Aus Papier und Zeit

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Summary

Er wollte nur einen weiteren grauen Tag überstehen. Vorlesung schwänzen, arbeiten, schlafen. Doch als in Liams Wohnung plötzlich ein gleißendes Licht aufbricht und ein quirliges Mädchen aus einem alten Märchenbuch tritt, wird sein Leben von Grund auf verändert. Sie stammt aus einer Welt, die langsam im Vergessen versinkt. Heimgesucht von einer unheimlichen, lilafarbenen Pest, die alles verschlingt. Ihr Vater hat den Weg in die Menschenwelt gesucht, um ihre Heimat zu retten - und seitdem nie wieder ein Lebenszeichen gegeben. Nun ist sie hier. Mit nichts als einem alten Rucksack und der verzweifelten Hoffnung, ihren Vater zu finden. Doch was sie beide nicht wissen: Auch in der Menschenwelt hat das Vergessen längst Wurzeln geschlagen. Und die Grenze zwischen Realität und Märchen ist brüchiger, als sie ahnen ... Ein moderner Märchenroman über Erinnerungen, die Macht von Geschichten und den Mut, die eigene Welt zu verändern.

Genre
Fantasy
Author
Shannon B
Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Aus einem weit entfernten Land

Das tickende Geräusch der Uhr, das die Stille im Raum füllt, ist eigentlich kaum zu ertragen. Weder wegen seiner Lautstärke noch wegen des Geräuschs an sich, sondern weil er dieses Ticken jeden Tag ertragen muss. Dieses regelmäßige, sich immer wiederholende Klack, klack ... klack. Es gehörte längst zu seinem Alltag und spiegelte diesen übrigens auch sehr gut wider. Diese Regelmäßigkeit, oder eher diese Wiederholungen, konnte man schon als Bestrafung ansehen. Dabei lebt er sein Leben wie alle anderen auch, doch diese schienen sich nicht darüber zu beschweren. Lag es also an ihm? Oder warum ertrug er diesen Alltagstrott von Uni zu Arbeit und zuletzt zum Schlaf nicht mehr?

Sein Kopf legt sich fast wie von selbst in den Nacken, wodurch sein starrer Blick die Decke traf und ein tiefes, angestrengtes Seufzen entwich seinem Mund. Der große Zeiger der Uhr schlug auf die Zwölf, womit er nun offiziell zu spät zur Vorlesung kam. Es ist eine Schande, wie sein Vater sagen würde, dass er die Uni und vor allem das Geld nicht genug wertschätzte, das mit seinem Nicht-Besuch der Vorlesung quasi aus dem Fenster geworfen wird. Zwar war es sein Geld, das dabei draufging, doch schien es seinem Dad mehr wehzutun als ihm. Vielleicht, weil er ihm die Hälfte davon abdrücken musste ... oder vielleicht interessierte er sich ja wirklich für seine Zukunft? Ha, Spaß beiseite. Ein Lachen, gefolgt von einem weiteren Seufzen, zwang sich aus ihm heraus. Es war schwachsinnig von ihm, so abwertend über seinen Vater zu denken.

Er hatte es nicht leicht und zumindest versucht, ihm etwas mitzugeben. Er hatte jeden Tag gekocht und mit ihm Hausaufgaben gemacht, soweit sein eigenes Wissen reichte. Sogar alberne Märchengeschichten las er ihm abends vor. Eine wollte er immer und immer wieder hören. So oft, dass sich die Charaktere und deren Welt in seine Träume schlichen. Wie hieß das Buch noch gleich ... irgendwas mit ... mit ... hmmm. War es nicht .....

Er konnte seine Gedanken nicht einmal vollständig fassen, da wurde er schon durch ein lautes Knallen herausgerissen, das alles in seiner Wohnung vibrieren ließ. Die Regale wackelten kurz, auch der Boden bebte für einen Moment. Ein Erdbeben? Nein, unmöglich, nicht hier ... aber was zum? Ein weißes Leuchten bahnte sich seinen Weg aus dem Schlafzimmer, direkt auf ihn zu. Es strahlte ihn regelrecht an.

Nach ein paar Sekunden des Schocks mischten sich Neugier und Verwirrung in ihm. Seine Atmung wurde schwerer, und sein Blick richtete sich auf das leuchtende Schlafzimmer. Neben seiner Atmung und seinem starken Herzklopfen machte sich wieder Stille in der Wohnung breit. Selbst die Uhr schien aufgehört zu haben zu ticken.

Sein zittriger Körper, sein Blick und auch seine Aufmerksamkeit wandten sich keine Sekunde vom Schlafzimmer ab. Was zur Hölle ist dort gerade passiert? Es brauchte ein bisschen, bis er den Mut zusammennahm, einfach aus der Wohnung zu verschwinden. Doch gerade, als er sich zum Aufstehen bewegte, hört er ein lautes, schrilles Lachen aus dem eben in die Luft gegangenen Zimmer.

„Ich ... ich lebe!! HAHAHA!". Eine hohe Stimme füllt den Raum. Der Nebel und die Aufregung beginnen sich zu lichten und dahinter ... ein Mädchen. Liam traut seinen Augen kaum. Ungläubig reibt er über sein Gesicht, um sicherzugehen, dass er auch ja nicht träumt. Das Mädchen fängt an, wie ein Flummiball herumzuhüpfen, springt von einer Ecke zur nächsten und mustert jedes Detail, als wäre sie in einem Museum. Sie scheint einen totalen Tunnelblick zu haben und bemerkt keine Sekunde die Präsenz von Liam. Nach einer gefühlt endlosen Pause räuspert sich Liam, einfach, um auch mal auf sich aufmerksam zu machen und die fremde Person ... nun ja, die fremde Person in seiner Wohnung zu konfrontieren! Doch das Räuspern verliert sich im Raum. Das Mädchen ist voll und ganz mit seinen persönlichen Sachen im Bücherregal beschäftigt.

Er versucht es erneut, lauter, fester und tatsächlich, sie dreht sich zu ihm um. Jetzt, wo er ihre Aufmerksamkeit gewonnen hat, lässt er keine Sekunde weiter verstreichen. „Wer bist du und was machst du in meinem Schlafzimmer??!". Direkt, klar, alle Fragen in einem Atemzug. Gut gemacht, denkt sich Liam, wobei sein Gesicht sein Selbstlob nicht ganz verstecken kann.

Doch der Moment hält nicht lange

„Ein ... MENSCH!!! Ich kann es nicht fassen!" Sie konnte den Satz nicht mal ganz aussprechen, da stürmt die junge Frau schon direkt auf Liam zu.

Ohne sich irgendwelche Gedanken darüber zu machen, wie das ankommt, steht das Mädchen jetzt eindeutig zu nah an Liam. Ihre Augen funkeln vor Neugier. Grob und überschwänglich zieht sie an seinen Wangen, Haaren und Klamotten. „Du bist echt! Tatsächlich! Ich kann es einfach nicht glauben!" Liam steht wie angewurzelt da. Was passiert hier gerade? Sein Gesichtsausdruck spiegelt seine wirren Gedanken wider. Um wieder in den Moment zu finden, schüttelt er den Kopf. „Sag mal, bist du verrückt?!" Sanft, aber bestimmt packt er ihren Arm, um ihn von sich wegzuschieben.

„Ahhh, tut mir leid, tut mir leid! Wenn du wüsstest, was ich alles durchmachen musste, um hier zu landen!" Leicht verlegen lässt das Mädchen von ihm ab. Doch die Aufregung vibriert weiterhin spürbar durch den Raum.

Mit einem kontrollierten Seufzer versucht Liam, seine Fassung zurückzugewinnen. „Also ... nochmal: Wer bist du? Warum bist du hier? Bitte gib mir irgendwas, womit ich arbeiten kann."

Mit den Armen hinter dem Rücken schaut sie ihn mit großen Augen an. „Naja ... vielleicht magst du dich erstmal hinsetzen."

Skeptisch folgt Liam ihrem Rat und setzt sich auf sein Bett. Erst jetzt, wo sich etwas Ruhe in die Situation und seinen Kopf schleicht, kann er sie genauer mustern. Sie wirkt, als sei sie direkt aus einer anderen Welt hierher gestolpert. Ihre dunklen Locken fallen wild und ungebändigt über ihre Schultern, ihr Teint leuchtet warm im Kontrast zu seinem. Das Outfit, das sie trägt, sieht fremdartig aus, beinahe so, als hätte es nicht ganz in diese Zeit gehört. Alles an ihr schreit nach Abenteuer, nach Bewegung ... und doch steht sie jetzt in seinem Zimmer, als hätte sie nie woanders hingehört. Irgendwie wirkt sie vertraut und doch hat er sie noch nie gesehen.

„Alsooo ... mein Name ist Tia. Ich komme, nun ja, aus dem Königreich Aurenya. Dort herrscht seit über zehn Jahren eine Pest ... ich kann sie nicht wirklich beschreiben, weil wir selbst nicht genau wissen, was es ist. Aber sie verschlingt unsere Welt. Unsere Familie und Freunde werden krank ... und fallen in einen tiefen, tiefen Schlaf ..." Sie bricht ab, vermutlich um sich zu sammeln. Liams Stirn legt sich in angespannte Falten, sein Blick ist fassungslos.

„Warte, warte, warte ... Königreich Aurenya?! Tia?!" Nach einem kurzen Moment des Grübelns springt Liam auf. „Ich kenn das ... ich kenn das doch!". Er stürzt zum Bücherregal, scannt nervös die Reihen und findet das gesuchte Buch schließlich auf dem Boden. „Das ist es!! Die Märchen von Aurenya!"

Tia neigt den Kopf zur Seite und blinzelt ihn an, als würde sie nicht ganz verstehen, was er da treibt und gleichzeitig liegt in ihrem Blick ein Funken von „Hallo? Ich hab noch geredet!"

„Mein Dad hat mir das Buch immer vorgelesen gehabt ... es war meine absolute Lieblingsgeschichte." Ein Hauch von Skepsis macht sich auf Liams Gesicht breit. Will sie ihn gerade auf den Arm nehmen? Was redet sie da?! Das ist doch gar nicht möglich! Andererseits ist sie auch aus dem Nichts einfach in seinem Schlafzimmer aufgetaucht ... Während Liam sich komplett in seinen Gedanken verliert, lässt nun Tia ihren Blick über den Jungen schweifen. Verzottelte, dunkle Haare, die aussehen, als hätten sie seit Tagen keine Bürste gesehen. Unter seinen Augen liegen leichte Schatten, die von zu wenig Schlaf erzählen. Sein Teint wirkt blasser als ihrer, fast so, als hätte er der Sonne schon ewig keinen Besuch abgestattet. Die Kleidung hängt lose an ihm, verknittert und irgendwie ziellos zusammengestellt. Nichts passt wirklich, und doch trägt er es, als wäre es ihm völlig egal.

„Also ...", unterbricht Tia die seltsame Stille, „ich mach mal weiter ... Wir konnten so lange nichts gegen diese Plage tun ... das ganze Königreich hat die Hoffnung verloren. Doch gab es diese Legende ... diese Sage über die Menschenwelt. Viele halten es einfach für eine Märchengeschichte, doch mein Vater sah es als einzige Hoffnung." Liams Aufmerksamkeit ist voll und ganz auf Tia gerichtet, während sein Grübeln langsam nachlässt. Es klingt so verrückt ... eigentlich kann er es gar nicht glauben ... aber ... aber irgendwie will er es. Vielleicht, weil es ein Ausweg ist? Eine Gelegenheit, sein langweiliges Alltagsleben hinter sich zu lassen? Verzweifelt hängt er sich an den Gedanken, dass an dem allen etwas dran sein könnte. Einfach ... nur für sich selbst?

„Er machte sich auf den Weg, um diese Menschenwelt zu finden, und ... er ... ja, er kam nicht mehr zurück. Deswegen bin ich hier. Ich habe jahrelang versucht herauszufinden, wo er hin ist ... welche Wege er genommen hat. Ich war wochenlang unterwegs ... es war so unglaublich anstrengend ... aber dann hab ich seinen Rucksack gefunden! Und ehe ich mich versah, war ich hier ..." Nervös wippt Tia hin und her. Sie scheint selbst jetzt erst wirklich zu realisieren, wo sie gerade ist ... was sie alles durchgemacht hat und ... vielleicht auch, was jetzt als Nächstes kommen soll.

„Tia ... das ... tut mir leid. Kann ich fragen, wie dein Vater heißt?"

„... Wesley."

Eine kurze Antwort, doch reicht diese Info Liam aus. „Tia ... ich bin mir sicher, dass ... wie sag ich das jetzt?" Unsicher blättert Liam in dem Buch hin und her. „Du ... dein Vater und dein Königreich ... ihr steht alle hier drin. Das ist ein Märchenbuch ... schon ultra alt ... Da geht es um euer normales Leben und Hindernisse, die ihr überwindet ..." Vorsichtig hält Liam ihr das Buch hin.

„Ein ... Märchenbuch?" Ohne zu zögern stibitzt Tia das Buch aus Liams Hand und blättert darin herum. Ihre Augen werden dabei ganz groß und ihre Gedanken fangen an, sich wie ein Karussell zu drehen. Sichtlich. „Heißt das, unsere Welt ist nicht ... echt? Wusste Papa das? Ich ... was hat das zu bedeuten ...".