Clara
Drei Monate. Drei Monate waren vergangen, seit Leopold und ich beschlossen hatten, dass unsere Liebe wichtiger war als jede Dimensionsgrenze oder jeder unsauber sortierte Ordner.
Unser Alltag hatte sich in ein geordnetes Chaos verwandelt. Ich trug immer mindestens ein Paar von Margots gestrickten Socken (sie dienten als hervorragende Äther-Erdung), und ich hatte gelernt, meine Kaffeemühle nicht mehr als Waffe, sondern als heilig zu betrachten.
Leopold war jetzt gold-konstant. Das war sein Fachbegriff für seinen Zustand: Er leuchtete in einem sanften Goldton, konnte kleine Gegenstände mit konzentrierter Anstrengung bewegen (was ich liebevoll Mikro-Telekinese nannte), und ich konnte ihn in Momenten der tiefen Konzentration oder emotionalen Nähe immer öfter klar sehen – nicht nur als Schemen.
Der einzige Nachteil: Seine neue, stabile Frequenz war an meine gebunden. Er konnte sich nicht mehr als einen Raum von mir entfernen, ohne dass ihm schwindelig wurde.
Heute Morgen fand ich ihn, wie üblich, in der Küche. Er war nicht am Kaffeekochen (das war meine Aufgabe), sondern am Regalumbau.
„Clara!“, tönte seine Stimme, die jetzt nicht mehr hohl klang, sondern eine warme Tiefe hatte. „Ich habe ein Problem festgestellt. Die geometrische Ausrichtung deines Salzstreuers entspricht nicht dem architektonischen Fluss der gesamten Küchenzeile. Das verursacht eine subtile Dissonanz im Raumgefühl.“
Ich nahm einen Schluck Espresso. „Morgen, mein freier Geist. Siehst du das goldene Buch auf dem Tisch? Das ist mein Notizbuch für neue Sneaker-Designs. Wenn du dich langweilst, kannst du es bitte nicht verrücken.“
„Ich bin nicht gelangweilt, ich optimiiere! Und das Buch ist sicher. Aber schau her.“
Er konzentrierte seine goldene Energie. Die Salz- und Pfefferstreuer begannen, leicht auf der Ablage zu zittern. Mit einem leisen Plopp hoben sie ab und schwebten acht Millimeter nach links, perfekt ausgerichtet mit der Vorderkante der Arbeitsplatte.
„Perfektion“, murmelte Leopold zufrieden.
„Wunderbar“, seufzte ich. „Aber wir haben ein größeres Problem, Leopold. Schau auf dein goldenes Buch.“
Er sah es. Das goldene Notizbuch, das ich gestern Abend noch akribisch mit den neuesten Skizzen gefüllt hatte, fehlte.
„Ich verstehe nicht“, sagte Leopold. „Ich habe es doch gerade noch gesehen. Es war links neben der Kaffeemühle positioniert. Ich habe die Regalordnung anhand seiner Position überprüft.“
„Es ist weg, Leopold. Und ich habe es nicht genommen“, sagte ich.
Leopold glitt panisch durch die Arbeitsplatte. „Das ist unmöglich! Materie verschwindet nicht! Das ist ein Verstoß gegen die Grundlagen der Physik! Und gegen meine persönliche Objektdokumentation!“
Er begann, den ganzen Raum mit seiner goldenen Energie abzusuchen. Ich konnte fühlen, wie die Luft knisterte, als er jede Ecke scannte.
„Es gibt keine Spur. Es wurde weder unsortiert noch umplatziert. Es ist… nicht mehr in dieser Dimension.“
Er stoppte abrupt und glitt vor mich. Sein goldenes Leuchten flackerte kurz zu einem alarmierenden Türkis.
„Clara, das ist nicht normal. Mister Fenwick konnte das nicht. Meine Dimension-Sprünge sind lokal! Ein ganzes Buch verschwindet nicht einfach!“
Ich spürte eine Welle der Angst. „Was bedeutet das?“
Leopold sah mich mit einer Intensität an, die seine menschlichen Augen verraten hätte.
„Es bedeutet, dass Fenwicks Worte wahr sind. Unsere Dimensions-Interaktion war zu stark. Wir haben ein Loch in die Realität gerissen, Clara. Und etwas anderes ist durchgekommen. Etwas, das deine Sachen klaut.“
Genau in diesem Moment hörte ich ein schrilles, klingelndes Geräusch vom Flur. Es war nicht das Telefon. Es klang wie eine altmodische, mechanische Türklingel, wie aus einem Film von 1930.
Leopold und ich sahen uns an.
„Das ist nicht unsere Klingel“, flüsterte ich.
„Nein“, sagte Leopold, sein Gold wurde wieder dunkler, ernster. „Das ist die Klingel von Margots Wohnung im Erdgeschoss.“