FOKUS DER ZEIT

All Rights Reserved ©

Summary

Die Fotografin Avril lebt für den flüchtigen Moment – bis sie in Berlin auf den geheimnisvollen Kian trifft. Er sammelt kaputte Dinge und scheint selbst ein dunkles Geheimnis zu hüten. Was als leidenschaftlicher Rausch beginnt, wird schnell zu einem dramatischen Wettlauf gegen die Zeit. Denn Kians Herz schlägt nicht mehr lange, und nur die Wahrheit über seine Vergangenheit kann ihn jetzt noch retten. Eine Geschichte über die Schönheit der Unvollkommenheit und die Frage: Wie weit gehst du für eine Liebe, die vielleicht kein Morgen hat?

Status
Complete
Chapters
18
Rating
5.0 1 review
Age Rating
16+

Der Fokus

Der Geruch von nassem Asphalt nach einem Sommergewitter hing wie eine schwere Decke über Berlin-Mitte.

Ich hatte meine Kamera, eine alte Nikon F4, so fest umklammert, als wäre sie ein Rettungsanker. Mein Blick war starr auf die Glasfassade eines Eckcafés gerichtet. Ich wartete. Nicht auf den perfekten Sonnenstrahl, nicht auf einen bestimmten Menschen, sondern auf den perfekten Moment – den Bruchteil einer Sekunde, in dem Chaos zu Harmonie wird.

In diesem Fall war es eine ältere Frau mit einem leuchtend roten Regenschirm, die auf den Bordstein trat, während ein gelber Taxi vorbeifuhr. Rot gegen Gelb gegen das triste Grau der Stadt.

Ich hob die Kamera, schob den Sucher gegen die Augenhöhle und atmete langsam aus. Meine Welt schrumpfte auf den kleinen rechteckigen Rahmen. In diesem Kasten gab es keine Unsicherheit, keinen Schmerz, nur die Mathematik von Licht und Schatten.

Klick.

Der Auslöser war betätigt, der Moment für immer eingefangen, perfekt in seiner Flüchtigkeit.

Ich senkte die Kamera, fühlte die vertraute Welle der Zufriedenheit, die nur eine gute Aufnahme mit sich brachte, und hob den Kopf.

Gerade in dem Augenblick, als ich meine Seele wieder in die reale Welt zurückholte, stand er dort.

Er war kein Teil des Moments, den ich gerade fotografiert hatte. Er war das, was nach dem Moment kam und meine gesamte Komplexität zerstörte.

Er lehnte lässig an einem Laternenpfahl, die Hände tief in den Taschen einer abgewetzten Jeans vergraben. Sein dunkelbraunes Haar war unordentlich und vom Regen leicht gewellt. Aber es war sein Blick, der meinen Brustkorb auf die Größe meiner Linse schrumpfen ließ.

Er hatte Augen in der Farbe von geschmolzenem Bernstein, warm und unglaublich wach, die mich mit einer Intensität anstarrten, die weder aufdringlich noch beurteilend war – nur interessiert.

Ich, die ich in meinem Beruf gelernt hatte, selbst die aufdringlichsten Blicke der Passanten zu ignorieren, fühlte mich ertappt. Wie hatte er es geschafft, mich so zu fixieren, ohne dass ich es bemerkt hatte?

Ich zog meine Schultern hoch und machte einen ungelenken Schritt zur Seite, um mich auf den Weg zu machen.

„Gefangen“, sagte er.

Seine Stimme war tief, aber mit einer leicht rauen Textur, die sofort Bilder von knisterndem Vinyl oder von Steinen, die an einem Sandstrand rollten, hervorrief.

Ich blickte ihn an. Ich hasste es, angesprochen zu werden, wenn ich arbeitete. Meine Antwort war dementsprechend kurz und kühl. „Entschuldigung?“

„Der Moment“, sagte er, richtete sich vom Pfahl auf und machte einen Schritt in meine Richtung. Er bewegte sich mit einer unnötigen, aber faszinierenden Langsamkeit. „Sie haben ihn gerade gefangen. Aber ich frage mich, ob Sie nicht auch ein bisschen von ihm gefangen wurden.“

Ich spürte eine unerklärliche Hitze in meinem Nacken. „Ich bin Fotografin. Ich fange Motive ein. Ich lasse mich nicht ablenken.“

Er lächelte. Das Lächeln breitete sich langsam aus, hob die Mundwinkel und ließ die kleinen Fältchen um seine Augen hervortreten, die so viel lebendiger aussahen als alles, was ich in den letzten Wochen fotografiert hatte. Es war ein entwaffnendes Lächeln, das sofort die Distanz zwischen uns verkürzte, die ich mühsam aufgebaut hatte.

„Kian“, sagte er und streckte eine Hand aus. Die Hand war groß und trug einen einzelnen silbernen Ring am Ringfinger.

Ich zögerte. Ich war die Frau, die immer in Bewegung war, die Frau, die Beziehungen auf Flughäfen beendete. Das war kein Teil meines Drehbuchs.

„Avril“, murmelte ich schließlich und nahm seine Hand.

Seine Berührung war warm, fest, zu lange. Es war die Art von Berührung, die eine Spur auf meiner Haut hinterließ und meine Konzentration vollständig durchbrach.

„Avril“, wiederholte Kian, als würde er den Namen testen. „Wie der Frühling. Passend. Ich habe das Gefühl, Sie sind die einzige Farbe, die diese Gasse heute gesehen hat.“

Ich zog die Hand schnell zurück, mein Herz hämmerte nun in einem unvernünftigen, schnellen Rhythmus, der nicht zu dem melancholischen Tag passte.

„Ich muss gehen“, sagte ich, zu schnell. „Ich habe einen Termin.“

Kian nickte, aber er wich keinem Millimeter zurück. Seine Augen behielten diesen hypnotischen, forschenden Blick bei.

„Gut“, sagte er. „Aber lassen Sie uns eine Regel aufstellen, bevor Sie verschwinden, Avril. Ich mag keine unvollendeten Geschichten.“

Ich runzelte die Stirn. „Regel?“

„Ja“, sagte er, das Lächeln nun subtiler, aber noch tiefer. „Wenn wir uns das nächste Mal treffen – und ich garantiere Ihnen, wir werden uns treffen – müssen Sie mir erzählen, was Sie hinter der Linse sehen. Und ich werde Ihnen erzählen, warum ich mich nicht von diesem verdammten Laternenpfahl wegbewegen konnte.“

Er machte eine vage Geste auf seine Umgebung, als wäre die ganze Stadt ein Requisit in unserem persönlichen Drama.

Ich spürte, dass ich dies sofort beenden musste, dass ich diesen Mann aus meinem perfekten, vorsichtigen Rahmen entfernen musste, bevor er alles durcheinanderbrachte. Aber ein Teil von mir, ein verräterischer, schwelender Teil, wollte sehen, was passieren würde, wenn ich es nicht tat.

Ich nickte knapp. „In Ordnung, Kian. Bis dahin. Die unvollendete Geschichte.“

Ich drehte mich um, schob mich durch die Menschenmenge und zwang mich, nicht zurückzublicken, auch wenn ich seinen Blick wie eine physische Last auf meinem Rücken spürte.

Ich wusste nur eines: Ich hatte in Berlin nur wenige Tage zu tun. Ich würde schnell fertig sein, würde meine Arbeit in eine andere Stadt verlegen, und dieser Kian, dieser rätselhafte Mann mit den Augen in der Farbe von Herbstlaub, würde eine weitere flüchtige, unscharfe Erinnerung sein, die ich nicht fotografiert hatte.

Ich lag falsch.