Intro
ARI
„Ich hab dir die Unterlagen zur Seite gelegt. Sieh sie dir durch und leg sie dann zur Seite. Schliesslich sollst du auch mal zur Ruhe kommen“, dröhnt Eros’ Stimme durch den Raum. Oder besser gesagt – Erions.
Erion, der sich selbst inzwischen lieber als Relationship Strategist bezeichnet, statt als Gott der Liebe. Klingt moderner, sagt er. Und weniger altmodisch.
Ich rolle die Augen, ohne den Blick von meinem Bildschirm zu lösen.
„Junger Mann, sieh lieber zu, dass sich die Leute verlieben. Wann ich mit der Arbeit aufhöre, ist immer noch meine Sache.“
Erion lehnt sich an den Türrahmen meines Büros, als würde ihm die Welt gehören. Teurer Anzug, schwarzes Hemd und goldene Manschettenknöpfe. Die Menschen würden ihn für einen reichen Broker halten, nicht für den Sohn der Liebe.
Die Wände um uns glänzen im warmen Licht der Deckenleuchten, goldene Spiegelrahmen werfen Reflexe auf das Parkett. Zwischen Akten und flackernden Duftkerzen steht eine halbleere Weinflasche, daneben eine Schale mit Rosenblättern, längst vertrocknet.
Aphros Society schläft nie.
Selbst um Mitternacht summen die Telefone, flimmern Bildschirme und es laufen Anfragen durch Menschen, die Liebe suchen.
Oder das, was sie dafür halten.
Ich ziehe die Lippen leicht zusammen, während ich über die letzten Notizen einer Klientin streiche.
Sie hatte gebeten, „Jemanden zu finden, der sie ansieht, als wäre sie Sonnenlicht“.
Ich fand ihr Gegenstück. Zwei Wochen später trennte er sich. Zu viel Sonnenlicht, sagte er, man könne ja nicht ständig geblendet werden.
Ein Fall von Tausenden.
Eines meiner vielen Schicksale, die ich zu ordnen versuche.
Einst war es Leidenschaft. Heute… ist es Routine.
Ein Werkzeug, um zu überleben.
Um mir meinen Platz im Olymp zu sichern.
Ich bin eine der wenigen, die noch übrig sind.
Viele von uns sind verschwunden, andere vergessen worden.
Ares hat sich in Kriegsfilmen wiedergefunden, Hermes in der digitalen Logistik, aber Liebe?
Liebe verkauft sich heute wie Parfum: synthetisch, kurzlebig, austauschbar.
Und ich, Aphrodite, sitze mitten drin.
„Vielleicht wird es mal wieder Zeit, für dich einen geeigneten Match zu finden…“, sagt Erion plötzlich.
Seine Stimme klingt leiser, vorsichtiger.
„Du siehst unglücklich aus, Ari.“
Das trifft mich. Nicht, weil es stimmt, sondern weil er es wagt, es auszusprechen.
Ich lache trocken, lehne mich zurück und streiche mir eine Strähne aus dem Gesicht.
„Das Letzte, was mir fehlt, ist ein Mann. Und ein Mensch schon gar nicht. Es ist gut so, wie es ist.“
„Hm, meinst du?“
Erion stößt sich vom Rahmen ab, kommt näher, nimmt sich seelenruhig eines meiner Gläser und schenkt sich selbst Wein ein.
„Deine letzte Beziehung liegt, was, hundert Jahre zurück? Vielleicht auch hundertfünfzig? Selbst ich brauch mal ab und zu den Nacken gekrault.“
Ich ziehe eine Braue hoch, stehe auf und lege ihm die Hand in den Nacken, fest genug, dass er zusammenzuckt.
„So ist das also? Kuscheleinheiten für Amor? Vielleicht sollte das unser nächster Valentinstags-Event werden: Wer kuscheln will, bekommt eine Stunde mit Amor höchstpersönlich.“
„Natürlich mit Pfeil hinterher!“ ruft er lachend, und ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Selbstverständlich. Anders verliebt sich ja keiner mehr.“
„Tragisch, oder?“
„Tragisch“, wiederhole ich, leiser. Der Wein glitzert in der Glaskaraffe, golden wie das Licht früherer Zeiten.
Erion sieht mich an – richtig an –, und ich spüre, wie mein Lächeln langsam bröckelt.
Er ist mein Sohn, und doch der Einzige, der wirklich begreift, was in mir vorgeht.
Er weiß, wie es ist, Liebe zu bringen, aber sie selbst nie halten zu dürfen.
„Überleg’s dir gut“, sagt er schließlich, drückt mir einen Kuss auf die Stirn. „Ich mag es nicht, dich so zu sehen.“
Ich nicke schwach, und er löst sich aus der Umarmung.
Seine Anzugsjacke hängt lässig über der Schulter, als er zur Tür geht.
„Also dann, wir sehen uns morgen“, ruft er noch, ehe die Tür ins Schloss fällt.
Die Stille, die bleibt, ist schwer wie Samt.
Nur das Summen der Stadt dringt durch die Fenster – die Lichter von New York, golden, flirrend, als wäre es die Stadt der Sterne.
Ich lasse mich in das Sofa sinken, greife nach meinem Weinglas. Der Rotwein schmeckt bitter. Vielleicht bilde ich mir das nur ein.
Der Duft der Rosenblätter ist fast verflogen, übrig bleibt ein Hauch von Staub und Erinnerung.
Ich betrachte die Akten auf dem Couchtisch – Dutzende Leben, die ich ordne, als wäre ich eine Archivarin der Gefühle.
„Liebe“, murmele ich in die Stille.
„Das gefährlichste Geschäft von allen.“
Mein Blick fällt auf eine Mappe, die nicht dorthin gehört.
Sie ist einfach nur schwarz und schlicht.
Aphros-Dokumente tragen sonst goldene Siegel, eingeprägte Namen, Nummern.
Diese hier – nichts. Nur ein einzelner, in Tinte geschriebener Name:
Aden Lysander.
Ich hebe sie an. Sie ist schwerer als gewöhnlich.
Seltsam. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese Akte heute in meinem Büro war.
Ich öffne sie und blättere durch.
Ein Männerprofil, kaum ausgefüllt.
Alter: 34. Beruf: Journalist.
Status: ungebunden.
Bemerkung: Nicht empfohlen.
Ich runzle die Stirn. Nicht empfohlen? Von wem?
Solche Kommentare werden in unserem System nur bei besonderen Fällen vermerkt. Bei Menschen, die… wie soll ich sagen… nicht leicht zu beeinflussen sind.
Ich ziehe das Foto hervor.
Er sitzt an einem Tisch, eine Kaffeetasse in der Hand, die Sonne spiegelt sich in einer Fensterscheibe hinter ihm.
Graue Augen.
Ein kurzer Stich durchzuckt meine Brust.
Ich trinke den Rest Wein in einem Zug und spüre die Spannung, die sich in mir auftut.
Je mehr ich lese, desto unruhiger werde ich.
Aden... oder vielleicht doch, Adonis?
Ein Mann, der über Liebe schreibt, aber selbst nicht an sie glaubt.
Er deckt falsche Agenturen auf, die Gefühle manipulieren.
Er führt Spalten über Psychologie, Attraktion und Täuschung.
Ein Jäger in einer Welt voller Herzverkäufer. Nur, das ich keine Lügen verkaufe, sondern sie zusammenführe.
Perfekt, denke ich bitter.
Ausgerechnet so einer landet bei mir.
Ich lehne mich zurück, halte das Foto gegen das Licht.
Etwas an ihm ist vertraut.
Nicht das Gesicht, sondern etwas Tieferes.
Etwas, das mein Herz erkennt, lange bevor mein Verstand es begreift.
Vielleicht hat Erion recht.
Vielleicht sollte ich mich wieder öffnen. Vielleicht ist es tatsächlich zu lange her, sodass meine eigenen Gedanken mir einen Scherz zumuten.
Ich schliesse die Akte, als mir auffällt, dass meine Hand zittert.
Draußen zieht ein Gewitter auf und das Licht flackert kurz.
Ich greife wieder nach dem Weinglas, welches leer ist. Natürlich.
Mit einem leisen Seufzer stehe ich auf und trete ans Fenster. Ich starre in die Dunkelheit, während mir tausende Gedanken durch den Kopf gehen.
Der Regen glitzert auf der Glasfront, als ich die Stirn gegen die Scheibe drücke: „Adonis“, flüstere ich, während sich sein Name, nicht mehr von meinen Lippen lösen mag.