❥ Prolog – Die Münze im Licht
❥Alexia, 9 Jahre alt
Heute war mein Geburtstag. Der neunte.
Aber das wusste keiner. Mama hatte es vergessen. Wieder mal. Der 19. Dezember lag direkt im Weg von all den Weihnachtslichtern und Bestellungen. Sie war nicht böse, meine Mama, nur immer abgelenkt. Wie heute im The Golden Taler.
Mama war in der Abteilung für Heimtextilien verschwunden und telefonierte. Ich saß auf einer kalten Marmorbank in der Nähe der Rolltreppe und sah zu, wie die Menschen mit ihren Geschenktüten an mir vorbeihuschten.
Ich mochte eigentlich das Kaufhaus. Die vielen Lichter, die laute, fröhliche Musik und der Duft von allem. Aber heute fühlte sich alles... leer an. So, als würde all diese Freude an mir vorbeiziehen.
Ich stützte mein Kinn in meine Hand. Neben mir stand ein alter Messingautomat, Der Goldene Taler. Ich wusste, er gab Wünsche aus, wenn man die richtige Münze hatte. Ich hatte keine.
„Du siehst traurig aus.“
Ich zuckte zusammen.
Ein Junge stand vor mir. Er war größer, vielleicht zwölf, und hatte dunkle Locken, die unter einer roten Wollmütze hervorlugten. Er sah mich an. Richtig an. Nicht nur wie ein Teil der Dekoration.
„Ich bin nicht traurig“, murmelte ich schnell und sah wieder auf meine Schuhe.
Er lächelte ein bisschen schief. „Doch. Aber das ist okay. Schau mal.“ Er deutete auf den Automaten. „Ich bin Milo. Wir haben den hier hingestellt. Er ist mein Liebling. Aber du brauchst eine Glücksmünze.“
Er wühlte in der Tasche seines Pullovers. Dann hielt er mir etwas entgegen: eine kleine, goldene Münze. Sie war nicht glänzend wie die teuren Uhren im Schaufenster, sondern hatte ein warmes, weiches Leuchten. Auf der einen Seite war ein Weihnachtsstern eingeprägt.
„Die hab ich gestern gemacht“, sagte er. „Willst du sie haben?“
Ich starrte ihn an. „Warum?“
Er zuckte mit den Schultern. „Weil du traurig aussiehst. An Weihnachten sollte keiner traurig sein.“
Jetzt konnte ich den Kloß im Hals nicht mehr zurückhalten. Ich flüsterte, meine Stimme war so leise, dass ich sie kaum selbst hörte: „Ich hab heute Geburtstag. Aber alle haben’s wieder vergessen.“
Es war kurz still. Dann legte er mir die Münze ganz vorsichtig in meine Hand.
„Dann ist das jetzt dein Geburtstagsgeschenk“, sagte Milo. „Ein Geschenk, das bleibt. Wenn du sie festhältst, dann weißt du, dass jemand an dich gedacht hat.“
Das warme Metall berührte meine Haut. Ich sah ihn an. Er grinste jetzt wieder, ganz offen und freundlich.
Bevor ich ihm danken konnte, ehe ich seinen Namen wiederholen konnte, drehte er sich um und lief los. Er verschwand zwischen einem Stapel von Einkaufstaschen, leicht und schnell, als wäre er ein Teil vom flackernden Licht im The Golden Taler.
Ich schloss meine Finger um die Münze. Sie war warm. Und ich dachte: Vielleicht ist dieses kleine, goldene Ding besser als jeder Geburtstagskuchen.