Kapitel 1
So große Raben gibt es nicht
Im kleinen, norwegischen Dorf Svarn gab es Geschichten, die über die Jahrhunderte lebendig geblieben waren. Der Fjord, der sich wie eine dunkle Narbe durch die Jotunheimen-Gebirge zog, war bekannt für sein unergründlich tiefes Wasser. Wie ein schwarzes Loch. Niemand konnte sagen, wie tief er wirklich war. Oder ob er überhaupt einen Boden hatte. Doch das Gefährliche war nicht das Wasser, es war der Wald. Clementines Großmutter Hedda hatte ihr erzählt, dass in diesen Wäldern uralte Kreaturen lauerten, Wesen, die älter waren als die Berge selbst.
»Halte dich fern, meine Kleine«, hatte sie mit ernster Stimme gesagt, den Zeigefinger mahnend erhoben.
»Und geh niemals, wirklich niemals, allein in den Wald.«
Clementine hatte bis zu ihrem dreizehnten Lebensjahr jeden Sommer bei Hedda verbracht. Hedda war voller Fürsorge. Sie hatte immer ein warmes Lächeln im Gesicht. Aber wenn Clementine dem Wald hinter dem Garten zu nahe kam, dann war Heddas Sorge wie ein Sturm aufgeflammt.
»Clemi! Was habe ich dir gesagt?«
Clementine hatte damals schuldbewusst genickt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und versprochen, keine Dummheiten anzustellen. Sie würde sich an diese Regel halten und nicht in den Wald gehen. Das hatte sie jedenfalls gesagt. Aber tief in ihrem Inneren, dort, wo das Flüstern des Waldes sie nie ganz losgelassen hatte, wusste sie, dass die Dunkelheit sie eines Tages rufen würde. Und sie würde antworten.
Clementine war jetzt sechzehn. Fast erwachsen, irgendwie. Das letzte Mal, als sie in Norwegen bei Hedda gewesen war, war sie dreizehn gewesen. Eine halbe Ewigkeit her. Als kleines Mädchen hatte sie Svarn noch geliebt. Dieses kleine Dorf mitten im Nirgendwo. Aber heute? Heute war Svarn einfach nur langweilig. Also verbrachte sie den Sommer lieber in Paris, zu Hause. Ihr Vater Johan war sowieso selten da. Arbeit, Arbeit, Arbeit – immer dasselbe. Aber sie kam klar. Sie hatte Freunde. Echte Freunde, die ihr wichtig waren und die sie brauchte wie die Luft zum Atmen. Und je älter sie wurde, desto mehr rückten diese Freunde in den Mittelpunkt ihres Lebens. Svarn? Pff. Das war jetzt passé. Jetzt sah Clementine nur noch, was im Dorf ihrer Großmutter alles fehlte. Und ganz oben auf der Mängel-Liste: Jungs. Coole Jungs. Hübsche Jungs. Überhaupt Jungs. Bei hundert Einwohnern konnte man froh sein, wenn man jemanden in seinem Alter fand, der nicht auch noch Cousin dritten Grades war. Klar, sie vermisste Hedda. Oft sogar. Besonders spätabends, wenn es in Paris zu laut oder in ihrem Herzen zu still wurde. Sie telefonierten regelmäßig. Clementine wusste, wie sehr Hedda sich nach ihr sehnte. Seit Björn, ihr Großvater, vor vielen Jahren im Jotunheimen-Gebirge verunglückt war, war Hedda allein. Dieser Gedanke machte Clementine traurig. Aber trotzdem … einen ganzen Sommer in der Einsamkeit verbringen? Das konnte sie nicht. Sie war kein kleines Mädchen mehr, das Schmetterlingen nachjagte oder im Garten in der Erde wühlte. Sie war dabei, eine Frau zu werden. Und Frauen träumten nicht von Bergen und endlosen Wäldern. Sie träumten von Abenteuern, Lichtern, Küssen. Hedda verstand das. Zumindest hatte sie Clementine nie Vorwürfe gemacht. Und dafür liebte sie ihre Großmutter noch ein bisschen mehr.
Der letzte Schultag vor den Sommerferien. Clementine fühlte sich so leicht wie ein Schmetterling, oder als hätte jemand ihr Herz mit Helium gefüllt. Sie sprang aus dem Bett, ging duschen und stellte sich danach vor den großen Spiegel, der in einer Ecke ihres Zimmers stand. Sie griff nach der Haarbürste und begann geduldig, ihr langes blondes Haar zu entwirren. Fünfzig Mal ließ sie die Bürste durch ihr Haar gleiten, wie jeden Morgen. Dann schlüpfte sie in ihren weißen Minirock und zog ein enges schwarzes Top darüber. Und dann das Wichtigste: ihr Amulett. Clementine nahm es vom Nachttisch und hängte es sich um den Hals. Der Anhänger war ein ovaler Feueropal, der wie ein feuriger Sonnenuntergang leuchtete.
»Ein Schutzamulett«, hatte Hedda gesagt, als sie es ihr vor drei Jahren geschenkt hatte.
»Trage es immer, mein Schatz.«
Und das hatte Clementine getan. Jeden Tag. Seit sie das letzte Mal in Norwegen gewesen war. Sie warf einen letzten Blick in den Spiegel. Ihre Lippen verzogen sich zu einem zufriedenen Lächeln. Im Spiegel sah sie ein strahlendes Mädchen mit noch strahlenderen, saphirblauen Augen. Nur noch heute Schule und dann endlich Ferien. Sie war bereit. Mehr als bereit.
Vor der Schule, dem Lycée Louis-le-Grand, wartete schon ihre Freundin Alice auf sie. Clementine sah sie schon von weitem mit verschränkten Armen dastehen. Und als Clementine vor ihr stand, verdrehte Alice dramatisch die Augen.
»Mon Dieu«, sagte sie und schüttelte mit hochgezogenen Augenbrauen den Kopf beim Anblick von Clementines Outfit.
»Deinetwegen fällt noch jeder Junge in der Schule durch, Clemi. Du ruinierst ihnen die Zukunft.«
Clementine errötete und schob sich lässig ihre Tasche über die Schulter.
»Das ist doch nur ein Minirock. Es ist schließlich Sommer und heute werden es bestimmt dreißig Grad.«
»Wie du meinst«, sagte Alice, warf ihr kastanienbraunes Haar mit einer anmutigen Bewegung über die Schulter und schlug den Weg zum Eingang der Schule ein. Der Unterricht zog sich hin wie ein zäher Kaugummi. Clementine saß gelangweilt da. Eigentlich war sie eine gute Schülerin. Wirklich. Aber heute … heute war es einfach hoffnungslos. Dracula. Ausgerechnet Dracula hatte sie in den letzten Wochen lesen müssen. Ein Buch, in dem es mehr um Gruften und Blut ging als um irgendetwas, das Clementine in ihrem wirklichen Leben jemals brauchen würde. Sie hatte sich durch jede Seite gekämpft, tapfer bis zum Schluss. Und nun fragte sie sich, während die Lehrerin etwas über Symbolik dozierte: Warum musste sie so etwas überhaupt lesen? Wer wollte schon freiwillig über bleiche Typen in Umhängen nachdenken, wenn draußen der Sommer wartete? Clementine ließ ihren Stift kreisen und seufzte innerlich. Es gab einfach Wichtigeres. Viel Wichtigeres. Zum Beispiel die Bikini-Frage. Welche Farbe war diesen Sommer angesagt? Blau? Rot? Weiß? Blau war vertrauenswürdig. Und elegant. Vielleicht etwas zu harmlos? Und der rote Bikini? Leidenschaft, Risiko, »ich weiß, was ich will« in Stoffform. Der Rote ließ die Herzen definitiv schneller schlagen. Oder stolpern. Verrucht? Ja, mag sein. Aber auch mutig. Und Clementine mochte mutig. Und dann war da noch der weiße Bikini. Unschuldig, rein, engelhaft. Aber gerade deshalb so gefährlich. Denn niemand rechnete damit, dass das süße Mädchen im weißen Bikini auch diejenige war, die mit einem Wimpernschlag die Regeln neu schrieb. Dracula würde Rot gefallen, dachte Clementine und musste leise grinsen. Als sie einen Moment innehielt, spürte sie plötzlich etwas. Einen Blick. Langsam drehte sie den Kopf und schaute über die Schulter. Da war er – Sébastien. Lässig lehnte er in seinem Stuhl, den Blick verträumt auf sie gerichtet. In seinen Augen lag ein Verlangen. Clementine musste nicht lange überlegen. Es war nicht schwer, in die Gedanken eines anderen einzudringen. Ja, doch, sie hatte diese Gabe. Sie konnte die Gedanken anderer Menschen zwar nicht hören, aber ein Blick in ihre Augen oder ein Zucken ihrer Mundwinkel genügte, um ihre Geheimnisse zu lüften. Und Sébastien … Er zog ihr in Gedanken gerade die Kleider aus. Ekelhaft. Kein Interesse. Dieser Idiot. Sie wandte den Blick wieder ab, seufzte leicht und verdrehte die Augen. Es war ein Segen, aber auch ein verdammter Fluch, genau zu wissen, was jemand dachte. Diese Fähigkeit war vor einem halben Jahr, als Clementine sechzehn geworden war, wie ein Blitz aus heiterem Himmel erschienen. Danach hatte sich vieles verändert. Sie hatte auch das Gefühl, ständig angestarrt zu werden. Nicht nur Sébastien, alle taten es. Sie spürte das Gewicht der Blicke, die auf ihr ruhten, als würde sie von einem grellen Scheinwerfer angestrahlt. Sie wurde anders wahrgenommen. Aber lag es daran, dass sie jetzt sechzehn war, oder an etwas anderem? Sie hatte keine Ahnung, warum, aber es war ebenso plötzlich gekommen wie diese seltsame neue Fähigkeit, die Gedanken anderer lesen zu können.
Nach der Schule ging Clementine nach Hause. Sie lebte mit ihrem Vater Johan in einer schicken Pariser Wohnung.
»Endlich Ferien«, murmelte sie voller Vorfreude. Doch diese Stimmung verflog blitzartig, als sie die Tür öffnete und ihren Vater erblickte. Johan saß auf dem grauen Sofa im Wohnzimmer, die Schultern nach vorn gebeugt. Seine Augen waren gerötet, sein Gesicht von Tränen gezeichnet.
»Papa?«
Sie ging zu ihm und ließ sich neben ihm auf das Sofa sinken. Ihre Tasche rutschte ihr von der Schulter und fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden.
»Was ist los?«, fragte sie, obwohl ihr Herz bereits ahnte, dass die Antwort alles verändern würde. Johan hob den Kopf. Seine Augen wirkten so leer und so traurig. Schließlich sagte er mit belegter Stimme:
»Deine Großmutter Hedda … sie ist gestern gestorben.«
Clementine sagte nichts. Kein Wort. Tränen stiegen ihr in die Augen, alles vor ihr verschwamm. Schließlich brachte sie die Kraft auf, eine Frage zu stellen.
»Wie? Wie ist es passiert?«
Johan reichte ihr ein Taschentuch.
»Marit, ihre Nachbarin, hat sie gefunden. Tot, in ihrem Haus. Sie … sie muss gestürzt sein.«
Clementine schüttelte den Kopf, ihre Hände krampften sich um das Taschentuch.
»Gestürzt? Wie? Einfach so?«
»Es scheint ein Unfall gewesen zu sein«, erklärte Johan, aber Clementine spürte, wie plötzlich ein Gefühl der Unruhe in ihr aufstieg.
»Nur ein Unfall?«, fragte sie und schluchzte. Johan nahm ihre Hand.
»Clemi, deine Oma war schon alt. Sie hatte ein langes und glückliches Leben. Vielleicht … vielleicht war ihre Zeit gekommen.«
Clementine schloss die Augen. Der Schmerz in ihrer Brust wurde größer. Sie legte den Kopf in ihre Hände und ließ den Tränen freien Lauf. Johan zog sie sanft in seine Arme. Eine Welle schrecklicher Schuldgefühle schlich sich in Clementines Gedanken ein. Sie hätte in den letzten drei Jahren nach Norwegen gehen sollen. Sie hätte ihre Großmutter besuchen sollen. Sie hätte den Sommer bei ihr verbringen sollen. Stattdessen wollte sie lieber in Paris sein, bei ihren Freunden.
»Wir werden morgen nach Svarn fliegen. Ich muss die Beerdigung organisieren, den Nachlass regeln und …«
Johan verlor die Stimme, als ihn ein Schluchzen überkam. Schnell wischte er sich die Tränen mit der Hand ab und versuchte, stark zu bleiben. Aber er konnte den Tod seiner Mutter kaum ertragen. Clementine nickte langsam. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass dieser Sommer so beginnen würde. Hatte nicht erwartet, dass ihre Pläne von einem Moment auf den anderen bedeutungslos werden würden. Sie musste nach Svarn gehen. Sie musste Abschied nehmen. Abschied von ihrer geliebten Hedda.
Am nächsten Tag standen Clementine und Johan schweigend am Flughafen. Ihre Augen waren gerötet, ihre Gesichter weiß wie die Wand und die Mundwinkel waren schwer nach unten gezogen. Die Nacht war für beide ein Kampf gewesen – die Trauer, die vielen Gedanken, der überwältigende Schmerz. Clementine hatte irgendwann für einige Minuten die Augen geschlossen, aber in diesen Minuten ergriff ein erschreckender Albtraum von ihr Besitz. In diesem Traum war Heddas Gesicht erschienen. Es war so klar und lebendig gewesen, dass Clementine es im ersten Moment für echt gehalten hatte. Heddas Gesichtsausdruck war so düster und verstört gewesen. Sie hatte sich zu Clementine hinuntergebeugt und ihre knochigen Hände hatten ihre Arme umklammert. Und dann sagte sie:
»Clementine, du bist in großer Gefahr!«
Die Kälte in Heddas Augen, die Verzweiflung in ihrer Stimme hatten Clementine bis ins Mark erschüttert. Als sie aufgewacht war, hatte ihr Herz wie wild geschlagen und ein eisiger Schauer war ihr über den Rücken gelaufen. Diese Worte hallten immer noch in ihrem Kopf nach. Auch jetzt, Stunden später. Du bist in großer Gefahr. Selbst im Flugzeug spürte sie noch immer diese unheimliche Kälte in ihren Gliedern. Ihre Muskeln waren angespannt. Ihr Nacken steif. Es war ein Gefühl, das sie nicht abschütteln konnte, ein Gefühl, als würde etwas Schreckliches auf sie zukommen.
Als sie und Johan in Svarn ankamen, ging alles viel zu schnell. Formulare mussten ausgefüllt, die Todesursache geklärt und Entscheidungen getroffen werden. Und noch immer hieß es, dass ein Sturz, vielleicht durch Schwindel verursacht, die Todesursache gewesen sei. Clementine glaubte zu wissen, dass dem nicht so war. Schwindel? Sturz? Es klang nicht wie der wahre Grund, den sie fühlte, aber nicht benennen konnte. Sie tat, was sie konnte, um ihren Vater zu entlasten. Sie begann, Heddas Haus zu putzen, kaufte ein, kümmerte sich um den Garten und versuchte, Ordnung in das Chaos zu bringen. Als sie schließlich vor Heddas Sarg stand, akzeptierte sie zum ersten Mal die Realität: Hedda lag da, sie war tot. Es war eine schöne Beerdigung. Und in Svarn, wo jeder jeden kannte, waren alle gekommen. Alle! An diesem Tag schüttelte Clementine viele Hände. Sie war so schrecklich traurig. Aber sie wusste, dass Hedda das nicht gewollt hätte. Sie hätte gewollt, dass die Menschen mit einem Lächeln an sie denken, anstatt sich von der Trauer niederdrücken zu lassen. Und genau das versuchte Clementine. Sie dachte an die vielen, schönen Sommermonate, die sie mit Hedda hier verbracht hatte. Und beim endgültigen Abschied spürte Clementine plötzlich Freude, Dankbarkeit und viel Liebe und nicht mehr nur Trauer.
Die Tage in Svarn waren lang. So richtig lang. Nicht nur gefühlt, sondern buchstäblich lang. Es war Sommer in Norwegen, und Svarn lag zwar nicht ganz oben auf der Landkarte, aber weit genug im Norden, dass die Sonne sich kaum von der Bühne traute. Sie machte höchstens eine kurze Pause, so drei, vier Stunden Dunkelheit auf Sparflamme, bevor sie wieder auftauchte, als wäre nichts gewesen. Und Clementine? Sie lag nachts in ihrem Bett, starrte an die Decke und fragte sich zum hundertsten Mal, was wirklich mit Hedda passiert war. An Schlaf war nicht zu denken. Am Tag verbrachte sie die meiste Zeit damit, Heddas Sachen durchzugehen. Johan war kaum da. Er war ständig unterwegs, um Dinge zu regeln. Dokumente, Ämter, Anrufe. Auch an diesem Donnerstagnachmittag musste Johan irgendwo hin. Er stand schon an der Tür, als Clementine ihn fragte:
»Wann kommst du wieder?«
Johan sah sie etwas gehetzt an.
»Ich muss heute noch ein paar Dinge erledigen …«
Da war es wieder, dieses Wort: Dinge. Was auch immer das bedeutete.
»Es wird spät werden. Ist das in Ordnung?«
Clementine zuckte mit den Schultern und lehnte sich gegen den Türrahmen.
»Und was soll ich den ganzen Nachmittag machen?«
Clementine war die letzten Tage oft allein gewesen. Und ja, sie hätte behaupten können, dass sie damit klarkam. Dass ihr die Stille guttat. Dass sie die Einsamkeit brauchte, um zu denken, zu atmen, was auch immer. Aber das wäre gelogen. Die Wahrheit? Ohne Gesellschaft fühlte sie sich einsam. Richtig einsam. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, hatte Svarn beschlossen, auch noch ihren Kontakt zur Außenwelt zu kappen. Das verdammte Handy ging nicht. Empfang? Hah. Vielleicht, wenn der Wind günstig stand, Jupiter rückläufig war und sie auf einem Bein tanzte. Mal funktionierte es. Mal nicht. Meistens nicht. Die Nachrichten, die sie ihren Freunden geschickt hatte, hingen irgendwo zwischen Himmel und Norwegen. Ungelesen, unbeantwortet. Als hätte jemand die Verbindung zwischen ihr und dem Leben, das sie in Paris geführt hatte, unterbrochen. Johan runzelte die Stirn, dann hellte sich seine Miene auf.
»Hast du den Dachboden schon durchstöbert? Da oben sind noch so viele Sachen, die aussortiert werden müssen. Ich wäre froh, wenn du das machst.«
Clementine seufzte.
»Nein, noch nicht.«
»Klingt doch nach einem Plan«, sagte Johan mit einem aufmunternden Lächeln, das sie aber nicht wirklich erreichen konnte. Er verabschiedete sich und war wenige Minuten später mit dem Auto verschwunden. Clementine stand noch eine Weile in der offenen Haustür und sah ihm nach, bis sich die Staubwolke, die sein Wagen hinterlassen hatte, langsam gelegt hatte. Schließlich drehte sie sich um, warf einen Blick auf die knarrende Holztreppe, die zum Dachboden führte, und seufzte wieder. Es war ein wunderschöner Tag. Blauer Himmel, strahlende Sonne, die Welt war wie frisch poliert. Und sie war eingeschlossen, in einem alten Haus voller Erinnerungen und einer Stille, die viel zu laut war. Noch einen Nachmittag allein in diesem Haus verbringen? No. Freaking. Way. Der Gedanke daran machte sie fast wahnsinnig. Vielleicht hilft ein Spaziergang, dachte sie. Klar. Natur, frische Luft, ein bisschen Bewegung. Als Kind hatte Hedda ihr verboten, sich zu weit vom Haus zu entfernen. Aber das war damals. Jetzt war Clementine sechzehn. Alt genug, um selbst zu entscheiden, wie weit zu weit war. Mit einem entschlossenen Ruck schlüpfte sie in ihre Schuhe, strich ihr weißes Oberteil glatt, wischte mit einer schnellen Bewegung die letzten Fusseln von ihrem beigen Minirock und trat hinaus. Die Tür fiel hinter ihr zu. Sie blieb stehen, schloss die Augen und atmete tief durch. Die sanfte Brise vermischte sich mit dem Duft von Moos und Kiefern.
»Ah, herrlich«, murmelte sie und öffnete die Augen wieder. Aber wohin sollte sie gehen? Sie ließ ihren Blick schweifen und bemerkte einen kleinen Pfad unweit des Hauses. Kaum sichtbar im hohen Gras. Ein wenig zu nah am Waldrand. Ein wenig zu vergessen, um harmlos zu wirken. Clementine war ihn nie gegangen. Sie durfte nicht. Hedda hatte es ihr verboten. Streng. Fast schon panisch. Damals hatte Clementine gehorcht. Aber damals war sie auch noch ein Kind und dachte, das Schlimmste, was im Wald lauern könnte, wären tollwütige Füchse oder große Hirsche. Was sollte denn sonst im Wald sein? Wildschweine? Wölfe? Bären? War Hedda deshalb so besorgt? Hatte sie einfach Angst davor, dass Clementine von wilden Tieren gefressen werden könnte, oder gab es einen anderen Grund? Clementine hatte keine Angst. Nicht mehr. Jetzt war sie neugierig. Und ein bisschen wütend auf die Welt, weil die Welt ihr ihre geliebte Großmutter genommen hatte. Also setzte sie einfach einen Fuß vor den anderen und ging den Pfad entlang, ohne darüber nachzudenken, ob es gefährlich war oder nicht. Es war taghell. Da würde sie mit Sicherheit keine Wölfe sehen. Oder Füchse. Bären erst recht nicht, denn in dieser Region gab es keine, wusste sie. Der Pfad war schmal. Er schmiegte sich an den Waldrand, wo die Bäume so hoch waren, dass es schien, als würden ihre Wipfel den Himmel streifen. Die Schatten zwischen den Stämmen bildeten eine fast undurchdringliche Dunkelheit. Clementine blieb stehen. Ihr Blick schweifte über den Wald. Etwas an diesem Anblick ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Er wirkte bedrohlich, als könnte eine falsche Bewegung sie in die Tiefe ziehen und sie nie wieder freilassen. Erinnerungen an Heddas Worte stiegen in ihr auf. Sie hatte Geschichten erzählt, von bösen Wesen, die in den Schatten lauerten, und von Menschen, die nie zurückgekehrt waren. Es waren vermutlich erfundene Geschichten, um die Kinder vom Herumtreiben abzuhalten. Aber jetzt waren diese Geschichten plötzlich viel zu klar in ihrem Kopf. Viel zu lebendig. Clementine schüttelte den Kopf. Komm schon! Das sind doch nur alte Geschichten. Nichts weiter. Böse Wesen? Bitte. So etwas gibt es nicht. Obwohl die Neugier ihre Beine wie von Geisterhand zu bewegen versuchte, ging sie nicht in den Wald. Sie wollte ihn nicht jetzt erkundigen. Nicht heute. Sie wollte die Sonne genießen, die Wärme auf ihrer Haut spüren und nicht in den Schatten treten. Nein, danke. Sie ging weiter. Nach einer Weile öffnete sich der Weg und mündete in eine große Wiese. Das hohe Gras wiegte sich sanft im Wind. Clementine hielt inne und genoss das Panorama. Von hier aus konnte sie den Fjord sehen, ein schimmerndes Band aus Wasser, das sich tief durch die Landschaft zog. Sie wollte weitergehen, doch plötzlich fuhr ein Schreck wie ein Blitz durch ihre Glieder und sie trat einen Schritt zurück. Mitten auf der Wiese lag ein Junge. Etwa in ihrem Alter. Er bewegte sich nicht.
»Oh Gott«, raunte sie. Für einen Moment schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass er vielleicht tot sein könnte. Ihr Herz schlug schneller. Doch dann bemerkte sie, wie sich seine Brust gleichmäßig hob und senkte. Er lebte.
»Puh.«
Welch ein Schrecken. Als hätte sie die Kraft, jetzt, nach Heddas Beerdigung, noch einen Toten zu sehen. Sie beobachtete ihn. Dann trat sie langsam näher. Der Junge schien sie nicht zu bemerken, auch nicht, als nur noch zwei Meter zwischen ihnen lagen. Er rührte sich nicht und starrte weiterhin in den blauen Himmel.
»Was machst du da?«, fragte Clementine schließlich, neugierig und auch ein wenig misstrauisch. Der Junge drehte den Kopf, nur für einen kurzen Moment, um sie anzusehen, bevor er sich wieder dem Himmel zuwandte.
»Ich genieße die Aussicht.«
Clementine hob den Kopf. Der Himmel war strahlend blau, makellos, ohne eine einzige Wolke. Aber nur Himmel, sonst nichts. Plötzlich richtete er seinen Oberkörper auf und stützte sich mit den Armen im Gras ab.
»Willst du dich nicht setzen?«
Clementine zuckte überrascht zusammen.
»Ich?«
Er lächelte.
»Ja, ich meine dich.«
»Ich kann nicht«, sagte sie, als ihr einfiel, warum.
»Grasflecken.«
Ihr Blick glitt kurz zu ihrem hellen Minirock. Nein, sie konnte nicht im Gras sitzen und Flecken riskieren. Das war doch ihr Lieblingsrock. Der Junge schien sich davon aber nicht beirren zu lassen. Er griff nach seiner olivfarbenen Jacke, die neben ihm lag, und breitete sie mit einer geschickten Bewegung neben sich aus.
»Du kannst dich hier hinsetzen«, sagte er und machte eine einladende Geste mit der Hand. Clementine blieb zögernd stehen. Wachsam. Aber auch … fasziniert. Denn wow. Er war unbestreitbar attraktiv. Nein, falsch. Gefährlich attraktiv. Ein Junge, den man zweimal ansieht und dann noch ein drittes Mal, nur um sicher zu sein, dass das Gesicht nicht aus einem Traum stammt. Sein Haar … dunkelbraun und seidig, fiel ihm wie zufällig perfekt über die Stirn. In der Sonne schimmerte es wie geschmolzene Schokolade. Und seine Augen … diese Augen. Tiefgrün, wie ein Teich, den noch nie jemand betreten hatte. Und genau deshalb wollte man es tun, um zu sehen, was sich in der Tiefe verbarg. Clementine hatte seit Tagen keine Gesellschaft von Gleichaltrigen gehabt. Es war niemand da, mit dem sie reden konnte. Wie konnte sie da Nein sagen?
»Gut«, sagte sie und ließ sich auf seiner Jacke nieder. Einen Moment lang war sie in seinem Bann gefangen, bevor sie sich mit Mühe losriss.
»Wie heißt du?«
»Aric Skarde. Und wie heißt du?«
»Clementine … Clementine Rosenberg.«
Er runzelte die Stirn.
»Rosenberg?«, wiederholte er nachdenklich.
»So wie Hedda Rosenberg?«
»Ja, Hedda war meine Großmutter. Kanntest du sie?«
Er zuckte mit den Schultern.
»Nicht so richtig. Ich weiß nur, dass ihr dieses große, abgelegene Haus gehört. Oder besser gesagt … gehört hat. Es tut mir leid. Ich habe mitbekommen, was passiert ist.«
Clementine senkte den Kopf. Sie drehte die Grashalme, die sie gerade aus der Erde gezupft hatte, zwischen ihren Fingern und ließ sie dann achtlos fallen. Dann hob sie den Kopf wieder und betrachtete ihn prüfend.
»Ich habe dich hier noch nie gesehen«, sagte sie.
»Ich bin hier geboren und aufgewachsen.«
Clementine verengte die Augen. Hier geboren und aufgewachsen? Das kann nicht sein, dachte sie.
»Früher habe ich jeden Sommer hier in Svarn verbracht. Es ist ein kleines Dorf. Ich kenne hier jeden. Wirklich jeden. Von den Nachbarskatzen bis zu den alten Männern mit Anglerhüten. Wie kann es also sein, dass ich dich nie zuvor gesehen habe?«
Er lächelte wieder. Und dieses Lächeln war verdammt süß.
»Dann hatten wir wohl einfach noch nicht das Vergnügen. Oder ich bin dir nicht aufgefallen.«
Nicht aufgefallen? Clementine lachte innerlich. Bitte. Er war das Gegenteil von unauffällig. Mit diesen Augen? Diesem Gesicht? Dieser Ausstrahlung? Er würde jedem Mädchen auffallen. Jedem! Nein, es war klar, dass sie ihn noch nie zuvor hier in Svarn gesehen hatte.
»Und wo wohnst du?«
Er bewegte kaum merklich den Kopf und deutete mit einem leichten Nicken des Kinns in Richtung Wald. Clementine folgte seinem Blick und kniff die Augen zusammen.
»Im Wald?«
»Ja«, antwortete er knapp und begann selbst mit den Grashalmen zu spielen. Aber im Gegensatz zu Clementine riss er sie nicht aus. Seine Finger strichen sanft über die langen Halme, wickelten sich um sie, bevor er sie in einer fast hypnotischen Bewegung wieder losließ. Clementine zog die Knie ein wenig näher an sich.
»Es gibt wirklich Häuser im Wald?«, fragte sie.
»Klar, wieso denn auch nicht?«
»Ist das nicht … unheimlich? Im Wald zu wohnen, meine ich.«
Aric grinste.
»Unheimlich? Warum sollte es das sein?«
»Nun …«
Clementine sah sich verstohlen um und senkte die Stimme zu einem Flüstern.
»Meine Großmutter hat immer gesagt, dass in den Wäldern böse Kreaturen herumlungern.«
»Böse Kreaturen?«, wiederholte er mit einem Anflug von Belustigung. Clementines Wangen röteten sich und sie kratzte sich schüchtern am Arm.
»Ich weiß auch nicht, was sie damit gemeint hat«, sagte sie leise und flatterte dabei nervös mit den Wimpern. Stille breitete sich aus. Sie war nicht unangenehm, aber seltsam. Clementine fragte sich, was Aric wohl gerade dachte. Sein Blick war auf das Gras vor ihm gerichtet, seine Hände ruhig, seine Schultern entspannt, und doch wirkte alles an ihm … kontrolliert. Sie versuchte, seine Augen unauffällig zu deuten, aber sie blieben unergründlich. Sie zupfte an ihrem Rock, ein nervöser Reflex, und rutschte in eine bequemere Sitzposition. Plötzlich hörte sie, wie Aric ihren Namen flüsterte, als würde er ihn kosten.
»Clementine.«
Er sprach ihn leise und langsam aus. Sie spürte seine Stimme unter ihrer Haut. Und in Gedanken tat sie dasselbe, seinen Namen sagen. Aric. Aric Skarde. Ein schöner Name. Er klang wie ein Versprechen. Oder eine Warnung? Sie war sich nicht sicher. Ihr Blick fiel auf seine Arme. Er war sonnengebräunt. Und zwar mehr, als es für einen norwegischen Jungen eigentlich üblich war. Aber dann, oh Gott … seine Hände. Sie waren perfekt. Und perfekte Hände waren Clementines Schwäche.
»Du hast also nur die Sommer hier verbracht? Wo lebst du dann?«, fragte er.
»Paris.«
Sie räusperte sich.
»Ich lebe in Paris. Ich bin dort geboren, aber ich bin keine Französin, sondern Norwegerin durch und durch.«
Er schwieg wieder und sein Blick wurde nachdenklich. Doch bevor Clementine etwas sagen konnte, schüttelte er seine Gedanken ab und sprach wieder.
»Und wie lange bleibst du hier in Svarn?«
Clementine atmete hörbar aus.
»Ich weiß es nicht. Aber in zwei Monaten muss ich wieder in Paris sein, weil dann mein letztes Schuljahr beginnt. Ich hoffe, dass mein Vater bis dahin alles geregelt hat.«
Während sie sprach, ließ Clementine ihn keine Sekunde aus den Augen. Er hörte ihr zu, das spürte sie. Nicht halbherzig oder aus Höflichkeit, sondern wirklich. Sein Blick war aufmerksam, seine Mimik offen. Er war interessiert. Vielleicht zu interessiert. Er schien neugierig zu sein, aber etwas an dieser Neugier irritierte sie. Es fühlte sich nicht ganz … natürlich an. Als hätten seine Fragen mehr Bedeutung, als er erkennen ließ. Er hatte diesen Blick, der nicht nur sehen, sondern durchdringen wollte. Verdammt. Clementine fluchte innerlich. Sie hatte die Gabe, Menschen zu durchschauen. Menschen waren wie offene Bücher für sie. Sie versuchte, seine Gedanken zu lesen, so wie sie es bei den Jungs in der Schule immer tat. Aber bei Aric war das unmöglich. Sie bemühte sich, aber es gelang ihr einfach nicht. Und das machte sie wahnsinnig. Wo war sie jetzt, diese Gabe, die sie sonst so mühelos nutzte? Wo war dieses Gespür, wenn sie es am dringendsten brauchte? Dieser Junge war gefährlich faszinierend. Nicht nur wegen seines Aussehens. Sondern auch wegen dieser stillen Tiefe in seinen Augen. Wie dunkles Wasser, das zu ruhig war, um sicher zu sein.
»Du sprachst von deinem Vater. Was ist mit deiner Mutter? Ist sie auch hier?«
Mit dieser Frage riss er sie aus ihren Gedanken. Clementine zuckte zusammen. Sie hatte so sehr versucht, in seinen Kopf einzudringen, dass ihr die Stille entgangen war, die sich zwischen ihnen ausgebreitet hatte.
»Meine Mutter?«
Sie spürte eine Welle der Wut in sich aufsteigen. Das geschah immer, wenn sie an ihre Mutter dachte. Aber sie schüttelte die Wut schnell ab.
»Sie ist kein Teil meines Lebens. Nicht mehr.«
Aric wurde plötzlich ganz still. Sein Blick veränderte sich.
»Das tut mir leid. Dann ist sie also …«
»Nein, sie ist nicht gestorben«, unterbrach Clementine ihn gleich.
»Sie hat nur entschieden, dass die Mutterrolle zu viel für sie ist. Sie hat mich und meinen Vater verlassen, als ich noch ein Baby war.«
Eigentlich wusste Clementine gar nicht, ob ihre Mutter noch lebte. Woher auch? Es war nur ein Gefühl in ihrem Inneren. Mehr nicht.
»Sie ist vielleicht nicht mehr Teil deines Lebens, aber sie lebt. Und du hast deinen Vater. Weißt du, meine Eltern …«
Er verstummte mitten im Satz. Seine Lippen blieben leicht geöffnet, als wollte er noch etwas sagen, doch die Worte kamen nicht. Er brauchte nichts mehr zu sagen, sein Gesicht sagte bereits alles.
»Wie ist es passiert?«, fragte Clementine leise. Er atmete schwer aus.
»Es ist schon ein paar Jahre her, aber … ich möchte lieber nicht darüber sprechen.«
Clementine nickte und verstand.
»Es tut mir leid«, sagte sie und versuchte, den Knoten aus Neugier in ihrer Brust zu lösen. Aric lächelte schwach. Es schien fast wie ein Reflex zu sein, etwas, das er aus Gewohnheit tat, um die Schwere in seinem Inneren zu überspielen. Aber Clementine entging nicht der Schatten, der in seinen Augen lag.
»Eines Tages werde ich es dir erzählen«, sagte er und sah sie an. Direkt. Und für einen Moment stand die Zeit still. Clementine erwiderte seinen Blick, sagte aber nichts, denn Worte waren zu flach im Vergleich zu dem, was gerade in ihr vorging. Innerlich wiederholte sie seine Worte wie ein Echo. Eines Tages werde ich es dir erzählen. Es klang wie ein Versprechen. Und es bedeutete: Wir sehen uns wieder. Ihr wurde heiß, und das lag nicht an der Sonne. Aric sah einfach verdammt gut aus. Und wie konnte sein Blick sie so sehr aus der Bahn werfen? Es war mehr als nur ein hübsches Gesicht. Da war etwas an ihm, das nicht greifbar war, nicht mit Worten oder mit Logik. Charisma, vielleicht … aber selbst dieses Wort war zu blass, um ihn zu beschreiben. Er hatte etwas in ihr geweckt, das ihr fremd war. Oder vielleicht hatte dieses Etwas bis jetzt geschlafen. Er war offen und gleichzeitig distanziert, als würde ein Teil von ihm immer außerhalb ihrer Reichweite bleiben. Ihr Blick fiel auf den silbernen Ring, den er am Mittelfinger trug. In der Mitte war ein stahlblauer Streifen. Feine Muster, kaum breiter als ein Haar, schlängelten sich entlang des blauen Streifens. Sie erinnerten an uralte Symbole.
»Das ist ein schöner Ring«, sagte sie. Er hob die Hand und warf einen flüchtigen Blick darauf.
»Ein Familienerbstück.«
Mehr sagte er nicht. Er lächelte nur und sein Blick fiel auf das Schmuckstück, das sie um den Hals trug.
»Und das ist eine schöne Halskette. Ein Feueropal, nicht wahr?«
Clementines Finger glitten spielerisch über den kleinen orangefarbenen Anhänger.
»Ja … genau. Es ist ein Amulett, ein Geschenk von meiner Großmutter Hedda.«
Ihre Augen strahlten wie zwei kleine Sonnen, als sie an Hedda dachte.
»Sie sagte, dieses Amulett würde mich beschützen.«
»Wovor beschützen?«
»Vor dem Bösen«, antwortet Clementine und ließ ihr Amulett wieder los, als hätte es plötzlich jede Bedeutung verloren. Aber Aric konnte seinen Blick nicht von dem Amulett abwenden. Er starrte darauf, als wäre er in einer Art Trance gefangen. Wie von einer unsichtbaren Kraft angezogen, hingen seine Augen an dem ovalen Anhänger. Ohne es zu merken, hob er die Hand, seine Finger waren nur einen Hauch davon entfernt, den Edelstein an ihrem Hals zu berühren. Aber dann … Clementine zuckte zusammen. Ihre Augen blitzten auf. Und dann kam das Geräusch. Mit einem tiefen Räuspern riss sie ihn aus der Trance. Seine Hand verharrte in der Bewegung, dann zog er sie schnell zurück.
»Sorry … ich wollte nicht …«
Es trat eine Stille ein. Schwer und geladen. Er setzte ein unsicheres Lächeln auf, als wolle er die Spannung brechen. Clementine versuchte zu verstehen, was gerade geschehen war. Wollte er sie berühren oder ihr Amulett? War es ein schüchterner Annäherungsversuch gewesen, den sie mit einem Schlag beendet hatte? Sie hielt diese Stille zwischen ihnen nicht mehr aus. Es war zu ruhig geworden. Sie musste etwas sagen, also sagte sie das Erste, was ihr einfiel.
»Lebst du allein hier in Svarn?«
»Nein, mit meinem großen Bruder.«
»Bruder? Cool. Es muss schön sein, Geschwister zu haben. Ich habe leider keine.«
Aric schüttelte den Kopf.
»Wir verstehen uns nicht besonders gut.«
»Ach nein?«
»Nein. Kyle ist … anders als ich. Wir sind nicht immer einer Meinung.«
»Verstehe«, sagte sie und rückte unwillkürlich ein Stück näher.
»Aric, Kyle … das klingt Englisch.«
»Ja, das ist es auch. Meine Mutter war Amerikanerin und mein Vater Norweger.«
Clementine nickte beeindruckt.
»Das ist ein … interessanter Mix.«
Sie versuchte, ihn nicht so hungrig anzusehen. Wirklich. Aber wie konnte sie wegschauen, wenn diese Lippen so nah waren? Irgendwie nah, aber immer noch weit genug von einem Kuss entfernt. Clementine stieß innerlich einen Seufzer aus. Plötzlich bedauerte sie es, dass sie in Panik geraten war, als er nach ihrem Amulett greifen wollte. Was wäre passiert, wenn sie es zugelassen hätte? Wenn seine Finger ihr Amulett berührt hätten … sie berührt hätten? Vielleicht hätte dieser Moment alles verändert. Er wirkte vorhin traurig, als er von seinem Bruder sprach. Es klang, als hätten sie eine komplizierte Beziehung. Vielleicht war er einsam und saß deshalb so in sich gekehrt auf dieser Wiese.
»Kennst du auch das Gefühl der Einsamkeit?«, fragte sie und fügte hinzu:
»Jedenfalls fühle ich mich manchmal so. In den letzten Tagen immer öfter.«
Eigentlich wollte sie ihn gar nicht so etwas Tiefgründiges fragen, aber er wirkte so nachdenklich und verletzlich.
»Ja, schon …«, zuckte er mit den Schultern.
»… aber man gewöhnt sich daran.«
Clementine zögerte. Nur einen winzigen Moment. Gerade lang genug, dass sie sich hätte stoppen können. Aber dann, viel zu schnell und viel zu ungefiltert, schoss die Frage aus ihr heraus:
»Hast du eine Freundin?«
Kaum ausgesprochen, riss sie die Augen auf. Oh. Mein. Gott. Hatte sie das wirklich gerade gefragt? Laut? Es war ihr einfach herausgerutscht, wie ein nasser Seifenklumpen, den man nicht festhalten konnte. Ihr Mund hatte es laut ausgesprochen, bevor ihr Gehirn auch nur ansatzweise eingreifen konnte. Hitze schoss ihr in die Wangen. Ihre Haut glühte wie unter einer zweiten Sonne. Clementine wünschte sich für einen winzigen Moment, einfach im Erdboden zu verschwinden. Aric lächelte nur. Und dann biss er sich auf die Unterlippe. Ganz leicht. So, dass Clementine aufhören musste zu atmen, weil ihr Herz inzwischen ganz woanders war und nicht mehr in ihrem Körper.
»Ich habe keine Freundin. Und was ist mit dir? Hast du einen Freund?«
Er sah sie lange an. Mit einem Blick, der ihr den Boden unter den Füßen wegzog. Clementine schluckte trocken und musste sich erst sammeln, bevor sie antworten konnte.
»Nein, habe ich nicht«, sagte sie schließlich erstaunlich ruhig. Aber sie fühlte keine Ruhe. Kein bisschen. Da tobte ein Sturm in ihr. Schmetterlinge – Tausende – hatten ihre Flügel viel zu früh entfaltet und rasten nun hektisch durch ihre Brust, als wüssten sie selbst nicht, ob sie sie beflügeln oder in den Abgrund stürzen sollten. Am liebsten hätte Clementine sich selbst geohrfeigt. Innerlich tat sie es bereits. Was zum Teufel stimmt nicht mit mir? Wie konnte das sein? Wie konnte sie jemanden so sehr wollen, den sie kaum kannte? Es war verrückt. Irrational. Gefährlich. Und eigentlich war sie diejenige, die mit ihrem Lächeln, ihrem Charme und ihrer kühlen Distanz andere in ihren Bann zog. Sie war es gewohnt, die Herzen zu berühren, ohne ihr eigenes zu verlieren. Nicht diejenige, deren Herz plötzlich schneller schlug, nur weil ein Junge sie ansah. Aber Aric brachte etwas in ihr zum Beben. Ihre Hände waren feucht und zitterten leicht, während der Rest der Welt in den Hintergrund trat, wie eine Bühne, auf der nur noch Aric existierte. Aric lächelte verlegen. Clementine sah es. Er war auch nervös. Er fühlte es auch. Dieses Etwas zwischen ihnen. Aber dann, plötzlich, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, veränderte sich seine Miene. Sein Gesicht war auf einmal weiß wie ein Laken. Seine Augen weiteten sich und sein Blick richtete sich starr zum Himmel. Clementine folgte seinem Blick, drehte den Kopf nach oben. Und alles, was sie sah, waren Wolken, die sich gebildet hatten und langsam dunkler wurden.
»Was ist los?«, fragte sie.
»Ein Gewitter zieht auf, aber … es sollte heute nicht regnen und der Himmel … eben noch war er blau«, sagte er leise, als spräche er mit sich selbst. Dann stand er ruckartig auf und streckte ihr die Hand entgegen. Clementine ergriff sie etwas überrascht und ließ sich von ihm auf die Beine ziehen.
»Du musst zurück. Am besten sofort!«, sagte er ernst und irgendwie panisch. Clementine zog skeptisch eine Augenbraue hoch.
»Warum? Weil es vielleicht, nur vielleicht, regnen wird?«
Aric schüttelte den Kopf, zögerte kurz und sagte dann:
»Ja.«
Sie sah ihn verständnislos an.
»Es ist doch bloß Regen«, sagte sie und verschränkte die Arme. Er hielt den Atem an. Sein Blick war intensiv und unsicher. Das machte Clementine nervös. So richtig nervös. Was war los mit ihm? Aber einen Moment später schien sich Aric plötzlich zu sammeln. Er atmete tief durch, seine Schultern entspannten sich und sein Blick wurde wieder ruhiger.
»Wie wäre es, wenn wir uns morgen hier treffen?«, fragte er mit einem sanften Lächeln, als hätte der vorherige Moment der Anspannung nie existiert. Clementine zögerte. Natürlich wollte sie ihn wiedersehen, aber das durfte nicht offensichtlich sein. Sie wollte den Eindruck erwecken, als müsse sie darüber nachdenken, obwohl sie die Antwort schon kannte.
»Morgen?«, wiederholte sie und tat so, als wüsste sie nicht, ob sie Zeit hätte. Ein kurzes Achselzucken später willigte sie ein.
»Klar, warum nicht.«
Aric hob seine olivfarbene Jacke vom Boden auf und warf sie über die Schulter.
»Wollen wir uns um zwei hier treffen?«, schlug er vor.
»So haben wir den ganzen Nachmittag für uns.«
Den ganzen Nachmittag für uns. Die Art, wie er es gesagt hatte. Ihre Haut prickelte. Er machte sie wieder nervös. Aber jetzt war es keine unangenehme Nervosität, keine Unsicherheit. Es war ein seltsames Gefühl der Sehnsucht. Sie wollte jetzt noch nicht gehen, weil sie wusste, dass sie ihn den Rest des Tages und die ganze lange Nacht vermissen würde. Eine Ohrfeige. Jetzt war es wieder da. Das Verlangen, sich selbst ohrfeigen zu wollen.
»Zwei passt«, sagte sie schlicht und einfach. Sie konnte nicht begreifen, warum Aric diese Wirkung auf sie hatte, aber sie wusste genau, dass sie morgen hier sein würde – pünktlich. Aric lächelte zufrieden und sah ihr ein letztes Mal wortlos tief in die Augen. Dann wandte er sich dem Wald zu und verschwand langsam darin. Clementine blieb noch einen Moment stehen und blickte in die Richtung, in die er gegangen war, bevor sie sich auf den Heimweg machte. Plötzlich schlug das Wetter um. Der Himmel verdunkelte sich bedrohlich. Ein heftiger Wind kam auf und der Regen nahm zu. Sie rannte los. Der Himmel wurde noch dunkler. Er verschlang die letzten Fetzen des Sonnenlichts und tauchte die Landschaft in ein unheilvolles Grau. Clementine folgte dem schmalen Pfad zurück zum Haus. Der Wald war jetzt im Sturm so schwarz wie die Dunkelheit um Mitternacht. Seltsame Geräusche drangen zu ihr. Das Knacken der Äste, ein gedämpftes Rascheln, das sich wie ein Atemzug der Finsternis anhörte. Vor ihren lichtschwachen Augen erwachten Schatten plötzlich zum Leben. Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Sie war allein und niemand wusste, wo sie war. Sie musste sich beeilen. Als sie endlich das Haus erreichte, ging sie schnell hinein und schloss die Tür schnell ab. Wasser tropfte von ihren Kleidern auf den Holzboden im Flur. Sie ging die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Sie musste die nassen Sachen ausziehen. Vorsichtig streifte sie die Kleidung von ihrer Haut, die sich widerwillig an sie schmiegte, und ging ins angrenzende Badezimmer, um sie zum Trocknen aufzuhängen. Als sie in Unterwäsche in ihr Zimmer zurückkehrte, um neue Kleidung aus dem Schrank zu holen, blieb sie abrupt stehen. Ein Geräusch ließ sie versteifen. Ein kaum wahrnehmbarer Hauch fremder Präsenz lag im Raum, eine Spur, die nicht hierhergehörte. Sie drehte sich langsam um und schaute zum Fenster. Die Vorhänge flatterten wie wild. Das Fenster stand weit offen und der Sturm draußen hatte bereits feine Regentropfen ins Zimmer getragen. Sie runzelte die Stirn. War das Fenster nicht eben noch geschlossen gewesen? Wie angewurzelt stand sie vor dem Schrank. Der Gedanke, sich anzuziehen, verschwand aus ihrem Kopf. Stattdessen starrte sie verdutzt zum Fenster hinüber. Plötzlich wurde ihr eiskalt. Sie legte die Hände schützend um ihren Körper und ging langsam zum Fenster. Als sie hinausschaute, sah sie zunächst nur den Regen, der wie ein Vorhang die Sicht versperrte. Aber dann fiel ihr Blick auf eine dunkle Silhouette am Waldrand. Clementine blinzelte mehrmals. Doch die Gestalt war noch da. In dem Moment, als die Gestalt bemerkte, dass Clementine sie ansah, bewegte sie sich. Schnell, lautlos. Es verschwand zwischen den Bäumen und wurde eins mit dem Wald. Clementine streckte den Kopf weiter aus dem Fenster. Ihre Augen suchten die Stelle, an der die Gestalt verschwunden war. Der Regen prasselte kalt und heftig auf ihre Haut, bis sie schließlich zurückwich und das Fenster schloss. Was war das? Wer oder was hatte sie da beobachtet? Sie schüttelte den Kopf. Es war bestimmt nichts, redete sie sich ein. Nur ein Schatten. Der Sturm, die hohen Bäume … Es musste ein Schatten gewesen sein. Sie drehte sich um und bemerkte, dass sie immer noch halb nackt war. Kleider. Jetzt fiel es ihr wieder ein. Sie wollte etwas anziehen. Doch dieser Gedanke verflog so schnell, wie er gekommen war, als ihr Blick auf das Bett sank. Da lag etwas auf ihrem Bett. Sie näherte sich Schritt für Schritt, bis sie direkt davor stand. Das blütenweiße Laken schimmerte in einem bläulichen Licht, das durch den Regen gefiltert wurde. Und mitten auf diesem makellosen, schneeweißen Feld lag sie: eine schwarze Feder. Die Feder war unglaublich groß, der Kiel grotesk dick. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Es sah aus wie die Feder eines Raben, aber so große Raben gab es nicht. Nein … unmöglich. Das tiefe Schwarz hob sich unwirklich von dem hellen Tuch ab, wie ein dunkles Omen. Düster und zugleich … triumphierend. Vorsichtig hob Clementine die Feder auf. Sie war leicht feucht. Das Wasser glitzerte im matten Licht wie kleine Tropfen schwarzer Tinte. Hatte der Wind sie in ihr Zimmer geweht? Es stürmte heftig, das Fenster war offen gewesen. Es war möglich. Oder? Eine andere, unheimliche Ahnung drängte sich ihr auf. Oder war es jemand? Jemand, der in ihrem Zimmer war und die Feder bewusst hier platziert hatte?