Bed And Breakfast by Elias J. Connor at Inkitt
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Bed and breakfast

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Summary

Sechs Wochen. Ein Auto. Zwei Menschen, die sich lieben – und herausfinden, wer sie wirklich sind. Lena und Jonas aus Köln wagen ihre erste große gemeinsame Reise: Ein Roadtrip quer durch die USA, von Los Angeles bis nach Miami. Sechs Wochen voller Sonnenaufgänge, staubiger Straßen, skurriler Begegnungen – und Frühstücke in Bed & Breakfasts, die manchmal mehr über das Leben erzählen als jeder Reiseführer. Was als romantisches Abenteuer beginnt, wird schnell zu einer Achterbahnfahrt zwischen Lachen und Verzweiflung: kaputte Autos, verschrobene Gastgeber, kleine Katastrophen und große Momente der Nähe. Auf jedem Kilometer lernen die beiden nicht nur das Land kennen, sondern auch einander – mit all den Ecken, Zweifeln und Hoffnungen, die Liebe wirklich ausmachen.

Status
Complete
Chapters
18
Rating
n/a
Age Rating
13+

Kapitel 1 - Abfahrt aus der Komfortzone

Die Amerikaner hatten uns gewarnt: „Don’t get lost in the desert.“ Sie hatten nicht gesagt, dass man sich viel öfter im eigenen Kopf verirrt.

Ich sitze auf dem Kofferraumdeckel und fühle mich ein bisschen wie der Hauptdarsteller in einem niedrigen Roadmovie. Unter mir knarzt die Kunststoffkante, die schon beim Einsteigen Protest geäußert hat, und vor mir liegt unser Ford — ein Auto mit mehr Kratzern als Lebensweisheiten, auf dessen Tür jemand mit dickem Filzstift „FRITZ“ geschrieben hat, weil ich beim Ausfüllen des Mietvertrags vergaß, ernst zu bleiben. Lena steht neben mir mit einer Kaffeetasse in der Hand, die sie immer bei sich hat, weil der Thermobecher aus Köln ihr so etwas wie ein vertrautes Zuhause gibt. Ich habe ihn ihr geschenkt, damit sie nicht vergessen soll, woher wir kommen. Heute liegt auf dem Becher ein dünner Streifen Pazifiklicht und ein bisschen Sand — als sei die Zukunft schon mal kurz in die Tasse gefallen.

Ich weiß nicht, wann ich angefangen habe, mit Gegenständen zu sprechen, aber heute, vor der Abfahrt, finde ich es beruhigend, Fritz einen Kuss auf den Kotflügel zu geben. „Guten Morgen, alter Junge“, sage ich und klopfe so, als könnte man damit Rost vertreiben. Menschen schauen. Manche lächeln, manche denken, ich sei verrückt. Ich bin mir sicher, dass man auf Reisen ein bisschen mehr verrückt sein darf. Verrückt ist schließlich ein guter Beifahrer.

Lena hat Listen. Davon wusste ich schon, bevor ich sie kannte – sie besitzt Listen wie andere Menschen Lieblingsbücher. Sie hat eine Liste für die Packliste, eine für die Snacks, eine für die Playlist mit hundert Liedern, die wir in den nächsten sechs Wochen abhören wollen. Ihre Listen sind sauber, akkurat, mit Punkten, die am Ende froh ticken. Ich dagegen habe eine Liste mit zwei Einträgen: „Fahren“ und „Nicht verlieren, was wichtig ist.“ Nicht sehr spezifisch, aber manchmal reicht ein grobes Gerüst.

„Hast du die Polaroid-Kamera?“, frage ich, obwohl ich weiß, dass sie sie hat. Ich frage es, weil es ein Ritual ist. Wenn ich frage, kann sie mir sagen, es sei da, und dann ist die Welt in Ordnung – so einfach funktioniert meine Beziehung zu Ritualen. Sie greift in die kleine Tasche auf dem Beifahrersitz, holt die Kamera heraus, schaut mich an und lächelt so, dass mir warm wird.

„Natürlich“, sagt sie. „Aber nimm dein albernes Cowboyhütchen weg, bevor du damit herumläufst.“

Ich blicke auf das Hütchen in meiner Hand – ein winziges Relikt aus dem Fundus des Mietwagenverleihs, das jemand wohl ironisch als „Roadtrip-Accessoire“ deponiert hat. Es ist ein bisschen zu klein und ein bisschen zu gelb, wie eine Banane im Ruhestand. Lena hat Recht. Ich setze es trotzdem auf, weil es sich heute gut anfühlt, eine Figur zu spielen.

Wir haben den Wagen gepackt wie zwei Leute, die ein Schiff beladen: sorgfältig, aber mit Momenten von Improvisation, weil irgendwo immer etwas vergessen wird, das plötzlich unerlässlich scheint. Mein Gitarrenkoffer liegt quer über dem Rücksitz, obwohl ich kaum noch als Gitarrist gelten kann – ich bin eher der Mann, der Gitarren in Cafés anschleppt und zu hoffen beginnt.

Lena hat unsere Playlist ausgedruckt und ein Notizbuch mitgebracht, auf dessen Seite „Unsere 100 Songs“ steht, in dicken, entschlossenen Buchstaben. Das Notizbuch ist eine Art Testament unserer musikalischen Geschichte: Lieder, die wir mögen, Lieder, die wir lernen wollen, Lieder, zu denen wir in zehn Jahren vielleicht nicht mehr tanzen, aber die uns jetzt etwas bedeuten.

Die ersten Minuten vor der Abfahrt sind eine Mischung aus Aufregung und kleinen Panikattacken. Ich suche meine Sonnenbrille. Es ist ein Ritual für mich, Dinge zu verlieren, vor allem Dinge, die teuer sind oder denen ich sentimental nachsehe. Heute ist es meine Sonnenbrille – meine gute, halb kaputte, überbewertete Sonnenbrille, die ich so oft getragen habe, dass sie inzwischen meine Gesichtszüge kennt. Ich wühle in der Mittelkonsole, in den Taschen der Jacke, wo ich sie immer vergesse, bis ich realisiere, dass das Etui leer ist. Lena hebt eine Augenbraue. Ich mache einen Witz.

„Vielleicht hat sie beschlossen, die Welt ohne mich zu sehen“, sage ich und versuche, dass es wie Humor klingt.

Sie lacht, aber der Ton ist ein wenig besorgt.

„Du hast die Sonnenbrillen immer zuerst, Jonas. Du verlierst die Sachen, dann findest du dich wieder. Erinnerst du dich, wie du deinen Schlüssel zuletzt in der Waschmaschine gewaschen hast?“

„Kleine Unachtsamkeit“, sage ich. „Einmalig.“ Ich mache große Augen, damit sie lachen muss. Sie tut es auch.

Für einen Moment ist es genau so, wie es sein soll: leicht, warm, mit einem Hauch von der nervösen Elektrizität, die in der Luft liegt, wenn zwei Menschen etwas anfangen, von dem sie wissen, dass es groß werden könnte.

Ich werfe das Etui über die Schulter, zu demonstrativ. Vielleicht bin ich ein bisschen theatralisch. Das Etui segelt durch die Luft, landet auf dem sandigen Boden, prallt gegen eine Bordsteinkante und rutscht weiter. Eine Möwe, die mit beneidenswertem Selbstbewusstsein eine Pommes verteidigt, schaut auf, betrachtet das Etui wie eine neue Delikatesse, schnellt zu und schnappt nach ihm. Ich mache einen Satz hinterher und reiße die Hände aus Reflex hoch – und das Etui fliegt vor die Möwe, die es erschrocken fallen lässt. Ein Tourist mit einer Kamera hält den Moment, ich höre das Klicken, und Lena lacht so laut, dass Leute sich umdrehen.

„Du bist ein Naturtalent für Klamauk“, sagt sie. Ich verbeuge mich theatralisch. „Danke. Habe ich im Kindergarten gelernt.“

Solche kleinen Pannen haben bei uns Tradition: Sie brechen das Eis und machen die Erinnerung greifbar. Wir setzen uns in Fritz, ich starte den Motor, und sofort denkt man, man sei in einem anderen Film: Wegfahren ist immer wie ein Schnitt. Wir rollen langsam die Küste entlang. Venice verschwindet im Rückspiegel, aber der Geruch von Meer bleibt wie ein Versprechen. Die Palmen schauen uns nach, und irgendwo spielt eine Gitarre, die von einem Straßenmusiker stammt. Ich lehne mich in den Sitz, habe die Hände am Lenkrad wie ein Schiffskapitän und fühle gleichzeitig, wie ich mich in jedem Moment selbst entdecken könnte.

„Hast du die Karte?“, frage ich, obwohl ich weiß, dass Lena die digitale Navigation bevorzugt. Ich mag die Karte, dieses altmodische Pergamentgefühl. Zwei Linien, die sich über Seiten ziehen, erinnern mich an Geschichten, die noch erzählt werden wollen. Lena reicht mir die Papierkarte. Sie hat sie mit einem Marker durchgezogen: eine dicke, orange Linie von Los Angeles bis Miami, wie eine Narbe, die Konfidenz ausstrahlt.

„Siehst du“, sage ich, „eine Linie. Und wir müssen nur immer der Linie folgen. Keine Katastrophen. Nur kleine Abenteuer.“

Sie schaut mich an, ihre Augen werden weich. „Und wenn wir uns verlaufen?“

„Dann machen wir neue Geschichten“, antworte ich. Das ist mein Standard-Satz für Unvorhergesehenes. Er klingt leicht, aber ein bisschen Wahrheit klebt daran: Ich hoffe, wir wissen uns in der Lage, uns gegenseitig zu retten – nicht unbedingt aus Gefahr, eher aus dem Alltag, aus Momenten, in denen wir nervös sind und nicht wissen, wie wir reagieren sollen.

Wir machen ein Polaroid, bevor wir losfahren. Es ist so ein alberner Akt: Wir posieren vor Fritz, ich mit dem gelben Hütchen, Lena mit der Tasse, die wie ein Thron wirkt. Ich drücke den Auslöser, warte auf das Weiß, das langsam das Bild enthüllt. Es ist unscharf, die Sonne überstrahlt uns, aber das ist egal. Es entsteht etwas Echtes: zwei Silhouetten, die zu lächeln versuchen. Ich schreibe mit dem Marker „Los Angeles – Abfahrt“ auf die Rückseite und stecke das Foto in das kleine Reisealbum, das Lena sorgfältig vorbereitet hat. Es ist mehr als nur ein Foto; es ist die erste Markierung auf einer Spur, die wir hinterlassen werden.

Die ersten Kilometer sind eine Aneinanderreihung kleiner Rituale: Musik an, Fenster runter, ein Streit darüber, welche Snacks unverzichtbar sind (ich vote für salzige Nüsse, Lena für etwas grüneres, das irgendwie gesünder aussieht), und das ständige Feilen an der Playlist. Wir haben uns auf hundert Lieder geeinigt. Hundert Lieder sollen die Tage tragen. Ich habe heimlich ein paar Jazznummern rein geschmuggelt; Lena hat sie toleriert, weil sie weiß, dass ich ohne ein bisschen Saxophon nicht atmen kann.

Es ist erstaunlich, wie schnell Landschaft uns definiert. Palmen, dann trockene Büsche, dann erste Hügel. Auf der linken Seite dehnt sich der Ozean aus, on/off, dann wieder nur ein blauer Streifen. Unser Gespräch gleitet von Smalltalk zu Dingen, die plötzlich wichtig erscheinen: Wer wir sein wollen, was wir uns erhoffen, welche Ängste wir heimlich mitnehmen. Ich sage Dinge wie: „Ich hab’ Angst, dir nicht gerecht zu werden.“ Das klingt dramatischer, als es gemeint ist. Lena hält meine Hand, drückt sie und sagt: „Du bist nicht da, um gerecht zu sein. Du bist da, um du zu sein.“

Wir lachen über dumme Witze, aber auch über ernste Sachen. Manchmal sind Witze der einfachste Weg, Nähe auszudrücken. Ich erzähle ihr von meinem letzten Versuch, in der Schule ein Gitarrenstück vorzuführen – ich vergesse die ersten acht Takte, fange neu an, und die Kinder applaudieren, weil wir so spektakulär scheitern. Sie lacht, aber ihre Augen zeigen Anerkennung: Es braucht Mut, sich lächerlich zu machen, und noch mehr, wenn jemand anderes einen dabei sieht.

Ich merke, wie meine Nervosität sich langsam in eine Art konzentrierte Freude verwandelt. Entfernung setzt Perspektive. Ich denke an Köln – an den Geruch von frisch gebrühtem Kaffee, an Lenas Mutter und ihre Art, mit Torten zu kommunizieren, an die gemütlichen Abende, die wir hinterlassen. Es fühlt sich nicht wie Verzicht an, eher wie ein Ausleihen: Wir nehmen die Heimat mit, packen sie in eine Schublade, die wir öffnen, wenn wir wollen.

Bei einem Aussichtspunkt halten wir an. Die Straße windet sich und bietet eine Kulisse, die sich für Fotos eignet. Lena steigt aus, legt die Hände in die Hüften, schaut auf die See und ist für eine Sekunde still. Ich stelle mich neben sie, sehe, wie das Licht ihre Gesichtszüge hebt, die Stirn, die kleine Narbe über dem rechten Augenbrauenbogen, die sie von einem Fahrradsturz hat – eine Narbe, die ich mehr mag als alle makellosen Stellen an ihr, weil sie von etwas Echtem erzählt.

„Schieß doch ein Foto“, sagt sie, und ich nehme die Polaroidkamera. Ich will das perfekte Bild, aber perfekte Bilder sind selten; meistens ist es der Moment zwischen zwei Atemzügen, der zählt.

Ich drücke ab. Das Bild kommt heraus, entwickelt langsam, und ähnlich wie bei dem ersten Polaroid ist es leicht überbelichtet. Aber die Umrisse sind klar: Wir sind klein gegen die große Kante der Welt. Ich schreibe „Start“ auf die Rückseite, weil ich das Gefühl habe, dass das Wort heute Gewicht hat.

„Versprich mir was“, sagt Lena plötzlich, ohne vom Meer wegzuschauen. Ihre Stimme ist ernst, getragen von einer Person, die weiß, dass Worte Brücken bauen oder sprengen können. Ich mache das, was ich immer mache, wenn ich mich wichtig fühle: Ich verbeuge mich innerlich und nenne sie meine Königin. Ich werfe einen Blick auf sie, nehme ihre Hand und sage: „Sag’s.“

„Kein übertriebener Kitsch, nur weil die Kulisse stimmt“, sagt sie. „Keine Dramen, nur weil der Sonnenuntergang hübsch ist. Wir bleiben echt, okay? Wir spielen das nicht größer als es ist.“

Ich verstehe, was sie meint. Es ist eine Angst, die ehrlich ist: Sich vor der eigenen Inszenierung zu fürchten, vor dem Bedürfnis, die Reise in Hollywood-Kadenz zu erzwingen. Ich nicke. „Versprochen“, sage ich und meine es so, wie man ein Versprechen genug meint, um es nicht leichtfertig auszusprechen. Dann füge ich noch hinzu: „Versprich du mir auch was.“

„Was denn?“

„Dass du mich nicht komplett veränderst“, antworte ich und zwinge ein Lächeln hervor, weil es leichter ist, mit Humor zu antworten. „Dass du das alte Chaos in mir nicht wegsperrst. Manchmal bin ich ein bisschen chaotisch. Aber so bin ich.“

Sie lacht, ein leiser Ton, der nur für mich ist. „Ich nehme nur die guten Teile. Und die, die nerven, bringst du mir bei, damit ich besser damit umgehen kann.“ Sie kneift mich in die Seite, und ich spiele empört, obwohl es mir nicht weh tut.

Wir steigen wieder ein. Die Straße frisst Meilen. Die Playlist läuft – ein Song, der von Abschied handelt, aber nicht wehmütig ist, eher wie ein Versprechen, das man sich auf die Brust heftet. Ich greife ihre Hand. Sie ist warm, vertraut; die Haut riecht nach Kaffee und Sonnencreme. Draußen verändert sich das Licht, und ich denke: Das ist viel von dem, warum ich diese Reise wollte. Nicht, um Antworten zu finden, sondern um Fragen zu stellen. Nicht, um uns neu zu erfinden, sondern um zu schauen, ob wir uns gegenseitig tatsächlich aushalten können, wenn wir gequetscht werden – durch Stau, durch seltsame Diner, durch Wüstenwind.

Kilometer werden zu Stunden, und Stunden zu Geschichten, die wir später in einem Podcast vielleicht nie erzählen würden, aber die jetzt wichtig sind. Ich sehe Lena neben mir, sehe ihre Hand, die kleine Falte am Ringfinger, sehe, wie sie lächelt, wenn ein Lied kommt, das sie mag. Ich denke daran, wie wir vor drei Jahren in einer Küche in Köln standen und beschlossen haben, dieses Land zu bereisen, weil Amerika in unseren Köpfen so sehr nach unendlichen Möglichkeiten, nach Kuriositäten und nach Pfannkuchen klang. Heute, an diesem Morgen, fühle ich eine Art Ruhe. Nicht die Ruhe, die vom Wissen kommt, sondern die Ruhe, die vom Vertrauen ausgeht: in sie, in Fritz, in mich.

Die Sonne sinkt tiefer, und die Straße zieht uns weiter. Wir sind unterwegs. Ich drossle die Geschwindigkeit ein wenig, nur um zu spüren, wie die Welt an uns vorbeizieht, wie ein Film, der zwar gedreht wird, aber dessen Schnitt wir nicht vorhersehen. Zwischen den Songs, den Snacks und den kleinen Witzen denke ich, dass es vielleicht reicht, aneinander festzuhalten. Dass es manchmal genau so ist: zwei Menschen, eine Linie auf der Karte, eine Playlist, ein gelbes Hütchen, eine Polaroid-Sammlung – und der Mut, die eigene Komfortzone in die Tasche zu packen und sie mit einem Lächeln abzuschicken. Ich lehne mich zurück, lasse die Hände los vom Lenkrad für einen Moment und halte ihre Hand fest. „Los“, sage ich, mehr zu mir selbst als zu ihr, und wir fahren los.

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