Schattenherz

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Summary

Mara gerät in den Sog eines Mannes, der mehr verbirgt, als er zeigt. Und je dichter die Dunkelheit um sie wird, desto deutlicher spürt sie: Er ist nicht ihr Feind. Aber ganz sicher auch nicht ihr Retter.

Status
Ongoing
Chapters
6
Rating
n/a
Age Rating
18+

KAPITEL 1: DIE NACHT, DIE ALLES VERÄNDERTE

KAPITEL 1: DIE NACHT, DIE ALLES VERÄNDERTE


Der Regen peitschte gegen die schmutzigen Fenster der Bar, als wäre er entschlossen, das Glas zu durchbrechen und alles im Inneren zu ertränken. Mara saß auf einem wackeligen Hocker an der Theke, die Finger um ein billiges Glas Whiskey gekrallt, das sie in den letzten zwanzig Minuten nicht ein einziges Mal zum Mund geführt hatte. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit reflektierte das schwache, flackernde Neonlicht über der Bar ein blutroter Schriftzug, der „Midnight” verkündete, als wäre dies ein Ort der Verheißung und nicht der Verzweiflung.

Sie war nicht hier, um zu trinken. Sie war hier, um zu verschwinden.

Die Stadt hatte sie verschluckt wie ein hungriges Tier. Drei Wochen war sie nun unterwegs, hatte sich durch anonyme Hotelzimmer und dunkle Gassen geschleppt, immer mit dem Gefühl, dass Augen ihr folgten. Augen, die sie kannte. Augen, vor denen sie geflohen war, als sie ihr altes Leben hinter sich gelassen hatte – falls man es Leben nennen konnte, was sie mit Adrian geteilt hatte.

Mara schloss die Augen und versuchte, das Bild zu verdrängen, das sich unaufgefordert in ihren Kopf drängte: Seine Faust. Ihr Blut. Die Kälte der Badezimmerfliesen an ihrer Wange. Das hatte sie hinter sich gelassen. Das war vorbei. Sie war entkommen.

Aber war sie das wirklich?

„Du siehst aus, als würdest du vor etwas weglaufen.”

Die Stimme kam von rechts, tief und rau wie über Schotter gezogener Samt. Mara erstarrte. Sie hatte nicht bemerkt, dass sich jemand neben sie gesetzt hatte. Das war gefährlich. Sie hatte sich geschworen, immer aufmerksam zu bleiben, immer wachsam. Und doch hatte dieser Mann es geschafft, sich ihr zu nähern, ohne dass sie es bemerkt hatte.

Langsam drehte sie den Kopf.

Der Mann neben ihr war… anders. Nicht anders im Sinne von ungewöhnlich, sondern anders im Sinne von gefährlich. Seine Präsenz füllte den Raum auf eine Weise, die physisch unmöglich sein sollte. Er trug einen schwarzen Anzug, der ihm wie eine zweite Haut saß, das weiße Hemd darunter war bis zur Brust aufgeknöpft und gab den Blick auf den Ansatz eines tätowierten Brustkorbs frei. Sein Haar war dunkel, fast schwarz, und unordentlich zurückgekämmt, als hätte er sich mit den Fingern hindurchgefahren. Aber es war sein Gesicht, das sie fesselte.

Scharfe Wangenknochen, ein Kiefer, der aussah, als wäre er aus Stein gemeißelt worden, und Augen – Gott, diese Augen. Sie waren von einem so tiefen Grau, dass sie fast schwarz wirkten im schwachen Licht der Bar. Und sie sahen sie an, als könnten sie direkt in ihre Seele blicken, als könnten sie jedes Geheimnis lesen, das sie je gehütet hatte.

„Ich kenne dich nicht”, sagte Mara, und ihre Stimme klang rauer, als sie beabsichtigt hatte. „Und ich habe kein Interesse an Konversation.”

Die Mundwinkel des Mannes zuckten – nicht ganz ein Lächeln, eher eine Andeutung von Belustigung. „Nein? Schade. Ich dachte, jemand, der so verloren aussieht wie du, könnte vielleicht ein bisschen Gesellschaft gebrauchen.”

„Ich sehe nicht verloren aus.”

„Doch. Das tust du.” Er beugte sich näher, und Mara konnte sein Aftershave riechen – eine Mischung aus Sandelholz, Leder und etwas Dunklerem, etwas Gefährlichem. „Du siehst aus wie jemand, der am Rand einer Klippe steht und sich fragt, ob der Sprung das Ende oder der Anfang ist.”

Sein Blick bohrte sich in ihren, und Mara spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Nicht aus Angst – oder zumindest nicht nur aus Angst. Da war etwas anderes. Etwas, das sie seit Monaten nicht mehr gefühlt hatte. Etwas Lebendiges.

„Wer bist du?”, fragte sie leise.

„Jemand, der versteht, wie es ist, in der Dunkelheit zu leben.” Er hob die Hand und winkte dem Barkeeper, der sofort herbeieilte, als wäre dieser Mann Gott persönlich. „Zwei Whiskey. Den guten.”

„Ich habe schon einen”, sagte Mara und deutete auf ihr unberührtes Glas.

„Den hast du die ganze Zeit nicht angerührt. Also willst du ihn nicht wirklich, oder?” Der Barkeeper stellte zwei neue Gläser vor sie hin – diesmal mit einer deutlich dunkleren, edleren Flüssigkeit. Der Mann nahm seins und hielt es ihr entgegen. „Auf Neuanfänge. Oder Enden. Je nachdem, was du bevorzugst.”

Mara starrte auf das Glas in seiner Hand. Jede Faser ihres Verstandes schrie sie an, aufzustehen und zu gehen. Dieser Mann war gefährlich. Das spürte sie so deutlich wie den Regen, der draußen fiel. Aber da war auch etwas anderes. Eine Anziehung, die sie nicht erklären konnte. Eine magnetische Kraft, die sie zu ihm zog, obwohl jeder Instinkt ihr sagte, dass er ihr Verderben sein könnte.

Langsam griff sie nach dem Glas und ließ es gegen seins klirren.

„Auf die Dunkelheit”, sagte sie leise und trank.

Der Whiskey brannte sich ihren Rachen hinunter wie flüssiges Feuer, aber es war ein guter Schmerz. Ein reinigender Schmerz. Als sie das Glas absetzte, sah sie, dass der Mann sie immer noch beobachtete, eine unergründliche Intensität in seinem Blick.

„Damien”, sagte er schließlich. „Mein Name ist Damien Blackwood.”

„Mara.” Sie sagte bewusst nicht ihren Nachnamen. Je weniger er über sie wusste, desto besser.

„Mara.” Er wiederholte ihren Namen, als würde er ihn kosten, und irgendwie klang er aus seinem Mund wie eine Karesse und eine Drohung zugleich. „Schön, dich kennenzulernen.”

„Warum hast du dich zu mir gesetzt, Damien?” Mara drehte sich auf ihrem Hocker, um ihm direkt gegenüberzusitzen. „Diese Bar ist voller einsamer Seelen. Warum ich?”

„Weil du anders bist.” Seine Antwort kam ohne zu zögern. „Die anderen hier… sie sind einsam, ja. Sie sind verloren. Aber du… du bist gebrochen. Und das macht dich interessant.”

Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Nicht weil sie verletzend waren, sondern weil sie wahr waren. So verdammt wahr.

„Du weißt nichts über mich”, sagte Mara, aber ihre Stimme klang nicht überzeugend.

„Ich weiß genug.” Damien lehnte sich zurück, sein Blick wurde noch intensiver. „Ich weiß, dass du vor etwas wegläufst. Ich weiß, dass du verletzt wurdest – und nicht nur oberflächlich. Ich sehe es in der Art, wie du dich bewegst, wie du jeden Raum beobachtest, als würdest du nach Ausgängen suchen. Ich erkenne eine gequälte Seele, wenn ich eine sehe, Mara. Weil ich selbst eine bin.”

Sein Geständnis hing zwischen ihnen in der Luft, schwer und bedeutungsvoll. Mara wusste, dass sie jetzt gehen sollte. Dass sie sich von diesem Mann fernhalten sollte, der sie mit einer Leichtigkeit durchschaute, die erschreckend war. Aber stattdessen hörte sie sich sagen: „Und was willst du von mir?”

Ein langsames, dunkles Lächeln breitete sich auf Damiens Gesicht aus. Es erreichte nicht seine Augen. „Ehrlich? Ich bin noch nicht sicher. Vielleicht will ich dich retten. Vielleicht will ich dich ruinieren. Vielleicht beides.”

„Ich brauche keine Rettung.”

„Nein”, stimmte er zu, und seine Hand bewegte sich plötzlich nach vorne, seine Finger berührten sanft ihr Handgelenk – genau die Stelle, wo unter ihrem Pullover die verblassten blauen Flecke waren, die Adrian ihr vor Wochen zugefügt hatte. Als ob er es wusste. Als ob er sehen konnte, was unter der Oberfläche lag. „Aber vielleicht willst du etwas anderes. Vielleicht willst du vergessen. Vielleicht willst du fühlen, dass du noch am Leben bist.”

Seine Berührung sandte Elektrizität durch ihren Körper, und Mara zog ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. „Du kennst mich nicht. Du weißt nicht, was ich will.”

„Dann sag es mir.” Damien beugte sich vor, so nah, dass sie seinen Atem auf ihren Lippen spüren konnte. „Sag mir, was du willst, Mara. Sag mir, wonach du suchst in dieser verrotteten Stadt, in dieser Scheiß-Bar, mit einem Glas Whiskey, das du nicht trinken kannst.”

Die Welt schien sich zu verengen, bis es nur noch sie beide gab. Mara spürte, wie ihr Herz hämmerte, wie ihr Atem schneller ging. Sie sollte ihm sagen, dass er zur Hölle fahren sollte. Sie sollte aufstehen und gehen. Stattdessen hörte sie sich flüstern: „Ich will nicht mehr fühlen, was ich fühle. Ich will nicht mehr die Person sein, die ich war.”

„Dann werde jemand anderes.” Seine Stimme war ein dunkles Versprechen. „Werde jemand Neues. Mit mir.”

„Ich kenne dich nicht mal.”

„Das macht es doch erst interessant.”

Draußen heulte der Wind, und irgendwo in der Bar zerbrach ein Glas. Mara wusste, dass dies ein Scheideweg war. Eine Entscheidung, die alles verändern würde. Sie konnte aufstehen, bezahlen und nie zurückblicken. Sie konnte in der Anonymität bleiben, die sie sich die letzten Wochen mühsam aufgebaut hatte.

Oder sie konnte mit diesem gefährlichen, faszinierenden Mann gehen und sehen, wohin die Dunkelheit führte.

„Eine Nacht”, hörte sie sich sagen, und ihre Stimme klang fremd in ihren eigenen Ohren. „Eine Nacht, in der ich nicht ich selbst sein muss.”

Damiens Lächeln wurde breiter, und diesmal erreichte es seine Augen – aber es war kein warmes Lächeln. Es war das Lächeln eines Raubtiers, das seine Beute gefangen hatte. „Eine Nacht. Ich kann damit arbeiten.”

Er stand auf und hielt ihr seine Hand hin. Mara starrte darauf, auf die langen Finger, die Narben, die sie über seinen Knöcheln sehen konnte. Die Hand eines Mannes, der gekämpft hatte. Der verletzt worden war. Der vielleicht andere verletzt hatte.

Sie legte ihre Hand in seine.

Der Moment, in dem sich ihre Haut berührte, fühlte sich an wie ein Pakt. Wie ein Versprechen, das nicht zurückgenommen werden konnte. Damien zog sie vom Hocker, und seine Nähe war überwältigend – er war viel größer als sie, und seine Präsenz hüllte sie ein wie ein dunkler Mantel.

„Mein Wagen wartet draußen”, sagte er leise, seine Lippen nahe an ihrem Ohr. „Vertrau mir, Mara. Nur für heute Nacht.”

Sie sollte nicht vertrauen. Sie hatte geschworen, niemals wieder einem Mann zu vertrauen. Aber als Damien sie zur Tür führte, seine Hand fest um ihre, spürte sie etwas, das sie lange nicht mehr gefühlt hatte: Die Aufregung des freien Falls. Die Gewissheit, dass sie die Kontrolle abgab. Die dunkle Verlockung der Selbstzerstörung.

Der Regen traf sie mit voller Wucht, als sie die Bar verließen. Innerhalb von Sekunden war Mara durchnässt, ihr Haar klebte an ihrem Gesicht, ihre Kleidung an ihrem Körper. Aber Damien schien den Regen nicht zu bemerken. Er führte sie zu einem schwarzen, glänzenden Wagen – etwas Teures, Mächtiges – und öffnete ihr die Tür.

„Steig ein”, befahl er sanft.

Mara zögerte einen letzten Moment. Dies war ihre letzte Chance, nein zu sagen. Ihre letzte Chance, umzukehren.

Dann stieg sie ein.

Das Innere des Wagens roch nach Leder und seinem Aftershave. Damien setzte sich neben sie, und der Fahrer – ein schweigsamer Mann mit Narben im Gesicht – startete den Motor ohne ein Wort.

„Wohin fahren wir?”, fragte Mara leise.

Damien sah sie an, und in der Dunkelheit des Wagens schienen seine Augen zu leuchten. „Irgendwohin, wo die Welt nicht existiert. Wo nichts zählt außer diesem Moment.”

Seine Hand fand ihre im Dunkeln, und seine Finger verschränkten sich mit ihren. Die Berührung war besitzergreifend, fordernd. Und Mara, diese gebrochene, verletzte Frau, die geschworen hatte, sich nie wieder einem Mann auszuliefern, ließ es geschehen.

Während der Wagen durch die regennassen Straßen der Stadt raste, die Neonlichter an ihnen vorbeizogen wie verschwommene Träume, wusste Mara, dass sie eine Grenze überschritten hatte. Dass diese Nacht sie verändern würde. Dass dieser Mann – dieser dunkle, gefährliche, faszinierende Mann – ihr Verderben oder ihre Erlösung sein würde.

Vielleicht beides.

Die Stadt verschwand hinter ihnen, und mit ihr die letzte Hoffnung auf Normalität. Mara war dabei, in einen Abgrund zu stürzen, und das Einzige, was sie aufhalten könnte, war die Hand des Mannes, der möglicherweise noch gefährlicher war als alles, vor dem sie geflohen war.

Aber in diesem Moment, in der Dunkelheit dieses Wagens, mit dem Regen, der gegen die Fenster prasselte, und Damiens Wärme neben sich, fühlte sich Mara zum ersten Mal seit Monaten lebendig.

Auch wenn es die Lebendigkeit war, die direkt in den Untergang führte.