Sich selber fremd

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Summary

Eine Junge Frau deckt nicht nur ihre eigene Vergangenheit auf, sondern entdeckt auch die Geheimnisse der Menschen um sie herum.

Genre
Drama
Author
Melanie
Status
Ongoing
Chapters
6
Rating
n/a
Age Rating
16+

Letzte Erinnerung

Seltsam, wenn das Einzige, woran man sich erinnert auf einen Grabstein gemeißelt steht. Ein Name von dem ich weder weiß, woher ich ihn kenne, noch zu wem er gehörte. Nun ja, um ehrlich zu sein ist es nicht ganz richtig, wenn ich sage, das Einzige. Da gibt es Bilder, die immer wieder vor mein geistiges Auge treten. Bilder eines Unfalls. Eines schrecklichen und eigentlich tödlichen Unfalls. Darauf folgen unerträglich Schmerzen, bis alles schwarz wird. Dann eine samt weiche Stimme: “Solch Verschwendung unsagbarer Schönheit. Nein, nein mein Kind. Noch ist es noch nicht an der Zeit zu gehen. Bleib und sieh, was das Leben dir noch bietet.” Ja, das sagte die samtene Stimme, die trotz ihrer Weichheit keinen Widerspruch zu dulden schien. Wieder Schmerzen und Dunkelheit.

Das Nächste, was an Erinnerungen in meinen Kopf verankert ist, ist mein Erwachen in einen großen, antik gestalteten Raum. Ich bin alleine?, verwirrt und weiß weder wer ich bin, noch wo ich bin. Jede Bewegung strengt mich bis aufs Äußerste an, als wäre ich tagelang, vielleicht wochenlang bewegungslos da gelegen. So schleppe ich mich aus dem Zimmer nach draußen, wobei mir jeder Schritt Tage zu dauern scheint. Seltsamerweise schien niemand im Haus zu sein, denn obwohl ich nur sehr langsam vorankam, hinderte mich niemand am Verlassen des Hauses.

Als ich die Straße erreicht hatte, brach ich vor einem LKW aus Erschöpfung zusammen. Der Fahrer des Wagens hatte wohl den Schock seines Lebens bekommen. Dennoch war er so geistesgegenwärtig, mich in ein nahe gelegenes Krankenhaus zu bringen, wo ich die Versorgung erhielt, die ich brauchte.

Ärzte und Schwestern haben leicht reden, wenn sie ihren Patienten raten, nichts zu überstürzen, ihrem Körper einfach die Zeit zur Heilung zu geben, die er braucht. Durch Überstürzen käme auch ein verlorenes Gedächtnis nicht schneller wieder. Erst müsse der Körper gesunden, der Rest käme dann ganz von alleine. Leicht gesagt, wenn man sich nicht in der Situation befindet, in der ich mich befinde. Sie müssen nicht jeden Tag mit der Angst leben, sich selbst verloren zu haben. Sie wissen nicht wie es ist, jeden Tag in den Spiegel zu sehen und dabei nicht zu wissen wer man ist. Nicht zu wissen, wessen smaragdgrüne Augen einem aus dem Spiegel fragend ansehen. Sie kennen nicht das Gefühl, wenn man mir mit einem Kamm durch dunkle Locken streicht von denen ich nicht weiß, wem sie gehören. Wissen nicht, wie es sich anfühlt alltägliche Dinge zu tun ohne zu wissen, ob man sie zuvor schon einmal getan hat.

Ich gebe nicht viel auf das Gerede der Menschen, die sagen ich solle mich nicht zwingen, mich zu erinnern. Ich will, nein, ich muss herausfinden wer ich bin und was vor diesem Unfall passiert ist. Mein Gefühl sagt mir, etwas sehr wichtiges und zugleich gefährliches vergessen zu haben. Aus diesem Grund fahre ich jeden Tag in Begleitung einer Schwester zu dem Friedhof, auf dem das Einzige zu finden war, woran ich mich erinnern kann, und versuche mich an mehr zu erinnern. Doch nichts, nicht einmal das Gefühl, dass da noch mehr ist. Vielleicht käme etwas von meiner Erinnerung zurück, wenn die Ärzte zuließen, dass ich zu dem Haus fahre, vor dem ich bewusstlos geworden war, nachdem ich es unter größter Anstrengung verlassen hatte. Doch die Ärzte erlauben es nicht. Sie sind der Ansicht, dass dies den Heilungsprozess zu sehr beeinflussen würde. In zwei Tagen spielt das keine Rolle mehr. Ich werde entlassen und kann tun und lassen, was mir richtig erscheint. Bis dahin werde ich mich ruhig verhalten und tun, was man mir sagt.

Leicht legt sich eine Hand auf meine Schulter, während ich tief in Gedanken auf den Grabstein starre. Es ist die Schwester, die mir damit sagen will, dass es Zeit ist zu gehen schließlich finden morgen sehr früh meine Abschlussuntersuchungen statt. Danach darf ich nach Hause, wenn ich auch nicht weiß, wo zu Hause sein sollte. Man hatte mir angeboten, einstweilen im Schwesternwohnheim unter zu kommen, bis ich eine eigene Wohnung hätte. In diesem Zusammenhang wurde mir geraten, ein neues Leben zu beginnen und meine Vergangenheit hinter mir zu lassen.Doch man muss doch erst einmal wissen, was hinter einem liegt, um nach vorne blicken zu können. Man muss doch erst wissen wer man war, um jemand anderes werden zu können.

Die Schwestern gaben mir erst einmal einen Namen, damit ich, wie sie meinten, ein einigermaßen normales Leben führen könnte. Sie nannten mich Elina, da sie fanden, das passe sehr gut zu mir. Der Name kam aus dem keltischen und bedeutet Wasser des Lebens. Was daran zu mir passen soll, weiß ich nicht. Vermutlich wollten sie mir damit sagen, dass ich mein Leben, wie das Wasser eines Flusses weiter laufen lassen sollte. Für mich war der Name nur fremd und bewegte nichts in mir. Dennoch ließ ich es zu, dass sie mich so nennen, denn einen Namen musste ich doch haben und da war dieser fürs Erste genauso gut, wie jeder andere.

Schweigend folgte ich der Schwester zum Auto. Sie war wohl noch in der Ausbildung und hieß Fea oder so ähnlich. Irgendwie schien es immer eine Schwester oder ein Pfleger noch in der Ausbildung zu sein (der oder die mich betreuten?). Wahrscheinlich wollten sie keine volle Arbeitskraft einsetzten, um meinen Eigentümlichkeiten nach zu geben und Auszubildende brauchten immer eine Beschäftigung.

Schweigend fuhren wir durch die Nacht, als sie plötzlich das Schweigen brach und neugierig fragte: “Und etwas Neues herausgefunden?”. Meine einzige Erwiderung war ein kaum merkbares Kopfschütteln, worauf sie mich fragte warum ich es dann nicht endlich aufgebe (Dieser Satz ist noch in der Vergangenheit, danach geht es im Präsens weiter. Wenn du in einer Zeit bleibst liest es sich besser!). Als Antwort zucke ich nur leicht mit den Schultern und sage, dass es wahrscheinlich daran liegt, dass es das Einzige sei, was man mich tun lässt. Mit einem verständnisvollen Lächeln erwidert sie, dass sich dass ab Morgen ja ändern würde. Die Schwestern auf der Station dachten, mehr Informationen über die Person, der das Grab gehörte, würden mir helfen mich zu erinnern. Sie hatten auf ihrer Suche die Familie der Person gefunden. “Vielleicht solltest du dort mit der Suche nach deiner Vergangenheit beginnen.”, meinte sie abschließend.

Ja, vielleicht sollte ich wirklich dort beginnen, aber Eins nach dem Anderen. Zunächst die Entlassung aus dem Krankenhaus, dann konnte ich meine weiteren Schritte planen. Ich bedankte mich für die Hilfe, dann schwieg ich wieder, wir erreichten das Krankenhaus und ich ging auf mein Zimmer. Dort blieb ich den Rest des Tages ohne Kontakt mit jemandem, mit Ausnahme der Schwester, die mir das Abendessen bracht