Chapter 1
𝔸𝕝𝕖𝕩𝕒
Ich hasse Montage – und heute hatte ich ganz besonderen Grund dazu.
Kennt ihr das? Man rafft sich total auf, um zur Arbeit zu gehen, und das Erste, was man hört, wenn man den Sozialraum betritt, ist: „Wir sind heute nur zu zweit, der Rest hat sich heute krankgemeldet für die Frühschicht“, sagte mir meine Leitung Sandra.
Es ist immer das Gleiche und immer die gleichen Personen, dachte ich mir. „Ist wieder die Zeit gekommen, wo alles rumgeht“, sagte ich ihr und verdrehte die Augen. Das heißt, heute werde ich mehr als 100 % geben müssen, so wie immer. Aber selbst wenn mal alle da sind, herrscht in der Notaufnahme Chaos pur, weil keiner keinem helfen will, und das, obwohl wir in einem Sozialberuf sind!
Sandra antwortet nur mit einem Hauch von „ja“: „Ich weiß, Alexa – ich werde etwas ändern müssen.“ Ich seufzte nur und machte mich an meinen Spind, wo ich mein Namensschild nahm und meine wichtigsten Utensilien für meine Schicht wie z. B. Verbandschere, Leukosilk und Kulis. Kulis sind heiße Ware in unserer ZNA. Ständig sind alle weg, lachte ich in mich.
Das Erste, was ich mache, ist erst mal das Nachtprotokoll lesen, ob was Wichtiges von der Frühschicht noch übernommen werden muss oder erledigt werden muss, aber tatsächlich seh ich alles als grün, somit hat die Nachtschicht sehr gute Arbeit geleistet. Ich schließe mich kurz mit Sandra ab, wer heute was übernimmt, und fange an, die Zimmer neu befüllen. In den ersten Stunden war es ziemlich ruhig und wir hatten keine großen Probleme, klarzukommen zu zweit.
Endlich mal gegen 12 Uhr komm ich dazu, auch mal in mein Frühstück zu beißen. Ich hab mich ja euch gar nicht vorgestellt, ist mir eingefallen. Ich bin Alexa, 25 Jahre jung und gelernte Krankenschwester. Ich arbeite in dem einzigen Krankenhaus in unserer Stadt in der Nähe von Dresden. Eine introvertierte Person, die sich einen Sozialberuf ausgesucht hat – JA, das bin ich.
Dann mal wieder auf, auf, auf die Beine, flüstere ich mir selbst zu, nachdem ich mein Brot mit 3 Bissen aufgegessen habe, weil ich total am Verhungern war. Es war mittlerweile schon 12 Uhr und um 14 Uhr haben wir Feierabend. Gott sei Dank!
Die Zeit bis dahin haben Sandra und ich gut gemeistert und sind tatsächlich gut durchgekommen.
Ich habe mich schnell umgezogen und Sandra einen schönen Feierabend gewünscht. Ich musste mich ein wenig beeilen, da ich heute bei meinen Eltern zum Abendessen bin und vorher musste ich die Bahn erwischen, da mein Auto diesen Monat zum 3. Mal in der Werkstatt gelandet ist. Manchmal denke ich mir: Werden wir Frauen einfach nur übers Ohr gehauen? Ich stecke mir meine AirPods ein und lasse das Lied in meinen Schädel eindringen. Das Lied beruhigt mich ein wenig. Nicht dass ich mich aufgeregt hätte, aber NEIN, ich habe mich aufgeregt, dass ich schon wieder Bahn fahren muss. Aber naja, ich muss ja jetzt vorankommen. Die Bahn fuhr ein und ich wartete, bis die Tür sich geöffnet hatte. Ich lief durch und setzte mich möglichst abseits, da ich nicht angestarrt werden wollte. Die Bahn fährt 3 Haltestellen, bis plötzlich stark abgebremst wird und ich mit voller Wucht gegen den Stuhl vor mir knalle. „Aua“, murmele ich vor mich hin. Als ich mich zurücklehnte, stürmen mehrere Polizisten in die Bahn ein, mit einem Schäferhund der ein braun-schwarzes Fell hat und mit wachsamen, intelligenten Augen. Sein Fell schimmerte dunkel in der Sonne, und jede Bewegung zeigte seine Kraft und Geschicklichkeit. Man merkte sofort, dass er auf jede Spur achten konnte. Konzentriert, zielstrebig, wie ein Schatten, der keine Bewegung übersah.“
Ein großer blonder Polizist mit Locken spricht laut und deutlich: „Bitte bleiben Sie sitzen, wir suchen eine Person, die sich möglicherweise hier in der Bahn befindet. Wir gehen an jeden vorbei und keine braucht Angst zu haben, unser Spürhund Ares schnüffelt nur, beißt nicht.“ „Wow“, dachte ich mir. Alle Menschen sind einfach in Panik ausgebrochen. Anstatt sitzen zu bleiben, sind natürlich alle aufgesprungen und wollten aus der Bahn raus. Idioten, simple Anweisungen sind doch für viele einfach zu viel. Als ich merkte, dass bei dem starken Aufprall einer meiner AirPods rausgefallen ist, schaute ich auf den grauen, dreckigen Boden. Und dreimal dürft ihr raten: Natürlich lag der blöde AirPod nicht zu meinen Füßen. Die Polizisten waren vorne angefangen mit dem Beschnüffeln der Fahrgäste und waren mitten in der Bahn. Ich raffte mich auf und suchte nach dem blöden weißen Stöpsel. Glücklicherweise fiel er mir 3 Plätze vor mir auf. Ich machte 2 große Schritte, um da hinzugelangen, um mich schnell wieder hinzusetzen. Allerdings kam ich nicht weit: Ein großer, stämmiger Polizist stellte sich vor mich und sagte mit tiefer Stimme: „Bitte setzen Sie sich, wir sind gleich fertig. Danach können Sie sich beliebig bewegen.“
Mit meinen 1,60m musste ich meinen Kopf ziemlich weit nach hinten beugen, bis ich ihm ins Gesicht sehen konnte, und sagte nur peinlich berührt „Entschuldigung“.
Mit rotem Kopf setzte ich mich und hab mich selbst beleidigt, warum ich nicht einfach meinen Mund aufgemacht hab und gesagt hab, dass ich nur meinen Kopfhörer wollte. Mittlerweile ist der Polizeihund auch bei mir angekommen, am Ende der Bahn, aber war bis jetzt erfolglos. Die Polizisten sprachen kurz miteinander. Der Blonde hielt anscheinend Rücksprache, da der Einsatz beendet werden sollte, bis ein zivil gekleideter Polizist in die Bahneinstieg und zu den blonden Polizisten lief. In diesem Moment stieg mir ein Duft in die Nase. „So etwas hatte ich noch nie gerochen: dunkel, verführerisch, wie ein Geheimnis, das man eigentlich nicht lüften darf.“ Der Duft hatte mich so vollkommen umhüllt, dass ich nicht einmal bemerkte, wie meine Schritte schneller wurden. Es war, als hätte er eine unsichtbare Leine um mich gelegt und mich einfach mitgezogen. Erst als ich mit voller Wucht gegen sie prallte, wurde mir klar, dass ich die ganze Zeit direkt auf sie zugelaufen war, ohne es zu wollen, ohne es zu begreifen.“
Erst als ich mit voller Wucht gegen den Mann prallte, wachte ich auf und der andere Airport, den ich in meiner linken Hand festgehalten hatte, glitt mir aus den Fingern und fiel klirrend zu Boden.“
Na toll, dachte ich. Heute bin ich ja schon zum zweiten Mal gegen eine Brust geknallt. Meine Wangen brannten, während ich mich bückte, um den Airport wieder aufzuheben. Doch bevor ich danach greifen konnte, war seine Hand schneller. Mit einer langsamen, fast bedachten Bewegung hob er das Gerät auf, und als er es mir reichte, streiften sich unsere Finger. Ein elektrisches Kribbeln schoss durch meine Haut, so stark, dass ich unwillkürlich den Atem anhielt.
Sein Blick verharrte an meinem, dunkel und eindringlich, als würde er mehr sehen, als ich zeigen wollte. Einen Moment lang schien die Welt stillzustehen, nur sein Duft, seine Nähe und dieses unverschämte Herzklopfen, das mich verriet.“
Danke“, flüsterte ich, meine Stimme leiser, als ich es eigentlich beabsichtigt hatte. Er lächelte kaum merklich, so ein kleines, geheimnisvolles Zucken seiner Lippen, das mir gefährlich den Boden unter den Füßen wegzog.
„Gern geschehen“, erwiderte er, und seine Stimme war tief, warm, beinahe samtig. Ich spürte sie mehr in meinem Körper als in meinen Ohren.
Einen Moment lang standen wir einfach nur da, viel zu nah, um noch Fremde zu sein, und doch wagte keiner den ersten Schritt zurück. Ich konnte den Duft immer noch riechen, diesen betörenden, fremden Hauch, der mich schon einmal in seine Arme getrieben hatte, und es fühlte sich an, als wollte er mich nicht mehr loslassen.
Ein Räuspern hinter ihm riss uns aus dieser seltsamen Blase. Sein Kollege stand nur einen Schritt entfernt, die Stirn leicht in Falten gelegt, als hätte er schon viel zu lange zugesehen. In diesem Augenblick trat er einen Schritt zurück, und die Nähe zwischen uns zersprang wie Glas.
Sein Blick fiel auf den anderen Kopfhörer, der ebenfalls zu mir gehörte und auf dem Boden liegengeblieben war. „Ist das Ihrer?“, fragte er, die Stimme jetzt nüchterner, fast geschäftlich.
„Ja“, antwortete ich schüchtern und nahm den Kopfhörer entgegen, den er mir reichte. Unsere Finger berührten sich diesmal nur flüchtig, ohne das elektrische Knistern von eben vielleicht, weil die Welt uns wieder eingeholt hatte.
„Ich muss leider gehen“, sagte er leise, fast bedauernd. Dann wandte er sich ab.
In dem Moment, als er davonging, fiel mein Blick auf die Zahlen, die auf seiner Weste prangten. 1717. Ich wusste sofort, dass ich sie nie wieder vergessen würde.