Kapitel 1
Ibiza, Spanien – Sommer 2015
Ich spürte den warmen Sand zwischen meinen Zehen, während ich die Flip-Flops in der Hand hielt und zum Wasser ging. Die Sonne stand noch hoch am Himmel, aber das goldene Licht kündigte schon langsam den Abend an. Es war einer dieser perfekten Sommertage – laut, bunt, leicht angetrunken.
„Clara, du kommst doch später mit in den Club, oder?!” rief Jenna mir vom Handtuch aus zu, während sie sich eine Sonnenbrille ins Haar schob.Ich drehte mich halb um, lächelte. „Mal sehen. Wenn ich nicht vorher im Meer verloren gehe.”
Ich war seit drei Tagen hier. Urlaub. Endlich. Weg aus New York, raus aus dem Büro, keine Promi-Artikel, keine Deadline, kein Kaffee to go im stressigen Central Park-Morgenverkehr. Ich liebte meinen Job – meistens. Aber manchmal wurde es mir einfach zu viel: die Gesichter, die Masken, die Storys, die nicht die Wahrheit waren.
Ich tauchte meine Füße ins Wasser, spürte die Wellen um meine Knöchel. Ich ließ den Blick über den Horizont gleiten. Das Meer war ruhig. Fast zu ruhig für das, was gerade in mir war.
Etwas in mir wollte mehr.
Nicht nur mehr Sonne, mehr Freiheit, mehr Nächte mit zu lauter Musik. Sondern etwas Tieferes. Etwas, das nicht jeder zu sehen bekommt. Ich wusste nicht, wonach ich suchte – aber ich hoffte, dass es mich fand.
Hinter mir ertönte Musik. Jemand hatte eine kleine Box mitgebracht. Der Duft von Sonnencreme, Salzluft und Mojito lag in der Luft.
Ich ließ mich wieder zu den anderen fallen, direkt neben Zoe. Sie hielt mir einen Becher hin.„Du brauchst dringend mehr Rum in deinem Blut.”Ich grinste und stieß mit ihr an. „Du brauchst dringend einen Filter für deinen Mund.”
Wir lachten. Und tranken.
Der Abend war noch jung. Und irgendetwas sagte mir: Es würde kein gewöhnlicher werden.Zoe tanzte jetzt barfuß im Sand. Ihre blonden Haare flatterten im Wind, während sie mit einer Hand ihre Sonnenbrille festhielt und mit der anderen ihren Drink schwenkte. Jenna klatschte im Takt, und wir riefen ihr etwas zu – irgendwas zwischen „Queen of the Beach” und „Du bist peinlich!“, aber in Wahrheit liebten wir es alle.
Ich lehnte mich zurück, stützte mich auf den Armen ab und schloss für einen Moment die Augen. Das Geräusch der Wellen, das Lachen, die Musik, das Klirren von Eiswürfeln im Becher – es war wie ein einziger, leuchtender Sommerfilm.
„Clara, zwei Uhr auf deiner linken Seite... heißer Surfer-Typ incoming”, murmelte Jenna plötzlich. Ich öffnete ein Auge. Dann beide.
Oh. Mein. Gott.
Er war definitiv mehr als nur heiß. Oberkörperfrei, mit sonnengebräunter Haut, einer zerzausten braunen Mähne und einem Lächeln, das... na ja, es hätte wahrscheinlich auch Gletscher zum Schmelzen gebracht.
„Wer von uns geht hin?” fragte Zoe grinsend.
„Ich nicht”, sagte ich sofort und hob abwehrend die Hände. „Ich habe Urlaub von Männern.”„Und wir Urlaub von deinem Zölibat”, konterte sie trocken.
Der Typ war nicht allein. Zwei Freunde begleiteten ihn – ebenfalls attraktiv, ebenfalls oberkörperfrei, ebenfalls genau der Grund, warum man abends lieber keine engen Shorts trägt, wenn man noch halbwegs seriös bleiben will.
Sie kamen näher, sahen uns – und wie es das Schicksal wollte, landeten ihre Handtücher nur wenige Meter neben unseren.
„Hola chicas,” sagte der Surfer. Sein Akzent verriet: nicht aus Spanien. Eher Kalifornien.„Hi”, sagte Zoe sofort. Jenna winkte. Ich nippte an meinem Becher und versuchte nicht zu starren. Spoiler: Ich starrte trotzdem.
„Ich bin Finn”, stellte er sich dann vor. „Das sind Matt und Luca.”
Wir stellten uns ebenfalls vor. Clara. Zoe. Jenna. Und plötzlich fühlte es sich an, als wären wir nicht mehr nur Freundinnen im Urlaub – sondern in einer dieser endlosen Sommernächte, in der alles möglich war.
Finn setzte sich neben mich.„New York, huh?”Ich nickte.„Ich hab mal dort gelebt. Für zwei Monate. Hat mich fast umgebracht.”„Zu laut?”„Zu echt”, sagte er. „Irgendwie cool, aber auch... krass.”
Ich lächelte.„Und jetzt? Lieber Ibiza?”„Lieber Clara”, konterte er und prostete mir zu.
Oh wow. So viel zu meinem „Urlaub von Männern”.
Aber es fühlte sich leicht an. Unverbindlich. Flirty. Sommer.
Zoe war schon längst mit Matt ins Wasser gerannt, lachend, schreiend, wie ein Teenie. Jenna versuchte, Luca einen Tanz beizubringen – was ungefähr so elegant war wie ein betrunkener Flamingo.
Und ich?
Ich war plötzlich ganz wach.Und wieder dieses Gefühl: Dass heute noch etwas passieren könnte.
Etwas Kleines vielleicht.Etwas, das später bedeutungslos scheint.Oder... der Anfang von allem ist.Finn ließ sich locker in den Sand fallen, keine Armlänge von mir entfernt. Er stützte sich mit einem Ellenbogen ab, sein Blick wanderte kurz zu mir – nicht aufdringlich, eher neugierig. Ich spürte, wie mein Herz einen halben Schlag zu viel machte.
Vielleicht lag’s am Alkohol. Vielleicht an der salzigen Luft. Oder einfach daran, dass ich das hier schon viel zu lange vermisst hatte: dieses aufregende Kribbeln, wenn zwischen zwei Menschen mehr in der Luft liegt als Worte.
Ich streckte mich, ließ meine Schultern kreisen und sagte dann – scheinbar beiläufig, innerlich aber überraschend mutig:„Ich glaub, ich hab mir den Rücken verbrannt. Hast du Sonnencreme?”
Sein Grinsen war sofort da.„Immer.”Er griff nach seinem Rucksack, zog eine Tube hervor und hielt sie mir entgegen. Ich zögerte. Dann drehte ich mich auf den Bauch, stützte meinen Kopf auf die Arme und sagte mit leiser Stimme:„Mach du’s.”
Ein Moment Stille. Dann spürte ich, wie sich seine Hände auf meinen Rücken legten – warm, ruhig, sanft. Die Creme war kühl, aber seine Finger waren es nicht. Und obwohl es nur Sonnencreme war, fühlte es sich plötzlich nach mehr an.
Er fuhr mit den Händen langsam über meine Schulterblätter, über die Seiten, näherte sich dann dem Band meines Bikinioberteils.„Das stört irgendwie...” murmelte er.Ich sagte nichts.
Er löste es.Ganz langsam.Die Bänder glitten über meine Haut, und ich ließ es zu.
Ich hätte jederzeit aufstehen können. Hätte etwas sagen, eine Grenze ziehen können. Aber ich tat es nicht.Nicht, weil ich ihm alles geben wollte – sondern weil ich genau wusste, was ich zuließ. Und was nicht.
Seine Hände glitten jetzt über meinen nackten Rücken. Warm. Ruhig. Mit einem Hauch mehr Druck. Kein Wort zwischen uns. Nur sein Atem. Und meiner.
Meine Haut kribbelte.Mein Bauch spannte sich leicht an.
Ich drehte den Kopf ein Stück zu ihm. Unsere Blicke trafen sich.Er beugte sich ein Stück näher. Seine Lippen nur Zentimeter entfernt.„Du solltest das öfter machen, Clara.”„Was?” flüsterte ich.„Dich fallen lassen.”
Ich schluckte.„Vielleicht mach ich das gerade.”
Ein Hauch von einem Kuss landete auf meiner Schulter. Nicht fordernd. Nur da. Wie ein Versprechen, das nicht laut ausgesprochen werden musste.
Dann stand er auf, nahm die Sonnencreme wieder mit und zwinkerte mir zu.„Ich geh schwimmen. Wenn du Lust hast – komm mit.”
Ich blieb noch einen Moment liegen. Mein Bikini war offen, mein Herz schlug wild, und ich wusste: Dieser Urlaub hatte gerade erst begonnen.
Und ich war noch längst nicht fertig mit ihm.
Ich band mein Bikinioberteil wieder zu – langsam, ohne Eile. Die Spuren seiner Berührung prickelten noch auf meiner Haut. Ich sah ihm hinterher, wie er ins Wasser ging. Die Sonne war mittlerweile tiefer gerutscht, das Licht weich und golden. Finns Silhouette im Gegenlicht, seine nassen Haare, sein Rücken – verdammt.
Ich richtete mich auf, schob mir die Haare über die Schulter und ging los.
Das Meer war kühl auf der Haut. Nicht kalt – eher erfrischend. Finn drehte sich zu mir, als er mich bemerkte.„Ich dachte schon, du traust dich nicht.”„Ich tue vieles, was du nicht erwartest”, sagte ich, meine Stimme ruhig, fast herausfordernd.
Er lachte leise. Dann war ich bei ihm – nur eine Armlänge entfernt. Die Wellen schwappten sanft gegen unsere Körper. Mein Blick glitt über seine Brust, sein Hals, seine Lippen. Es war ein Moment zwischen Schweigen und Nähe. Zwischen Impuls und Kontrolle.
Er kam näher. Ganz nah.„Darf ich?”Ich nickte.
Dann berührte er mich. Seine Hände glitten unter Wasser über meine Taille, seine Lippen fanden meine. Weich. Zärtlich. Kurz. Dann fester.
Ich legte meine Arme um seinen Nacken, spürte, wie er mich im Wasser leicht anhob, fast schwerelos. Unsere Körper bewegten sich gegeneinander, als gäbe es keinen Widerstand – nur dieses eine Gefühl. Alles andere verschwamm.
Sein Kuss wurde intensiver. Hungriger. Ich erwiderte ihn, ohne zu zögern.Die Welt um uns wurde still. Kein Lachen vom Strand, keine Musik mehr in meinem Ohr. Nur seine Hände auf meiner Haut, mein Atem gegen seinen Hals, unsere Körper, eng aneinandergedrückt im kühlen Wasser.
Seine Finger strichen unter das Band meines Bikinis. Ich ließ es zu. Wieder.Diesmal nicht aus Neugier – sondern aus diesem fast rauschhaften Verlangen heraus.
Ich spürte seine Haut unter Wasser, seine Bewegungen. Wir hielten uns fest, hielten uns gegenseitig, als würde das Meer uns tragen – und vielleicht tat es das wirklich.
Ich stöhnte leise gegen seine Lippen, und er flüsterte meinen Namen.Nicht wie ein Ruf.Eher wie ein Bekenntnis.
Ich wusste nicht, wie lange wir dort waren.Fünf Minuten. Zehn. Eine Ewigkeit.
Aber als wir uns schließlich voneinander lösten, war mein Herzschlag nicht mehr derselbe.Und irgendetwas in mir war erwacht, das ich nicht mehr so schnell abschalten konnte.
Sein Blick war dunkel, verlangend. Meine Haut war glitschig vom Salzwasser, mein Atem flach, als er mich wieder an sich zog.Diesmal gab es keine Frage.Und keine Antwort.Nur den Moment.
Das Meer war ruhig um uns, als würde es sich zurückziehen, um uns Raum zu lassen. Seine Hände wanderten über meinen Rücken, unter Wasser über meine Hüfte. Ich spürte ihn – hart, bereit – gegen mich. Es war kein Zögern mehr da. Kein zarter Flirt. Nur noch diese hitzige, leise Eskalation, die kein Zurück mehr kannte.
Ich schlang meine Beine um ihn, fühlte, wie er mich hielt, sicher und fest, während seine Lippen meinen Hals fanden. Ich stöhnte leise, biss mir auf die Lippe, als seine Hand unter mein Bikinihöschen glitt.
„Clara...” flüsterte er gegen meine Haut, rau, heiser, als würde auch er kaum noch die Kontrolle behalten.
Dann war da kein Raum mehr zwischen uns.Kein Abstand.
Er drang in mich ein – langsam, tief, während das Wasser um uns zitterte. Ich hielt mich an seinen Schultern fest, mein Körper spannte sich an, verschmolz mit seinem.
Ein Laut entwich mir – gedämpft, aber ehrlich. Ich fühlte ihn in mir, jede Bewegung, jeden Stoß, jede Welle, die unsere Körper miteinander verband. Das Meer wurde zu einem stillen Komplizen, um uns herum nichts als das Glitzern des Wassers und das goldene Licht der untergehenden Sonne.
Ich vergrub mein Gesicht an seiner Schulter, keuchte gegen seine Haut, während wir uns wie im Rausch bewegten. Es war wild – und gleichzeitig seltsam zärtlich.
Als ich kam, tat ich es leise, mit geschlossenen Augen, mein ganzer Körper vibrierend, während er sich noch tiefer in mich drückte. Sekunden später folgte er, sein Griff fester, seine Atmung heftig.
Wir blieben noch eine Weile so – eng, ruhig, schwerelos.Nur er und ich.Ein Moment, in dem die Welt draußen nicht existierte.
Ich wusste nicht, was das bedeutete.Oder ob es morgen noch zählte.
Aber in diesem Augenblick war es echt.So echt, wie es nur etwas sein kann, das sich niemand vorgenommen hat.
Ich trat aus dem Wasser. Mein Körper war noch nass, mein Herzschlag raste. Finn kam hinter mir her, und als ich mich nach meinem Handtuch bückte, spürte ich seinen Blick im Nacken.
Die Sonne stand jetzt tiefer. Goldorange färbte sich der Himmel, als hätte der Tag selbst ein Geheimnis gehört.
Zoe saß mit einem Cocktail in der Hand auf ihrem Handtuch – und grinste wie ein verdammter Teufel.„War’s wenigstens tief genug?”„Zoe!”„Was denn?” Sie zwinkerte. „Wir haben’s eh alle gesehen.”
Ich schnappte mir mein Handtuch und warf es mir über die Schultern. Jenna lachte, rutschte neben mich.„Du, Clara Delaney, bist offiziell die Erste von uns, die am helllichten Tag Sex im Mittelmeer hatte. Applaus.”Ich schüttelte nur den Kopf und presste mir die Finger gegen die Stirn.„Oh Gott...”Aber ich lachte. Weil es echt war. Wild. Verrückt. Und irgendwie genau das, was ich gebraucht hatte.
Finn trat zu mir, beugte sich runter. Seine Haare noch tropfnass, seine Lippen nah an meinem Ohr.„Ich muss los. Wir haben morgen früh was vor – Bootstour. Die Jungs drängen schon.”
Ich nickte.„War schön mit dir”, sagte ich – und ich meinte es.Er lächelte schief.„Das war mehr als schön, Clara.”
Er küsste mich. Kurz. Innig.Dann drehte er sich um, rief nach Matt und Luca, und gemeinsam verschwanden sie über den Strand, während der Himmel langsam dunkler wurde.
Ich sah ihnen nach, bis sie nur noch Silhouetten waren.Dann setzte ich mich wieder zwischen Zoe und Jenna, die mich erwartungsvoll anschauten.
„Und?”Ich atmete tief durch.„Ich nehme die Pille. Ich bin nicht blöd.”„Nicht was wir meinten”, sagte Jenna leise. „Wie fühlst du dich?”Ich starrte hinaus auf das Wasser.„Als hätte mein Körper gerade Urlaub gemacht. Aber mein Herz ist verwirrter als vorher.”
Zoe stieß mich an.„Du weißt, dass wir nie wieder damit aufhören, darüber zu reden, oder?”Ich verdrehte die Augen.„Wenn ihr das euren zukünftigen Ehemännern erzählt, werde ich euch alle ans Meer binden und den Möwen überlassen.”Wir lachten.