Kapitel 1
Fröhliche Musik dröhnte aus dem Autoradio und Wind fuhr angenehm durch meine Haare.
Es war unmöglich nicht zu lächeln, als die ersten Töne meines Lieblingssongs einsetzten. In wenigen Minuten würde ich in New York sein.
„ Oh gott, bald lebe ich in New York!“ Es fühle sich so unwirklich an, dass ich Lachen musste.
Seit ich fünf Jahre alt war wünschte ich mir nichts anderes, als aus dem langweiligen Kaff namens Harpers Ferry wegzuziehen und die Welt zu sehen. Es war zwar einer der schönsten Orte, die ich kannte, doch New York war ein anderes Level.
Mein Magen machte ein Salto, als ich in die Ausfahrt abbog, die nach New York führte. Noch wenige Kilometer und mein Traum würde in Erfüllung gehen. Ich umklammerte das Lenkrad fester.
Die ersten Hochhäuser drängten sich in mein Blickfeld. Es war sogar noch viel schöner, als ich es mir vorgestellt hatte. Es fiel mir schwer, doch ich musste mich auf den Verkehr konzentrieren. Riesige Menschenmengen strömten über die Straßen, es schien sie nicht zu stören, dass sie rot hatten.
Zum Glück wohnte meine Schwester etwas außerhalb, ich musste also nicht mit dem Auto in die Stadt fahren.
Eine halbe Stunde später parkte ich mein Auto vor einem kleinen, schmalen Haus. Es war nicht besonders schön – die Fassade bröckelte an einigen Stellen und die Fensterrahmen hatten auch schon bessere Tage gesehen – doch es gefiel mir.
Die Tür öffnete sich und meine Schwester kam mir strahlend entgegen. Ich öffnete die Autotür und umarmte sie.
„ Es ist soo cool das du jetzt hier wohnst, ich habe es noch gar nicht realisiert. Ich habe dich echt vermisst.“, rief sie strahlend und strich sich eine rote Strähne hinter das Ohr, das sich aus ihrem Zopf gelöst hatte. Sie sah mal wieder umwerfend aus, mit ihren roten Locken und diesen unverwechselbaren grünen Augen, die dieses unglaubliche Leuchten hatten, dass einen einfach verzauberte.
„ Ich habe dich auch vermisst. Seit du aus Harpers Ferry weggezogen bist, ist es dort noch langweiliger gewesen als sonst.“
Emely musste lachen. „ Noch langweiliger? Geht das überhaupt?“
„ Ja, definitiv.“ Ich lachte ebenfalls.
„ Okay, lass uns erst mal nach drinnen gehen. Ich bin so gespannt, was du zu deinem Zimmer sagst!“
Gespannt folgte ich ihr durch die weiße Tür, an der ebenfalls der Lack abbröckelte. Doch das störte mich nicht, die Tür war bestimmt sehr alt und ich fragte mich, wer hier wohl alles schon gelebt hatte.
Der Flur war alt und hatte hohe Decken. Ein angenehm kühler Wind begrüßte mich. Es roch nach Kräutern und Tomatensauce.
Ich folgte Emely die Treppen hoch, bis sie vor einer babyblauen Tür stehen blieb, dessen Farbe schon etwas verblasst war. Aufregung stieg in mir hoch, als ich über die Schwelle trat.
„ Das ist unsere Wohnung.“, präsentierte Emely stolz.
Es war wirklich schön. Auch hier waren die Decken hoch, doch nicht zu hoch, um ungemütlich zu sein. Der Flur war klein, doch genau das mochte ich auf Anhieb gerne. Langsam lief ich den Gang entlang. Auf jeder Seite gingen zwei Türen ab, doch mein Ziel war der Raum am Ende des Flurs.
Es war ein Wohnzimmer, das Licht durchflutete den ganzen Raum. Auf einer hellgrauen Couch entdeckte ich Luca.
„ Hey, Lynn!“, begrüßte er mich. „ Wow, du hast dich in den letzten zwei Jahren unglaublich verändert. Wo ist mein kleines Mädchen?“ Er wirbelte mich durch die Luft und setzte mich schließlich wieder auf dem Boden ab.
Emely lachte. „ Du kannst es echt nicht lassen.“
Ich lachte ebenfalls. „ Ich habe dich echt vermisst Luca. Es war so langweilig ohne dich. Niemand wollte mit mir ******e bauen und mich auf illegale Partys mitnehmen.“
„ Ich habe mir schon gedacht, dass du früher oder später in Harpers Ferry den Tod der Langeweile Sterben wirst.“, lachte er.
Luca war wie ein Bruder für mich. Emely und er waren vor sechs Jahren zusammengekommen und ich hatte ihn schon immer gemocht.
„ Und deine Haare erst... Waren die schon immer so dunkelbraun?"
„ Ja Luca", lachte ich.
Ich ließ meinem Blick weiter durchs Wohnzimmer schweifen. Die Pflanzentöpfe, die mit einer Schnur an der Decke befestigt waren, verliehen dem Raum etwas Magisches. Das war typisch für meine Schwester. „ Lasst mich raten: Das mit den ganzen Pflanzen hier war Emelys Idee.“
„ Genau richtig. Sie wollte hier einen ganzen Garten pflanzen, zum Glück konnte ich sie von der Idee abbringen.“ Luca lächelte.
„ Dafür konnte ich mich auf dem Balkon austoben.“
Erst jetzt bemerkte ich die schlichte Glastür, die auf einen Balkon führte. „ Wie cool!“, rief ich und trat durch die Tür. Der Balkon war nicht sonderlich groß, aber ich mochte ihn sofort. Es roch nach Kräutern, Blüten und Blättern. Die Nachmittagssonne schien in mein Gesicht und ich schloss die Augen.
Ich hatte das Gefühl, frei zu sein. Das war ich auf eine Art ja auch. Ich war 18, führte mein Traumleben in New York und konnte theoretisch tun und lassen, was ich wollte.
„ Lynn! Komm her, ich will dir dein Zimmer zeigen!“, unterbrach Emely meine Gedanken.
„ Ich komme!“ Emely und Luca waren fest entschlossen, mir eine komplette Wohnungsführung zu geben. Ihr Zimmer war direkt gegenüber vom Badezimmer, daneben lag die Küche.
„ Und das ist dein Zimmer.“ Emely öffnete die letzte Tür und ich betrat den Raum. Er war klein, aber perfekt für eine Studentin wie mich.
Mom und Dad hatten meine alten Möbel schon hierher transportieren lassen und durch das große Fenster fielen die letzten Sonnenstrahlen dieses Tages. Gleich würde die Sonne hinter einem der Hochhäuser untergehen.
An der Wand stand mein Bett, gegenüber befand sich mein großes Bücherregal und der Schreibtisch. Es war perfekt.
„ Danke euch beiden.“ Ich umarmte erst Emely, dann Luca. „ Das Zimmer ist wirklich wunderschön.“
„ Es freut mich, dass es dir gefällt. Wie wäre es, wenn wir deine Sachen aus dem Auto holen und danach einen Filmmarathon starten?“
„ Finde ich gut.“ Ich lächelte den beiden zu.
Die nächste Dreiviertelstunde verbachten wir damit, Kartons aus meinem Auto zu schleppen.
„ Das ist der letzte.“ Luca stellte den Karton in meinem Zimmer ab.
„ Dann los, die Couch ruft uns!“, rief Emely und schmiss sich mit einem lauten Seufzen auf das weiche Sofa. „ Tut euer Rücken auch so weh?“
„ Also meiner nicht.“ Ich ließ mich neben sie fallen.
„ Du hast ja auch nur eine Kiste getragen!“, lachte Luca. „ Irgendwelche Filmwünsche?“
Nach einer halben Stunde des Diskutierens gaben Luca und ich nach. Emely bestand darauf, den Grinch zu gucken. Ich konnte darüber nur den Kopf schütteln.
„ Wir haben Sommer!“, schmollte auch Luca, doch Emely ließ nicht mit sich reden. „ Du bist manchmal echt ein Sturkopf. Ich hole Popcorn.“
Der Abend wurde einer der Lustigsten in meinem Leben. Emely und ich waren drei Mal fast vor Lachen erstickt und Luca hatte sich an einem Popcornkrümel verschluckt.
„ Ich gehe jetzt schlafen. Ich muss morgen unbedingt New York ansehen, was ich gerne halbwegs ausgeschlafen tun würde.“, sagte ich irgendwann, wünschte beiden gute Nacht und verließ das Wohnzimmer.