Prolog
Es begann mit einem Riss.
Nicht laut, nicht sichtbar. Ein leiser Schnitt durch die Welt, so dünn wie ein Haar, so scharf wie eine Klinge, die nur das Schicksal selbst führen konnte. Niemand sonst hörte ihn. Niemand sah, wie das Licht am Rand des Risses zuckte. Nur sie.
Alice stand mitten im Wald, die Hände kalt, das Herz unruhig. Der Tag war eigentlich hell gewesen, doch als der Riss erschien, kippte das Licht. Die Farben wurden dunkler, der Wind verlor seine Richtung und der Boden vibrierte, als würde etwas darunter lebendig werden.
Sie wollte zurückgehen. Sie wollte laufen. Aber Neugier und Angst hielten sie fest. Zwei Gefühle, die sich wie ein Griff um ihre Brust legten.
Der Riss öffnete sich weiter, still und gierig. Ein rotes Licht glitt aus ihm heraus wie Rauch, der wusste, wohin er wollte. Es schlang sich um ihre Knöchel, wärmte ihre Haut, lockte sie näher.
Alice hätte schreien sollen.
Sie tat es nicht.
Ihre Schritte bewegten sich, als gehörten sie nicht ihr. Die Luft schmeckte metallisch und süß zugleich. Ein Gefühl stieg in ihr auf, vertraut und fremd. Etwas fehlte. Etwas, das sie nicht benennen konnte. Eine Lücke, die zu früh in ihrem Leben entstanden war. „Komm“, flüsterte eine Stimme aus dem Licht.
Vielleicht hatte sie es sich eingebildet. Vielleicht auch nicht. Es spielte keine Rolle.
Denn der Riss öffnete sich endgültig.
Ein Atemzug.
Ein Herzschlag. Ein Sturz.
Alice fiel. Nicht wie ein Mensch im freien Fall. Es war ein Gleiten durch Schichten von Farben, die sich wanden wie lebendige Schatten. Schwarze, rote, goldene Fäden zogen an ihr vorbei, und irgendwo tief in der Dunkelheit hörte sie ein Lachen.
Nicht fröhlich.
Nicht freundlich.
Ein Wahnsinn, den sie kannte, bevor sie ihn kannte.
Als sie den Boden berührte, war die Welt anders. Schärfer. Weicher. Falscher und zugleich echter als alles zuvor.
Bäume ragten wie verdrehte Finger in den Himmel. Der Himmel selbst pulsierte. Ihr Herz hämmerte wie eine Warnung.
Und dann hörte sie Schritte.
Nicht menschlich. Nicht tierisch. Leicht, gehetzt, und doch zu genau, um Zufall zu sein.
Ein Kaninchen. Schwarzhaarig. Mit einer Uhr, die tickte, obwohl die Zeiger rückwärts liefen.
Es sah sie an.
Und in diesem Blick lag kein Schreck, keine Überraschung.
Nur Wissen.
„Du bist zu früh“, sagte es.
Alice wollte fragen, was das bedeutete, aber der Wald vibrierte erneut, und der Riss hinter ihr schloss sich wie ein Mund, der endlich genährt worden war.
Nun gab es keinen Weg zurück.
Nur einen Weg nach vorn.
Und im Schatten zwischen den Bäumen bewegte sich jemand. Ein Mann. Ein Hut. Augen wie gesplitterte Spiegel. Ein Lächeln, das sie gleichzeitig fesselte und warnte.
Alice war gefallen.
Er hatte gewartet.
Und das Wunderland hatte endlich seinen Herzträgerkind.