Kapitel 1
Zu jener Zeit saß der Schock vom Tod meiner Familie und meiner Versklavung noch tief. Ich war wie eine Hülle ohne Geist, die nur widerwillig tat, was man von ihr verlangte. Sowie die Ketten an mir zerrten, lief ich wie ein Zahnrad, das von einem anderen angetrieben wurde. Ich lief nicht, weil ich laufen wollte, sondern weil das Nichtlaufen anstrengender gewesen wäre. Auf diese Weise zog mich die Karawane der Sklavenjäger aus den Wäldern und Wiesen, in denen ich meine Kindheit verbrachte in eine heiße, steinige Landschaft voll fremder Pflanzen und seltsamer Menschen. Sie lebten in etwas, dass ich bisher nie gesehen hatte, einer Stadt. In einer dieser Städte führte man mich an einen Ort, wo mehr Menschen als Ware angeboten wurden, als mir bisher begegnet waren. Früher hätte mich dieser Anblick mit einem Zorn erfüllt, der jede Furcht im Keim erstickt. Nun war es mir egal. Auf diesem Markt stand eine hölzerne Konstruktion, die einem Aussichtsturm ähnelte, jedoch viel zu niedrig war um über die Häuser, die den Markt umschlossen zu sehen. Ich lief die Stufen mit derselben Teilnahmslosigkeit hinauf, die mich schon seit Wochen begleitete. Dort oben reihte man uns auf, sodass wir mit dem Gesicht nach vorne in eine Menge schauten, die von einer Hektik erfüllt war, wie ich sie bisher nur von Ameisen kannte.
Ein Mann stieg auf die Bühne, dessen Augen streng musternd über unsere Körper wanderten. Langsam ging er die Reihe der Sklaven ab, wobei er bei einigen stehen blieb um sie mit den Händen zu begrabschen wie Vieh, das zum Kauf bereitstand. Hinter ihm lief eine Frau, etliche Jahre jünger als er, die so leise hinter ihm herschlich, dass man sie selbst in der stillsten Nacht kaum wahrgenommen hätte. Auch bei mir blieb er stehen, sah mir in die Augen und fluchte: „Warum verschwendet man unsere Zeit mit dieser Ausschussware?” Der Sklavenjäger, der bisher ruhig zugesehen hatte, rieb sich nervös und Hände und sagte leise: „Nun, jeder Kunde hat einen anderen Geschmack.” Der Alte gluckste. „Einen anderen Geschmack? Selbst wilde Hunde würde eine so tote Mahlzeit verschmähen. Wirf ihn weg, bevor noch jemand über ihn stolpert und sich das Genick bricht.” Einige Kunden lachten, andere stimmten lautstark zu. Der Sklavenhändler schwieg. All dies ließ ich über mich ergehen, wie ein Stein den Lauf der Welt, den Regen und das Leid der Menschen. Ich hörte es, doch in mir fand es keine Resonanz. Doch dann passierte etwas Unerwartetes. Jemand blieb stehen, sah mich an und zum ersten Mal seit langem nahm ich einen Teil meiner Umwelt wahr. Es war sein Blick, der mich aus der Dunkelheit meines Geistes in die Wirklichkeit zerrte. Es war ein Blick der brannten wie ein Feuer in der Nacht. Dieses Feuer würde den Jungen eines Tages verzehren, und wenn ich ihm dann zu nahe war, würde ich mit ihm brennen. Das spürte ich instinktiv und wich kaum merklich zurück. “Ich will ihn!“, sagte der Junge mit einer Gewissheit als hätte er mich bereits gekauft. Der Mann, der eine Toga aus klarem Azurblau trug, wie es sich nur wenige leisten konnten, sah mich kurz an, dann war sein Urteil gefällt. “Nein, wenn du unbedingt einen Sklaven willst, dann suche dir einen anderen aus. Dieser taugt nichts.” Schon wendete er sich ab, doch der Junge starrte mich weiter an. “Aligones!“, sagte der Mann laut und in diesem einen Wort lag mehr Autorität als in den Peitschen der Sklaventreiber. Selbst ich, der an den Dingen der Welt keinen Anteil mehr nahm erzitterte unter ihrer Gewalt. Aligones blieb ruhig. “Nein Vater, Ihr liegt falsch. Er muss mein Sklave sein und er wird seine Aufgaben hervorragend erledigen.” Der Mann, den Aligones als Vater angesprochen hatte zog eine seiner Augenbrauen hoch. “Seit wann bist du ein Experte für die Auswahl von Sklaven?” Er ging die Reihe der Sklaven ab, zeigte auf Nasat, einem Jungen aus meinem Dorf, mit dem ich früher oft gespielt hatte. Nasat war einen ganzen Kopf größer als ich. “Dieser hier, der würde einen guten Sklaven abgeben. Er hat den richtigen Körper für harte Arbeit und wird nicht schon bei der kleinsten Anstrengung umkippen.” Zum ersten Mal, seitdem sie diese Diskussion begonnen hatten, wendete Aligones seinen Blick von mir ab und sah stattdessen seinen Vater an. “Ihr versteht nicht Vater. Dieser Junge soll kein einfacher Sklave sein. Dieser Junge”, er streckte seine rechte Hand aus und zeigte mit einem Finger auf meine Brust, „Dieser Junge wird eines Tages mein erster Sklave sein sowie Gaen deiner ist.” Die Augen des Vaters weiteten sich vor Schreck. Sogar der Sklavenjäger, der bisher nur schweigend danebengestanden hatte, griff nun in das Geschehen ein. “Junger Herr, euer Vater hat recht. Die Entscheidung für einen ersten Sklaven sollte nie leichtfertig getroffen werden. Ein solcher Posten passt nur zu den Fähigsten aller Sklaven. Dieser Junge dagegen.” Er stupste mich an wie ein rohes Stück Fleisch. “Äußerlich mag er akzeptabel wirken, doch seine Seele ist schon lange verrottet. Die Augen des Jungen weiteten sich, seine Hand begann zu zittern. “Nein, Ihr irrt euch. Er wird mein erster Sklave sein. Der Vater des Jungen trat auf ihn zu und schneller als meine Augen es sehen konnte klatschte die Hand gegen die Wange des Jungen. “Habe gefälligst Respekt vor dem Alter. Uns ist ein Erfahrungsschatz gegeben, den du nicht einmal erahnen kannst. Der Mann wollte sich bereits abwenden, doch der Junge, wiewohl er am ganzen Leib zitterte, hielt ihn am Handgelenk fest. “Bitte Vater, lass mich nur dieses eine Mal selbstsüchtig sein. Wenn ihr ihn mir schenkt, dann bin ich gewillt Helena nicht nur zu treffen, nein ich werde sie sogar heiraten!”
Einen Moment lang stand der Mund des Mannes offen, als könnte er nicht so glauben, was er soeben gehört hatte. “Das bist du bereit zu tun? Keine Mätzchen, keine dummen Scherze, kein ungebührliches Verhalten um sie abzuschrecken.” “Der Junge nickte. “Ich werde der perfekte Sohn sein und alles so tun, wie ihr es wollt. Das Verspreche ich bei all meinen Schriftrollen.” Der Mann sah seinen Sohn an, schweigend, ungläubig. Ich glaubte fast zu spüren wie die Luft zwischen ihnen wie eine Mauer aus festem Stein stand. “Ihr habt meinen Sohn gehört. Wieviel verlangt ihr für diesen Sklaven?” Die beiden fuhren fort über den Preis zu feilschen, doch davon bekam ich nur am Rande mit. Mein Blick lag auf Aligones, der die hölzerne Tribüne emporkletterte und so nah an mich herantrat, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spüren konnte. “Von nun an wirst du mein Schatten sein.” Flüsterte er mir ins Ohr. Ich glaubte ihn nicht recht zu verstehen, doch er sprach weiter. “Du wirst immer an meiner Seite sein, wo auch immer ich sein werde. Du wirst mein sein, mein allein. Mein Wille soll zu deinem werden. Wir werden genauso unzertrennlich wie Inagonis und sein Schatten sein.” Ich erschauerte. Bisher hatte ich nichts gefühlt. Kein Wunsch und keine Furcht hatte Raum in der Leere die mich beherrschte gefunden. Dieser eine Moment ändert alles. Er riss mich aus meiner Benommenheit in eine Wirklichkeit, aus der es kein Entkommen gab. Dieser Junge machte mir Angst. “Was machst du da oben?“, rief sein Vater ihm zu. “Ich habe ihm nur ein paar aufmunternde Dinge erzählt.” Erneut erschauerte ich. Alle Faszination, die ich zuvor für diesen Jungen verspürt hatte, war verschwunden. Blanke Furch trat an ihre Stelle. Das Klirren der Schlüssel machte mich auf den Sklavenjäger aufmerksam, der auf mich zutrat. Offensichtlich hatten die Beiden sich auf einen Preis geeinigt. Wenn er meine Fesseln löste, gab es nichts mehr was mich vor diesem Jungen, diesem Wahnsinnigen schützte. Er griff nach meiner Handschelle und noch bevor mir bewusst wurde was ich tat trat ich einen Schritt zurück. Der Sklavenjäger sah mich an, als glaubte er nicht, was er soeben gesehen hatte. Er schüttelte sich, dann trat er näher an mich heran. Ich wich weiter zurück, stolperte und fiel. Die Faust des Sklavenhändlers traf mich im Gesicht und brachte einen dumpfen Schmerz. “Halt still oder ich schicke dich in die Mienen!” Ich wich weiter zurück. Sollte er mich doch in die Mienen schicken. Das war immer noch besser als der Schatten dieses Verrückten zu werden. Erneut hob der Sklavenhändler seine Faust, bereit ein weiteres Mal zuzuschlagen. Da trat Aligones zwischen uns. “Hört auf! Ihr verängstigt ihn. Seht ihr das nicht?” Tatsächlich zitterte ich am gesamten Leib und doch hatte der Junge unrecht. “Ach leck mich doch!“, sagte der Sklavenhändler patzig und warf Aligones die Schlüssel zu. “Siehst du? Alles wird gut!“, sagte er in einer Art, mit der Eltern zu kleinen Kindern sprachen. Er beugte sich zu mir hinunter. Ich rutschte zurück, über den Rand der Holztribüne hinaus. Der Sturz war kurz, der Aufprall war hart und schmerzhaft. Trotzdem grinste ich. Das war meine Gelegenheit zu entkommen.
Staub wirbelte in mein Gesicht, als Aligones neben mir landete. Einen Moment lang sah er mich traurig an, dann kniete er sich zu mir hinunter und legte eine Hand auf meine Brust. “Ruhig!“, sagte er leise. “Alles ist gut!” Nichts war gut und doch schlug mein Herz langsamer, kaum dass die Worte über seine Lippen kamen. Da war es wieder, ein Lächeln als gäbe es nichts was er nicht erreichen konnte. “Bleibe einfach liegen, ich befreie dich!” Ich sah ihn schweigend an und obwohl mein Kopf den Aufstand probte, blieb mein Körper bewegungslos wie ein Stein. Ein Knacken brach den Bann. Die Handschellen lösten sich und fielen scheppernd zu Boden. Wenn er jetzt noch die um meine Fußgelenke löste, konnte ich weglaufen. Während Aligones sich an den Ketten zu schaffen machte bereitete ich mich innerlich auf die Flucht vor. Ich wusste, wenn es gelingen sollte, dann musste ich schnell sein. Jedes Zögern würde mein Scheitern nach sich ziehen. Mit einem erneuten Knacken löste sich auch die Fesseln um meine Knöchel. Das war der Moment zu handeln. Mit dem ersten Schritt dreht ich mich von Aligones weg nur um seinen Vater ins Gesicht zu sehen. Die Augen, mit denen er mich ansah, hatten dasselbe braun wie die des Jungen, doch wo die Augen des Jungen brannten, da waren die des Vaters kalt wie Eis. Instinktiv wusste ich, dass dies ein Mann war, vor dem ich mich in Acht nehmen musste. In diesem einen Moment starb meine Hoffnung auf eine erfolgreiche Flucht, machte Platz für dieselbe dunkle Resignation, die sich schon zuvor in mir breit gemacht hatte. “Er ist schon viel lebhafter Vater!“, sagte Aligones grinsend. “Wollen wir nur hoffen, dass sich seine neu erwachten Kräfte das richtige Ziel suchen!” Ich erschauerte. Es war nur ein kurzer Moment gewesen, in dem ich eine Flucht erwogen hatte, doch er hatte es gesehen. “Komm, wir gehen nach Hause!“, sagte Aligones lächelnd. Und ich folgte ihm, still, schweigend und mit der Gewissheit, dass mir der wahre Schrecken noch bevorstand.