Special Teil 1
Dieses Special widme ich meinem lieben Freund Tenebris. Er hat auf anderen Plattformen (leider nicht für euch auf Inkitt) seine Geschichten und einer der hier verewigten Protagonisten spiegelt ihn wieder. Ebenso habe ich mir von Mariella Rivas einen ihrer Jungs ausleihen dürfen. Das hat mich sehr gefreut und ich kann euch ihre Fußball Storys nur ans Herz legen. Erhältlich überall da wo es Bücher zu kaufen und leihen bei Kindle unlimited gibt. 😁 Jetzt aber erstmal viel Spaß mit einem Ausblick in die Zukunft von Magnus und Alexander.
🎅🏼🎄🎁❄️⛄🦌
"Das ist richtig geiler Scheiß", sagt Raphael schmunzelnd und leckt sich die klebrigen mit weißen Puderzucker bestreuten Finger.
"Absolut. Eine wahre Gaumenfreude und so einfach zu produzieren." Spencer stibitzt sich eines der eckigen Teigstücke aus der Tüte seines Mannes und ich verschlinge meine Portion, bevor dessen Langfinger sich in meine verirren.
"Eh", protestiert Raphael lautstark. Spencer bleibt unberührt, greift zielstrebig in die dampfende Papiertüte und ehe der spanische Teil meines Freunde Duos sich versieht, landet ein überdimensional großes Stück in Spencers Mund. Seine starken Kiefer mahlen, die Augen funkeln verschmitzt mit den Lichtern des Marktes um die Wette. Neuschnee bedeckt sein Haupt, Kristalle klebrigen Puderzuckers zieren seine vollen Lippen und Raphael lässt sich durch einen Kuss besänftigen.
Die Luft ist erfüllt mit unterschiedlichen Gerüchen. Orangen, ein Hauch von Zimt, gebrannte Mandeln und fruchtig süßer Glühwein vermischen sich mit dem rauchigen Aroma umliegender Grillhütten. Spencer nannte es liebevoll 'Der Duft von Weihnachten'. Seine Augen glänzten vor kindlicher Freude und ich versuchte mir den sechsjährigen Spencer mit seinem Geschwader an Geschwistern und deren Eltern im verschneiten Winterwunderland Schwedens vorzustellen. In farbenfrohen Bildern versetzte er uns zurück in eine unbeschwerte Zeit, während wir uns eine Spur durch fröhlich plappernde Menschen und aufgeregt wuselnde Kinder bahnten.
Unser erster Stopp zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht und ich konnte mich nicht entscheiden, welches Meisterstück liebevoll gefertigter Handwerkskunst einen Weg in mein Zuhause fand. Spencer nahm mir die Entscheidung und somit meine Unsicherheit ab.
"Ich denke, passender geht es nicht", sagte er und reichte mir einen mit regenbogenfarbenen Hosen bekleideten Lebkuchenmann. Perfekt.
"Einen für dich und einen für deinen Liebsten", flüsterte er und auch wenn seine Worte ihre Botschaft nicht verfehlten, schmerzten sie. Mein Liebster. Mein Geheimnis. Unperfekt.
Mein Blick schweift über die Ansammlung weihnachtlich geschmückter Hütten. Tannenzweige schlängeln sich über Dächer und Auslagen, bunte Lichter tanzen zusammen mit glitzernden Kugeln einen Reigen, verschmelzen im harmonischen Einklang. Sanft rieseln tanzende Schneeflocken aus den Wolken, bedecken die Welt mit dem Zauber der Weihnacht. Frostige Kälte umschmeichelt unsere Haut, die Wangen gerötet und die Mützen auf den Häuptern meiner Freunde glitzernd vom Neuschnee. Reinheit in ihrer Perfektion. Nebelige Atemwölkchen begleiten unsere Worte. Meine Fingerspitzen prickeln von dem eisigen Windhauch, welcher durch die Gassen weht.
"Wir brauchen noch ein Geschenk für Yorick." Raphael nickt und leckt sich die restlichen Spuren unseres köstlichen Mahls von den Lippen. Spencers eisblaue Augen sprechen eine eindeutige Sprache und auch wenn ich früher gerne ein Teil ihrer körperlichen Vereinigung gewesen wäre, so bereitet mir heute der kleinste Gedanke daran meinen Partner zu betrügen Kopfschmerzen. 'Heuchler', huscht es in leuchtend blinkenden Buchstaben durch meinen Verstand. Danke dafür und auch für meine rasselnden Atemzüge.
"Alles okay Magnus?", fragt Spencer besorgt. Ich zwinge mir ein Lächeln ins Gesicht und meine Freunde verdrehen unisono die Augen. Sie kennen mich und jede meiner Fassaden. An manchen Tagen lastet mein Geheimnis tonnenschwer auf mir, an anderen federleicht, ist unsere Situation doch keine alltägliche. Dinge passieren, wenn das körperliche Verlangen den Verstand ausschaltet.
"Ihr seid ekelhalft süß zusammen und auch wenn ich euch über alles liebe, so zeigt ihr mir immer wieder, was ich nicht haben kann. Aber das ist mein Problem."
"Ist es nicht", widerspricht Raphael und Spencer nickt bestätigend, bevor er beginnt mir einen altbekannten Vortrag über die Ungerechtigkeit im Sport und in der Steinzeit verankerten Ansichten von Funktionären und Clubbossen zu halten. Ich kenne jedes Wort, als wären nicht bereits zwei Jahre vergangen, in denen wir gemeinsam über Homophobie im Fußball diskutierten und er mir die Welt meines Freundes zeigte. Noch immer spüre ich seinen harten beschützenden Körper, die mich umschlingenden Arme und seine geflüsterten Worte in meinem Haar, als die Wahrheit drohte mich wie in einem schwarzen Loch zu verschlingen. Alecs ganzes Sein besteht aus dem Sport, dessen Sinn und Zweck mir bis heute nicht verständlich ist.
"Du bist nicht der Einzige. Wir haben bereits darüber gesprochen", beschwichtigt Spencer.
"So oft", seufzt Raphael und verdreht die Augen. Ich weiß, dass er nur halb so angepisst ist wie er aussieht.
"In den letzten zwei Jahren habt ihr nichts anderes getan, als über Alexander und sein 'Outing' zu sprechen." Raphael betont die Bedeutung des Wortes durch in die Luft gereckte Finger und das Beugen der Fingerglieder, erinnert mich an eine lebensverändernde Nacht.
"Nicht so laut", zischt Spencer und blickt hektisch um sich. Mein Herz rast und ich traue mich nicht die Augen zu öffnen. Scheiße. Hat uns jemand gehört? Niemand sieht zu uns, niemand schenkt den unbedachten Worten meines besten Freundes Beachtung.
"Glühwein oder Eierpunsch?", lenkt Spencer die Aufmerksamkeit vom gigantischen rosa Elefanten neben uns auf die wichtigen Dinge im Leben. Alkohol. Ablenkung. In einem anderen Leben unsere Spezialität, mittlerweile ist die schiere Größe unseres Lügengebäudes nicht zu übertreffen.
"Ich kann das nicht mal ansatzweise aussprechen. Überrasche mich einfach. Hauptsache es wärmt", entgegne ich.
"Also Glühwein mit Schuss. Wie gut das wir heute nicht mehr fahren müssen." Raphaels Mundwinkel zucken und Spencer klatscht freudig in seine großen starken Hände. Eiskalt legen sie sich auf meine Wangen, sein Blick nimmt mich gefangen und ich erinnere mich an eine Nacht, in der mein ganzes Leben zu einem Scherbenhaufen zusammenfiel. Auch damals bedachte Spencer mich mit seinem für ihn typischen geheimnisvollen Blick. Ich weiß nicht, wie er das macht, aber seine Anwesenheit spendet Ruhe und Kraft. Er ist mein Anker im Sturm meines Chaoslebens. Die Erinnerungen an unsere geheimen Momente schmerzen beinahe so stark wie der eisige Wind auf unserer Haut. 'Heuchler'. Sie bohren sich tief in meine Seele, lassen mich zweifeln und jedes seiner Worte analysieren.
"Erst wärmen wir uns mit Alkohol und danach besuchen wir deinen Liebsten. Was hältst du davon? Der größte Fanansturm sollte mittlerweile vorbei sein." Bestätigend nicke ich und hauche einen Kuss auf seine Wange. Von wegen kalt. Spencer verströmt immer eine berauschende Wärme. Auch jetzt, zwischen tanzenden Schneeflocken und zapfiger Kälte. Dabei fließt Eiswasser durch seine Adern und kein Blut. Ohne Scheiß, diesem Mann ist nie kalt. Ein glockenhelles Lachen reißt mich aus trüben Gedanken. Aus dem Augenwinkel erhasche ich den Blick auf einen jungen Mann mit strohblonden Haaren und heller Haut. Er sieht mich an und ich versinke in der sternenklaren Pracht, welche in himmelblauen Iriden zum Leben erwacht. Sanftes Licht von unzähligen Lichterketten um ihn herum umschmeichelt das blonde Haar. Seine Aura leuchtet, erhellt die Dunkelheit einer beschissenen Welt wie ein rettender Engel auf seinem Weg ins Licht. 'Wie Alec', schießt es durch meine Gedanken. Nur die Farbe der Haare ähnelt den meines Freundes absolut nicht. Nein, dieser Mann hier strahlt mit den funkelnden hellen Augen und einem verschmitzten Lächeln auf den schönen Lippen. Alec verströmt Macht, der unbekannte Mann Ruhe.
In seinen Händen befindet sich eine Nachbildung der Pennsylvania Railroad Class S-1. Eine der wenigen Duplex-Lokomotiven. Andächtig wiegt er die Modelleisenbahn in seinen Händen, hält sie sicher und seine Augen huschen fasziniert über das glänzende stromlinienförmig verkleidete Gehäuse. Der Traum eines jeden Modellbahnfans. Der Tender einer S1 hatte acht Achsen und konnte 23,6 t Kohle aufnehmen. Ebenso 91,7 Kubikmeter Wasser. Lokomotive und Tender brachten zusammen 481 t auf die Waage. Woher ich das weiß? Ragnor. So wie mein über alles geliebter Bruder verfüge auch ich über ein ausgezeichnetes Gedächtnis und zum Leidwesen unserer Eltern, saugte er sämtliches Wissen aus verschiedenen Dokumentationen rund um unseren Planeten und alles darüber hinaus auf wie ein vertrockneter Schwamm das Wasser. Ständig dürstete ihm nach neuen Fakten, sein Kopf gab selten Ruhe und der kluge Verstand musste das gesammelte Wissen teilen. Mit uns. Seiner Familie.
Im Alter von elf waren es Modelleisenbahnen und Lokomotiven aus Stahl. Mit vier Jahren konnte Ragnor bereits unzählige Dinosaurier benennen und in seinem ersten Jahr der Junior High-School die lateinischen Namen von Vogelspinnen. Vogelspinnen. Achtbeinige haarige Monster, welche mir den Schlaf raubten. Ich danke meinen Eltern noch heute, dass sie diese Art von Haustiere stets verboten. Ich dagegen liebte die Musik und lange stand Rockstar auf meiner Berufswunschliste ganz weit oben. Meine imaginäre Band hatte sogar schon einen Namen. 'Rock Solid Panda'. Nur fehlt mir leider das gesangliche Talent oder die Gabe, ein Instrument auch nur ansatzweise wohlwollend klingen zu lassen.
Wie von selbst trugen mich meine Beine hinüber zu der kleinen Holzhütte, welche bis in den letzten Winkel mit altem Spielzeug bestückt wurde. Der junge Mann blickt nicht länger zu mir, sondern ist bereits wieder vertieft in das Gespräch mit dem älteren Herren, dessen Nase und sogar die Spitzen seiner großen Ohren bereits rot von der eisigen Kälte sind. Der ältere Herr sieht zu mir, redet in dieser seltsam rauen Sprache auf mich ein und auch wenn Alec in den letzten Jahren versuchte mir die Sprache seiner Mutter nahe zu bringen, so ergeben die vielen Worte und der schnelle Wortwechsel keinen Sinn.
"Ich verstehe sie leider nicht", antworte ich ehrlich und ernte ein verständnisvolles Nicken. Er lächelt freundlich und in seine Augen erkenne ich eine Unsicherheit, welche mir nur allzu vertraut ist.
"Er fragt, ob er ihnen behilflich sein kann", übersetzt der junge Mann.
"Nur wenn es eine Kleinigkeit für mein Patenkind gibt, der auf das Universum abfährt."
"Sicher." Mein persönlicher Dolmetscher deutet auf mich und der ältere Herr nickt, verschwindet in den Untiefen seiner Hütte zwischen allerlei Pappkartons und Tannenzweigen.
"Danke", sage ich.
"Nicht dafür", entgegnet er und senkt rasch seinen Blick.
"Oh", mache ich überrascht, als der freundliche ältere Herr das Modell unseres Sonnensystems vor mir abstellt.
"Was ist das? Das sieht echt cool aus."
"Bausteine." Wirklich? Tatsächlich. Viele kleine Klemmbausteine.
"Genial. Sowas habe ich noch nie gesehen und Yorick sicher auch nicht. Das nehme ich. Bekomme ich das durch den Zoll?", plappere ich drauf los.
"Klar. Das dürfte kein Problem sein. Sie bekommen eine Quittung und es ist ja ein Geschenk. Wenn man hier die Kurbel betätigt, dann drehen sich die Planeten um die Sonne." Die beiden machen das echt gut. Ohne zu fragen, bekomme ich jede Erklärung sofort übersetzt und meine Entscheidung ist schon längst gefallen.
"Fehlt noch der Astronaut für die Rakete. Ich kaufe es. Damit habe ich das coolste Weihnachtsgeschenk und seine Dads müssen sich gewaltig ins Zeug legen."
"Das denke ich auch", pflichtet er mir lachend bei. Doch sein Blick trifft nicht den meinen, sondern liegt auf etwas oder jemanden hinter mir. Das bezaubernde Leuchten in seinen Augen vervielfacht sich.
"Da bist du ja", ertönt eine tiefe Stimme und ein breiter Körper schiebt sich zwischen meinen freundlichen Helfer und mir.
"Du hast ganz kalte Hände", sagt er, nimmt den Schal von seinem Hals und legt ihn meinem Gegenüber um ebendiesen. Ich dachte, er hat kalte Hände.
"Schau mal, was ich gefunden habe." Ich fühle mich verloren, sehe nur einen breiten Rücken, welcher von marineblauer Wolle bedeckt wird. Er riecht gut und ist eindeutig der Partner des noch immer namenlosen Unbekannten. Sollte ich mich vorstellen? Nein, das ist nicht notwendig. Aufgeregt berichtet er von seinem Fund. Suchte schon länger nach der Modelleisenbahn seiner Träume. Dankend nehme ich Yoricks Sonnensystem entgegen, Geldscheine wechseln den Besitzer und mit einem klatschenden Geräusch von skandinavischen Pranken materialisiert sich Spencer direkt neben mir.
"Scheiße hast du heute Nacht nicht ausreichend gevögelt oder warum glaubst du ist es eine gute Idee, so einen Terror zu veranstalten?", schimpfe ich und presse das wertvolle Geschenk an meine Brust. Das Herz hinter meinen Rippen pocht angestrengt und das Lachen meines besten Freundes, hallt schallend über den Platz.
"Was hast du gekauft?", umgeht Spencer meine Frage.
"Ein Geschenk für deinen Sohn und ich werde dieses Jahr der beste Onkel sein", flöte ich und recke meine neu erworbene Kostbarkeit triumphierend in die Höhe. Spencer lacht.
"Du bist sein einziger Onkel in Amerika und du machst immer die besten Geschenke. Alle anderen können da nicht mithalten und ich frage mich schon länger, warum Raphael sich diesen Stress jedes Jahr aufs Neue antut." Schulterzuckend zwinkere ich.
"Ich habe es einfach drauf."
"Das hast du. Sagt dein Liebster auch."
"Als wenn... Warte... Redet er mit dir über unser Sexleben?"
"Nur die Dinge, die du nicht erzählen willst." Brüskiert reiße ich meine Augen auf und werde sogleich mit einem Lächeln von Spencer beglückt. Nur kurz. Denn meine folgenden Worte lassen die Regung in seiner Mimik prompt wechseln.
"Ich erzähle euch alles", echauffiere ich mich. Spencer schenkt mir einen seiner nervtötenden 'Dein-scheiß-Ernst' Blicke. Er hat Recht. Tue ich nicht und er weiß, dass ich es weiß.
"Tust du nicht. Das wissen wir alle." Wo ist der fehlende Part in unserem Chaos, um mich von diesem Gespräch zu erlösen?
"Wo steckt eigentlich dein Ehemann?", frage ich lässig und lasse meinen Blick über die weihnachtlich geschmückten Buden gleiten. Wieder hält mich der Blick des jungen Mannes gefangen. Ich lächele und er tut es mir gleich.
"Danke", forme ich tonlos und drücke Yoricks Geschenk an meine Brust.
Zwinkernd greift er nach der Hand seines Freundes, dessen Finger sich sogleich kraftvoll um die seinen schließen. Er haucht einen Kuss auf die hellen Haare, flatternde Eifersucht über so viel offene Intimität wallt auf. Mein Verstand schreit: 'Tu es endlich. Küss ihn schwindelig, damit jeder weiß, zu wem er gehört.' Mein Herz dagegen seufzt: 'Das würde er dir nie verzeihen.'
Ich wünschte Alec würde mich nur einmal so ansehen wie der unbekannte Mann seinen Partner. Nicht in einer für ihn geschützten Umgebung, sondern öffentlich, frei, ungezwungen.
"Schon da." Raphael kommt japsend neben uns zum Stehen. Er gibt mir keine Chance nach einer dampfenden Tasse zu greifen. Spoiler: Seine Hände sind leer. Stattdessen ergreift er eine Hand seines Mannes und wendet sich schwungvoll um. Spencer erweist hervorragende Reflexe, umfasst mein Handgelenk und ich stolpere mehr als das ich laufe.
"Versprecht mir, dass ihr nicht hysterisch werdet", schreit Raphael im Laufen. Ich verstehe nicht was hier passiert. Geschickt dirigiert er uns durch enge Gassen, weicht einer Gruppe sichtlich angetrunkener jungen Frauen aus und stoppt ruckartig, dass ich keuchend in Spencers breiten Rücken krache.
"Alles okay? Ich weiß nicht waaaa...", stoppt dieser mitten im Satz und krallt seine Finger fest in mein Handgelenk.
"Spencer", zische ich und befreie mich aus seinem alles verschlingenden Todesgriff. Doch Spencer denkt nicht daran mich zu verlassen. Mit verschränkten Fingern stehen wir vor einer der geschmückten Hütten, aus denen laut plärrend rockige Weihnachtsmusik ertönt.
"Ich sagte doch, nicht ausflippen."
"Nein, du sagtest, wir sollen nicht hysterisch werden. Das ist ein Unterschied", entgegne ich.
"In welchem Universum?" Prüfend sieht Raphael von mir zu Spencer und wieder zurück. Der eine steif vor Überraschung, der andere vor Zorn. Neben Alec, mit einem kitschig hässlichen Rentiergeweih in Regenbogenfarbenen blinkenden Lichtern auf dem Kopf, steht er. Leo Bonnet. Starstürmer, homosexuell und ein überhebliches Arschloch.
Ich mag ihn nicht. Warum? Alec. Es gab einen Moment zwischen Siegestaumel, Euphorie und Tränen eines verloren gegangenen Spiels. Einen Augenblick Unachtsamkeit, forschende Hände und heiße Küsse. Leo Bonnet ist das Gegenteil von mir. Er ist groß und sportlich, was nicht verwunderlich sein sollte, besteht sein Leben ebenso wie das meines Freundes aus Fußball. Seine braunen Haare machen jedem Vogelnest Konkurrenz und die dunklen Augen gleichen flüssiger Schokolade. Leider ist er genau der Typ Mann, welcher mein Herz und auch meinen Schwanz erobern könnte. Wenn..., wenn er nicht mit seinem chaotischen Wesen und dem Dauergrinsen auf dem Gesicht viel zu nahe an meinem Freund stehen würde. Wenn sich seine perfekt geformten Hände mit den schlanken Fingern nicht zu oft an den falschen Regionen am Körper von Alexander befinden würden. Seine entspannte Körperhaltung ist das genaue Gegenteil von dem, was ich signalisiere. Meine Kiefer pressen sich schmerzhaft aufeinander und das Knirschen der Zähne ist über die scheußlich kitschige Weihnachtsmusik hinaus zu hören. Warum in Odins Namen war es eine gute Idee meinen bezaubernden Arsch in ein mit Kindergeschrei und genervten Stewardessen gefülltes Flugzeug zu zwängen und meinem Geliebten einen Überraschungsbesuch abzustatten? Ach ja. Spencer. Spencer Andersson und seine charmante Art, mich zu jeden Scheiß zu überreden.
"Ich fasse es nicht", wispert Spencer neben mir und drückt fest meine Hand.
"Ich auch nicht", antworte ich gepresst. Weniger wegen der Tatsache, dass seine Pranken meine Finger quetschen. Leo ist der Träger allen Übels.
"Ja, oder?" Warum klingt er so euphorisch. Oh. Ein Blick zu Spencer offenbart mir alle Antworten auf meine Fragen. Natürlich, wie konnte ich das nur vergessen. Seit Ewigkeiten ist mein bester Freund ein Fan von Arschloch-Leo. Er würde meiner Beschreibung des sagenumwobenen Starspielers nicht im Geringsten zustimmen. Seine Lobhudelei würde wie folgt ausfallen: Leo Bonnet ist ein offener, feinfühliger, sehr nahbarer Mensch. In seiner Freizeit tanzt er gerne und hat ein Herz für Tiere. Besonders seine Katze Miau hat es ihm angetan. Sein Wesen spiegelt sich gerne in seinem Kleidungsspiel wider. Chaotisch. Ebenso wie seine Haare, welche ihm einen verwegenen sexy Look geben. Leo ist loyal, ein Teamplayer und ich fragte mich schon damals, warum Raphael nicht sofort die Scheidung einreichte. Spencer sabberte bei der Vorstellung, dass Mister Arschloch-Leo tatsächlich auf die Schwänze andere Kerle steht.
Seine eisblauen Augen funkelten mit den Schneekristallen in Alecs Haaren um die Wette. Es war ebenso kalt wie heute, leichter Schneefall bedeckte die Straßen von New York mit zuckrig puderigen Glanz und ich erinnere mich genau an Alecs schockgeweitete Augen, als er das Geheimnis um Leos Sexualität lüftete. Nicht mit Absicht. Selbstverständlich. Es geschah aus einem Gespräch mit flapsigen Sprüchen und wilden Spekulationen heraus. Vielleicht war auch der Apfelpunsch in unseren Adern Schuld und die Unbeschwertheit des Augenblicks. Yorick und Mason liefen Hand in Hand unter dem glitzernden Lichterschein des gigantischen Weihnachtsbaumes auf der Eisfläche ihre Runden. Ihr Lachen übertönte sämtliche Geräusche und auch wenn ich meine Liebe zu Alec nicht offen zeigen konnte, so spürte ich seine in kleinen Gesten und Worten. Seit diesem Tag ist Spencer noch verliebter in das Arschloch und ich eifersüchtiger als mein bester Freund.
Doch all das zerplatzt wie brüchiges Eis unter schweren Stiefelsohlen, als Alecs Blick den meinen findet. Er erstarrt in seiner Bewegung, lässt die kleine Figur aus filigran gearbeiteten Glas aus seinen Händen gleiten und selbstverständlich ist Arschloch-Leo zur Stelle, um Schlimmeres zu verhindern. Sorge steht ihm ins Gesicht geschrieben, als er Alec sanft am Ärmel seines Mantel berührt und ich jede Bewegung unter meinen Fingerspitzen spüre. Das Kribbeln tauber Finger, hervorgerufen durch frostige Winde, welche durch die Gassen wehen. Noch immer liefern Alec und ich uns ein Blickduell. In seinen Augen tobt ein Sturm, welcher mir nur allzu bekannt ist. Zwei Herzen schlagen in seiner Brust, zwei Leben, welche nicht miteinander vereinbar sind.
"Es tut mir leid Magnus. Ich denke, es wäre besser gewesen, ihm zu sagen das wir kommen", flüstert Spencer. Seine Starre hat sich schneller gelöst als meine.
"Ja", antworte ich kaum hörbar. "Das wäre es." Keine Zeit für Reue, Wehmut oder Anschuldigungen. Eine Traube Reporter mit klickenden Kameras explodiert regelrecht vor der kleinen Hütte. Umstehende Besucher werden harsch beiseitegedrängt und das aufgeregte Plappern verschiedener Stimmen mischt sich unter eine mir bekannte.
"Ich werde nicht zulassen das du unser Leben zerstörst", raunt Alecs Frau in mein Ohr. Ihre Worte hinterlassen eisige Kälte in meinem Herzen und der Schauer, welcher unangenehm über meinen Rücken wandert, lässt mich frösteln. Wo sind die immer warmen Hände meines besten Freundes, wenn ich sie am dringendsten benötige?
"Sieh genau hin, Magnus. Das ist was du nie haben wirst", zischt Sara, bahnt sich mit wiegenden Hüften und siegessicheren Lächeln ein Weg durch einen Berg voll Paparazzi. Und wenn ich glaubte der Anblick von Alec mit Leo würde mich zerreißen, ist dieses Bild mein sprichwörtlicher Tod. Manchmal wünschte ich, ich würde einfach nichts mehr fühlen. Dann würde mich der Anblick von Sara, welche meinen Freund in einen heißen innigen Kuss verwickelt, nicht von innen heraus verbrennen. Die umstehenden Fotografen wittern die Chance ihres Lebens, ist Alec immer besonders darauf bedacht, mich diese Art von Bildern nicht sehen zu lassen. Im Moment muss ich mich zwingen, nicht den Verstand zu verlieren. Ich muss mich an ihre Worte erinnern, an die Ernsthaftigkeit in ihren Augen, der entschlossene Blick alles zu tun, um das Lügengebäude ihrer ach so heilen Familie nicht einstürzen zu lassen. Sie würde für die Farce mich opfern. „Ich weiß, dass dich meine Worte verletzen. Gleichzeitig hoffe ich, dass sie dir die Augen öffnen werden. Einer liebt immer mehr und Alec..." Liebt mich. Das sage ich mir immer wieder und trotzdem schmerzt es. Das alles.
Jedes unserer Treffen endet in wahnsinniger Lust und lässt mich gleichzeitig tausend Tode sterben, wenn die Realität uns einholt, Alec in das Flugzeug nach Europa steigt, mich und unsere Liebe hinter sich lässt. Am Ende des Tages, landet er immer in den Armen seiner Frau, die er nicht liebt, auf dem Rasen mit einem Ball unter den Füßen und Sehnsucht im Herzen. Wir können uns noch so oft versprechen uns nicht zu verlieren. Es bleibt eine Floskel, schnell ausgesprochene Worte, um den anderen in seinen Ängsten zu beschwichtigen. Alec hat mir von seiner Vergangenheit erzählt. Nicht, damit ich Mitleid mit ihm habe, sondern damit ich verstehe, warum er ist wie er ist.
"Ich hätte nicht herkommen sollen", schluchze ich und presse mein Gesicht an Spencers breite Brust. Mein Fels, mein Anker. Raphaels Hand in meinem Nacken gibt mir Kraft und die Gewissheit, dass sie beide für mich da sind. Immer und überall. Starke Arme umschließen meinen zitternden Leib, verstummt sind die wuseligen Geräusche um uns herum. Tief in mir höre ich Alec, dessen Worte wie ein Mantra durch mich hindurchfließen. 'Gib uns nicht auf.' Wie könnte ich.
"Lass uns gehen", sagen Raphael und Spencer gleichzeitig und ein erholsames Glucksen löst sich aus meiner Kehle.
„Warum sind wir nicht einfach in das Resort de la Pheya gefahren, genauso wie wir es jedes Jahr um diese Zeit machen?" Ich erwarte keine Antwort und doch lässt Raphael es sich nicht nehmen, mir die Gründe für unsere Reise zu erläutern. Kopfschüttelnd signalisiere ich ihm, dass ich einen Scheiß auf ein langersehntes Widersehen gebe, wenn mein Herz dermaßen mit Füßen getreten wird.
„Im Resort ist es wenigstens warm. Thomas zaubert die weltbesten kulinarischen Kreationen und die Barkeeper sparen nie am Alkohol wenn man sie darum bittet und nicht über die Stränge schlägt. Bei ihren Cocktails brauche ich nicht viel um meine verfickte Beziehung für einen Abend zu vergessen. Alles besser als mir von dieser Bitch das Weihnachtsfest versauen zu lassen", presse ich zornig hervor.
Ein kleines blondes Mädchen neben mir springt aufgeregt in die Höhe, lächelt und kreischt. Ihre kurzen Arme strecken sich dem winterlichen Himmel entgegen. Ich lege meinen Kopf in den Nacken, kalte Schneeflocken benetzen mein erhitztes Gesicht. Ein Eisstern landet auf meinen Wimpern, ich blinzele und meine Sicht verschwimmt. Hartnäckig legt sich der Schnee auf mir nieder, er ist kalt und wunderschön. Hoch oben zwischen den glitzernden Sternen schwebt ein Einhorn, das kleine Mädchen winkt ihm auf seinem Weg und stumm betrachte ich das magische Fabelwesen auf seinem Flug in die Freiheit. Schmerzlich drückt das Herz in meiner Brust gegen seine knöchernen Barriere. Ich wünschte Alec würde verstehen, wie sehr mein Herz und meine Seele sich nach ihm verzerren. Dass seine Worte das Adrenalin in meinen Adern zum Kochen bringt und die Splitter meines gebrochenen Herzens sich tief in jede Faser meines Leibes bohren. Ich könnte gar nicht so tief schneiden, so sehr blutet mir das Herz. Ich habe nur einen Wunsch für Santa Claus, das Christkind, den Weihnachtsmann oder Väterchen Frost. Einer muss uns erhören. Eines Tages werden auch wir diese Freiheit erleben. Irgendwann.








