Kapitel 1
Das Glas Weißwein in Sophies Hand zitterte, während Alexander sprach. „Es war ein Fehler, Sophie. Es bedeutet nichts.“ Nichts. Sie starrte ihn an, als könnte sie in seinen Augen einen Rest Wahrheit finden. Aber alles, was sie sah, war Beschwichtigung. Abwehr. Schuld. „Nichts?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Du hast mich betrogen. Du hast uns betrogen. Und für dich ist das nichts?“ Alexander fuhr sich nervös durchs Haar, die Fassade des erfolgreichen, charmanten Mannes bröckelte. „Es war nur ein Ausrutscher. Ich liebe dich. Wir gehören zusammen.“ Sophie lachte bitter. „Zusammen? Du und ich? Sag mir eins, Alexander – war das vor oder nach ihr?“ Sein Schweigen war Antwort genug. Sie spürte, wie ihr Herz brach, leise, kalt. Dann griff sie nach ihrer Tasche, zog den Reißverschluss auf und begann, wahllos Kleidung hineinzustopfen. Alexander folgte ihr ins Schlafzimmer. „Sophie! Sei vernünftig. Wir können das klären.“ Sie blieb mit bebenden Schultern stehen. „Du hattest deine Chance. Aber ich… ich habe nur diese eine.“ „Welche?“ „Wegzugehen.“ Ohne einen weiteren Blick verließ sie die Wohnung.
Die Fahrt aufs Land zog sich wie ein endloser Tunnel. Häuser und Lichter verschwanden, stattdessen zogen Felder und Wälder vorbei. Sophie presste die Hände um das Lenkrad, als könnte sie sich daran festhalten. Wohin sonst sollte sie gehen? Als die Ranch endlich vor ihr auftauchte, war es Nacht. Der Kies knirschte unter den Reifen, der Mond legte bleiche Schatten über das Haus. Die Verandatür öffnete sich. Jo trat hinaus, eine stämmige Gestalt, die Hände in die Hüften gestemmt. Er wirkte genauso wie in ihrer Erinnerung – nur älter, härter. „Ich hätte nicht gedacht, dich noch mal hier zu sehen“, sagte er rau. Sophie stieg aus, hielt sich an der Autotür fest. „Das liegt wohl daran, dass du nie gefragt hast, ob ich komme.“ Ein kurzes Zucken huschte über sein Gesicht. „Ich hab genug um die Ohren gehabt.“ „Arbeit als Ausrede… das kenne ich schon.“ Schweigen. Nur Grillenzirpen, fernes Wiehern. Schließlich wandte er sich ab. „Willst du nun reinkommen oder draußen Wurzeln schlagen?“ Sophie folgte ihm ins Haus. Der vertraute Geruch von Holz, Kaffee und Staub umfing sie. Im Flur blieben ihre Augen an den alten Bilderrahmen hängen. Ein Foto: sie als Kind, auf Jos Schultern, ihre Mutter neben ihnen, strahlend. Ein anderes: Sophie mit einem Fohlen, die Mutter voller Stolz an ihrer Seite, Jo, ihr Vater, ernst, aber lächelnd im Hintergrund. Sophie strich mit den Fingern über das Glas. Mama… wärst du doch noch hier. Ein Klappern aus der Küche verriet, dass Jo sich beschäftigt hielt. Typisch. Gefühle wurden verdrängt, statt ausgesprochen. Leise nahm sie ihre Tasche, stieg die knarzende Treppe hinauf in ihr altes Zimmer. Alles dort war, als hätte niemand es je angerührt. Das Bett, die Gardinen, selbst die vergilbten Poster an den Wänden. Sophie ließ sich auf die Matratze sinken. Zum ersten Mal seit Wochen fielen ihr die Augen sofort zu – schwer von Trauer, aber auch von einer seltsamen Ahnung: Dies war nicht das Ende. Vielleicht der Anfang.