Die Schärfe des Hasses
Die Luft in der Großen Halle von Veridian war immer dick, aber heute Abend schien sie beinahe zu knistern, aufgeladen von einer Spannung, die nichts mit den bevorstehenden Winterstürmen zu tun hatte.
Kaelen Vane stand am Rande der Menge, seine Haltung so steif wie der Stahl seiner Ahnen. Sein Blick war auf einen Punkt in der Mitte der Halle fixiert, wo die Lichter des Kronleuchters auf tiefschwarzes Haar und einen makellosen, smaragdgrünen Samtanzug trafen.
Dort stand Lyra Sol, die Herzogin des Nichts, wie Kaelen sie in seinen dunkelsten Momenten nannte. Sie lachte gerade, ein klarer, silberner Ton, der mühelos über das Murmeln der Adligen hinweggetragen wurde und Kaelen wie ein Messerstich in die Rippen traf.
Seit sechs Jahren teilten Kaelen und Lyra nicht nur das Schicksal, die mächtigsten und jüngsten Köpfe der rivalisierenden Häuser Vane und Sol zu sein, sondern auch einen tief sitzenden, brennenden Hass. Es war kein kindisches Gezänk; es war eine kalte, politische Feindschaft, genährt durch Landstreitigkeiten, gescheiterte Friedensverträge und das unausgesprochene Wissen, dass der Aufstieg des einen unweigerlich den Fall des anderen bedeuten würde.
Ihre Blicke trafen sich.
Lyras Lächeln fror auf der Stelle ein, ihre Augen, normalerweise so warm und fesselnd, wurden zu zwei Messerspitzen aus Eis. Der Raum um sie herum schien zu schrumpfen, die anderen Gäste zu verschwimmen. Es gab nur noch sie beide, in einem stummen Duell aus Verachtung.
Kaelen schmeckte Galle. Er erinnerte sich an den letzten diplomatischen Zusammenstoß, als Lyra durch eine brillante, aber rücksichtslose Schachzug die wichtige Hafenstadt Aegis unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Ein Verlust, der das Haus Vane beinahe ruiniert hätte.
Lyra hingegen sah in seinen Augen das Hochmut und die Arroganz, die sie am Haus Vane am meisten verabscheute – die Überzeugung, dass ihre uralte Macht sie unangreifbar machte. Sie erinnerte sich an seine kalte Ablehnung ihres Vorschlags für eine gemeinsame Handelsroute, eine Abfuhr, die ihrer Familie eine Chance auf dringend benötigte Einnahmen genommen hatte, nur um sie zu demütigen.
„Herr Vane“, sagte Lyra und bewegte sich mit der anmutigen Langsamkeit eines lauernden Raubtiers. Ihre Stimme war jetzt leise, aber ihre Kälte füllte den Abstand zwischen ihnen. „Ich sehe, der Anblick meines Erfolgs hat Ihnen heute Abend wieder die Laune verdorben.“
Kaelen erwiderte ihren Blick und trat einen Schritt vor. „Herzogin Sol. Ihr Erfolg basiert auf Sand und Verrat. Ich kann es kaum erwarten, zu sehen, wie die Flut ihn wegspült.“
Ein leichtes, kaum wahrnehmbares Zucken huschte über Lyras Lippen, ein Zeichen von etwas, das beinahe... Vergnügen war. Sie genoss dieses scharfe Spiel, so wie er es auch tat, obwohl er es nie zugeben würde. Es gab niemanden sonst, der ihn so herausfordern konnte, der seine Intelligenz so auf die Probe stellte, der ihn so wütend machte.
Sie standen jetzt nur noch eine Armlänge voneinander entfernt. Die Intensität ihrer Ablehnung war so greifbar, dass einige Adlige verstohlen einen Bogen um sie machten.
„Ach, Kaelen“, flüsterte Lyra, ihren Ton auf eine gefährliche Intimität senkend, die nur von ihrem Hass herrühren konnte. Sie benutzte seinen Vornamen, ein bewusster Affront. „Sie sind so vorhersehbar in Ihrer Ablehnung. Sagen Sie mir, was genau macht Ihnen mehr zu schaffen? Dass ich gewonnen habe oder wie ich gewonnen habe?“
Er sah auf ihre Lippen, die sich mit jedem Wort leicht bewegten. Sie waren voll, ein sattes Rot, das im Kontrast zu ihrer blassen Haut stand. Es war ein absurder Moment des Abdriftens. Er dachte plötzlich nicht an Verträge, sondern daran, wie es sich anfühlen würde, dieses triumphierende Lächeln zu ersticken.
Kaelen beugte sich vor, so dass sein Atem ihren Nacken streifte – eine Geste, die in jedem anderen Kontext eine Einladung zum Tanz gewesen wäre.
„Ich hasse die Tatsache, Lyra, dass Sie existieren“, zischte er. „Ich hasse die Eleganz, mit der Sie mein Haus zu ruinieren versuchen. Und ich verachte die Art, wie Sie mich dazu bringen, Sie überhaupt anzusehen.“
Seine Worte sollten sie vernichten, doch stattdessen sah er etwas in ihren Augen, das ihn frösteln ließ: einen Funken, heißer als Hass. Die Gefahr, die er von ihr erwartete, war politischer Natur; die Gefahr, die er jetzt spürte, war persönlich und elementar.
Lyras Hand hob sich, und er erwartete einen Schlag, aber ihre Fingerspitzen streiften nur die feine Spitze seines Revers, glätteten einen nicht existierenden Fussel. Die Berührung war flüchtig und doch eine Explosion von unterdrückter Energie.
„Dann stehen wir uns eben darin nahe, Kaelen“, antwortete sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Denn es gibt niemanden in dieser gottverlassenen Welt, den ich mehr verabscheue als Sie. Und doch...“
Sie zögerte, ihr Blick fiel auf seine Brust, wo sein Herz unter dem Stoff seiner Weste hämmerte.
„... und doch langweile ich mich bei niemandem mehr, wenn Sie nicht in der Nähe sind.“
Sie drehte sich um, ihr Rock rauschte wie ein zorniges Meer, und ließ Kaelen allein zurück, seinen Atem flach und unregelmäßig. Die Wut kochte in ihm, aber direkt darunter, wie ein giftiger Sumpf, fühlte er das unerwartete, gefährliche Echo von etwas, das unbestreitbar und katastrophal war:
Anziehung.