1 - Who the fuck is Hanna?

Dicke, schwere Regentropfen klopfen vor meinen Augen an die zerkratzte Scheibe und zerspringen dort in viele kleinere, um anschließend in lang gezogenen Schlieren abzulaufen und meinen Blicken zu entschwinden, bis sie irgendwann vermutlich auf den Asphalt der Straße hinabtropfen werden. Langsam und ruckelnd setzt sich der altgediente Linienbus, in dem ich mehr liege als sitze, mit einem knarzenden Geräusch in Bewegung, als die Ampel draußen endlich auf Grün springt. Die Wasserspuren ändern ihre Richtung und der Fahrtwind spült die Tropfen weiter nach hinten.
Was für ein ungemütlicher Freitagmorgen! Obwohl wir schon fast Mitte Juni erreicht haben, ist von einem sonnigen Sommer rein gar keine Spur in Sicht. Seit Wochen schon ist es nichts als kühl und trüb und seit nunmehr drei Tagen regnet es nahezu ununterbrochen.
„Das können ja tolle Ferien werden, wenn das so weiter geht”, grummelt Nicole auf dem Sitz nebenan, während sie in ihrer Schultasche herumkramt, auf der Suche nach einem Kaugummi und ihrer Federmappe. „Wir sollten uns kein Cabrio ausleihen, sondern lieber ein paar gute Regenschirme besorgen.”
Missmutig schimpft sie bei ihrer erfolglosen Suche vor sich hin. Unter ihren dunklen, schulterlangen Haaren, die in mehreren verschiedenfarbigen Supermarkt-Haartönungen schillern, kann sie kaum durch ihre verschmierten Brillengläser sehen. Ihre blaue Wimperntusche ist ein wenig verlaufen, sie hat wohl ebenso wie die dicken Brillengläser Bekanntschaft mit dem strömenden Regen gemacht.
Ich überlege, dass es bis zur Entlassung der Abiturienten Ende des Monats eigentlich noch gar keine echten Ferien sind und das schlechte Wetter zumindest die Alternativen zum Lernen in letzter Zeit klein gehalten hat. Seufzend wende ich meinen müden Blick weg von der tropfenbesetzten Fensterscheibe, hin zu der schwarzen Schultasche meiner Freundin, aus der alles Mögliche zum Vorschein kommt, nur nicht das Gesuchte.
„Es kann nur besser werden”, antworte ich ihr halbwegs optimistisch, während ihre Laune spürbar immer weiter in den Keller rutscht. „Der Wetterbericht der 20-Uhr-Nachrichten hat gestern einen Wetterumschwung fürs Wochenende vorhergesagt.”
Und ich hoffe inständig, dass die Meteorologen mit dieser Prognose recht behalten werden! Schon zu lange freue ich mich auf die anstehenden Tage, die erste freie Zeit nach all dem Lernstress für die Abiturprüfungen, als dass ich sie mir durch dieses Mistwetter vermiesen lassen wollte. Auf gar keinen Fall! Ich will unbedingt endlich ausspannen und mit meinen besten Freundinnen einen ausgelassenen Trip in die Stadt unternehmen, also hat gefälligst das verdammte Wetter mitzuspielen.
Mein Bruder hat mir geholfen, einen Leihwagen zu organisieren, und wir haben Karten fürs Theater ergattern können. Ich habe keine Ahnung was dort aufgeführt wird, aber das ist mir auch egal, Hauptsache raus aus dem tristen Alltagstrott und dem überstandenen Prüfungsstress. Und das Beste an der Sache: als meine Chefs von meinen Plänen Wind bekommen haben, hat man uns für das Wochenende ein Zimmer in einem der Top-Hotels der Stadt besorgt. Als Bonus, den sie mir eigentlich schon vor Weihnachten versprochen, aber seither niemals herausgerückt haben.
Es ruckelt, als der vollbesetzte Bus vor der nächsten Ampel abbremst und schließlich bei Rot mit beunruhigend quietschenden Bremslauten zum Stehen kommt. Nicole wirft sämtlichen herausgekramten Inhalt schwungvoll in ihren Rucksack zurück und zischt verärgert: „Ich gebs auf! Wahrscheinlich hab ich es zu Hause liegen lassen.”
„Kannst von mir einen Kugelschreiber haben”, erwidere ich aufmunternd und will meine Tasche zücken, aber sie winkt nur ab.
„Lass nur. Heute gibt es sowieso nichts aufzuschreiben. Den Ergebnisbogen muss ich nicht kommentieren”, murrt sie und zieht den Reißverschluss ihrer Tasche zu. „Ich hoffe nur, ich bin in Englisch nicht durchgefallen. Die Prüfung war scheiße.” Die Nervosität, die auch mir zu schaffen macht, kratzt massiv an ihren Nerven.
Ich muss kichern, weil ich ganz genau weiß, dass Nicoles Englisch nach ihrem einjährigen Aufenthalt in Neuseeland ganz hervorragend ist, während das meine eher als gediegenes Mittelmaß bezeichnet werden kann, weshalb ich mehr als froh bin, in diesem Fach nur die Grundkurs-Prüfung abgelegt zu haben und nicht die schwierige Klausur der Leistungskurse.
„Hm, so ein Kommentar unter den Prüfungsergebnissen würde sich bestimmt ganz witzig machen: diese schlechte Punktzahl ist unberechtigt, der Prüfungstermin lag ungünstig, ich hatte keine Zeit zum Lernen“, scherze ich übermütig, um das aufgeregte Grummeln in meiner Magengrube zu übertünchen, das mich vor der heutigen Bekanntgabe der Punktzahlen zunehmend heimsucht.
Meine Sitznachbarin beginnt zu prusten: „Kommt der Wahrheit manchmal ganz nahe”, zischt sie angespannt und erhebt sich.
Die übrigen Schüler im Bus sind bereits laut plappernd aufgestanden, haben ihre Schultaschen und Rucksäcke zur Hand genommen und strömen nun dem Ausgang entgegen, weil das Gefährt inzwischen ruckelnd und quietschend an der Haltestelle zum Stillstand gekommen ist. Regenschirm um Regenschirm spannt sich auf, als die in Erwartung des Wochenendes trotz des miesen Wetters überaus fröhlich gestimmte Meute aussteigt und sich auf den noch etwa zweihundert Meter langen, restlichen Fußweg zum Gymnasium macht. Die jüngeren Schüler laufen eilig voran und tauschen lachend ihre Pläne für die kommenden Tage aus. Ein pummeliger, rothaariger Junge schiebt sich ungestüm zwischen Nicole und mir hindurch, um durch die Regenpfützen stolpernd zu einer Gruppe Altersgenossen zu eilen, was mich genervt die Augen verdrehen lässt.
„Fünftklässler!“, zischt Nicole scharf und wirft dem Bengel einen strengen Blick hinterher. Beinahe wäre ihr die Zigarette aus der Hand gefallen, die sie gerade aus der Packung herausgenommen hat. Ich zücke mein Feuerzeug und zünde sie ihr an, um mir gleich danach selber eine Kippe anzustecken, wie es die meisten älteren Schüler um uns herum ebenfalls tun. Gierig inhalieren wir ein paar Züge und machen uns dann unter unseren dürftigen Mini-Regenschirmen als Nachhut ein letztes Mal auf den Weg, zwischen den kleinen Seen auf dem Bürgersteig hindurch, in Richtung Schule. Fühlt sich schon irgendwie eigenartig an...
Der neoklassizistische Bau mit seinem graublauen Anstrich und dem hohen Ziegeldach thront auf einer Anhöhe und verdeckt den dahinter liegenden grauen Flachdachneubau, der über eine gläserne Halle mit dem alten Bauwerk verbunden ist. Über eben jene Halle betreten wir das Gebäude und biegen sofort nach links ab, am Treppenhaus vorbei, durch einen langen, weiß getünchten Flur mit großflächigen Fenstern und einigen informativen Glaskästen mit Aushängen zu diversen mehr oder weniger wichtigen schulischen Angelegenheiten, in den hinteren Teil des neueren Schulhausbaus. Dort gibt es, ein Stockwerk tiefer, zwischen den Türen der Computerräume und Turnhallen einige Tische und Stühle in einem Lichthof, die uns die letzten Jahre als bevorzugter Aufenthaltsraum gedient haben, zumal über einen kleinen Gang zwischen Turnhalle und Kraftraum schnell die Rückseite des Gebäudes und der dort gelegene Kolleghof erreicht werden können.
An den Kollegstufentisch in der großen Pausenhalle haben wir uns immer nur ungern gesetzt, weil wir auf der Beliebtheitsskala unserer Mitschüler ziemlich weit unten rangieren. Die wenigen guten Freunde aus unserer Jahrgangsstufe sitzen für gewöhnlich auch hier unten und mit den übrigen gibt es wenig bis gar keine Gemeinsamkeiten bis hin zu ausgeprägter gegenseitiger Abneigung und dementsprechend auch keinen sinnvollen Gesprächsstoff. Man könnte auch sagen, wir sind die ungeliebten Nerds dieser Abiturklasse.
Außerdem waren wir hier unten die meiste Zeit ungestört – die jüngeren Schüler, die es jemals gewagt haben, unsere Tische zu besetzen, wurden immer sofort mit ein paar zugegebenermaßen hanebüchenen Tricks und Begründungen auf und davon gejagt – und haben auch selbst niemanden gestört, da nur Fachräume mit dicken, schweren Türen angrenzen. Hier kann man sich daher über allerlei Privates unterhalten, ohne befürchten zu müssen, wieder einmal zum Gespött der Mitschüler zu werden.
Deren Vorurteile sind oft schwer zu ertragen, vor allem weil ich nicht die schüchterne, zurückhaltende Streberin bin, für die sie mich durchwegs halten. Ja gut, vielleicht habe ich eine rasche Auffassungsgabe und brauche nicht viel zu tun, um gute Noten zu schreiben. Und vielleicht bin ich bei den meisten Gemeinschaftsaktionen an den Abenden oder Wochenenden nicht dabei gewesen. Aber das hat andere Gründe.
Ich weiß nicht, wie oft ich schon versucht habe, aus diesem aufgedrückten Randgruppendasein auszubrechen und zu zeigen, dass ich auch mal charmant und witzig sein kann. Aber das endet jedes Mal in Peinlichkeit und Desaster, vor allem wenn Alkohol im Spiel ist, was öfter vorkommt, als mir lieb ist. Deshalb habe ich es irgendwann aufgegeben, mich an ihren Dummheiten zu beteiligen, nur um ein bisschen cooler zu sein.
Nicht dass mir am Ende noch mein größtes Geheimnis herausrutscht – bloß nicht! Obwohl es mich ja wirklich schon oft in den Fingern gejuckt hat, alles hinauszuposaunen, allein um die Reaktion der größten Idioten in dieser verdammten K13 zu beobachten, aber bislang habe ich es mir zum Glück erfolgreich verkneifen können. Nur der kleine Kreis meiner engsten Freunde, der regelmäßig hier unten im Keller seine Freistunden verbringt und seine freie Zeit mit mir teilt, weiß um mein überaus glückliches Händchen im Spiel des Lebens.
„Guten Morgen!” ruft uns Dani lautstark entgegen und reißt mich damit aus meinen Gedanken.
„Guten Morgen ...“, brummelt Nicole zurück und klatscht ihren Rucksack auf den Tisch, weil sie darin aufs Neue nach etwas sucht, das sie offensichtlich nicht finden kann.
„Hast Du den Wagen?” fragt Dani mich grinsend, ohne Nicoles schlechte Laune zur Kenntnis zu nehmen. Aber weil meine Gedanken schon wieder in ganz anderen Gefilden kreisen, versäume ich leider die Antwort. „Hanna? Hallo?” Dani winkt mit ihrer Hand vor meinem Gesicht hin und her und stört mich beim Weiterträumen.
„Was?“, rutscht es mir erschrocken heraus.
Amüsiert grinst sie mich an. „Guten Morgen! Frau Engel ist wohl noch nicht ganz wach?!”
„Schsch! Doch nicht so laut!” zische ich erschrocken und blicke mich suchend um, ob jemand die Bemerkung gehört haben könnte.
„Was denn, es ist keiner da, der es nicht weiß ...“, meint sie schulterzuckend und bringt mich damit auf die Palme. Meine Nebenbeschäftigung muss nicht noch in den letzten Tagen an dieser Bildungseinrichtung durchsickern, nachdem ich sie so lange erfolgreich verheimlicht habe.
„Trotzdem”, fluche ich leise und Dani verzieht ihr hübsches Gesicht zu einer gehässigen Fratze. „Was willst Du überhaupt?“, fauche ich sie an. Es wird wirklich Zeit, dass ich meine Ergebnisse erfahre, ich werde minütlich zu einem unausstehlicheren Nervenbündel.
Dani scheint das alles kalt zu lassen. Sie hat eine aufgeschlagene Zeitung vor sich liegen und sieht mich darüber hinweg seelenruhig lächelnd an. „Ich habe gefragt, ob Du den Wagen schon hast. Das Cabrio! Schon vergessen? Wir wollen morgen wegfahren ...”
„Natürlich habe ich das nicht vergessen”, kann ich sie beruhigen. „Das Auto steht zu Hause bei meinen Eltern. Sicher in der Garage.”
Nicole gibt derweil die Suche in Ihrem Rucksack auf und knallt ihn auf den Boden. „Und ich sage Euch, wir werden sowieso nichts von dem Cabrio haben, bei dem Scheißwetter!”
„Nun sei doch nicht immer so positiv!” Dani gibt ihrer besten Freundin einen Klaps, doch ihre sarkastische Ironie trägt nicht dazu bei, deren Laune wesentlich zu verbessern.
Dafür wirkt sie bei mir und lässt mich glucksend kichern, was wiederum ihre Aufmerksamkeit auf mich lenkt. Sie klopft auf die Zeitung vor sich und fragt mit hochgezogenen Augenbrauen und verschwörerischem Unterton: „Hast du das gelesen?”
„Ganz bestimmt nicht”, rutscht es mir sofort heraus, weil ich im Leben noch keine Ausgabe studiert habe, wie Dani sie gerade vor sich hat. Trotzdem kann ich mich nun meiner Neugier nicht erwehren und meine Augen schweifen über die Überschrift des Artikels, auf den sich ihr Zeigefinger richtet, während sie nörgelnd die Augen verdreht.
Joshua Ferrers erbt Anwesen in Deutschland
„Toll”, knurre ich. „Und?”
Seufzend zieht sie das Blatt näher zu sich und beginnt vorzulesen: „... der britische Leinwandheld, der – gerade frisch getrennt von seiner Schauspielkollegin Lindsey King – am Wochenende zur Deutschlandpremiere seines neuesten Kinohits Trouble erscheinen wird, hat von einer verstorbenen Tante ein luxuriöses Anwesen am See geerbt ...”
Weil sie nicht weiterspricht, mache ich große fragende Augen und wackle auffordernd mit dem Kopf, doch sie grinst mich einfach nur vielsagend aber wortlos an.
„Ja und?“, kommt es mir deshalb entnervt über die Lippen. „Was soll ich mit dieser Information jetzt anfangen?”
Dafür ernte ich erneutes Augenrollen und herablassendes Seufzen von ihr. Resigniert faltet sie die Zeitungsausgabe zusammen und steckt sie in ihre Tasche, weil ich mich nicht gesetzt habe und die ganze Zeit schon ungeduldig mit den Hufen scharre.
„Was glaubst du, wo diese Deutschlandpremiere stattfindet?“, verkündet sie geheimnisvoll und ich muss zugeben, dass ich es nicht weiß. Aber es interessiert mich ohnehin einen feuchten Kehricht, weil ich mich von derlei Veranstaltungen kategorisch fernhalte.
Ich wende mich deshalb mit sichtbarem Desinteresse ab und murmle fauchend: „Mir egal, lasst uns lieber endlich unsere Giftzettel abholen”, bevor ich den Weg in Richtung Treppenhaus antrete.
„Ich mein ja nur”, ertönt Danis verschwörerische Stimme hinter mir, als sie sich den Rucksack lässig über die Schulter wirft und hinter Nicole und mir her hechtet. „Wir sollten lieber zu dieser Premiere gehen, anstatt in ein stinklangweiliges Theater.”
„Nur über meine Leiche”, lasse ich sie selbstbewusst wissen und eile voran.
Eine Menschentraube erwartet uns am Fuß der Treppe, weil gerade der Gong ertönt und die Schüler in ihre Klassenzimmer stürmen. Oben angekommen, stehen die übrigen Abiturienten grüppchenweise in der Pausenhalle herum und warten auf die Zuteilung, wer bei welchem Beratungslehrer seine Ergebnisse abholen kann.
„Hey Jackie”, schallt es mir entgegen. „Nervös, ob du durchgefallen bist?”
Oh Mann! Alex. Ich halte die Luft an und zähle in Gedanken bis drei. Dann bis fünf. Eigentlich will ich gar nicht antworten, nicht mal, wenn ich bis zehn gezählt habe. Das Kichern von Alex Kumpels klingelt mir in den Ohren und ich spüre, wie ich rot anlaufe. So wie ich immer rot anlaufe, wenn ich nervös bin oder mich etwas aufregt. Mit aller Kraft versuche ich eine Reaktion zu unterdrücken, nicht dass ich mich am Ende noch provozieren lasse und schlimmstenfalls in Tränen ausbreche.
Alex ist mein Ex. In der Zehnten haben wir den Abschlussball des Tanzkurses zusammen bestritten und heimlich hinter der Stadthalle herumgeknutscht.
Alex ist der Mann, der mich im drauffolgenden Sommer bei einer Party zur Feier des überstandenen Schuljahres entjungfert hat. Auf einer versifften Couch in irgendeinem unordentlichen Zimmer bei einem seiner Freunde, der diese Party geschmissen hat. Wir waren betrunken, beide. Und es war nicht gegen meinen Willen. Trotzdem war es ... schlecht. Einfach schlecht. Immerhin hat es nur wenige Minuten gedauert und nicht weh getan. Vermutlich hat er den zeitlebens angesammelten Stau einfach nicht länger als drei Minuten zurückhalten können.
Alex ist nicht derjenige, der diese unsägliche Beziehung beendet hat, aber er ist derjenige, der mich auf Klassenfahrt in der Zwölften bei einer Party am Strand angefleht hat, sie wieder aufzunehmen.
Seit ich ihn damals abgewiesen habe, ist sein Stolz verletzt und er kompensiert den Wunsch, mich zu küssen, mit dummen Sprüchen und gemeinen Witzen. Fast könnte er mir leidtun, wenn er mir damit nicht so unglaublich auf die Nerven gehen würde.
Neben mir beginnt es gehässig zu flüstern. Annegret. Sie war es, die mir vor ein paar Jahren aus pubertärem Jux den Spitznamen Jackie verpasst hat, eine Anlehnung an meinen Nachnamen: Jacobs. Seitdem reiht sie ihn gerne in unzähligen Wiederholungen aneinander, bis das „Tschakkitschakkitschakkitschakki” wie das Zischen einer Schlange klingt. Eigentlich ist Annegret in Ordnung. Aber diese blöde Angewohnheit kann sie doch nicht lassen, und die Sache mit Alex lässt sie darüber hinaus jedes Mal wieder am Rad drehen. Ich vermute, sie hätte ihn gerne für sich, er will sie aber nicht. Deshalb lässt sie es nun an mir aus und zischt lautstark durch die Gegend, dass mir gleich der Kamm schwillt.
Trotzdem halte ich mich zurück. Diesen einen Tag noch. Und dann noch Abistreich, Abiparty und Absolvia. Danach werde ich die beiden hoffentlich so schnell nicht wiedersehen müssen, weil sie an andere Unis gehen werden, als ich.
„Ich heiße Hanna”, entgegne ich schließlich verstimmt, um nicht auf Alex blöden Spruch eingehen zu müssen, aber trotzdem deutlich zu machen, dass ich mich von dem Schlangenzischen nicht angesprochen fühle.
„Pah”, macht Alex, schleudert seinen Rucksack auf den Tisch und lässt sich feixend auf einen freien Stuhl fallen. „Hanna. Who the fuck is Hanna?”
Zum Glück erscheint in diesem Moment die Kollegstufenbetreuerin mit den Namenslisten, ansonsten müsste ich ihm wohl ins Gesicht springen und ihm die Augen auskratzen. So aber kann ich mich auf den Weg in das Klassenzimmer machen, in dem ich mir meinen gerade noch so erreichten Einser-Durchschnitt abhole, bevor ich mich endlich ohne Einschränkung auf das bevorstehende Wochenende freuen kann.
Ein Segen, dass ich nicht weiß, was mich dabei erwarten wird.