Flügel im Fell verborgen

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Summary

Vivien Rosendorn war einst ein Engel. Doch in der Nacht, als ihre große Liebe Lars bei einem Unfall starb, widersetzte sie sich den himmlischen Gesetzen und fiel. Vier Jahre später lebt sie im kleinen Städtchen Treseen, verborgen als Ärztin, gezeichnet von Trauer und Schuld. An ihrer Seite: Lennox, ein weißer Kater, der mehr ist, als er scheint. Doch die Schatten ruhen nicht. Albträume holen Vivien ein, in denen Lars ihr entgegenlächelt und sie tiefer in die Fänge eines verführerischen Fremden treiben: Lucifer. Je stärker sie sich nach dem Verlorenen sehnt, desto näher rückt die Gefahr, endgültig an die Dunkelheit gebunden zu werden. Zwischen Krankenhausalltag, Freundschaft und nächtlichen Kämpfen muss Vivien entscheiden, ob sie ihrer Sehnsucht nachgibt oder den Mut findet, ihrem eigenen Herzen zu vertrauen. Denn nur, wenn sie lernt, loszulassen, kann sie sich selbst und das Leben eines anderen retten. Ein Roman über Liebe, Verlust und Erlösung und die Magie, die sich manchmal in einem Katzenfell verbirgt.

Genre
Fantasy
Author
Sarah
Status
Complete
Chapters
33
Rating
n/a
Age Rating
16+

Prolog – Der Sturz

Der Regen kam leise. Erst wie ein feiner Film auf dem Asphalt, dann schwerer, bis die Tropfen den Staub fortspülten und in den Scheinwerfern glitzerten. Blaulicht tanzte über die nasse Straße, ein pulsierendes Blau, das in den Scherben des zerborstenen Polizeiwagens zerbrach. Der Geruch von verbranntem Metall lag schwer in der Luft, dazwischen Rauch und der süße Beigeschmack von Benzin. Stimmen riefen durcheinander, Schritte hasteten über den Boden, doch für Vivien klangen sie fern, wie durch eine Glaswand.

Sie stand nur da. Und sah auf das Wrack.

Die Front des Wagens war tief eingedrückt, als hätte eine unsichtbare Faust zugeschlagen. Inmitten der zerknüllten Karosserie, hinter gesplittertem Glas, hing ein Körper über dem Airbag. Blut zog sich in einer Linie über die Schläfe, das Gesicht halb im Schatten, halb im blauen Sirenengewitter.

Lars.

Vivien trat näher, die Tropfen liefen ihr in den Nacken. Ihre Flügel raschelten unruhig, jede Feder schwer vor Feuchtigkeit. Sie sah ihn atmen. Flach, unregelmäßig. Noch lebte er.

„Bleib bei mir“, flüsterte sie. Er hörte sie nicht. Natürlich nicht. Niemand sah sie, niemand hörte sie, solange sie war, was sie war.

Ein Sanitäter rannte vorbei, direkt durch ihren Flügel. Er schüttelte sich, als hätte ihn ein kalter Luftzug gestreift, dann riss er die Hecktür auf und rief Anweisungen. Vivien spürte einen Stich in der Brust. Sie war hier und doch nicht. Sie konnte alles sehen, alles fühlen – aber nichts verändern.

„Nein“, murmelte sie. Ihre Stimme war kaum mehr als Atem. „Nicht diesmal.“

Sie hob das Gesicht zum Himmel. Über ihr war nichts als Schwärze. Kein Stern, kein Schimmer, keine Antwort.

„Hört ihr mich?“ Ihr Blick suchte die Dunkelheit. „Bitte. Nur dieses eine Mal. Ich flehe nicht für mich, ich flehe für ihn.“

Keine Antwort. Der Himmel blieb stumm.

Ein Tropfen rann ihr von der Wange, mischte sich mit dem Regen. Sie trat dichter an den Wagen. Lars’ Kopf hing zur Seite, die Lider flatterten, als kämpfte er noch.

„Er hat ein gutes Herz“, sagte sie leise. „Er verdient mehr als das hier. Gebt mir ihn. Nehmt mir alles andere, aber gebt mir ihn.“

Stille.

Dann, kaum hörbar, ein Flüstern, das nicht von oben kam. „Sie hören dich nicht.“

Vivien zuckte zusammen. Der Klang war weich, dunkel, ein hauchender Atem, der sich an ihre Ohren schmiegte. Sie schüttelte den Kopf, presste die Hände an die Stirn. „Nein. Nicht du.“

„Doch. Nur ich.“

Sie zwang sich, wegzusehen. Zurück zu Lars. Er röchelte leise, jeder Atemzug ein Kampf. Ein Sanitäter rief nach einer Schere, der andere hantierte mit einem Schlauch. Das Wrack war so fest verkeilt, dass selbst ihre Werkzeuge kaum ankamen.

Vivien ballte die Fäuste. Sie wusste, was sie durfte. Sie wusste, was sie nicht durfte. Und sie wusste, dass Regeln nichts wogen gegen das, was sie fühlte.

„Verzeih mir“, flüsterte sie. Dann trat sie über die unsichtbare Linie.

Ihre Hand legte sich auf das verzerrte Blech. Ein mattes Licht breitete sich von ihren Fingern aus, kroch über die Metallhaut, als glitte Rauch darüber. Bolzen lösten sich, das Schloss knackte. Die Tür gab nach, als hätte sie jemandem nachgegeben, der stärker war als jeder Mensch.

Vivien schob sich hinein, kniete neben Lars. Ihre Finger fanden seine Kehle. Da war Puls – schwach, brüchig, aber da. Sie legte die andere Hand auf seine Brust, schloss die Augen. Ein warmer Schimmer drängte aus ihr, kroch durch die Haut in ihn hinein.

Für einen Herzschlag glaubte sie, es würde reichen. Sein Atem hob sich tiefer, seine Lippen bewegten sich. Ganz schwach, kaum hörbar: „Viv…?“

Ihr Herz stolperte. Er hatte sie gespürt. Er hatte sie gespürt!

„Ja, ich bin hier.“ Sie lächelte, Tränen vermischten sich mit dem Regen. „Halte durch. Nur ein wenig länger.“

Dann brach das Licht ab. Ein Schlag durchfuhr sie, als hätte jemand ihr Herz mit kalten Fingern gepackt. Sie riss den Kopf hoch.

Über ihr kein Himmel mehr, sondern gleißendes Weiß, das ihre Augen schnitt. Und dann Dunkel.

„Du weißt, dass du es nicht darfst.“

Die Stimme kam nicht von den Sanitätern. Sie kam nicht aus ihr selbst. Sie kam von überall.

„Dann verbannt mich“, schrie sie. „Aber lasst ihn mir!“

Das Licht antwortete nicht. Stattdessen verbrannten ihre Flügel. Erst an den Spitzen, dann rollte das Feuer über die Federn, fraß sich in die Sehnen. Schmerz riss durch sie, sie krümmte sich, schrie, ihre Finger verkrampften sich im Stoff von Lars’ Uniform.

„Nein! Hört auf! Ich lasse ihn nicht!“

Ihr Schrei ging im Prasseln des Regens unter. Ihre Flügel fielen, zerbrachen, stürzten in Ascheflocken zu Boden. Sie fiel mit.

Als sie wieder die Augen öffnete, lag sie im Dreck am Straßenrand. Scherben unter den Händen, Blut im Mund. Ihre Haut schmeckte nach Rauch. Ihr Kleid war dunkel vor Nässe, ihre Flügel… weg. Nur verbrannte Reste klebten an ihrem Rücken.

Neben ihr tauchte eine Gestalt auf. Klein, weiß. Ein Kater, das Fell klatschnass, die Augen bernsteinfarben. Er setzte sich einfach hin, starrte sie an, als hätte er schon immer gewusst, dass er hier sein musste.

„Und wer bist du?“ flüsterte sie heiser.

Der Kater antwortete nicht. Er blinzelte nur langsam, legte sich neben sie in den Schlamm. Der Regen tropfte von seinen Schnurrhaaren, seine Augen funkelten hell gegen die Dunkelheit.

Hinter ihnen heulten die Sirenen. Ein Sanitäter zog Lars’ Körper aus dem Wrack, rief nach Defibrillator und Beatmung. Ein anderer schüttelte den Kopf.

Vivien wollte aufspringen, wollte noch einmal zu ihm, doch ihre Beine versagten. Sie sank wieder zu Boden, das Gesicht im Regen.

„Er war mein Herz“, murmelte sie. „Und jetzt bin ich nichts.“

Ein schwaches Flüstern streifte sie. „Nichts? Nein. Jetzt gehörst du mir.“

Sie presste die Hände auf die Ohren. „Verschwinde!“

Doch die Dunkelheit lachte leise.

Der Kater knurrte tief, kaum hörbar, ein Laut, der mehr nach Donner als nach Tier klang. Das Flüstern verstummte.

Vivien schloss die Augen. Alles war kalt, nass und dunkel. Nur das Gewicht des Katers an ihrer Seite hielt sie davon ab, im Schlamm zu zerfallen.

Die Sirenen entfernten sich, der Motor eines Krankenwagens sprang an. Lars lag darin. Und sie wusste, dass er schon nicht mehr zurückkehren würde.

Der Regen fiel weiter, gleichmäßig, unaufhörlich. Er wusch das Blut fort, die Scherben, den letzten Glanz ihrer Flügel.

Und mit ihm begann alles.