🩸 Prolog – Das Flüstern der Asche
Der Wind über Noctarion roch nach kaltem Eisen und verbrannter Erde.
Der Krieg hatte Spuren hinterlassen, selbst hier, im Herzen des Schattenreichs.
Die Zinnen des schwarzen Palastes ragten wie gebrochene Zähne in den Himmel, und unter ihnen lag die Ebene der Gefallenen, wo die Asche der Toten in den Nebel zurücksank.
Malachai stand am höchsten Turm.
Sein Mantel flatterte in der Nachtluft, die Wunden unter der Rüstung noch nicht verheilt, und doch stand er aufrecht, unnachgiebig.
Der Kampf mit Darian hatte ihn nicht gebrochen, nur erinnert, dass selbst Blut sich gegen seinen Ursprung wenden konnte.
Sein Blick schweifte in die Ferne, dorthin, wo das Mondlicht kaum noch reichte.
„Sie haben überlebt“, sagte Lucien hinter ihm, leise, fast ehrfürchtig.
„Die Wölfe, die Menschen, das Bastardblut. Auch er.“
Malachai lächelte kaum sichtbar.
„Er…“ Das Wort schmeckte bitter auf seinen Lippen. „Der Geborene schläft zwischen Wölfen.“
Er drehte sich, die Augen wie zwei glühende Splitter.
„Und die Nacht wird ihn zurückrufen.“
Lucien senkte den Blick. „Soll ich ihn töten lassen, mein Fürst? Ein lautloser Schatten, eine Klinge….“
„Nein.“
Malachais Stimme schnitt durch die Dunkelheit.
„Er soll leben. Er soll sich erinnern. Das ist grausamer als jedes Schwert.“
Er trat näher ans Fenster, und der Wind zerrte an seinen Haaren wie eine warnende Hand.
„Wenn das Blut ruft, wird er kommen. Nicht als Feind, sondern als Erbe. Und dann… wird er lernen, dass Liebe kein Schild ist, sondern eine Fessel.“
Lucien schwieg, doch in seinem Blick lag ein Flimmern, Furcht oder Faszination, niemand konnte es sagen.
Unter ihnen erhob sich das Wispern der Schatten.
Zuerst schwach, dann deutlicher, Stimmen ohne Körper, Namen ohne Form.
„Coco…“
Ein Flüstern, kaum mehr als Atem.
„Blut der Könige… Erwache…“
Malachai lauschte, als hörte er Musik.
Dann schloss er die Hand zur Faust, und das Wispern verstummte augenblicklich.
„Lass sie flüstern“, sagte er leise. „Sie werden ihn finden. Und wenn sie ihn gefunden haben… dann beginnt die wahre Nacht.“
Die Fackeln flackerten, als etwas Unsichtbares durch die Hallen fuhr.
Lucien trat zurück, während Malachai in den Sturm hinausblickte.
Und tief in der Ferne, jenseits von Blut und Licht, regte sich ein Schatten, der nicht wusste, wer er war, noch nicht.