Anshalyn - Die Rückkehr der Dämonen

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Summary

Seit mehreren Jahren lebt Königin Anshalyn fern vom Glanz des Thrones, verborgen in dem friedlichen Dorf Rosenheim im fernen Sudland. Gemeinsam mit ihrem Gefährten Askandar hat sie die Schlachten der Vergangenheit hinter sich gelassen – bis zu dem Tag, an dem der geheimnisvolle Fremde Ydecto auftaucht. Mit unheimlicher Macht entreißt er dem Dorf die Freiheit, stürzt das Land ins Chaos und zwingt Anshalyn ins Exil. Auf der Flucht durch uralte Wälder und zerfallene Reiche begegnen Anshalyn und Askandar magischen Göttern, die ihnen Waffen von unvorstellbarer Kraft schenken. Doch die Zeit läuft davon. Ydectos Machthunger entfesselt Dämonen, die Anshalyn einst unter größten Opfern besiegte, die nun aber zurückkehren, grausamer und stärker als je zuvor. Nur ein einziger Ausweg bleibt – der sagenumwobene Kopf der Medusa, dessen Blick alles Leben zu Stein erstarren lässt. Um ihn zu erlangen, müssen Anshalyn und Askandar die Grotte der Gorgonen betreten, die jedoch noch niemals jemand lebend wieder verlassen hat... Dies ist der zweite Band der Fantasy-Reihe ANSHALYN. Ein Epos voller Magie, Verrat und unvergesslicher Figuren – für alle, die High Fantasy lieben.

Status
Complete
Chapters
24
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 - Das Orakel

Der Morgen bricht golden über Sudland herein. Nebel liegt schwer auf den Terrassenfeldern, die sich wie grüne Schuppen an die Hügel schmiegen. Aus der Ferne klingt das Grollen eines Wasserfalls, dumpf und gleichmäßig, wie der Pulsschlag des Landes selbst. Affen turnen in den Baumkronen, schreien in den Tag hinein, während die Sonne langsam den Horizont hinaufklettert und das Dickicht in Dunst und Glanz taucht.

Am Flussufer steht ein Junge, vielleicht zwölf Jahre alt, barfuß im feuchten Sand. Neben ihm wartet ein Wasserbüffel, geduldig, als wäre er Teil des Morgens. Der Junge blickt hinüber zur gegenüberliegenden Seite, wo Rauch aus einer Strohhütte aufsteigt. Seine Großmutter kocht dort jeden Tag den ersten Tee mit Blättern, die nur bei Sonnenaufgang geerntet werden dürfen – so verlangt es die alte Regel der Kima-Leute.

Sudland kennt keine Eile. Die Zeit fließt hier wie der große Fluss Tuar – breit, ruhig, undurchschaubar. Die Menschen sprechen leise, als könnte das Land jedes Wort aufnehmen und behalten. In den Märkten riecht es nach reifen Drachenfrüchten, Tamarinde und den scharfen Pasten der Straßenküchen. Händler bieten handgewebte Stoffe an, mit Farben so lebendig wie das Licht zwischen den Palmen.

Im Süden türmen sich rote Felsen wie gefaltete Geschichten. Dort leben die Yarra-Nomaden, die nur kommen, wenn der Wind aus dem Westen weht. Ihre Lieder hallen durch die Schluchten und erzählen von einem Himmel, der einst zu Boden fiel und das erste Salz ins Meer spuckte. Niemand weiß, ob die Geschichten wahr sind, aber in Sudland zählt Wahrheit weniger als Tiefe, und Legenden sind das, aus denen das Land seine Wahrheit zehrt.

In der Hauptstadt Lamera streichen die Menschen die Wände ihrer Häuser mit goldener Tonerde. An Festtagen tanzen sie auf den Dächern, bemalen ihre Gesichter mit Symbolen, die sie aus Träumen holen. In der Mitte der Stadt ragt der alte Sonnenbaum empor – ein knorriger Riese, dessen Blätter nie fallen. Die Alten sagen, sein Wurzelwerk reiche bis zu den Knochen der Erde.

Sudland lebt. Nicht wie ein Land, sondern wie ein Wesen – wach, atmend, voller Erinnerung. Jeder Schritt über seinen Boden ist eine Begegnung. Und wer lange genug bleibt, beginnt zu verstehen: Sudland verändert niemanden mit Gewalt. Es wartet. Und während es wartet, formt es still die Seele.

Blendor sitzt auf seinem Thron aus poliertem Ebenholz, die Hände fest um die hölzernen Armlehnen gekrallt. Sein Blick schweift über die Hallen von Sudland, in denen flackernde Fackeln gespenstische Schatten an die Wände werfen. Jeder Stein, jede Säule scheint ihm die Frage entgegen zu werfen, die ihm keine Ruhe lässt: Wer wird sein Erbe antreten? Er hat keinen Sohn. Nur Lluva, seine einzige Tochter, deren sanfte Stimme ihn oft zum Lächeln bringt, doch die ihn heute dennoch mit Furcht erfüllt.

Er erhebt sich mühsam, sein purpurnes Gewand raschelt wie versteinerte Seide. Hofbeamte weichen ehrfürchtig zurück, während sein Hornschlucker ihm einen Krug kühlen Wein reicht. Er nippt, doch der Wein hinterlässt nur einen bitteren Nachgeschmack. Blendor träufelt die letzte Traube in den Mund, ehe er die Halle verlässt und sich über den steinernen Balkon an der Ostseite des Palastes neigt. Die Dächer der Stadt breiten sich wie Schuppen eines riesigen Drachen aus; im Norden glitzert der Fluss Sudara, als wolle er ihn trösten. Doch sein Herz bleibt schwer.

„Majestät“, flüstert Graf Elmar, sein treuer Kanzler, aus den Schatten hervor. „Du erscheinst besorgt.“

Blendor senkt den Blick.

„Es ist mein Erbe, Elmar. Ohne männlichen Nachkommen schwindet die Zukunft meines Reiches.“

Elmar nickt verstehend.

„Das Orakel in den Grotten am Fuße des Drachenbergs kann Gewissheit bringen.“

Ein Funke Hoffnung flackert in Blendors Augen auf.

„Dann werde ich heute noch dorthin reiten.“

Die Sonne sinkt langsam hinter dem Drachenberg, als Blendor in einer kleinen Karawane das Heiligtum erreicht. Die Grotten von Sudland sind in Smaragdgrün gehüllt, das Licht des Abends. Moosbewachsene Säulen und verwitterte Steinreliefs zeugen von ehrwürdiger Vergangenheit. Entlang des schmalen Pfades flüstern Wächter Gebete, während Blendor an der Spitze seiner Männer läuft. Die Luft ist kühl, und ein leichter Nebel schmiegt sich an die Erde.

Sie halten vor einem steinernen Tor, über dem in uralten Runen geschrieben steht: „Betritt, wer Weisung sucht, doch wisse: Die Götter hüten finstere Wahrheiten.“

Blendor nickt stumm, und die schweren steinernen Türen öffnen sich lautlos. Im Inneren tropft Wasser von der Decke, und der Geruch von Weihrauch erfüllt den Raum.

Am Ende der Grotte steht das Orakel: eine alte Frau, deren Haut faltig ist wie Pergament, und deren Augen in klarem Blau lodern. Kerzen schwanken in windstillen Nischen. Blendor verneigt sich tief. Kaum traut er sich, dem Orakel in die Augen zu blicken, aber sein Begehr ist stärker als seine Angst.

„Hohepriesterin“, beginnt er, „König Blendor von Sudland bittet dich um Rat. Mein Feuer droht zu verlöschen, denn ich habe keinen Erben männlichen Blutes. Sag mir: Wie kann ich mein Erbe sichern?“

Die Hohepriesterin erhebt sich langsam, die Stimme klingt hohl.

„Blendor, du rufst nach Wissen – so höre die Antwort der Götter.“ Eine Stille senkt sich, als schiene die Zeit selbst den Atem anzuhalten. Dann, in hellem, hallendem Ton, spricht sie: „Dein Erbe endet durch die Hand deines Enkels.“

Blendors Herz setzt aus.

„Die Hand meines Enkels?“, stammelt er, taumelt einen Schritt zurück. „Ich habe doch keinen Sohn!“

Die Priesterin neigt den Kopf.

„Nicht dein Sohn, sondern der Sohn deiner Tochter wird das Schicksal vollenden, das hier prophezeit ist.“

Blendor fühlt, wie sich sein Magen zusammenzieht. Er ringt nach Worten.

„Aber das kann nicht sein!“

Ein Flackern leuchtet in den Kerzen auf, als ob die Götter selbst das Wort unterstreichen.

„Doch es ist das Wort, das gefallen ist: Dein Verderben ist in seinem Atem gebannt“, spricht das Orakel.

Blendor nimmt alle Kraft zusammen. „Gibt es keinen Weg, diese Vorsehung abzuwenden?“

Die Priesterin legt eine knorrige Hand auf den steinernen Altar. Ihr langes Haar rieselt wie ein Wasserfall auf den Boden.

„Es gibt nur einen Pfad, und er führt dich an den Rand der Verzweiflung“, sagt sie, während sie ihm streng in die Augen blickt. „Hüte deine Tochter Lluva, dass kein Mann sie berühre. So mag das Schicksal abgewendet werden.“

Ein kalter Schauer jagt über Blendors Rücken. Er ringt um Fassung, dankt wortlos – und eilt aus der Grotte, als verabscheue er jeden Augenblick der Stille.

Zurück in seinem Palast fällt Blendor kaum ins Bett. Die Worte des Orakels nagen an seiner Seele. Am Morgen sucht er Lluva im Innengarten. Silbergrüne Weiden umrahmen einen kleinen Teich, dessen klares Wasser Seerosen trägt. Lluva sammelt Blütenblätter, die sie sanft in das Wasser gleiten lässt.

„Vater?“ Sie blickt auf, ihre Augen leuchten wie Tau auf Rosenblättern. „Du siehst aus, als hättest du den Schlaf nicht gefunden.“

Blendor atmet tief durch. Er setzt sich auf einen steinernen Sitz neben ihr.

„Lluva, meine geliebte Tochter…“ Seine Stimme bebt. „Eine dunkle Prophezeiung erreicht mich.“

Ihr Gesicht verfinstert sich.

„Was ist geschehen?“

Er fährt sich durch das silberne Haar.

„Das Orakel hat gesagt, dein Sohn werde mein Schicksal besiegeln.“

Lluva blinzelt, dann beugt sie sich vor.

„Doch ich habe noch keinen Sohn“, haucht sie verwirrt.

„Genau das ist die Gefahr.“ Blendor steht auf, seine Gestalt wirkt größer, strenger. „Du wirst den Palast nicht mehr verlassen.“

Lluva steht auf, die Blütenblätter entgleiten ihren Fingern.

„Vater, das kannst du nicht machen.“

„Ich kann – und ich muss.“ Seine Stimme ist nun hart wie geschmiedetes Eisen. „Ich lasse dich in den bronzenen Turm sperren. Dort bist du sicher, und niemand kann zu dir gelangen.“

Verzweiflung blitzt in Lluvas Augen.

„Ein Turm? Ein bronzener Turm?“

Er nickt.

„Ab morgen bringe ich dich dorthin.“

Am nächsten Tag erhebt sich die Sonne über den Dächern von Sudland, während Lluva von zwei Wachen in Samtgewändern zum bronzenen Turm geführt wird. Der Turm ragt hinter dem Palast empor, sein Metallschimmer blendet in der Morgensonne. Ein einziges schmiedeeisernes Tor verschließt den Zugang, und darüber sind keine Fenster zu sehen – nur schmale, nach oben führende Schlitze, die wie Augen aus einer glatten Metallhaut schauen.

Lluva legt die Hand an das Tor.

„Vater…“ Sie wendet sich um, und für einen Augenblick trifft sie seinen Blick. Doch Blendor bleibt unbewegt. Mit einem dumpfen Knarren schließt sich das Tor, und Lluvas Welt schrumpft auf diesen bronzenen Raum zusammen.

Der Turm ist spärlich möbliert: ein Bett aus Holz, eine Truhe, ein kleiner, runder Tisch. Mehr braucht man nicht, sagt Blendor, als er die Tür verriegelt. Lluva sinkt aufs Bett, die Ketten ihrer Panik klirren, während die Wachen fortgehen.

Im Inneren bleibt sie allein mit ihren Gedanken. Tage vergehen, die Mauern der Einsamkeit dichten ihr Herz ab. Sie malt sich aus, wie die Vögel im Garten unter den Weiden fliegen, wie der Wind an den Vorhängen ihres Schlafgemachs spielt – und all das hört sie nicht mehr. Ihr einziger Trost ist das Blättern in alten Büchern, die sie heimlich hat mitbringen lassen. Doch Geschichten von Freiheit helfen ihr kaum, wenn sie selbst eingesperrt ist.

Hoch oben, im Reich der Lüfte, beobachtet Zhys, der Herrscher des Himmels, aus seinem goldenen Palast das Schicksal der Sterblichen. Er sieht Blendor, den König, der seine Tochter einsperrt, und er sieht Lluva, die in Einsamkeit vergehende Blume. Mit jeder Stunde wächst in Zhys’ Herz ein warmer Strom der Zuneigung.

Eines Nachts steigt er auf, unsichtbar für alle Augen. Der Himmel öffnet sich, und ein Goldregen fällt herab, funkelnd wie tausend Sonnen. Der Regen tanzt durch die Lüfte und sammelt sich vor dem bronzenen Turm. Jeder Tropfen singt ein leises Lied von Freiheit und Liebe.

Drinnen liegt Lluva wach. Ein geheimnisvolles Licht glitzert auf den Wänden. Vorsichtig steht sie auf und tritt an das enge Fenster. Der goldene Regen fällt durch den Spalt und bedeckt ihre Handgelenke. Ein warmes Knistern fährt durch ihre Finger. Staunend berührt sie das Schimmern, und eine unsichtbare Hand legt sich sanft um ihr Herz.

„Lluva“, haucht eine Stimme, weich wie Morgendämmerung. „Fürchte dich nicht.“

Lluva zögert.

„Wer bist du?“, hallen ihre Worte durch den Raum.

„Ich bin Zhys“, flüstert die Stimme. „Herrscher des Himmels. Ich habe deine Einsamkeit gesehen und mich in dich verliebt.“

Ihr Herz schlägt schneller.

„Wie…? Du bist Licht und Wind und doch vertraut wie meine eigene Seele.“

Ein Schauer goldener Tropfen umhüllt sie, als Zhys sich in jedem Tropfen manifestiert. Zwar bleibt sein Wesen verborgen, doch sein Hauch streichelt ihr Gesicht, und sie fühlt Zärtlichkeit, die größer ist als alles, was sie je gekannt hat.

„Ich werde dich befreien“, verspricht er.

Und so geschieht es: Der Goldregen formt sich zu einem feinen Schleier, der das Tor von außen berührt. Mit leisen Tönen öffnet sich das Schloss, und die bronzene Tür gleitet lautlos zurück. Lluva tritt hindurch in den kühlen Nachthauch, wo der Regen sie sanft umspielt. Doch statt zu fliehen, bleibt sie stehen und lässt den Regen auf sich wirken.

„Bleib bei mir“, raunt Zhys, und in jenem Augenblick verschmilzt Lluva mit dem Goldregen. Ihre Gestalt leuchtet, als wäre sie selbst aus flüssigem Licht. Die Mauern lösen sich auf, und das Herz des Turms schweigt endgültig.

Monate ziehen ins Land, während Lluva und Zhys sich heimlich in einer kleinen Lichtung verbergen, die nur bei Nacht in goldene Finsternis getaucht ist. Dort, geschützt von Bäumen, die silbrige Blätter tragen, entspringt ein Quell, dessen Wasser wie flüssiges Mondlicht wirkt. Lluva trägt ein schlichtes Gewand aus feinem Leinen; ihr Baby formt sich bereits in ihrem Leib – ein Versprechen neuen Lebens.

Eines Morgens, als die ersten Sonnenstrahlen die Welt erwärmen, setzt Lluva sich an den Quellrand. Zhys senkt sich über sie, sanft wie das Atmen der Welt.

„Bald wirst du Mutter sein“, flüstert er. „Unser Sohn wird Askandar heißen.“

Lluva legt die Hand auf ihren Bauch, fühlt das zarte Pochen neuen Lebens. Tränen der Rührung füllen ihre Augen.

„Er wird die Liebe zwischen Göttern und Sterblichen verkörpern“, sagt sie leise.

Zhys nickt und hebt sie in seine Arme.

„Er wird stark sein und gütig. Und er wird dich lieben, so wie ich dich liebe.“

Das Licht um sie flirrt, Vögel stimmen leise Melodien an, und für einen kurzen Augenblick ist die Welt vollkommen, trotz dass die Liebe zwischen einer Gottheit und einer Sterblichen nach den Regeln des Landes streng verboten ist.

In Sudland hat man Blendors Zorn bereits vergessen. Der König sitzt erneut auf seinem Thron, müde und verraten von Sorgen, doch eine Leere in seinem Herzen bleibt unausgefüllt. Er sendet Kundschafter aus, doch nie kehren sie zurück mit Nachricht von Lluva. Nur der goldene Regen bleibt Legende.

Jahre vergehen. Blendor altert, seine Haare ergrauen. Die Prophezeiung verfolgt ihn wie ein Schatten, doch er trägt sie in seiner Brust wie eine letzte, bittere Last. Dann erreicht ihn Kunde: Ein Duft von Blumen, die nur im Licht reiner Glückseligkeit blühen, erreicht sein Ohr. Ein Wanderer bringt Kunde von einem Kind, geboren aus dem Goldregen, dessen Augen die Farbe des Morgens tragen – Askandar, Sohn der Lluva und des Herrn des Himmels.

Blendor spürt eine seltsame Kühle in seiner Brust, als hörte er das Ticken einer unsichtbaren Uhr. Er weiß, dass das Schicksal sich endlich erfüllen wird. Und so geht seine Geschichte weiter, während Askandar heranwächst – stark, gütig, unwissend um die Macht, die in ihm ruht, und um die Vorsehung, die noch immer die letzte silberne Masche des Schicksals webt.