Mondtal - Im Dorf der Wölfe

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Summary

Mara lebt ein ruhiges Leben in einem kleinen Städtchen, bis ein charismatischer Stammkunde ihre Welt langsam verändert: Karsten. Ohne es zu ahnen, führt sie eine Begegnung mit ihm in ein abgeschiedenes Dorf, das ein uraltes Geheimnis hütet. Zwischen Lagerfeuer, stillen Blicken und dem Gefühl, endlich irgendwohin zu gehören, taucht Mara tiefer in eine Gemeinschaft ein, die mehr ist als sie scheint. Während sich die Grenzen zwischen Alltag und Übernatürlichem verwischen, muss sie entscheiden, wem sie vertrauen kann – und wohin ihr Herz wirklich gehört. „Mondtal“ erzählt von Zugehörigkeit, neuen Anfängen und einer Liebe, die leise, aber tief wächst – in einer Welt, in der Menschen und Wölfe Seite an Seite leben.

Status
Ongoing
Chapters
12
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1

Mara fuhr den Wagen auf den kleinen Parkplatz neben dem Haus und schaltete den Motor aus. Ihr Rücken schmerzte vom langen Stehen, aber es war ein vertrauter Schmerz, an den sie sich längst gewöhnt hatte. Die Spätschicht in der Fleischerei hatte sich wieder einmal in die Länge gezogen. Sie hatte aufgehört, auf die Uhr zu sehen, wenn die letzte Kundin noch überlegte, ob sie lieber Geflügelsalami oder doch lieber geräucherten Speck wollte.

Sie griff nach ihrer Tasche, stieg aus und sog die milde Abendluft ein. Ein fast sommerlicher Duft hing in der Luft – Blüten, Gras, ferner Grillrauch. Irgendwo klapperte Geschirr, ein Hund bellte kurz. Der Himmel färbte sich bereits in weiche Orangetöne, während die Sonne langsam hinter den flachen Häuserzeilen verschwand. Ein leichter Wind ließ die Blätter der alten Kastanie rascheln, und für einen Moment hatte Mara das Gefühl, dass die ganze Straße den Atem anhielt, bevor die Nacht begann.

Vor dem Haus, unter eben jener Kastanie, saßen ein paar Nachbarn. Die Bank stand dort seit Jahren – längst der inoffizielle Treffpunkt. Heute saß Jonas dort, wie so oft, mit einer Bierflasche in der Hand. Neben ihm Sandra aus dem Haus gegenüber und Herr Keller, der gerade aufstehen wollte, während sein Knie mit leisen Knackgeräuschen protestierte.

„Na, Feierabend?“ fragte Jonas, als er Mara bemerkte, und grinste. Mara nickte, schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Endlich. Meine Füße rebellieren.“ Jonas hob die Flasche leicht an. „Willst du ein Bier?“ Mara lachte. „Fragst du das aus Gewohnheit oder hoffst du wirklich, dass ich irgendwann mal Ja sage?“ „Ein bisschen von beidem.“ Er rückte ein Stück zur Seite, klopfte auf das Holz neben sich. „Na los, setz dich. Nur fünf Minuten. So fängt der Feierabend erst richtig an.“

Sie zögerte kurz, ließ sich dann aber auf der Bank nieder. Die Bank knarzte vertraut. Jonas griff in einen kleinen Korb unter dem improvisierten Beistelltisch – eine alte Kiste mit einer Platte darauf, die inzwischen fest zum Ensemble gehörte – und reichte ihr eine frische Flasche.

„Du bist vorbereitet“, stellte sie fest. „Man weiß ja nie, wer durstig vorbeikommt.“ Sie stießen an, das dumpfe Klirren der Flaschen ging im Rascheln der Blätter über ihnen unter. Mara nahm einen kleinen Schluck. Das Bier war kühl, bitter – nicht ganz ihr Geschmack, aber genau richtig für diesen Moment. Ein Schluck Nachbarschaft, ein Schluck Sommerabend.

„Wie war’s heute?“ fragte Jonas. „Ach, die üblichen Fleischtheken-Kuriositäten. Einer wollte Hackfleisch, aber bitte mit der Hand gehackt. Und dann war da noch der Leberkäs-Fetischist mit seinen 1,2 Zentimetern.“ Jonas prustete los. „Ich sag’s dir, du musst ein Buch schreiben. Geschichten aus der Wursthölle.“ Mara schmunzelte. „Arbeitstitel: Die Abgründe der Fleischtheke. Band eins: Die Aufschnitt-Apokalypse.“ „Ich würde beide kaufen.“

Jonas nahm noch einen Schluck. „Und? War er heute da?“ „Wer?“ „Na, dein mysteriöser Lieblingskunde.“ Er grinste frech. Mara verdrehte die Augen, doch sie konnte das Lächeln nicht unterdrücken. „Nein, war er nicht.“ „Schade. Du strahlst immer, wenn er auftaucht.“ „Ach Quatsch.“ Jonas grinste nur – aber in ihrem Kopf hallte seine Stimme nach. Tief. Ruhig. Unvergesslich.

In diesem Moment quietschte die Haustür, und Runa trat hinaus. Ihre bunte Strickjacke leuchtete fast im schwindenden Licht, als hätte sie die Farben des Tages eingefangen. Unter dem Arm ein Korb. „Na, ihr Nachtschwärmer“, rief sie. „Schon wieder beim Durstlöschen?“ „Nur ein Fläschchen, Runa“, sagte Jonas rasch. „Mara braucht das. Medizinisch.“ Runa lachte. „Du brauchst immer eine Ausrede, Jonas.“ Sie stellte den Korb auf der Kiste ab, wühlte kurz und holte ein Glas Marmelade hervor. „Pflaume mit Zimt. Frisch gemacht. Für dich, Mara.“ „Danke, das rettet mir morgen das Frühstück.“ „Und heute Abend?“ „Da koche ich noch selbst“, antwortete Mara und stand auf. „Ich geh jetzt hoch. Sonst bleib ich hier sitzen, bis es wieder hell wird.“

Sie verabschiedete sich mit einem Nicken und ging ins Haus. Die Stufen knarrten leicht, als sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufstieg. Es war ein einfaches, zweistöckiges Haus mit vier Parteien. Zwei Nachbarn, Jonas und sie, waren im Hof regelmäßig präsent. Runa kümmerte sich um alle, fast wie eine Mutter – vielleicht auch, weil sie selbst keine Kinder hatte. Nur die Familie im Erdgeschoss hielt sich zurück, freundlich, aber kaum mehr als ein Gruß im Treppenhaus.

Oben angekommen, schloss Mara die Tür hinter sich und atmete tief durch. Drinnen war es still. Fast zu still. Nur das Ticken der Uhr und das Summen des Kühlschranks. Ein Tropfen lief langsam durch die Leitung der Spüle, als wolle auch er die Stille durchbrechen.

Die Wohnung war klein, praktisch geschnitten, und eigentlich mochte sie das. Kein Zimmer, das ungenutzt blieb, kein Raum, in dem etwas fehlte. Und doch, manchmal, wenn sie die Jacke über die Stuhllehne warf, hätte sie sich gewünscht, jemand anderes würde im selben Moment fragen, wie ihr Tag gewesen war.

Früher war das Haus voller Stimmen gewesen. Lachen, Schritte auf der Treppe, eine Hand auf ihrer Schulter. Jetzt war nur noch das Ticken der Uhr geblieben.

Sie stellte ihre Tasche ab, schaltete das Radio ein. Eine sanfte Melodie füllte die Wohnung, ein Lied, das sie schon seit Jugendzeiten kannte. In der Küche zog sie die Jacke aus und öffnete den Kühlschrank. Nudeln, Zucchini, Käse – das musste reichen.

Während das Wasser auf dem Herd zu sieden begann, dachte sie an Jonas’ Lachen, an Runas Marmelade – und an ihn. Den Mann mit der sonoren Stimme, den sie nicht mal richtig kannte und auf den sie sich doch freute. Es fühlte sich schön an, dazuzugehören. Und doch: sobald sie hier oben war, allein, kroch die Einsamkeit wieder durch die Ritzen.

Später aß sie vor dem Fernseher. Irgendeine Serie flimmerte über den Schirm, Stimmen aus der Konserve. Das Essen schmeckte. Doch Mara spürte die Stille wie eine Decke über dem Raum. Sie legte die Gabel ab, starrte auf den leeren Teller. Draußen lachte jemand, Stimmen wehten durchs offene Fenster. Drinnen aber blieb alles still.