Kind der Schatten 2

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Summary

Geboren zwischen Wolf und Vampir, Darian trägt das Erbe beider Welten in sich. Doch anstatt als Hoffnung gefeiert zu werden, wächst er im Dunkel der Lügen auf. Falsche Erinnerungen flüstern ihm, dass er von seiner eigenen Familie verstoßen wurde, und nur im Reich des Fürsten Schattenblut findet er Schutz, aber zu welchem Preis? Während die Wölfe sich auf den Krieg vorbereiten und Königreiche ins Wanken geraten, erwacht in Darian eine Macht, die Licht und Schatten zugleich beherrscht. Getrieben von der Sehnsucht nach Wahrheit und den unerklärlichen Träumen von einem Mädchen am Fluss, steht er zwischen zwei Pfaden: der treue Erbe des Fürsten zu werden oder die Ketten seiner Lügen zu zerbrechen. „Kind der Schatten“ erzählt von Liebe, Verrat und dem Kampf um die eigene Identität, in einer Welt in der Blut über Schicksale entscheidet.

Genre
Drama
Author
Sarah
Status
Complete
Chapters
54
Rating
5.0 1 review
Age Rating
16+

Kapitel 1 – Sieben Jahre danach

Wolfenfurt roch am Morgen nach nasser Rinde und kalter Asche. Nebel hing tief zwischen den Kiefern, zog in dünnen Fäden über die Hütten und machte die Welt kleiner, als sie war. Sarah stand im Türrahmen, rieb sich die Hände warm und sah ihrem Sohn nach, wie er die Stufen sprang, zu schnell, um vorsichtig zu sein, zu langsam, um sorglos zu wirken.

„Nicht über den Bachsteg, der ist rutschig!“, rief sie ihm nach.

„Ich pass auf“, kam es zurück. Er hob eine Hand, ohne sich umzudrehen. Genau diese Geste war so sehr er: trotzig und zart in einem.

Jack trat hinter Sarah, legte ihr wortlos ein Stück Brot in die Hand. „Er will es heute wieder versuchen“, sagte er leise.

„Ich weiß.“ Sie biss ab, schmeckte nichts. „Und ich weiß schon, wie’s endet.“

Jack schwieg. Er wusste es auch.

Darian fand die Kinder hinter der alten Holzhalle, wo der Boden trocken blieb, selbst wenn es Tage geregnet hatte. Drei Jungen, zwei Mädchen. Einer mit Pfeil und Bogen, die Schnur schief geknotet. Ein anderer wälzte einen Lederball mit dem Fuß hin und her, als wäre er der König aller Spiele.

„Darf ich mitmachen?“, fragte Darian.

Der Junge mit dem Ball hob kaum den Blick. „Wir sind voll.“

„Ihr seid fünf“, entgegnete Darian. „Das Spiel ist zu sechst besser.“

„Nicht mit dir.“ Das Mädchen mit dem geflochtenen Zopf zog die Nase kraus. „Wenn du läufst, riecht’s… anders.“

„Nach Regen“, warf der Kleinste ein, und es klang fast bedauernd.

„Nach Fremd“, korrigierte der Große und stieß den Ball weg. „Geh doch zu deinen Vampirfreunden.“

Darian blinzelte. Das Wort traf, wie es treffen sollte. Er hatte gelernt, dann zu nicken, als sei nichts. Heute nickte er nicht. „Ich hab keine Vampirfreunde.“

„Na klar“, schnaufte der Große, „und ich bin der König.“ Lachen. Dieses flache Lachen, das immer mehr wird, wenn man nicht mitlacht.

Darian hob die Schultern, als lägen sie ihm zu locker. „Ist gut. Ich wollte nur fragen.“ Er drehte sich um, ging los, ohne zu rennen. Hinter ihm rollte der Ball gegen seine Ferse. Reflex. Er stoppte ihn, kickte ihn zurück , präzise, sauber, genau in die Hände des Großen. Ein paar Kiefernadeln lösten sich über ihnen, als hätte der Baum mit den Zweigen geklatscht.

Für einen Herzschlag war es still. Dann verzog der Große den Mund. „Angeben kann jeder“, murmelte er.

„Nicht jeder trifft“, sagte Darian und ärgerte sich in dem Moment schon über sich. Er hätte schweigen sollen.

„Verschwinde“, machte der mit dem Zopf und schob ihn, nicht hart, nur so, dass es alle sahen.

Darian ging. Wieder einmal. Als er um die Ecke bog, atmete er erst richtig aus. Der Geruch von Harz beruhigte ihn. Er stellte die Hände in die Jackentaschen und zählte in Gedanken die Schritte bis zum Bach , er kam fast immer auf die gleiche Zahl. Manchmal beruhigen Zahlen, wenn Worte es nicht tun.

Sarah sah ihn schon von weitem. An der Art, wie sein Kopf hing. An den Schultern, die sich schmal machten, als hätten sie beschlossen, weniger Raum einzunehmen. Sie trat vom Weg, tat, als würde sie Moos sammeln. Erst, als er ganz nah war, sagte sie: „Wie viele Schritte heute?“

„Hundertneununddreißig“, murmelte er.

„Na sowas“, antwortete sie. „Gestern waren’s hundertvierzig. Der Weg wird kürzer.“

Er zuckte die Mundwinkel. „Oder ich laufe länger.“

Sie hakte sich bei ihm ein. „Komm. Ich habe gehört, der Bach erzählt heute Geschichten.“

„Der Bach erzählt immer Geschichten.“

„Eben.“

Sie setzten sich am Ufer auf den flachen Stein, der warm wurde, sobald die Sonne die Kiefernspitzen überstieg. Wasser stieß gegen Wurzelwerk, als würde es klopfen.

„Sie haben mich nicht mitspielen lassen“, sagte Darian, ohne hinzusehen.

„Ich weiß.“ Sarahs Stimme blieb ruhig. „Ich hab’s gerochen, bevor ich dich gesehen habe.“

„Gerüche sind unfair.“ Er warf eine Kiefernnadel ins Wasser. Sie drehte sich, bis sie fort war. „Alles an mir ist… anders.“

„Vieles“, korrigierte sie sanft. „Nicht alles.“ Sie legte ihm eine Strähne hinters Ohr. Sein Haar schimmerte hell, und doch lag dieser dunkle Hauch darin, der im Mondlicht stärker wurde. „Dein Mut ist wie meiner. Dein Sturkopf… der ist von niemandem hier.“ Ein kleines Lächeln. „Und du riechst nicht nach Fremd. Du riechst nach Regen, ja. Nach Metall, ein wenig. Und nach Wald. Das ist kein Makel.“

„Für sie schon.“

„Für sie schon“, wiederholte sie, ehrlich. „Aber du bist nicht ‚für sie‘ gemacht, Darian. Du bist du.“

Er schwieg. Worte warfen nur kleine Steine in sein Wasser. Die Wellen trugen nicht weit.

„Ich kenne einen Trick“, sagte sie nach einer Weile. „Wenn Worte nicht helfen.“

„Welchen?“

„Wir laufen so lange, bis die Füße entscheiden, was der Kopf nicht schafft.“

Er sah sie an. „Mit dir laufen ist leicht.“

„Mit dir auch“, antwortete sie. „Und wenn wir an der Kante sind, bleiben wir stehen.“

„Welche Kante?“

„Die, an der man fallen oder fliegen kann.“

Er verdrehte die Augen, aber es war kein echtes Verdreh’n. „Du klingst wie Tala.“

„Ich nehm das als Kompliment.“

Am Rand des Trainingsplatzes stand Jack mit Leon, prüfte Sehnen, testete Stiefelabsätze. Er sah Sarah und den Jungen kommen und hob die Hand. Darian hob die Hand zurück, etwas zögerlich – er mochte diesen Ort, seit Jack ihn nicht mehr zwang, zu bleiben, wenn die Blicke zu schwer wurden.

„Na, Kleiner?“, fragte Leon, der nie „Kleiner“ sagte, wenn er es böse meinte.

„Geht.“ Darian trat an den Sand. Seine Zehen zeichneten Linien, die keiner verstand, außer ihm.

Jack reichte ihm ein kurzes Holz, kaum länger als sein Unterarm. „Probier mal. Keine Schau. Nur spüren.“

Darian nahm es, wog es. Das Gewicht stimmte. Jack trat ihm gegenüber, ohne Haltung. „Ich greife nicht an“, sagte er. „Ich gehe nur dorthin, wo du Luft lässt.“

Sie begannen zu kreisen. Kein Kampf. Ein Gespräch ohne Worte. Jack schritt vor, Darian wich, aber nicht zu weit, er „las“ Jacks Hüfte und setzte die Spitze sanft gegen dessen Handrücken. Ein Klick in Jacks Blick: Anerkennung. Leon pfiff leise.

„Gut“, murmelte Jack. „Du denkst mit den Füßen.“

„Mama sagt, die entscheiden besser als der Kopf.“

„Deine Mama hat oft recht.“ Jack machte eine kleine, schnelle Finte, nur um zu sehen, wie der Junge sie nimmt. Darian nahm sie nicht, indem er blockte, sondern indem er den Winkel veränderte. Das Holz berührte Jacks Arm, nicht hart, nur klug. Jack wich zurück und grinste. „Noch eine Runde.“

Sie liefen, sprangen, wendeten. Kein Zuschauer lachte. Wer zusah, schwieg. Es sah nicht aus wie Stärke. Es sah aus wie Musik.

Als sie aufhörten, blies Jack die Luft aus. „Du wirst meinen Vater zum Wahnsinn bringen.“

„Er ist das schon“, murmelte Darian, dann erschrak er, weil es zu frech war.

Jack lachte. „Vielleicht. Aber heute soll er damit leben.“ Er legte dem Jungen kurz die Hand auf den Hinterkopf. „Du warst gut.“

In diesem Moment tauchte Richard Russel am Rand des Platzes auf, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, das Kinn zu weit oben. Sein Blick strich über den Jungen, blieb an Sarah hängen, glitt zu Jack. „Es ist Markttag“, sagte er kühl. „Du bist eingeteilt, Jack.“

„Ich komme gleich“, erwiderte Jack, die Stimme ruhig. „Eine Runde noch.“

„Keine Runden“, schnitt Richard, „Pflicht.“

Jack nickte knapp und wandte sich zu Sarah. „Ich bringe später Holz“, sagte er leise. „Heute Nacht wird es kälter.“ Das war alles und reichte.

Richard folgte seinem Sohn mit Blicken, die brannten. Dann wandte er sich an Sarah, die nie von sich aus sprach, wenn er in der Nähe war. „Dein Junge“, begann er.

„Mein Sohn“, korrigierte sie.

„Dein Sohn“, wiederholte er, als habe er den falschen Artikel gewählt. „Er sollte nicht öffentlich trainieren. Es weckt… falsche Erwartungen.“

„Welche? Dass er laufen darf, ohne zu stolpern?“ Sarahs Stimme blieb ruhig, aber eine Kälte lag darunter, die Richard kannte.

Er machte einen dünnen, höflichen Mund. „Nur ein Rat.“ Dann ging er.

Leon pustete die Backen auf. „Du hast keine Freunde gesammelt.“

Sarah sah ihm nach. „Ich suche keine.“

„Gut so“, murmelte Leon. „Die, die zählen, finden dich.“ Er klopfte Darian auf die Schulter. „Und dich erst recht.“

James Mickley wartete auf dem Schattenweg zwischen den Kiefern. Er tat das oft – warten, wo andere gehen. Sarah spürte ihn, bevor sie ihn sah. Ihr Rücken richtete sich einen Tick zu sehr.

„Vater“, sagte sie.

„Tochter“, sagte er. Sein Blick ruhte auf Darian, ohne zu ruhen. „Wie war das Training?“

„Leise“, antwortete Darian, weil man dem Mann besser nicht zu viel gab.

James nickte langsam. „Leise ist selten gut. Laut weiß man wenigstens, woran man ist.“

Sarah stellte sich einen Schritt vor ihren Sohn, ohne, dass es aussah, als stelle sie sich vor ihn. „Er hat gut gearbeitet.“

„Er ist ein Kind“, erwiderte James. „Kinder spielen.“

„Und lernen“, sagte sie.

Er schwieg, knapp zu lang. „Halt ihn bei dir, wenn’s dunkel wird“, sagte er dann. „Die Zeiten werden nicht leichter.“

„Die Leute auch nicht“, entglitt es Sarah.

„Die Leute tun, was getan werden muss.“ Er wandte den Blick ab, als würde er etwas prüfen, das man nicht sah. „Abends ist Ältestenrat.“ Er sagte nicht: Komm. Er sagte: Ich erwarte dich.

„Ich komme“, antwortete Sarah.

James nickte so, als sei nichts besprochen worden. Dann verschwand er zwischen den Stämmen, so leise, wie er gekommen war.

Darian atmete aus, als hätte er erst jetzt gemerkt, dass er die Luft angehalten hatte. „Er mag mich nicht.“

„Er versteht dich nicht“, sagte Sarah. „Das ist nicht dasselbe.“

„Fühlt sich so an.“

„Ich weiß.“

Am späten Nachmittag hing der Nebel nur noch in Schnüren in den Senken. Darian ging den Pfad am Bach entlang, dort, wo die Felsplatten warm wurden, wenn die Sonne zwischen den Kiefern einen Schlitz fand. Er ging langsam, nicht, weil er müde war, sondern weil er suchte, ohne zu wissen, wonach.

Ein Libellenpaar strich knapp über dem Wasser entlang. Ein Frosch ploppte von einer Wurzel. Er setzte sich auf den großen, flachen Stein, legte das Kinn auf die Knie und lauschte. Hinter der nächsten Biegung lag die Grenze. Nicht ausgemalt, nicht beschildert. Eine Grenze, die in Köpfen und Nasen saß. Er hatte versprochen, sie nicht zu überschreiten.

Er griff nach einer glatten, dunklen Eichel, drehte sie zwischen den Fingern. Jack hatte ihm einmal gesagt, Esche sei ein gutes Holz gegen Dinge, die man nicht verstand. Er verstand heute zu viel und nichts.

Hinter ihm knackte es leise im Unterholz. Normalerweise hätte er sich nicht umgedreht. Heute tat er es.

Da stand ein Mädchen am Rand des Pfades, etwa so groß wie seine Schulter, vielleicht kleiner. Ihr Kleid war zu fein für Wolfenfurt, der Saum schon schmutzig vom Laufen. Ihr Haar fiel Braun-rot über die Schultern, und ihre Augen sahen, als hätten sie vergessen, wie man fürchtet.

„Hallo“, sagte sie, als wäre er kein Fremder.

Darian starrte. „Hallo“, antwortete sein Mund, ohne seinen Kopf zu fragen.

„Du siehst traurig aus“, sagte sie und trat näher, bis der Fluss den Abstand bestimmte. „Bist du traurig?“

„Nein“, log er automatisch.

„Doch“, sagte sie, als wäre das eine naturwissenschaftliche Feststellung. „Warum?“

„Ich bin… anders.“ Das Wort schmeckte ihm nicht. „Und keiner will mit mir spielen.“

Sie legte den Kopf schief, betrachtete ihn, als wäre er ein Rätsel, das Spaß macht. „Anders ist gut“, sagte sie und lächelte, als sei damit alles geklärt. Dann beugte sie sich vor und drückte ihm einen raschen Kuss auf die Wange, so flink, dass der Wind ihn fast stahl. „Das hilft“, erklärte sie. „Papa sagt, das hilft immer.“

Er blinzelte, so verwirrt, dass er erst spät merkte, dass sie schon wieder rückwärts ging – den Pfad hinauf, dahin, wo die Kiefern lichter wurden. „Warte!“, rief er, sprang auf. „Wie heißt du?“

„Seris!“, rief sie, noch im Laufen. „Und du?“

„Darian!“

„Darian“, wiederholte sie, als schmecke sie das Wort. Dann war sie um die Biegung und weg.

Er stand da, das Herz zu groß für seinen Brustkorb. Dann rannte er los. Er wusste, er sollte es nicht. Er wusste, Sarah würde Angst bekommen, wenn es dunkel wurde. Er wusste, dass Grenzen nicht zum Spaß da sind.

Aber manche Dinge sind größer als Wissen. Zum Beispiel ein Name, der klingt, als hätte er Licht im Bauch.

Er nahm die nächste Biegung zu schnell, rutschte im Sand, fing sich. Vor ihm öffnete sich der Pfad, und das Licht wurde hell, heller, viel heller, als er es aus Wolfenfurt kannte. Der Geruch wechselte , weniger Harz, mehr Brot und Metall und irgendwas, das nach geputztem Stein roch. Er blieb stehen.

Vor ihm lag ein Dorf, das keines war wie seines. Größer. Ordentlicher. Und dahinter , er hatte nie so etwas gesehen, zog sich ein Schloss über den Hügel, hell wie ein Knochen im Mondlicht, nur dass die Sonne dran hing. Türme, die wirkten, als hätten sie gelernt, die Wolken festzuhalten. Ein Luftzug roch nach Wache und Warnung.

Darian machte einen Schritt. Nur einen.

„Stehenbleiben!“, knurrte eine Stimme von links. Ein Mann trat aus dem Schatten einer Eiche, Leder über der Brust, eine Lanze in der Hand. Ein zweiter schob sich rechts an ihn, etwas jünger, die Augen schärfer.

„Du bist nicht von hier“, sagte der Jüngere.

„Ich… ich hab mich verlaufen.“ Darians Mund war trocken. „Ich suche ein Mädchen. Seris.“

Die Männer tauschten einen Blick. Der Ältere schnupperte, nicht heimlich. Sein Blick veränderte sich , erst Verwirrung, dann etwas, das man nicht gern sieht: Abscheu. „Du riechst nicht nach uns“, sagte er hart. „Verschwinde.“

„Ich wollte nur….“

„Verschwinde“, wiederholte er, ein Schritt vorwärts, die Lanze leicht gehoben. „Jetzt.“

Darian nickte, zu schnell, stolperte rückwärts. Er spürte den alten Reflex: klein machen, verschwinden. Als er sich umdrehte, rannte er. Er rannte, bis der Atem brannte, bis die Kiefern ihn wieder rochen, bis der Bach an seiner Seite herlief. Zweimal stürzte er. Beim zweiten Mal schlug er sich die Stirn auf, das Blut lief warm und salzig in die Augen. Er wischte es nicht weg. Er wollte nur heim.

Es war längst dunkel, als er aus dem Wald stolperte. Sarah stand auf dem Weg, als hätte sie dort Wurzeln geschlagen. Als sie ihn sah, lief sie nicht , sie flog. Ihre Hände waren überall gleichzeitig: an seiner Stirn, an seinen Armen, in seinem Haar.

„Ich bin da“, keuchte er, und dann weinte er endlich, wie man nur weint, wenn man den Ort gefunden hat, an dem man fallen darf.

Jack kam kurz darauf, Schweiß auf der Stirn, den Atem knapp. „Ich hab schon die halbe Nordkante abgesucht.“ Er sah die Wunde, sah Sarah, sah den Jungen. „Komm rein.“ Er warf einen Blick Richtung Weg, der ins Dorf führte. „Keiner ist losgeschickt worden.“

„Ich weiß“, sagte Sarah, und in dem kleinen Satz lag zu viel.

Sie trugen Darian ins Haus. Sarah wusch ihm die Stirn aus, Jack hielt die Lampe, damit das Licht nicht flackerte. Keiner sprach von den Wachen. Keiner sprach von James. Die Nacht war schon schwer genug.

Bevor Darian die Augen schloss, flüsterte er: „Seris.“

Sarah hielt inne. „Wer ist das?“

„Jemand, der gesagt hat, dass anders gut ist“, murmelte er und schlief ein, als wäre das endlich genug für einen Tag.

Sarah saß noch lange neben seinem Bett. Draußen rieb der Wind an den Kiefern, als wolle er eine Stimme nachmachen. Jack lehnte an der Tür, die Arme verschränkt, die Stirn an den Rahmen gedrückt.

„Morgen red ich mit James“, sagte er.

„Und ich mit Richard“, entgegnete Sarah, ohne aufzusehen.

„Er wird’s nicht hören wollen.“

„Dann soll er hören, dass ich nicht frage.“

Jack nickte in die Dunkelheit. „Morgen.“

Sarah strich Darian über das Haar. Es glänzte im Lampenschein, und ganz hinten, unter all der Müdigkeit, begann in ihr ein leises, hartnäckiges Gefühl zu wachsen, das manchmal Hoffnung heißt und manchmal Trotz. Diesmal war es beides.

Morgen, dachte sie. Morgen geht er wieder zum Fluss. Und ich gehe mit. Und wenn die Welt zu klein wird, machen wir sie größer. Schritt für Schritt.