösere Kellnerin bei Lyras Käfig riss die Tür mit einem kräftigen Ruck auf und strich sich eine pinke Strähne ihrer kurzen Haare aus dem Gesicht.
“Starke Show mal wieder, Prinzessin!”, kommentierte sie zwinkernd, was Lyra kurz zucken ließ.
“Na, was hast du denn sonst von mir erwartet, Natascha?”, entgegnete Lyra in einem selbstbewussten Ton, der gar nicht mehr nach Niederlage klang.
“Selbstgefällig wie ein Idol. Typisch.” Zusammen mit einem lauten Wumms knallte Natascha die Käfigtür wieder zu und lachte amüsiert. “Komm mit, dein Kunde wartet in VIP Zimmer zwei”, wies sie an und ging vor.
Dann linste auch Lyra kurz zu Hana hinüber. Als sich ihre Blicke trafen, schauten beide wieder weg. Eine unausgesprochene, spürbare Spannung lag zwischen ihnen. Aber verglichen mit dem, was nun folgte, war es fast schon wie etwas Vertrautes, Geborgenes.
Denn jetzt mussten sie sich den Schweinen stellen.
Lyra zwang sich zu einem Lächeln, das wie eine schlecht sitzende Maske auf ihrem Gesicht klebte. Hana erwiderte es, perfekt gespielt, während sie sich geschmeidig vom Käfig löste.
Scheiß Spiel, dachte Lyra.
Und trotzdem spielen wir es, führte Hana denselben Gedanken zu Ende.
Hana folgte Yuzuki durch die schmale Seitengasse zu den VIP-Zimmern. Die Wände waren fleckig, das Licht flackerte, und es roch nach verschüttetem Alkohol. Ihre Absätze klackerten auf dem klebrigen Boden.
“Ugh, ich hasse diese Gänge”, seufzte Yuzuki und schob sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. “Riecht immer wie ein Klo.”
“Tell me about it”, murmelte Hana. “Danke aber für’s hinbringen.”
“Klar doch, Sweetie.” Yuzuki lächelte schief. “Bei dir immer gerne!”
Sie blieb vor der Tür mit der Nummer “3” stehen und legte kurz eine Hand auf Hanas Schulter. “Der Glatzkopf mit den Goldzähnen… ugh.”
“Wenigstens zahlt er gut”, murmelte Hana zynisch.
“Stimmt. Immerhin können sich die ganz dreckigen Säcke dich nicht leisten.” Yuzuki drückte ihre Schulter sanft. Sie öffnete die Tür, ohne zu klopfen.
“Pass auf dich auf, Hana-chan”, flüsterte sie und verschwand wieder den Gang hinunter.
“Danke Yuyu”, flüsterte Hana leise zurück.
Hana atmete noch einmal tief durch und trat ein, dann fiel die Tür zu.
Lyra folgte Natascha durch den schmalen Gang, der zu den VIP-Zimmern führte. Natascha erzählte irgendetwas von ihrer letzten Schicht als Türsteherin, aber Lyra hörte nicht zu. Sie kannte diesen Weg. Sie kannte diesen Gestank. Und sie wusste genau, welches Zimmer sie erwarten würde.
Auf dem Gang lehnte Riri an einer befleckten Wand. Als sie Lyra sah, stieß sie sich ab und beugte sich vor.
“Du warst mal wieder so cool!“, schwärmte sie. “Wie du mit den Stäben gespielt hast war… HOOOT!
Doch dann verlor ihr Blick etwas von dem Funkeln. “... aber was war das am Schluss?” Sie sah fast schon ein wenig besorgt aus.
Lyra blieb neben ihr stehen, Natascha auch. Ihre Gedanken überschlugen sich, wie schon vorhin. Riri schauspielerte alles Mögliche, aber das hier war echt. Kein Sarkasmus, wie bei Hana. Und auch kein Mindgame wie bei Serena, die Lyra immer verunsichern wollte.
Nein – Riri war einfach nur eine naive Schlampe, die sie verehrte wie eine Göttin. Die Göttin der Schlampen. Vielleicht war es das, was Lyra daran hasste.
Lyra schob ihre Mundwinkel mit aller Kraft nach oben. Selbstsicher und arrogant, wie immer.
“Wenn ich über sowas nachdenken würde, dann wäre ich heute nicht da, wo ich bin”, log sie kalt. Dann ging sie weiter.
Dem Feuer, das sie in Riris Augen entfacht hatte, schenkte sie keine Beachtung mehr. Nicht weil sie wirklich so arrogant war. Nur, weil es jetzt vor die Hunde ging.
Natascha klopfte Lyra auf den Rücken, was ihren geübten Gang fast ins Wanken brachte und öffnete dann die Tür mit der Nummer “2”.
“Bist ja echt ein Vorbild für die Kleine”, lachte sie laut.
“Ist ja auch meine Aufgabe als Nummer eins.”
Einer von Lyras Mundwinkeln zuckte unmerklich, dann ging sie in das Zimmer.
Innen roch es nach altem Schweiß und etwas noch süßerem, beißenderem, wahrscheinlich Sperma. Das Zimmer war klein und extrem karg. Ein durchgelegenes Sofa in der Ecke, ein fleckiger Couchtisch und an den Wänden rote Seidentapeten, die sich an den Rändern bereits lösten.
Und da saß er. Der Typ, der Hana gebucht hatte.
Ein glatzköpfiger Kerl mit einem aufgedunsenen Gesicht, schmierigen Goldkettchen um den Hals und einem Bäuchlein, das unter seinem zu engen Hemd hervorquoll. Sein Blick glitt sofort an ihrem Körper hoch und runter, langsam und absolut ekelhaft.
“Komm her, Häschen”, krächzte er, seine Stimme ölig und schleimig wie seine Hände. Er klopfte neben sich auf das Sofa.
Dreckige Matratzen lagen kreuz und quer auf dem Boden, der Ventilator an der Decke drehte sich klackernd. Und auf einer davon saß ihr Kunde. Sein Gesicht war rot vor Hitze oder Alkohol oder beidem, und in seinen winzigen Augen flackerte ein schmieriges Funkeln.
Als Lyra eintrat, leckte er sich langsam über die Lippen und spreizte die Beine breit. Sein steifer Schwanz ragte ungeniert aus der offenen Jeans, deren Stoff voller Flecken war. Die gerötete Haut war von kleinen Pickeln übersät, was den Anblick noch abstoßender machte.
“Komm her, Prinzessin,” schnarrte er und winkte mit einem Finger, der so fett war, dass Lyra schwor, er hätte kaum noch ein Gelenk.
Um dir auf den Schoß zu kotzen?
Sie würgte den Gedanken hinunter, kicherte zu süß, zu verrucht und ließ langsam die Hüften kreisen, während sie auf ihn zuging.
Hana schluckte trocken.
Sie zwang sich zu einem koketten Lächeln, das selbst für ihre Verhältnisse weh tat, und trat mit wiegenden Hüften auf ihn zu. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie tiefer in einen Sumpf aus Scham treten.
Kaum dass sie sich neben ihn setzte, griff er schon zu. Seine Finger glitten gierig über ihre Schenkel und stoppten nicht einmal, als sie unbewusst leicht zusammenzuckte.
“Zeig mir deine Titten, komm schon”, raunte er, seine Hand wanderte höher.
„Zeig mir deinen Arsch“, befahl der Typ, kaum dass Lyra in Reichweite war. Seine Stimme keuchte, der Sabber lief ihm schon über die Lippen.
Sie drehte sich langsam um, legte die Hände an die Knie und beugte sich leicht vor, sodass ihr Bunny-Outfit sich straff über ihren Hintern spannte. Sie spürte seinen Blick auf ihrer Haut brennen.
Ein keuchendes Hecheln hinter ihr. Dann das Geräusch von Reißverschluss und raschelndem Stoff. Ohne Eile richtete sie sich auf, streifte das Bunny-Outfit von den Schultern und ließ es an sich herabgleiten, bis es zu Boden fiel.
Nun stand sie nur noch in schwarzer Unterwäsche vor ihm.
Lyra schloss die Augen.
Hana atmete flach.
Langsam, wie in Trance, griff sie nach dem zu engen Reißverschluss ihres Bunnyoutfits, öffnete ihn ein Stück und ließ es etwas nach unten gleiten. Die kühle Luft des Raumes prickelte auf ihrer Haut, als sie ihre Brüste aus dem Stoff zwang und sie bewusst aneinander drückte, als würde sie es genießen.
Der Mann keuchte leise und seine Augen wurden glasig vor Geilheit. Seine Hände kamen hoch. Er quetschte ihre Brüste mit seinen Fingern, als wollte er testen, ob sie echt waren und knetete sie ohne jede Zärtlichkeit, während seine Zunge feucht über seine Lippen fuhr.
Eine Hand klatschte hart auf Lyras Hintern.
Noch eine.
Dann griff er zu, packte ihren Arsch so grob, dass sie sich mühsam davon abhalten musste, zusammenzuzucken.
“Schön straff…”, keuchte er, sein Atem streifte heiß gegen ihren Rücken. Trotzdem blieb sie wie eingefroren.
Hana lächelte weiterhin, mechanisch.
Sein Atem roch nach Bier. Wenigstens etwas angenehmes. Er beugte sich vor und sog einen ihrer Nippel gierig in den Mund. Seine Zähne schabten ungeschickt über die empfindliche Haut.
Hana schloss die Augen.
Er grunzte zufrieden, während seine Hand zwischen ihre Schenkel glitt, rücksichtslos, als würde er nicht einmal merken, dass sie stocksteif neben ihm saß.
Nur bis er kommt. Ich muss es schnell machen.
Plötzlich drückte er das Gesicht in Lyras Po, rieb sich sabbernd an ihr und stöhnte schwer. Seine Berührungen schändeten jeden Zentimeter, das Grunzen vibrierte durch sie hindurch. Er trieb es immer weiter, immer tiefer.
Aber Lyra ließ es zu, während in ihrem Kopf dieselben zwei Gedanken in kaputter Dauerschleife liefen.
Nur mein Körper. Nicht ich.