Kapitel 1
„Frau Müller, habe ich Ihnen nicht genügt?“
Jonas’ Stimme klingt weich. Zu weich für diesen Ort.
Emilia sitzt auf dem Barhocker im „Zum Alten Bahnhof“, das Hemd ihres verstorbenen Vaters halb offen, der Stoff viel zu groß für ihren Körper. Vor ihr steht kein Glas mehr – nur eine leere Spur aus Schaum und Vergessen.
„Du warst perfekt“, sagt sie ohne ihn anzusehen.
Perfekt.
Alle waren perfekt.
Nur sie nicht.
Jonas nimmt ihr das nächste Glas aus der Hand, bevor sie trinken kann. „Vielleicht sollten Sie heute aufhören.“
„Vielleicht solltest du lernen, wem du widersprichst.“
Er lächelt entschuldigend. Er kennt diese Version von ihr. Die Erbin ohne Erbe. Die Frau, die nur noch in dieser Bar existiert, weil draußen jeder sie erkennt.
Die verlorene Müller.
Die Tür öffnet sich.
Kein Windstoß. Kein Geräusch.
Nur Stille.
Emilia merkt es nicht sofort. Sie merkt nur, dass Jonas’ Hand erstarrt.
Und dann hört sie ihre eigene Stimme sagen:
„Emilia.“
Tief. Ruhig. Unverändert.
Sie lacht leise. „Jetzt halluziniere ich schon.“
Als sie sich umdreht, steht er dort.
Groß. Dunkler Mantel. Maßgeschneiderter Anzug.
Kontrolle in jeder Bewegung.
Audi-Schlüssel blitzen in seiner Hand, als wären sie eine beiläufige Waffe.
Noah Müller.
Ihr Stiefbruder.
Der Mann, der jetzt ihren Konzern führt.
Der Mann, der ihr alles genommen hat.
Oder alles gerettet hat.
„Der Neue?“, murmelt sie. „Ganz schön dreist.“
Er antwortet nicht. Er sieht sie nur an.
Und plötzlich fühlt sie sich nackt – trotz Stoff, trotz Alkohol, trotz Trotz.
Sie greift nach dem Glas.
Er ist schneller.
Seine Finger schließen sich um ihr Handgelenk, nicht hart – aber fest genug, dass sie spürt: Er könnte.
„Lass los“, sagt sie.
„Nein.“
Kein Zögern. Kein Lächeln.
Jonas tritt zurück. Klug genug zu verschwinden.
Emilia steht auf. Die High Heels machen sie fast so groß wie früher – fast.
Sie tritt nah an Noah heran. Zu nah.
Ihre Finger greifen seine Krawatte. Dunkelblau. Italienische Seide.
Sie zieht ihn zu sich hinunter.
„Warum sagst du nichts?“
Sein Atem streift ihre Lippen. Warm. Kontrolliert.
„Weil du betrunken bist.“
„Und?“
„Und du Dinge tust, die du morgen bereust.“
Sie lächelt schief. „Vielleicht will ich genau das.“
Ein Moment.
Ein gefährlicher, schmaler Moment.
Seine Hand rutscht von ihrem Handgelenk zu ihrer Taille. Nicht zärtlich. Nicht grob.
Besitzanzeigend.
„Wenn du mich jetzt küsst“, flüstert sie, „bin ich morgen weg.“
Seine Augen verdunkeln sich kaum sichtbar.
„Wenn ich dich jetzt nicht küsse“, sagt er ruhig, „bist du heute Nacht schon verloren.“
Ihr Herz schlägt schneller. Verräterisch.
„Du hast kein Recht mehr über mich.“
„Doch.“
Ein einziges Wort.
Kein Zorn. Keine Lautstärke.
Gewissheit.
Er nimmt ihr Glas und stellt es hinter sich auf die Theke. Außer Reichweite.
So, dass sie sich aufrichten muss, wenn sie es will.
Oder ihn berühren.
Oder fallen.
„Warum bist du hier, Noah?“
„Weil du hier bist.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch. Die einzige, die zählt.“
Sie lacht, doch das Geräusch bricht in der Mitte.
„Du hasst mich.“
„Ich habe dich nie gehasst.“
Seine Finger spannen sich kurz an ihrer Hüfte.
„Ich habe nur gelernt, ohne dich zu atmen.“
Sie hält den Atem an.
„Und jetzt?“
Er beugt sich näher.
„Jetzt atme ich dich wieder ein.“
Ein Schlag.
Ihre Hand trifft seine Brust – schwach, betrunken.
Er bewegt sich keinen Zentimeter.
„Bring mich hier weg“, flüstert sie plötzlich.
Nicht befehlend. Nicht stolz.
Fast flehend.
Er zögert nicht.
Er nimmt ihre Hand.
Nicht wie ein Bruder.
Nicht wie ein Retter.
Wie etwas, das ihm gehört – und das er zu lange aus den Augen verloren hat.
Draußen wartet sein dunkler Audi.
Kein Fahrer.
Er öffnet ihr die Tür nicht.
Er sieht sie nur an.
Sie steigt ein.
Die Lichter der Maximilianstraße ziehen vorbei. Die Isar glänzt schwarz im Dunkeln. Er fährt schweigend.
„Ich will nicht in die Villa“, sagt sie leise.
„Du fährst nicht in die Villa.“
„Wohin dann?“
Sein Blick bleibt auf der Straße.
„Dorthin, wo du nicht davonläufst.“
Sie lacht schwach. „Du glaubst wirklich, du kannst mich festhalten?“
Er biegt ab. Richtung Süden.
Richtung Berge.
„Ich halte dich nicht fest“, sagt er ruhig.
„Ich lasse dich nur nicht mehr gehen.“
Das erste Schluchzen bricht aus ihr heraus. Unkontrolliert.
Er verlangsamt nicht.
Er fährt weiter.
Als das Handynetz verschwindet, bemerkt sie es nicht einmal.
Er schon.
Sie hat seine Nummer gelöscht.
Er ihre nicht.
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Krieg.