Haus der Toten
Wohlwollend betrachtete sich Jim im Spiegel. Den Anzug seines Ur-Ur-Großvaters hatte er extra vom Dachboden geholt. Sein Gesicht war komplett weiß bemalt, und so fehlten nur noch die Kontaktlinsen. Da Jim auch sonst immer welche trug, legte er die komplett schwarzen ohne Probleme an.
Ein Klingeln fuhr durch das Haus. Jim löste sich vom Spiegel und sah aus dem Fenster. Die Halloween-Beleuchtung war das Einzige, das neben der Straßenbeleuchtung noch durch den sterbenden Tag schien. Drei Kinder zeichneten sich dadurch ab. Als Vampir, Werwolf und Mumie holten sie sich die süße Bescherung von seiner Mutter.
Ein Lächeln machte sich in seinem Gesicht breit. Halloween – die beste Zeit des Jahres.
Plötzlich klingelte sein Handy, und er ging ran.
„Wo bleibst du, Jim?“, nörgelte Tom direkt.
„Ich komm ja schon“, antwortete er und legte auf.
Endlich war es so weit.
Er griff nach seiner Tasche, rannte die Treppe hinunter und rief: „Mom, ich bin dann mal weg. Warte nicht auf mich, es wird spät.“
„Alles klar, mein Schatz. Pass auf dich auf und viel Spaß“, antwortete sie, während die Tür schon in den Rahmen flog.
Freudig lief er vom Grundstück zur Straße, wo ihn Lara und Tom schon erwarteten.
„Woher hast du den Anzug?“, wollte die Hexe Lara wissen.
„Von meinen toten Ahnen“, antwortete Jim mit einem finsteren Grinsen.
„Kommt jetzt, die Party wartet nicht auf uns“, drängelte Tom, als Zombie.
Voller Vorfreude liefen sie die Straße entlang.
„Ob heute wieder jemand im alten Herrenhaus sterben wird?“, fragte Tom beiläufig.
Jim lachte. „Du glaubst doch nicht an die Märchen, die die Kinder sich erzählen, oder?“
Mit solchen Dingen hatte er schon lange abgeschlossen.
„Märchen? Die Toten sind echt“, protestierte Tom.
„Altersschwäche und Krankheit. Daran sind die gestorben. Das war’s“, bekräftigte Jim.
Nichts Übernatürliches natürlich.
„Ehh … n … nein“, stotterte Lara. „Hast du denn nicht die Sache mit Alex mitbekommen?“
„Alex?“, wiederholte Jim spöttisch. „Sag mir jetzt nicht, dass dieses blöde Haus ihn gefressen hat.“
Natürlich würde er sich jetzt genau das anhören müssen.
„Oh doch“, stellte Tom klar. „Du weißt genau, dass er an Halloween verschwunden ist.“
Jims Augen fingen an zu rollen.
„Eine Mutprobe“, ergänzte die Hexe. „Er ist allein durch den Wald zu dem Herrenhaus und hat dort angeklopft.“
„Süßes, sonst gibt’s Saures“, flüsterte Tom, während er Jim mit großen Augen anstarrte.
Jim war sich nicht sicher, ob seine Freunde ihn verschaukelten. Bei Tom konnte er sich das gut vorstellen, doch Lara?
„Das Letzte, was man von ihm gehört hat, war ein Schrei“, erzählte Lara.
„Ach, macht euch nicht lächerlich“, protestierte Jim. Er war jetzt erwachsen. Gruselgeschichten, Weihnachtsmänner und Osterhasen interessierten ihn nicht mehr. Partys und Frauen waren das, worum sich sein Interesse drehte – und das am besten in Kombination.
Ein kühler Wind wehte den drei entgegen. Als Jim nach vorne sah, erkannte er den Wald des Herrenhauses. Um zur Party zu gelangen, mussten sie an genau diesem vorbei.
„Du glaubst es nicht?“, fragte Tom. „Dann kannst du ja zum Haus und nach Süßem fragen.“
Vor einem kleinen, unscheinbaren Weg, der in den Wald führte, blieben sie stehen.
„Nein, hört jetzt auf. Keiner geht zum Herrenhaus“, bettelte Lara nervös.
Jim blickte sie an. Ihr besorgtes Gesicht und das Zittern in ihrer Stimme verrieten, dass sie an diese Geschichte glaubte.
Jim hatte keine Wahl. Im Gegensatz zum Osterhasen gab es den Angsthasen tatsächlich, doch das würde nicht er sein. Das stand fest.
„Von mir aus“, sagte er selbstsicher. „Ich hab keine Angst vor Herrenhäusern, Wäldern oder sonst irgendeinem Kram.“
„A … aber die Party?“, versuchte es Lara, doch keiner der beiden hörte ihr zu.
„Ich bin gleich wieder da“, erklärte Jim und lief los.
Dann blieb er plötzlich stehen und drehte sich um. „Falls ich nicht gefressen werde“, ergänzte er spöttisch. Danach verschwand er im Wald.
Liebend gerne würde er darauf verzichten. Schon nach wenigen, unsicheren Schritten auf dem laubbedeckten Weg kroch die Angst aus den Schatten an seine Seite. Ein kalter, blasser Schein des Vollmondes wies ihm den Weg ins Verderben. Zumindest war es das, was die Angst ihm zuflüsterte.
Die Vernunft zerrte an ihm und schrie: „Kehr um!“
Genau das hätte er getan, wenn da nicht der Stolz gewesen wäre. Kraftstrotzend trieb er ihn immer weiter den Weg entlang.
Ziemlich kalt hier, dachte Jim.
Plötzlich – ein schwerer Schritt, nicht weit von ihm. Erschrocken blieb er stehen.
Was war das? Angestrengt blickte er in die Dunkelheit und kam etwas näher. Jetzt verfluchte er seine schwarzen Kontaktlinsen.
Plötzlich sprang ein großes Monster hervor. Beinahe hätte er einen schrillen Schrei von sich gegeben, doch erkannte er im letzten Moment das Reh.
Tatsächlich wurden seine Hände etwas feucht. Er schüttelte den Kopf und lachte in sich hinein. Nur ein blödes Tier, was auch sonst.
Doch die Angst wuchs an seiner Seite und flüsterte ihm immer düstere Dinge ein.
Vom Stolz getrieben ignorierte er sie und lief weiter.
Allerlei Geräusche drangen immer lauter an seine Ohren. Ein Uhu rief warnend in den Wald, die Bäume knarrten, während sie die Äste aneinander rieben. Hin und wieder raschelte etwas im Wald.
Angst und Vernunft diskutierten über dessen Ursachen. Einzig und allein der Stolz interessierte sich nicht dafür.
Jim wischte sich den Schweiß von der Stirn, als sich vor ihm eine kleine Lichtung auftat.
Der kalte Mondschein fiel auf ein heruntergekommenes Herrenhaus. Nebel lag bedrohlich um das Haus, als würde er es bewachen.
Die Gänsehaut kroch über seinen bebenden, kalten Körper.
Kein Licht brannte in einem der vielen Räume. Das tat es vermutlich schon seit Jahrzehnten nicht mehr.
Immer langsamer und vorsichtiger schritt Jim voran. Ständig blickte er sich um. Als lasteten tausend düstere Blicke auf ihm. Beobachtend, ob er wirklich zum Haus ging und das nächste Fressen sei.
Er schritt weiter auf die Tür zu, doch blieb seine Vernunft stehen, als er ein Gesicht am Fenster sah. Ein totes Gesicht, mehr Knochen als Haut. Es hielt nur einen Wimpernschlag, und schon war es verschwunden.
Zu kurz, um echt zu sein.
Jim schluckte. Vermutlich nur eine Täuschung, tröstete er sich.
Es war sein Stolz, der ihn nun weiter von der Vernunft führte, und es war die Angst, die ihn dabei begleitete.
Eine massive Tür mit einem Türklopfer befand sich nun vor ihm. Ob Alex auch vor dieser Tür stand? Nein, so durfte er jetzt nicht denken.
Ein kalter Wind fuhr ihm in den Rücken. Erst jetzt bemerkte er, dass er komplett nass war. Dieses Haus gruselte ihn mehr, als er zugeben wollte.
Die Vernunft flehte von hinten, umzukehren. Sein Körper bebte, als er seine Hand langsam zum Türklopfer führte. Vorsichtig hob er ihn mit einem durchdringenden Quietschen an, hielt kurz inne und schlug dann zu. Es hallte durch das Herrenhaus und echote aus dem Wald zurück.
Nichts geschah.
Zwei weitere Male klopfte er mutig an.
Doch als auch danach nichts geschah, atmete er erleichtert durch. Was hatte er auch erwartet?
Er blieb noch kurz, dann drehte er sich um. Drei schnelle Schritte, dann stockte er.
Die Scharniere der Tür kreischten schrill, als sich die Tür langsam öffnete. Wie gelähmt versuchte er, das Geräusch zu deuten. Die Vernunft blieb stumm vor Angst. Schweißgebadet drehte er sich langsam um. Mit großen Augen starrte er auf einen Mann, der in der offenen Tür stand. Plötzlich war das ganze Haus beleuchtet.
„S… sü… ßes… s… sonst gibt’s… Saures?“, stotterte Jim.
Der Mann machte einen Schritt zur Seite und zeigte mit der offenen Hand in das Haus.
Klaviermusik drang aus dem Inneren an sein Ohr. Die Silhouetten tanzender Menschen bildeten sich an den Fenstern ab.
Wie konnte das sein? Jim zögerte kurz, doch nahm er das stumme Angebot an.
Sein Herz hämmerte immer stärker auf ihn ein, als er in das Haus trat. Sofort sah er die Menschen tanzen. Als Paartanz drehten sie sich zur Musik.
Alles war alt. Zumindest sah es so aus. Haus, Kleidung, Möbel. Selbst die Musik schien Staub angesetzt zu haben. Auch wenn sie sich noch ganz gut bewegten, wirkten sogar die Gäste irgendwie alt.
Jim erschrak, als die Tür in den Rahmen fuhr. Nichts von all dem hatte er von draußen erkannt.
Der Mann, der ihn hineinließ, verschwand in der Küche. Jim nickte ein paar Leuten nervös zur Begrüßung zu, doch bekam er keine Gegenreaktion. Kurze, grinsende Blicke tasteten seinen Körper ab.
Ein uralter Fotoapparat mit separatem Blitz wurde aufgebaut. Langsam begaben sich die Gäste davor. Mit einem Mal blickten alle mit einem unheilvollen Grinsen zu ihm. Nur einer deutete auf den freien Platz neben sich. Wäre er doch nur bei der Vernunft geblieben.
Jetzt war sich selbst der Stolz nicht mehr sicher. Jim lehnte händewinkend ab, doch schien er darauf zu bestehen.
Keine Wahl.
Vorsichtig näherte er sich, immer noch verwirrt, den Leuten. Er positionierte sich ganz am Rand und blickte in die Kamera.
Das Grinsen des Fotografen zitterte in die Breite, als er langsam hinter dem Fotoapparat verschwand.
Ein greller Blitz schlug mit aller Macht auf seine Netzhaut und nahm ihm die Sicht.
Plötzlich war alles still. Kein Ton war mehr zu hören. War das Licht wieder aus?
Jim rieb sich die Augen. Doch als er sie wieder öffnete, geriet sein Herz aus dem Takt.
Nur das kalte Licht des Mondes schien jetzt noch in den Raum und offenbarte ihm die Wirklichkeit. Es fiel auf zerfallene Klamotten und Knochen. Knochen der Gäste, die wie Zombies um Jim herum standen. Mit aufgerissenen Kiefern starrten sie ihn aus leeren Augenhöhlen an.
Ein lauter und grässlicher Schrei hallte durch den Wald.
Erst nach Stunden hatten sich Lara und Tom, nicht ohne die Polizei zu kontaktieren, von dem Wald entfernt. Genauso wenig wie Jim interessierte sich die Polizei für irgendwelche Gruselgeschichten, und so unternahmen sie vorerst nichts.
Nach einer schlaflosen Nacht trafen sich Tom und Lara am nächsten Morgen wieder vor dem Wald. Mit der Sonne im Rücken fanden sie ausreichend Mut, um diesen Weg zu beschreiten. Noch immer schockiert liefen sie stumm nebeneinander her, bis sie vor dem Herrenhaus standen.
„Jim?“, rief Lara viel zu leise.
„Jim!“, kam es laut aus Toms Kehle.
Keine Antwort.
Langsam gingen sie auf die angelehnte Haustür zu. Tom blickte noch einmal zu Lara, die sich hinter ihm versteckte, dann schob er die Tür auf.
Im Inneren herrschte völlige Stille.
„Jim?“, wimmerte Lara in das leere Haus.
Es waren die Schuldgefühle, die Tom nun in das Haus trieben. Sie suchten das Haus ab, doch war ihr Freund nirgends zu finden.
Lara wollte schon wieder raus, als Tom im Flur auf ein Bild starrte.
„Was ist?“, wollte Lara wissen.
„Wie kann das sein“, hauchte Tom leise und zeigte zitternd darauf.
Lara kam näher und starrte blass und schockiert auf das Bild. Es war Jim in seiner Verkleidung, der da mit anderen abgebildet war.
* * *