PROLOG ✶ Billy
✶ Billy ✶
Ich war gerade dabei, eine Ladung frisch gegossener Zimt Schoko Herzen zu retten, ein Kunde hatte sich beim Bezahlen über meine Auslage gelehnt und dabei fast sein Portemonnaie in den warmen Karamell getunkt, als mein Handy vibrierte.
Mama.
Um diese Uhrzeit.
Das war nie ein gutes Zeichen.
Ich wischte mit dem Unterarm Schokolade von meiner Stirn und ging ran.
„Billy! Liebling! Schatz! Hör zu, du MUSST dieses Jahr zu Weihnachten kommen!“
Sie klang, als hätte sie gerade einen Kampf mit dem Staubsauger gewonnen. Oder verloren.
„Hallo Mama“, seufzte ich. „Dir auch einen schönen Tag. Und warum muss ich?“
„Weil…“ sie machte eine vollkommen unnötige dramatische Pause „wir eine Überraschung haben!“
Ich starrte einen der Schoko Herzen an, als würde es mir Mut geben.
In meiner Familie bedeutete „Überraschung“ erfahrungsgemäß:
a) Chaos
b) ein medizinischer Zwischenfall
c) Onkel Ben und mindestens eine Fehlkonstruktion.
„Mama“, stöhnte ich, „bitte sag mir nicht, dass Ben wieder versucht, einen fliegenden Weihnachtsbaum zu bauen.“
„Nein! Also… nicht dieses Jahr.“
Im Hintergrund folgte ein Poltern und ein „Ups!“.
Ich schloss die Augen. „Was ist denn diese Überraschung?“
„Ich kann nichts sagen! Es ist eine ÜBERRASCHUNG! Du musst einfach kommen!“
Sie senkte die Stimme: „Hilde weiß es auch schon.“
„Oh nein.“
„Doch! Und sie ist BEGEISTERT!“
Das war ein schlechtes Zeichen. Oma Hilde war nie begeistert. Höchstens… gefährlich motiviert.
„Mama, ich habe so viel im Laden zu tun, und ich bin müde, und… “
„Schatz.“
Ihre Stimme wurde weich und das war fast schlimmer als alles andere.
„Du hast dir dieses Jahr keine Pause gegönnt. Komm heim. Nur ein paar Tage.“
Ich öffnete den Mund, um dagegen zu halten, aber dann sah ich mich im Spiegelschrank hinter der Theke:
Schokoladenspritzer im Gesicht, Haare wie ein Unfall, Augenringe, die locker bis ins nächste Quartier von Zürich reichten.
Vielleicht… hatte sie ausnahmsweise nicht ganz unrecht.
„Okay“, murmelte ich. „Ich komme.“
„JA!“ rief sie so laut, dass ich kurz dachte, das Glas der Ladentür springt. „Und die Überraschung wird dich umhauen!“
„Ich will aber eigentlich nicht… “
klick.
Sie hatte aufgelegt.
Natürlich.
Ich steckte das Handy weg, seufzte und sah auf die schief geratene Schoko Charge.
Eine Überraschung.
Bei meiner Familie.
Was sollte da schon schiefgehen?
Ich wusste da noch nicht,
dass die größte Überraschung nicht im Harris Haus auf mich wartete
sondern ein paar verschneite Landstraßen weiter
in einem Graben.