Kapitel 1
Meine Haut ist eiskalt, meine Kehle fühlt sich rissig an und meine Augen sind trocken vom Gegenwind. Die raue Straße ist nass von einem stundenlangen Regen, was ich an meinen feuchten Socken spüre. Die Pfützen Glänzen, durch das Licht der flackernden Laternen. Die Gasse ist leer, zu leer. Es geht nur geradeaus, ich müsste mich umdrehen, um ihn zu sehen. Doch meine Geschwindigkeit und meine Gedanken lassen es nicht zu. Das brennen meiner Fußsohle wird noch ein wenig stärker. Vor mir wird es heller und der Ausgang der Gasse wird sichtbar. Mein Tempo steigert sich, parallel zu den Schritten hinter mir, sie werden lauter und unruhiger.
Ein stumpfer Hall schwirrt durch die Dunkelheit, ein krampfender Schmerz durchfährt meinen Oberarm, der eine kühle Hauswand schleift und meine Beine verlieren den halt, unsanft fälle ich auf den rauen Untergrund. Meine Hände zittern als ich mich hochdrücke, und tiefrotes Blut tropft von meinen Knien.
Vorsichtig stehe ich halbwegs sicher und starre regungslos in ein zerbrochenes Fenster. Schwarzer Staub verdeckt die Hälfte meines Gesichts, und Wunden, die ich nicht gespürt habe, ich fühle mich fremd und erkenne mich kaum wieder. Langsam sammelt sich die Situation wieder in meinen Gedanken, ein Schauer macht sich in und auf mir breit, ohne mich zu rühren schaue ich in beide Seiten der Straße hinein. Das einzige Geräusch ist das Rauschen des Windes. Langsam gehen meine tauben Hände in die Jackentasche und tasten nach einer Zimmerkarte, welche verborgen im Stoff liegt.
Misstrauisch gehe ich den schmaler werdenden Gang entlang, nach wenigen Minuten ist es kaum breiter als meine Hüfte und ich muss mich zur Seite drehen. Mein Körber ist fest an die schmutzigen Seitenwände gedrängt und es drückt mich immer mehr zurück. Mit jedem Muskel in mir zwänge ich mich weiter hinein, bis...
Ein schallender Krach widerhallt und Holzsplitter gegen die Wände stoßen. Ich versuche meinen Kopf zu bewegen, doch es reicht nur um im Augenwinkel eine zerbrochene Kiste zu sehen, vorsichtig geht mein Blick hinüber zu braunglänzenden Lackschuhen, meine Augen sind so weit geöffnet das es schmerzt.
Ein schwarzes Loch taucht vor mir auf. Nein – es ist eine Pistole. Kaltes Metall, die Mündung direkt auf mich gerichtet. Mein Herz stolpert, jede Faser meines Körpers schreit „Renn!“. Ich stoße mich von der Wand ab, presse mich gegen den Spalt, meine Finger krallen sich an der Kante fest. Ein Schrei brennt in meiner Kehle, aber ich lasse ihn nicht raus. Nur Adrenalin. Nur Flucht.
Ich schnelle nachvorne, meine Hände greifen gegen die Wände und versuchen mich irgendwie durch den Spalt zu bringen nur, ein hohles klacken geht von der Gestalt hinter mir aus, ich komme keine, zwei Zentimeter voran aber ich versuche alles in voller Panik um durch zu kommen, dann, meine Nägel erfassen eine Hausecke, ziehen mich langsam mit jeder Kraft und Adrenalin das mein Körber ausströmt, ich erreiche den Punkt soweit das meine Luft abgeschnürt wird aber meine Fingerspitzen festen halt an der Ecke haben und ich komme langsam nachvorne.
Es fühlt sich an, als würden meine Schultern, Beine und jeder anderer Punkt meines Körbers durch Gestein verbrannt werden, während die rauen Seiten langsam meine Haut öffnen.
Doch es reicht um meinen Fuß nach draußen zusetzen, der schließlich den Rest gibt und mich nach draußen bringt. Es ist ein befreiendes Gefühl wieder zu atmen und mich zu bewegen, dass kurz vergessen lässt in welcher Situation ich mich befinde.
Etwas Helles zuckt an mir vorbei und ein Knall lässt mich wieder aufwachen. Zeitgleich wende ich mich zu der Gasse, wo mir die finstereren Augen meines Alptraums begegnen. Ein raues Keuchen kommt von ihm als er versucht mir zu folgen, sein deutlich breiterer Körperbau lässt mir dennoch viel Zeit zu verschwinden, und das tue ich.
Mit neuer Kraft und Hoffnung, flüchte ich schneller als zuvor den Weg entlang. Bis ich schließlich festen Boden unter mir habe und der Kies wenig verstreut ist. Der Mond gibt wenig Licht ab, es reicht kaum, um einen Pfad zu entschlüsseln.
Ich will schreien, Worte wie Hilfe, will ich rufen, doch meine Stimme ist blockiert. Kein Ton, nur Brennen bringt mein Hals zustande. Doch ein kleiner Lichtblick thront auf einem Gebäude, ein Neonschild mit der Aufschrift “Travailler en dormant“. Es ist der Name eines Hotels, ein großes stark beleuchtetes Gebäude, welches in der Nacht heraussticht.
Ich spüre das Adrenalin meine Beine entlangkriechen, mein Blick ist starr geradeaus gerichtet, bis er den bereits finsteren Eingang sichtet. Mein Kopf in Zeitlupe, meine Gedanken in Hochgeschwindigkeit. Doch ein fester Griff, welcher schließlich den eisigen Türgriff ergreift, lässt mich für Sekunden abkühlen. Ich schwinge mich kräftig in einen Flur hinein und stolpere zugleich wenige Schritte weiter vor einen großen Fahrstuhl.
In ihm spiegelt sich meine Umgebung und damit ein dichter Schatten der größer werdend auf mich zugriecht. Eiskalt drücken meine Finger den Knopf, stark, stärker, bis schließlich schlagend. Der Rest von mir regt sich nicht, ein Atemzug kommt nicht durch. Bis sich eine leichte Vibration durch meine Hände fährt und mein Blick sich wieder scharf stellt. Ich kralle mich förmlich an die Durchgangstüren und schnelle durch den noch zu schmalen Spalt. Meine Arme spannen sich an, meine Augen tränen und das Gefühl „ok, bis hier und nicht weiter“ kommt wieder hoch. Ich stehe jetzt im Aufzug, doch muss ein erneutes Mal in grüne Augen schauen, die einen feurigen Schein nachahmen. Die Türen schließen und ein letzter Blick wird verschluckt.
Wie betäubt hole ich mein Handy und die Zimmerkarte hervor, bis ein scharfer Schmerz meinen Daumen entlangfährt, welcher über mein zerbrochenes Display blutet. Doch schmerzt es nicht so sehr wie der Blick auf eine Karte, die Karte, die mein Zugang ins Zimmer wäre, würde sie nicht eine goldene Kreditkarte sein, welche zu Boden fällt. Die Kälte in meinen Augen, wird durch Wasser ersetzt und meine Nägel krallen sich an den Stoff meiner Jackentasche. Ich reiße Löcher in den Stoff bis die Reste in meiner Hand liegen. Mein Kopf prallt gegen den harten Spiegel parallel mit meinen Händen die schwach meinen Sturz zu Boden, fangen. Das Einzige, was zu hören ist sind meine Worte,
„Es tut weh, ich glaube, ich sterbe.“