Kapitel 1 – Abschlussfeier
Die Aula war laut wie ein Bahnhof kurz vor Ferienbeginn. Stimmen, Applaus, Mikrofonknacken.
Emily stand am Rand der Treppe und wartete, bis die Menge sich wieder bewegte. Ihr Stock tippte zweimal.
Nicht aus Unsicherheit, aus Gewohnheit.
„Em! Hier drüben!“
Ashley winkte, als wolle sie ein Flugzeug landen. Neben ihr saß Polly, ruhig wie immer.
„Zwei Plätze“, rief Ashley. „Drei, wenn wir den halben als ganzen verkaufen.“
Emily ging die letzten Stufen hinunter.
Der Boden vibrierte leicht, Schuhe, Schritte, Lachen.
Ashley griff kurz ihren Ellbogen, ein Impuls, kein Führen.
„Da. Perfekt. Hinsetzen, durchatmen, strahlen.“
Emily setzte sich. Der Stuhl war glatt, die Luft nach warmem Papier und Parfum.
Emily strich mit dem Daumen über die Naht ihres Kleids, suchte die Stelle, die sie immer beruhigte.
„Du siehst toll aus“, flüsterte Ashley. „Also, tust du immer. Aber heute extra.“
„Das Kleid hat Zaubernaht“, murmelte Emily.
Polly schob ihr leise ein Programm in die Hand, Papierkante an die Fingerkuppen. „Reihenfolge. Deine Gruppe nach dem Dekan. Zugang zur Bühne links, zwei Stufen, dann Rampe. Ich geh später mit.“
„Danke.“ sagte Emily.
Die Mikrofone knackten, jemand zählte in ein Gerät.
„Eins, zwei … Test.“
Dann wurde es stiller.
Der Saal beruhigte sich, so weit Säle das können. Die Dekanin begrüßte alle, und die Luft schob sich in geordnete Bahnen. Namen wurden gelesen, Applaus rollte in Wellen zurück. Ashley kommentierte jeden zweiten Namen im Flüsterton („Der hat immer geschummelt, aber mit Herz“), Polly tippte mit einem Finger in langen Abständen gegen Emilys Unterarm, ein leiser Anker, falls ihre Gedanken aus dem Raum glitten.
Dann fiel Emilys Name.
Ein kurzer Stillstand in der Brust.
Dann ging sie. Schritt, Kante, Rampe.
Der Stock fand Halt, die Bühne klang unter ihren Sohlen anders, hohl und feierlich zugleich.
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte die Dekanin.
Warm, ehrlich.
Die Urkunde war schwerer, als sie dachte.
„Danke“, sagte Emily und drehte sich, dann kam Applaus wie Regen auf Glas.
Sie lächelte. Nicht für Fotos. Für sich.
Zurück im Stuhl ließ die Spannung nach.
Ashley drückte ihren Arm. „Geschafft.“
„Fast“, sagte Polly. „Noch Fotos.“
Draußen roch die Luft nach Rasen, der heute zu viele Schuhe getragen hatte, und nach Sekt, der woanders knallen durfte. Ein Korken flog, jemand rief sorry, und der Chor probte irgendwas, das kein Lied, aber fröhlich war.
„Stellt euch hin, als wüsstet ihr, wohin mit euren Armen“, sagte Polly. „Em, ein Schritt links, Kinn etwas höher. Gut. Nicht zu starr.“
Der Fotograf zählte, als hätten sie es nötig. Klicken, Klicken, fertig. Ashley kicherte. „Ich hatte beide Augen offen. Historisch.“
„Weil du nicht blinzeln musstest, während du redest“, sagte Polly.
Eine Stunde lang ließen sie sich treiben.
Dann zogen sie sich in den Schatten einer Linde zurück.
Die Bank war frei. Die Luft war weicher, endlich Raum zum Atmen.
„So“, sagte Ashley. „Bevor uns alle Jobs verschlingen: Urlaub. Warm, Meer, Essen, das nach Knoblauch riecht.“
„Spanien“ ergänzte Polly sachlich: „Barrierefreie Hotels, Holzstege am Strand, Stadtführungen mit Audioguides. Caldera del Mar. Es gibt eine Reiseleiterin Pym Spear. Gute Bewertungen.“
Emily legte die Hände um das Wasserglas, das Ashley ihr gegeben hatte. „Ihr habt das geplant?“
„Ich hab’s gespürt. Und Polly hat’s geplant“, sagte Ashley, als wäre das die normale Reihenfolge von Magie.
„Es ist nicht, dass ich nicht will“, sagte Emily. „Ich will. Aber… ich will euch nicht zur Bremse werden.“
Ashley schüttelte den Kopf. „Du bremst niemanden. Du gibst dem Ganzen Richtung.“
Polly nickte. „Wir passen es an uns an, nicht dich an den Plan. Wenn eine Strecke zu lang ist, kürzen wir. Wenn es zu laut ist, gehen wir irgendwo hin, wo es Wind gibt. Wir sind drei, nicht zwei plus.“
Emily schwieg. Das Wort Urlaub fühlte sich groß an.
In ihr mischte sich Lust und Angst.
Nicht vor Sonne, sondern vor Mut.
„Ich hab Angst“, sagte sie.
Ashley grinste weich. „Hab ich auch. Nennen wir’s Abenteuer.“
„Angst heißt nicht aufhören“, sagte Polly ruhig. „Nur planen, Und falls etwas nicht klappt, war der Plan nicht falsch, nur der Tag. Wir machen es morgen.“
Emily lachte kurz, atmete tiefer.
„Ich sag’s heute Mama und Papa“, meinte sie. „Nicht, um zu fragen. Um zu erzählen.“
„Sag ihnen, dass wir’s ernst meinen“, sagte Ashley.
„Und dass ich existiere“, fügte Polly hinzu.
Der Chor traf plötzlich Töne, die zusammengehörten. Jemand pfiff mit, schief, aber glücklich. Emily hörte zu. In ihrem Brustkorb wurde es weit.
Zuhause roch es nach Tomatensoße.
Mama drehte sich am Herd um, als Emily in die Küche kam, und lächelte so, dass man es in der Stimme hörte. „Wie war’s?“
„Voll. Schön“, sagte Emily. „Die Urkunde fühlt sich schwer an.“
Papa stellte Teller auf den Tisch. „Wir sind stolz auf dich.“
„Ich will euch was sagen“, begann Emily.
Die Stille war kein Alarm. Eher ein Ja?.
„Ich will mit Ashley und Polly in Urlaub fahren. Spanien. Caldera del Mar. Ein barrierefreies Hotel. Mit einer Reiseleiterin, die sich auskennt. Keine Hauruck Idee. Ich will raus. Bevor ich zu vorsichtig werde.“
Mama schwieg einen Herzschlag zu lang, als müsste sie ein altes Gummiband von Sorgen einmal lang ziehen und wieder zurückschnippen lassen. „Wie lange?“
„Zwei, drei Wochen. Nicht morgen. Wir planen. Polly hat schon geschaut wegen Wegen und Führungen. Ich bin nicht allein.“
Papa räusperte sich. „Mir geht’s nicht darum, ob du das kannst. Du kannst das. Mir geht’s um…“ Er suchte das Wort, das nicht wie Misstrauen klang. „…Wetterumschwünge. Und Leute, die schubsen. Und…“
„Und dass du mein Papa bist“, half Emily.
„Ja“, sagte er. „Das auch.“
Mama setzte sich neben sie. Nicht gegenüber. „Sag uns, was du brauchst. Nicht, was du glaubst, was wir hören wollen.“
„Ich brauche euer Vertrauen“, sagte Emily. „Und eure zwei Bedingungen.“
„Zwei?“, fragte Papa.
„Erstens: Ich melde mich, wenn wir angekommen sind. Und immer, wenn es Sinn macht. Nicht im Minutentakt. Zweitens: Wenn ich sage, es wird mir zu viel, ist das kein Scheitern. Es ist eine Planänderung.“ Sie atmete. „Die Angst ist da. Aber sie ist nicht Chef.“
Mama legte ihr eine Hand auf den Nacken, Daumen warm im Haaransatz. „Wir sind stolz auf dich. Und wir haben Angst. Beides geht. Du musst uns nur sagen, wann wir mit unserer Angst leiser sein sollen.“
„Jetzt“, sagte Emily und lachte durch die dünne Kehle. „Sonst fange ich an zu heulen, und dann gibt’s zu viel Salz in der Soße.“
Papa lachte. „Dann iss erst nach dem Weinen.“
„Ich weine später“, sagte Emily. „Jetzt duschen.“
Sie stand auf, und Mama sagte leise hinter ihr: „Danke, dass du uns sagst, was du willst.“
„Ich will leben“, antwortete Emily ohne Theater. „Nicht nur auf Nummer sicher.“
„Dann tu das“, sagte Papa.
Abends trafen sie sich auf Emilys Lieblingstreppe, die breiten Steine am Rand des kleinen Parks, wo man den Verkehr nur als fernes Rauschen hörte. Ashley hatte Wasser dabei, Polly das Notizbuch, das sie immer hatte, mit den abgerundeten Ecken, damit es Taschen nicht aufriss.
„Und?“, fragte Ashley, kaum dass Emily saß.
„Sie sind besorgt“, sagte Emily. „Aber sie sind mit mir.“
„Gut“, sagte Polly. „Das ist der beste Zustand.“
Ein Fahrrad fuhr vorbei, klackerndes Ventil, das man sofort erkannte. Irgendwo blätterte jemand in Papier. Ein Hund schüttelte sich und machte aus Luft ein Geräusch wie Regen.
„Reden wir über Zeit“, schlug Polly vor. „Zwei Wochen oder drei?“
„Eher zwei“, sagte Emily. „Ich will nicht, dass es kippt, bevor es schön war.“
„Zwei mit Option auf eine Dritte, wenn es schön bleibt“, improvisierte Ashley. „Willkür ist mein zweiter Vorname.“
„Das ist gelogen“, stellte Polly fest. „Aber die Option mag ich.“
„Was ist mit einem Tagesbus, damit wir erstmal testen?“, fragte Emily. „Nicht fünf Stunden am Stück, sondern eine.“
„Gibt’s“, sagte Polly. „Machen wir am Anfang. Und ich rede mit dieser Pym.“
„Pym“, wiederholte Ashley andächtig. „Die wird legendär.“
„Wir auch“, sagte Emily, und es war halb Witz, halb Wahrheit.
Sie saßen, bis es dunkler wurde. Nicht, um irgendwas zu dramatisieren, sondern weil Stille zu dritt selten so leicht war. Als sie aufstanden, streifte Ashley Emily am Arm, die Art Berührung, die sagte: Hier bin ich, ohne zu fragen: Brauchst du mich?
„Morgen?“ fragte Polly.
„Morgen“, sagte Emily.
„Was morgen?“, wollte Ashley wissen, obwohl sie es wusste.
„Flüge suchen“, sagte Emily. „Hotel schauen. Pym anrufen.“
„Morgen“, wiederholte Ashley zufrieden. „Dann geht’s los.“
Emily nickte. In ihrer Brust summte es, hell und unaufgeregt. Angst war noch da. Aber sie stand nicht mehr vorne.
Auf dem Heimweg hielt sie kurz an der Ecke, wo der Bordstein flacher war. Ein Auto fuhr vorbei, langsam, mit Musik, die nach Sommer roch. Sie lächelte.
Morgen würden sie suchen. Morgen würden sie finden.
Und bald würde die Luft wärmer klingen.
Morgen würde sie anfangen, das Leben zu probieren.