Kapitel 1
Tief durchatmend setze ich den Blinker meines Wagens, wartete den entgegenkommenden Verkehr ab und bog dann auf die schottrige Straße, welche mich geradewegs zurück zu meiner Familie führen würde.Vor mir erstreckte sich das Tal der größten Ranch Montanas – der Yellowstone Dutton Ranch.
Ein warmes Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus, gemischt mit einem aufregenden Kribbeln. Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass ich nicht aufgeregt wäre. Viel zu lange war es her, dass ich hier war. Viel zu lange war ich weg von zuhause.
Während ich den Wagen vorsichtig den Weg zur Ranch hinabsteuerte, ließ ich das Fahrerfenster und atmete tief die warme Sommerluft ein. Es roch genau wie in meiner Erinnerung: nach warmem Gras, Pferden und Kiefern. Mein Lieblingsgeruch, doch das leugnete ich gern vor mir selbst.
Ich parkte meinen Wagen mit dem großen Anhänger direkt vor dem Hauptgebäude der Ranch. Das ich damit einiges an Aufmerksamkeit erregen würde, war mir bewusst. Aber was wäre ein Heimkommen ohne ein klein wenig Show?
Noch bevor ich komplett aus dem Wagen gestiegen war, ertönte eine vertraute Stimme hinter mir: „Und ich dachte, dass wäre wieder mal nur eins seiner Hirngespinste, aber nein, du bist tatsächlich nach Hause zurückgekehrt.“
Strahlend lächelnd drehte ich mich zu meinem kleinen Bruder um. „Kayce!“, rief ich aus, bevor ich mich an seine Brust warf.
Sein glückliches Lachen drang an mein Ohr, während er die Arme fest um mich schloss. Sein vertrauter Geruch nach Erde und Pferden stieg mir in die Nase, was mir die Tränen in die Augen trieb. Scheiße, ich hatte zuhause viel mehr vermisst, als mir lieb war.
Wir lösten uns voneinander und ich blinzelte gegen die Sonne an, um sein Gesicht erkennen zu können. Er sah gut aus. Erwachsen. Ein dunkelblonder Bart hüllte sein Gesicht ein und seine blauen Augen schauten so freundlich drein wie eh und je. Sein brauner Hut legte einen Schatten über sein Gesicht, was aber der Freundlichkeit dessen nicht abtat. Auf seinen Lippen lag ein breites Lächeln, während er mich ebenfalls gründlich musterte.
„Meine Güte, hätte ich dich auf der Straße gesehen, hätte ich dich nicht wiedererkannt.“, lachte er.
Ich verdrehte die Augen. „Du erkennst ja aber auch nicht einmal dein eigenes Vieh.“
Kayce lachte laut auf, während sein Gesicht sich erhellte. Und er war nicht der Einzige, der in das Lachen mit einstieg. Ehe ich mich versah, wurde ich bereits in die nächste Umarmung gezogen.
„Kleines! Endlich bist du wieder da.“, sagte Lloyd und umarmte mich, wie es nur eine Vaterfigur wie er konnte. Glücklich erwiderte ich seine Umarmung. Auch er roch so vertraut, wie eigentlich alles hier auf der Ranch.
„Ihr habt mir alle so sehr gefehlt.“, rief ich aus, nachdem wir uns voneinander gelöst hatten.
Ich ließ den Blick schweifen und entdeckte weitere vertraute Gesichter. Immer mehr Cowboys waren von ihren Pferden abgestiegen, um sich meiner Begrüßung anzuschließen. Einer fehlte, registrierte ich mit gemischten Gefühlen.
„Heilige Scheiße“, ertönte Ryans rauchige Stimme von links und ich sah zu ihm. „Du bist ja ne richtige Schnitte geworden.“. Ein freches Lächeln lag auf den Lippen des braunhaarigen Cowboys.
„Das kann ich nur zurückgeben.“, erwiderte ich scherzhaft und begrüßte auch ihn mit einer Umarmung.
Die Freude alle wiederzusehen, war unfassbar groß. Einige Gesichter kannte ich, andere waren mir neu, aber alle Begrüßungen fielen unfassbar herzlich aus, was mir eine große Last von den Schultern nahm. Ich war mir bis eben nicht sicher gewesen, wie die Ranch auf meine Rückkehr reagieren würde.
„Und wen hast du uns da mitgebracht?“, erklang die Stimme meines kleinen Bruders aus Richtung meines Trailers.
Ich ging hinüber zu ihm. „Mein Goldstück. Wo kann er hin?“
Kayce deutete auf den freien Paddock neben zwei anderen Pferden. „Dorthin. Dad hat mir schon erzählt, dass seine Eier noch dran sind. Neben Joy und Apollo sollte er erst einmal klarkommen.“
Ich nickte und macht mich daran den Trailer zu öffnen, um Tornado abzuladen. Mit geweiteten Nüstern schaute dieser an mir vorbei auf die Ranch. Er schien, genauso wie ich, alle Gerüche und Eindrücke regelrecht aufzusaugen wie ein Schwamm.Neugierig sah er mich an und brummelte mir leise zu, als wollte er mir Kraft schenken. Er war einfach mein größter Schatz.
Vorsichtig lud ich ihn aus dem Trailer und einige Cowboys traten ein paar Schritte zurück. Selbst Kayce schaute nicht schlecht.Die Reaktion auf Tornado kannte ich bereits. Der Mustang war zwar durchschnittlich groß, doch ihn umgab eine unfassbar kraftvolle Aura, welche jeden Blick sofort auf sich zog. Zudem war er einfach bildschön mit seiner dunkelbraunen Farbe, dem glänzenden Fell und den schönen Abzeichen am Kopf.
Nachdem ich ihn auf seinen Paddock gestellt und mich versichert hatte, dass es ihm gut gehen würde, machte ich mich mit Kayce und Lloyd daran seinen Kram aus dem Trailer und meinem Auto zu räumen. Die Jungs wiesen mir einen freien Sattelhalter und Schrank zu, wo ich mein gesamtes Zaumzeug verstauen konnte.
„Ich parke deinen Trailer.“, sagte Kayce und hielt mir die offene Hand hin, damit ich ihm meinen Autoschlüssel geben konnte. Dankbar reichte ich ihm.
Auto fahren und Reiten konnte ich, aber rückwärts einen Trailer einparken war noch nie meine Stärke. Ich verzog kurz das Gesicht bei dem Gedanken daran, wie ich einmal rückwärts mit einem Trailer und dem großen Truck meines Vaters geradewegs einen Zaun umgefahren hatte. Das hatte mir eine ordentliche Standpauke eingeheimst.
Ich sah durch die Stallgasse und sog das warme Gefühl in meiner Brust auf, verschloss es fest in meinem Herzen. An diesem Ort hatte sich in den letzten sechs Jahren nichts geändert, was ich in meiner aktuellen Situation zu schätzen wusste.
Lloyd trat neben mich in das Stall Tor und wir schauten gemeinsam auf den Innenhof, wo die anderen Cowboys ihrer Arbeit wieder nachgingen. Die tief stehende Nachmittagssonne tauchte die Stallgebäude in ein goldenes Licht und brach sich in den vielen Bäumen. Ich schaute hinauf auf die saftig grünen Hügel, hinauf in die Berge. Überall in der Ferne waren Viehherden zu sehen. Dieser Ort hatte einfach schon immer eine magische Wirkung auf mich.
„Er spricht seit Tagen von nichts anderem mehr, weißt du?“, sagte Lloyd und ich sah ihn an.
Das konnte ich mir gut vorstellen. Das ich meinen Vater zuletzt gesehen hatte, war viel zu lange her und die Erinnerung daran, schrabbte an tiefen Narben, fast schon schmerzhaft.
Ich schluckte und rieb mir über die Brust um den Schmerz vertreiben. Eine Bewegung rechts hinter dem Zaun zu den großen Weiden weckte meine Aufmerksamkeit.
Mein Herz stolperte und schlug dann dreimal so schnell weiter, während ich auf plötzlich wackeligen Beinen langsam über den Innenhof ging, immer näher auf die hoch gewachsene Person zu, welche im Galopp auf einem Pferd auf mich zu ritt.
Noch halb im Galopp sprang er ab und war mit zwei großen Schritten bei mir, bevor er mich mit seinen starken Armen an seine Brust riss. Ein Schluchzer brach sich seinen Weg an die Oberfläche. Ich schlang meine Arme um seinen Hals und krallte mich an ihm fest.
„Schhh mein Engel, ist alles gut. Du bist jetzt zuhause.“, ertönte die tiefe Stimme meines Vaters. „Du bist jetzt wieder bei mir.“
Ich war zuhause. Es war alles gut. Ich war wieder hier – auf der Yellowstone Ranch in Montana. Hier würde mich niemand erreichen können.
