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Der Wind trug das leise, wispernde Geräusch der Pilze mit sich. Es war ein tiefes, organisches Raunen, das in den Knochen saß und von der unaufhaltsamen Macht der neuen Welt kündete. Aris stand am Rande der Quarantänezone, die die menschliche Siedlung wie eine rostige Narbe vom Rest des Planeten trennte. Vor ihnen lag der Purpurne Schleier – eine lebendige Wand aus Myzelfäden, die sich bis in den trüben Himmel erstreckte und in Dutzenden von Violett-, Magenta- und Rottönen glühte. Winzige, leuchtende Sporen tanzten darin wie ein verzauberter Nebel.
"Das ist Wahnsinn, Aris", sagte Finn, seine Stimme war rau, aber leise. Er zog seinen Atemfilter fester über Mund und Nase. Finns Schutzanzug war mit Sensoren und einem winzigen Kommunikator ausgestattet, der beständig die Sporenbelastung maß. "Kein Mensch ist seit dem Kollaps lebend aus der alten Sektor-Null-Zone zurückgekehrt. Du hast gehört, was die Rückkehrer über die 'Wächter' erzählt haben."
Aris spürte das vertraute Ziehen im Brustkorb. Lyna. Die Wächter waren die Wirte, die von den Pilzen assimiliert worden waren. Ihre Augen, einst voller Leben, leuchteten nun mit einem unheimlichen, phosphoreszierenden Glanz. Aris' jüngere Schwester war einer von ihnen.
"Ich muss es tun, Finn", erwiderte Aris, die Augen fest auf den Purpurnen Schleier gerichtet. Aris' eigener Anzug war einfacher, aus atmungsaktiven Naturfasern, die mit einem selbstgemachten Pilz-Enzym-Spray behandelt waren. Es war eine riskante Methode, die auf Aris' einzigartiger Resistenz basierte. "Die Datenkapsel in dem alten Forschungskomplex... sie könnte die Antwort haben. Nicht nur für uns. Für alle."
Finn schüttelte den Kopf. "Es gibt keine Antworten mehr, Aris. Nur Überleben. Die Mauern sind unsere Antwort. Ich kann die Kommunikation der Gemeinschaft nicht verlassen, nur weil du einer vergrabenen Legende nachjagst, die uns alle töten wird." Finn hatte seine Funkstation zurück in der Siedlung gelassen, um Aris zu begleiten – ein Zeichen seiner tiefen Loyalität.
"Lyna ist da drin", sagte Aris leise. Der Name hing wie ein schwerer Stein in der Luft. "Ich habe sie gesehen, als ich letztes Mal die alten Lager geplündert habe. Sie... sie ist ein Wächter. Das Myzel hat sie nicht getötet, es hat sie verwandelt."
Finn erstarrte. Er wusste, dass Aris' Schwesternliebe eine Wunde war, die niemals heilen würde. "Wenn sie ein Wächter ist, Aris, dann ist sie kein Mensch mehr. Sie ist eine Gefahr. Das weißt du."
"Ich weiß, dass ich sie verstehen muss", erwiderte Aris. "Und wenn die Datenkapsel die Ursache der Plage erklärt, dann kann ich vielleicht... Vielleicht kann ich einen Weg finden, sie zu befreien. Oder zumindest ihren Körper ehren, wenn es keinen Weg zurück gibt."
Finn seufzte. Er wusste, dass er Aris nicht aufhalten konnte. "In Ordnung", sagte er und griff nach dem großen Rucksack, der mit Seilen, Essen und einem Geigerzähler gefüllt war. "Aber wir gehen meinen Weg. Keine Umwege, kein unnötiges Risiko. Wir finden diese Kapsel und verschwinden. Wenn wir Lyna begegnen,..." Er brach ab, unfähig, den Satz zu beenden.
Aris legte Finn eine Hand auf die Schulter. "Danke, Finn."
Mit diesem stummen Versprechen trat Aris an den Rand des Purpurnen Schleiers. Die Pilzfäden schienen zu pulsieren, wie ein atmender Organismus. Aris zog den Kapuze enger und sprühte das Enzym-Spray auf den Anzug. Ein leichter, erdiger Geruch füllte die Luft.
"Bereit?", fragte Finn, seine Hand fest am Griff seines Macheten-Messers.
Aris nickte. Mit einem letzten Blick zurück auf die Sicherheit der fernen Siedlung, die kaum noch als Punkt am Horizont zu erkennen war, schritt Aris in den Purpurnen Schleier. Die leuchtenden Sporen umhüllten sie sofort, und das wispernde Raunen der Pilzwelt schluckte sie ganz.