Mary Ann - Gefangen in der Dunkelheit

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Summary

Mary Ann ist die Älteste von drei Schwestern. In einem Zuhause voller Angst und Schmerz stellt sie sich Tag für Tag der Gewalt ihrer Mutter – schweigend, leidend, schützend. Für ihre kleinen Schwestern will sie stark sein. Sie sind alles, was sie hat. Als ein harmloses Versteckspiel sie in den düsteren Keller führt, beginnt sich etwas in ihr zu verändern. Gedanken, die nicht ihre sind. Gefühle, die sie nicht kontrollieren kann. Oder doch? Was als Spiel begann, endet in einem Albtraum, aus dem es kein Erwachen zu geben scheint. Ihre jüngere Schwester beginnt zu zweifeln: Ist es der Wahnsinn, der aus ihr spricht? Oder etwas, das viel tiefer geht? Während das Haus immer dunkler wird, wird auch Marys Handeln dunkler, unberechenbarer. Sie trifft eine Entscheidung – eine, die alles verändert. Ein düsteres Psychodrama über Gewalt, Hilflosigkeit und die Frage, was eine Schwester bereit ist zu tun, wenn alles zerbricht.

Status
Complete
Chapters
20
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1

Mutter stand vor mir. Sie blickte mich hasserfüllt an. In ihren Augen war der pure Zorn zu sehen. Ich wusste nicht, was ich jetzt schon wieder falsch gemacht hatte. Doch ich wusste, was jetzt kommen würde. Sie schrie, ich zuckte zusammen. Sie hob die Hand, zum Schlag bereit. Wie erwartet schlug sie zu. Fester, als ich kommen sah. Meine Wange brannte. In meinen Augen hatten sich die Tränen versammelt. Mutter… Sie war außer sich. Was hatte sie denn jetzt vor? Sie packte sich das Messer vom Tresen aus der Küche. Nein! Das konnte ich mir nicht vorstellen. Nein! Nein! Das konnte sie doch nicht tun! Was war nur in sie gefahren? Ich sah mein kümmerliches Leben schon an mir vorbeiziehen. Meine lieben kleinen Schwestern. Wer passte denn sonst auf sie auf? Allein mit Mutter! Das würden sie nicht überleben! Nein! Mutter! Meine Augen waren weit aufgerissen. Eine Träne sammelte sich und kullerte mir über die pochende Wange. Sie stand nur ein paar Meter von mir entfernt. Da rannte sie auf mich zu, mit einem so hasserfüllten Blick und einem Schrei, welcher so schrill und laut war, dass ich dachte, meine Ohren würden abfallen. Doch das hatte keine Bedeutung mehr für mich. Danach würde ich sowieso nichts mehr hören können. Geschweige denn, irgendwas machen können. Dieses grauenhafte Wesen vor mir, was sich meine Mutter nannte, holte nun Schwung. Mein Gesicht war voller Tränen, die mir teilweise in meinen offenen Mund reinfielen und mein Körper war starr vor Angst. Ich konnte mich nicht mehr bewegen und schon gar nicht erst weglaufen. Dann war sie schon so nah gekommen, dass ich ihren Atem auf meinem Gesicht spürte. Ihre aufgerissenen und verstörten Augen waren auf meine Brust gerichtet und dann…

Aaaah! Ich wachte schweißgebadet und mit hechelndem Atem ruckartig auf. Der Schrei aus meinem Traum hallte immer noch in meinen Ohren nach. Es herrschte völlige Stille. Das einzige, was ich hören konnte, war mein schnell pochendes Herz. Zudem war es so dunkel, dass ich meine eigene Hand nicht sehen konnte. Ich spürte, wie mir der Schweiß die Stirn runter tropfte. Auf meinen Wangen spürte ich noch die Tränen aus meinem Traum. Ich versuchte, meine Bettlampe anzumachen. Erfolglos. Ich tappte ins Dunkle. Nach weiteren Versuchen fand ich endlich zitternd den Schalter. Das Licht brannte mir in den Augen, sodass ich kurzzeitig geblendet war. Als sie sich an das Licht gewöhnt hatten, betrachtete ich meine Schwestern Lou und Rose in ihren Betten. Die eine neun, liebevoll und aufmerksam, die andere fünf, süß und neugierig. Sie schliefen behutsam und sorglos weiter, als wäre nichts geschehen. Mein Herz beruhigte sich einigermaßen wieder. Es war nur ein Traum. Es war nur ein Traum… Doch diese Gedanken würde ich nie wieder losbekommen. Ich hatte zu viel Angst, dass es sich verwirklichen könnte. Denn traurigerweise hätte es sogar wirklich passieren können, wenn Mutter erneut eine ihrer Panik- oder Wutausbrüche bekommen hätte. Da war sie nämlich unberechenbar und man wusste nie, was passieren würde. Sie hatte auch schon Sachen gemacht, die sie im Nachhinein bereute. Wie das eine Mal, damals im Sommer, als ich ihr in der Küche beim Kochen helfen musste und ich aus Versehen den Schäler für die Karotten vom Tisch gestoßen hatte. Auf einmal hatte sie mich an meinem Arm so feste gepackt, dass sie die Blutzufuhr abgeschnürt hat. Allein das tat schon weh. Doch was dann passiert war, ist unvorstellbar und grauenhaft. Ich wollte gerade noch etwas schreien, als sie den kochenden Topf mit der Suppe so ruckartig zur Seite schob, dass ein Teil der Suppe übergeschwappt war, und meinen nackten Arm auf die brennende Herdplatte gepresst hat. Es ist so schnell verlaufen, dass ich es nicht wirklich realisieren konnte. Sofort hatte mich der gewaltige Schmerz durchfahren. Hinzu kam noch der Geruch von Blut, gebranntem Fleisch und der Anblick, wie sich mein Arm verfärbt hat. Es war rot, weiß und an manchen Stellen sogar schon schwarz. Ich hatte vor Schmerz, Panik, Entsetzen geschrien. Mutter hatte mir die Hand vor den Mund gehalten. Es war unerträglich gewesen. Es hatte gebrannt und gepocht und sich so grausam angefühlt. Die restlichen Szenen waren verschwommen. Es war schon Jahre her, als das passierte. Es geschah nur zu meinem Besten, wie sie immer sagte, wenn ich von ihr bestraft wurde. Sie wollte doch nur das Beste für mich. Ich sollte ja aus meinen Fehlern etwas lernen und es besser machen. Ich wurde von uns dreien am meisten und heftigsten bestraft. Ich war ja die Große und ein Vorbild für meine Schwestern. Ich schaute auf die Uhr auf meinem Nachttisch. Zwei Uhr siebenunddreißig. Es war noch mitten in der Nacht. Ich machte das Licht wieder aus und versuchte, wieder einzuschlafen. Doch diese Bilder gingen mir nicht aus dem Kopf. Zudem war es unerträglich heiß. Ich wälzte mich im Bett hin und her und konnte einfach nicht wieder einschlafen. Es schien unmöglich. Ich beschloss, runter ins Bad zu gehen, um mir mein Gesicht zu waschen und etwas zu trinken. Ich zog die Decke weg und setzte mich auf. Mir wurde schwindelig und schwarz vor Augen. Als ich wieder klar sehen konnte, machte ich mich auf den Weg. Ganz leise, damit Mutter nicht aufwachte. Ich setzte meinen Fuß behutsam auf die erste Holzstufe. Es knarzte. Ich biss die Zähne zusammen und kniff meine Augen zu. Nein! Bitte nicht aufwachen! Ich lauschte auf, doch es blieb leise. Puuh! Glück gehabt. Ich holte Luft und tappte auch die restlichen Treppen runter. Ich sah mich um, doch alles war dunkel und schien ruhig zu sein. Niemand da. Schnell ging ich ins Bad. Tür leise zu. Licht an. Ich schaute in den Spiegel. Vor mir stand eine verschwitze, müde und erschöpfte Person. Sie schaute mich mit ihren tiefgrünen Augen an. Ich nahm mir ein Gummi und band mir die braunen Haare zusammen. Ich öffnete den Hahn nur leicht, damit es nicht zu laut war, um jemanden aufzuwecken. Als ich mit meinem Vorhaben fertig war, fühlte ich mich wieder etwas frischer und ging aus der Tür. Nur durchs Wohnzimmer, die Küche und wieder hoch. Doch als ich schon halb im Wohnzimmer stand, sah ich sie! Mutter.