Die Entscheidung
Die Entscheidung
Wenn man eine längere Reise plant – noch dazu bequem im eigenen Minibus und meistens allein – nimmt man sich fest vor, ein schönes Tagebuch zu führen. So hatte ich es mir vorgestellt, als ich meine Tour durch die USA vorbereitete: ein halbes Jahr quer über den Kontinent, von Ost nach West, vom Atlantik bis an den Pazifik.
Reisetagebücher über Amerika gibt es freilich wie Sand am Meer. Also wollte ich etwas anderes versuchen – die Reise aus der Sicht eines Außerirdischen zu beschreiben. Schließlich ist Amerika bekannt für seine Liebe zu allem, was vom Himmel fällt: UFOs, Roswell, Area 51 …
Doch als ich begann, geschah etwas, auf das man sich nicht vorbereiten kann. Ich begegnete tatsächlich einem Wesen, das nicht von dieser Welt war. Von da an nahm alles einen anderen Verlauf.
Das fremde Wesen – Aila, wie ich sie später nannte – begleitete mich durch Texas, New Mexico, Arizona, Nevada, Kalifornien und Utah. Sie hatte hier einen Auftrag zu erfüllen und brauchte einen Menschen. Offenbar war ich zur rechten Zeit am rechten Ort. Mein ursprünglicher Plan, aus der Perspektive eines Außerirdischen zu schreiben, wurde damit zunichte gemacht. Stattdessen wurde ich selbst Teil dieser Geschichte.
Erst Jahre später, als sie längst fort war, erhielt ich die Erlaubnis, die gleiche Reise noch einmal aus ihrer Sicht zu erzählen – so gut es einem Menschen eben möglich ist. Ich bin dankbar für dieses Erlebnis, für alles, was ich über mich selbst gelernt habe, und für das Geschenk, das sie mir am Ende hinterließ. Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Tagebuch zwei Stimmen hat – meine und ihre. Zwei Reisen, die sich berühren, überschneiden und schließlich ineinander übergehen.
Bevor ich aber zu ihrer und meiner Geschichte komme, noch ein paar Worte über meine eigene Vorbereitung.
Der Traum, Amerika zu bereisen, begann lange vor dieser Begegnung – vielleicht schon in meiner frühen Kindheit, als ich in Esslingen stand und zum Himmel blickte, wo eine Lockheed Super Constellation der PanAm über unser Haus zog. Amerika war damals unendlich weit weg.
Viele Jahre später, nach einer Operation und einer stillen Entscheidung, beschloss ich, den Traum des kleinen Jungen Wirklichkeit werden zu lassen. Ich kaufte über eBay einen alten Dodge Hightop Van in West Virginia – virtuell, vom heimischen PC aus. Wochenlang beobachtete ich die Angebote, bis „mein“ Dodge endlich mit No Reserve eingestellt wurde. Ich bekam den Zuschlag. Da saß ich also vor meinem PC in Deutschland und besaß einen Van in den Wäldern West Virginias.
Die bürokratischen Hürden waren beträchtlich: Versicherung, Zulassung, Kennzeichen – nichts funktionierte auf Anhieb. Erst mithilfe des ADAC und des amerikanischen Partnerclubs AAA kam Bewegung in die Sache. Sechs Monate später stand ich wirklich dort, in einem kleinen Ort namens Katy Lick, und der Van war tatsächlich da. Optisch in einem guten Zustand für seine 11 Jahre.
Von dort führte mich die erste Etappe über mehrere Bundesstaaten nach Alabama – mit einem ungültigen Kennzeichen aus Texas, eine kleine, typisch amerikanische Lösung. In Alabama hatte ich zufällig einen Bekannten und mit seiner Adresse konnte ich dann tatsächlich auf meinen eigenen Namen den Dodge zulassen. Mein Bekannter Dustie hat es auch erst geglaubt, als ich das Nummernschild in den Händen hielt.
Meinem Freund Walter bin ich unendlich dankbar, dass er die ersten 14 Tage mitreiste und mir den Dodge näherbrachte. Zusammen haben wir ihn halbwegs „campertauglich“ umgerüstet.
Als mein Freund Walter nach zwei Wochen zurückflog, blieb ich allein zurück. Ich hatte ein Fahrzeug, einen Plan und jede Menge Zeit. Was ich nicht hatte, war eine Ahnung davon, dass mich etwas erwartete. So begann meine Reise – und zugleich etwas, das kein Tagebuch je hatte beschreiben sollen.
Meine „license plate“ 
Ailas Stimme – Rückblick
Als mich mein Mensch fragte, ob er meine Erinnerungen an die Tage auf seinem Planeten aufschreiben dürfe, hätte ich gelacht – wenn ich noch einen menschlichen Körper gehabt hätte. Doch Lachen gehört zu den Dingen, die mir fremd geworden sind. Aber ich stimmte zu.
Ich wusste, dass er sich überschätzte, wie alle Menschen. Und doch – in seinem Blick lag etwas, das mich berührte: diese Mischung aus Neugier, Mitleid und Liebe, die euch Menschen auszeichnet. Vielleicht war es genau das, was mich damals bei ihm hielt.
Er will meine Geschichte erzählen, obwohl er weiß, dass er sie niemals wirklich begreifen kann. Aber er versucht es – und dafür habe ich ihn umarmt, damit er sich nicht verloren fühlt in seinen eigenen Vorstellungen.
Er sieht nur bis zum Horizont, und schon der erscheint ihm unendlich. Ich hätte ihm gern gezeigt, wie weit das Universum wirklich reicht. Doch er war noch nicht bereit. Seine Art ist es, in die Ferne zu schauen und doch immer sich selbst zu suchen.
Also ja – schreib, Mensch. Schreib, wie du mich gesehen hast. Vielleicht erkennt jemand in deinen Worten etwas, das über dich hinausweist. Vielleicht einen Schimmer dessen, was wirklich war.